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RI VI Rudolf I. - Heinrich VII. (1273-1313) - RI VI,4,1

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Graf Heinrich [VII.] von Luxemburg (Henry, cuens de Luxembourg) signiert und besiegelt den Brief einer Ständeversammlung, mit dem Frankreichs Adel die Kardinäle gegen [Papst Bo­nifaz VIII.] aufruft und sich voll hinter seinen König Philipp [IV., den Schönen] in dessen Aus­einandersetzung mit [Bonifaz VIII.] stellt, u.a. auch zugunsten eines Kreuzzugs.

Originaldatierung:
donné à Paris le X. jour d'Avril l'an de grace MOCCCOIIO

Überlieferung/Literatur

Ständeschreiben an die Kardinäle ed. bei *Picot, Documents relatifs aux états généraux (1901) S.12-18 Nr.6, hier S.16. – Regesten: Wauters, Table chronologique 8 (1892) S.34; Wampach, UQB 6 (1949) Nr.871 mit Ver­weis auf weitere Drucke.

Kommentar

Unter 32 Unterzeichnern, die mit dem Königssohn Ludwig [»le Hutin«] und mit [des Königs Halbbruder Ludwig als] Grafen von Évreux beginnen, steht der Luxemburger nach Johann von Hennegau und Holland und vor Graf Wido [IV.] von Saint-Pol an 8. Stelle; Frankreichs Grafen reichen noch bis Nr.23 einschließlich. Diese Positionen vermindern sich um eine Einheit, sollte Favier, Philippe le Bel (1978) S.353 gegen Picot a.a.O. S.16, aber mit der älteren Forschung einschließlich Wam­pachs a.a.O. die Spitze der Unterzeichner zu Recht nur auf »Louis d'Évreux« und nicht auf Sohn und Halbbruder Philipps IV. gedeutet haben. Johann II. von Avesnes übrigens wird als »I.« vom Hennegau und »II.« von Holland gezählt; vgl. Strub­be/Voet (1960) S.366 u. 370 mit Michel Margue, Luxemburg und Avesnes (...2003) S.189, 191, 199 und 206 [Ge­nea­lo­gi­sche Taf.]. Die Selbstzuordnung zu Briefbeginn zielt auf das Königreich Frankreich: li duc, li comte, li baron et li noble tuit du royaume de France; Picot a.a.O. S.12 – übrigens Heinrichs VII. einziges Vorkommen in dieser Quellensammlung. An­son­sten sind an diesem »erweiterten Staatsrat«, der in der Kathedrale Notre-Dame zu Paris »in Gegenwart des Königs zu­sam­men[trat]«, erstmals auch Städtevertreter beteiligt gewesen, womit »die Einrichtung der Generalstände« begründet wurde; Ro­bert Holtzmann,Wilhelm von Nogaret (1898) S.42f. bzw. Ehlers,Kapetinger (2000) S.208.

An der Pariser Ständeversammlung, die unter dem 12. März 1302 Häresieverdacht gegen Bonifatius VIII. geäußert hatte, scheint Graf Heinrich VII. noch nicht teilgenommen zu haben. Zudem scheint des Luxemburgers Frankreich-Bindung nicht zur Beteiligung an den damals aufbrechenden kriegerischen Auseinandersetzungen in Flandern geführt zu haben, die seit der Ver­treibung der französischen Besatzung aus Brügge an dem zeitgenössisch so genannten Goede Vrijdag vom 18. Mai 1302 ihrem Höhepunkt zusteuerten; vgl. Marc Ryckaert, Mette von Brügge (in: Lex. des MA. 2 IV, 1982) Sp.748. Zu denken ist vor allem an die berüchtigte Goldsporen-Schlacht vom 11. Juli 1302 bei Kortrijk (frz. Courtrai), zumal Johann von Viktring im Königswahlbericht zu 1308 mitteilt, der tüchtige und erfahrene Kriegsmann Graf Heinrich von Luxemburg habe sich in der Schlacht (oder im Krieg) gegen die Flamen besonders ausgezeichnet: [...] bonus et strennuus miles fuerit et experienciam huius exercicii multis in locis reliquerit et precipue in prelio Flandrensium [...]; Liber certarum historiarum IV 4 Rec.A, ed. von Fedor Schneider,Bd.2 (1910) S.9, auf die schwere französische Niederlage zu Kortrijk gedeutet vom Editor z.St. und bei Kaemmerer, Aachener Königs-Krönungen (1961) S.63. Ein weiteres Zeugnis hierfür oder gar mit größerer Präzision scheint es nicht zu geben; vgl. Wampach, UQB 6 (1949) S.17*f. und 21*. Deshalb gewinnt Johann von Viktrings spätere Selbst­korrektur Gewicht: Er nahm die ganze Passage aus der Wahlschilderung heraus; Liber certarum historiarum IV 1 der Rec.B, D und A2 (a.a.O) S.33. – Die Goldsporenschlacht und die blutige Brügger Mette in den frühen Morgenstunden des 18. Mai hat erst zu 1303 gezogen Böhmer, Regesten 1246-1313 (1844) Reichssachen Nrn.256 bzw. 255. – Schließlich scheint Heinrich VII. auch für jene Staatsrats-Versammlung von Mitte März des Jahres 1303 nicht nachgewiesen zu sein, auf der die königlich-französische Partei die Häresie-Anklage gegen den Papst zu dessen Deklarierung als perfectus haereticus mit automatischem Amtsverlust steigerte sowie an ein Generalkonzil und an einen neuen Papst appellierte; ergänze Elisabeth Lalou, Philipp IV. der Schöne (in: Lex. des MA. 6, 1993) Sp.2062 durch Hans Wolter, Bonifatius VIII. (in: TRE 7, 1981) S.67 sowie immer noch Holtzmanna.a.O. S.48-54. J.

 

Verbesserungen und Zusätze:

Neben der zeitweisen Ausrichtung auf den Pariser Königshof verdient Beachtung, daß sich »der ansehnliche Mann Graf Heinrich von Luxemburg« als Getreuer Römerkönig Albrechts I. (spectabilis vir Heinricus, comes de Lutzellenburch, fidelis noster dilectus) unter dem 21. November 1298 im Rahmen eines Nürnberger Reichshoftags das Recht hatte verleihen lassen, alljährlich zu Luxemburg eine Handelsmesse abzuhalten, die von Christi Himmelfahrt an sechs Wochen dauern durfte; BÖHMER, Regesten Albrechts I. (...1844) Nr.82, gedruckt nunmehr auch bei WAMPACH, UQB 6 (1949) S.198f. Nr.735 mit Photo ebd. zwischen den S.200/201 als Taf.VI. Entsprechend hat Heinrich VII. als Graf von Luxemburg und Laroche sowie Markgraf von Arel (französisch »Arlon«) in § 5 seines Bürgerschafts- und Bündnisvertrags mit der Stadt Trier allein den König von Deutschland bedingungslos als Kriegsgegner ausgenommen: [...] fors ke encontre le roi d’Allemagne [...]; WAMPACH, UQB 6 S.337-341 Nr.869 von 1302 IV 2 mit nous Henris, cuens de Luccemburch et de la Roche et marchis de Arlons, et nous, li maistres eschevins et li eschevin, li concel, li iustice et toute li communetei de la citei de Trieues, für diesen Ortsnamen nach dem Photo ebd. zwischen S.200/201 Taf.V. – Heinrichs VII. Luxemburger Messegründungsplan werten als gescheitert Michel MARGUE/Michel PAULY in: Schueberfouer (1990) S.35-38 und 49, während den Charakter als ersten Messegründungsversuch betonen DIES. ebd. S.49 und Franz IRSIGLER ebd. S.64f. und 66f. sowie PAULY, Marchés annuels (...2001) S.677. Zwar sieht die Forschung in Heinrichs VII. Messeplan angesichts der Befristung der erfolgreichen Schobermesse von Heinrichs Sohn Johann seit der Bartholomäus-Vigil 1341, dem Vorabend von Heinrichs Todestag, auf bloße acht Tage (huit iours continuez touz entiers) eine unbezweifelbare Überdimensionierung; Schueberfouer (1990) Farbphoto 7 Z.4 zwischen S.40/41 und dazu Franz IRSIGLER ebd. S.65. Doch es sind nicht nur sechs Wochen, sondern gar rund zwei Monate, die für die Zeit um 1300 und innerhalb des sechsteiligen Messejahrs als Dauer an jedem der vier Messeplätze in der Champagne veranschlagt

werden, und der Wandel der Champagnemessen von Waren- zu schwerpunktmäßigen Finanzmessen schon seit Mitte des 13. Jh.s mochte einen langen »Warenjahrmarkt« (nundinae publicae) in Luxemburg aussichtsreich erscheinen lassen – ganz abgesehen von wechselnden Hypothesen zum Niedergang der Champagnemessen schon um 1300 oder erst um 1320; vgl. Michel BUR in: Lex. des MA. 2 (1983) Sp.1687f. [Spätdatierung] mit Jan A. VAN HOUTTE ebd. 6 III (1992) Sp.559 [um 1300], jeweils mit Schrifttumsnachweisen.

Nachträge

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Empfohlene Zitierweise

RI VI,4,1 n. i#, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1302-04-10_1_0_6_4_1_9_i
(Abgerufen am 24.05.2019).