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RI IV Lothar III. und ältere Staufer (1125-1197) - RI IV,4,4,5

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Cölestin III. schreibt dem Prior und Kapitel von Huntingdon (priori et capitulo de Huntend.) (D. Lincoln) aufgrund der Anfrage ihres am Apostolischen Stuhl verstorbenen Kanonikers Alanus (bone memorie Alanus quondam canonicus vester) hinsichtlich des folgenden Falls: (Teil a) ein Urteil wurde von delegierten Richtern aufgrund offensichtlich gefälschter Urkunden gefällt, worauf die unterlegene Partei innerhalb von zehn Tagen Appellation eingelegt habe; dennoch hätten die Delegaten die Durchführung ihres Urteils befohlen, worauf erneut an den Apostolischen Stuhl appelliert worden sei und die Rücknahme des Urteils impetriert wurde; die Gegenpartei habe jedoch angeführt, daß in der (päpstlichen?) Bestätigung des Urteils keine Appellation erwähnt worden sei; auf die Frage, ob durch dieses Bestätigungsschreiben ein Präjudiz geschaffen worden sei, antwortet der Papst, daß spätere Schreiben die Rechtskraft früherer aufheben können; (Teil b) davon ausgehend sei in der päpstlichen Audientia die Frage erörtert worden, ob, wenn in späteren Schreiben, die das gefällte Urteil bestätigen, die Klausel ’nicht entgegenstehend anderen Schreiben’ (non obstantibus aliquibus literis) stehe, dann die ersten revoziert werden können; hierauf antwortet der Papst, daß frühere durch spätere Schreiben stets revoziert werden können; so stehe auch in vielen päpstlichen Schreiben die Klausel, daß diese die Wahrheit und Gerechtigkeit nicht präjudizieren dürfen und deshalb frühere Schreiben solange Gültigkeit besitzen, bis festgestellt sei, daß sie auf unbilligen oder falschen Grundlagen beruhen; (Teil c) zum Dritten sei folgender Fall an den Papst herangetragen worden: ein regulierter Kanoniker habe mit dem Siegel des Kapitels eine Urkunde zugunsten eines Freunds gesiegelt, die unbeweglichen Besitz seines Stifts entfremdet haben würde; der Prokurator seiner Gemeinschaft habe, als ihm die Urkunde vorgelegt wurde, festgestellt, daß sie nicht mit Zustimmung des Konvents ausgestellt und das Siegel mißbräuchlich angebracht worden sei; die Zeugenaussagen der Kanoniker hätten ergeben, daß zur Zeit, zu der, wie die gegnerische Partei behauptete, die Urkunde für sie ausgestellt worden sei, die Kanoniker in Wahrheit über die Besitzentfremdung beraten hätten und dabei zu dem einstimmigen Ergebnis gekommen seien, diese nicht vorzunehmen; da die Gegenpartei hiergegen nichts vorbringen habe können, befiehlt der Papst, im Sinne der Zeugenaussagen zu urteilen; (Teil d) viertens sei die Frage gestellt worden, ob eine Zelle von der Unterstellung unter ihr Mutterhaus eximiert werden könne; in diesem Fall hätten die Brüder der Zelle bestätigt, daß sie ihrem Mutterhaus rechtmäßig unterworfen waren; es sei jedoch des-wegen ein Streit entbrannt und durch eine Vereinbarung beigelegt worden, wonach sie dem Mutterhaus einen jährlichen Zins zu leisten haben und von der Unterstellung unter das Mutterhaus gänzlich befreit seien; dagegen habe der Prior des Mutterhauses vorgebracht, es gehe aus der Aussage der Brüder hervor, daß diese dem Mutterhaus unterworfen waren und bereits vor der geschlossenen Vereinbarung sich der Jurisdiktion entzogen hätten und nicht durch die später erfolgte Einigung vom Vergehen des Ungehorsams freigesprochen werden könnten, zumal es nicht erlaubt sei, sich der geistlichen Unter-werfung entgegen dem Gelübde der Profeß zu entziehen; der Papst befiehlt, gegen die Brüder der Zelle zu urteilen, insbesondere, da die Vereinbarung, die dem Papst unklar sei, Simonie zu betreffen scheine; (Teil e) schließlich sei dem Papst die Frage gestellt worden, ob es zulässig sei, daß delegierte Richter, die über Besitz und Eigentum zu entscheiden haben, aus Rücksicht auf die Parteien die Allegationen und Zeugen zu beiden Punkten zulassen und anhören, und dann aufgrund der Zeugnisse zunächst wegen des Besitzes entscheiden; der Papst antwortet, daß dies wie im Zivilrecht zulässig sei.

Originaldatierung:
Dat. Lat. 8 kal. (id.) aug. pont. a. 3.
Incipit:
Bone memorie Alanus quondam canonicus / Ab hac siquidem consultatione quaestio / Tertio quippe loco fuit a / Preterea quarto loco questio talis / Ad ultimum interrogati fuimus si

Überlieferung/Literatur

Überl.: Kopie 12. Jh., Lissabon, Bibl. nac., Codices de Alcobaça 173 (304) fol. 119; Kopie 13. Jh., London, Brit. Lib., Egerton 2819 fol. 102-102' (Collectio Cheltenhamensis).

Drucke: Comp. 2 lib. 1 tit. 16 c. 5 (ed. Friedberg S. 71, Teil d); Comp. 2 lib. 2 tit. 6 c. 1 (ed. Friedberg S. 72, Teil e); Comp. 2 lib. 2 tit. 10 c. 3 (ed. Friedberg S. 73 (Teil c); Comp. 2 lib. 2 tit. 21 c. 1 (ed. Friedberg S. 79, Teile a-b); Decr. Greg. lib. 1 tit. 36 c. 10 (ed. Friedberg Sp. 209, Teil d); Decr. Greg. lib. 2 tit. 12 c. 2 (ed. Friedberg Sp. 276, Teil e); Decr. Greg. lib. 2 tit. 19 c. 5 (ed. Friedberg Sp. 209) (Teil c); Decr. Greg. lib. 2 tit. 30 c. 3 (ed. Friedberg Sp. 209, Teile a-b); Migne, PL 206 Sp. 1025 Nr. 148 (Teil b) und Sp. 1259-1260 Nr. 65 und Nr. 66 (Teil d und e).

Reg.: JL 16628 (J 10260) (zu Clemens III., 1187–1191) (Teil c); JL 17055 (J 10448) (zu 1193) (Teile a-b); JL 17675 (J 10740, J 10742) (zu 1191–1198) (Teile d-e).

Kommentar

Zur Überlieferung in Lissabon vgl. Erdmann, PUU Portugal S. 121, zur Überlieferung als Dekretale vgl. Hampe, Reise nach England S. 400, Singer, Beiträge S. 239 (Teil e), S. 259 (Teile a-c) und S. 308 (Teil d), Heckel, Dekretalensammlungen S. 188 (Teil d), S. 190 (Teil e), S. 192 (Teil c) und S. 196 (Teile a und b), Holtzmann, Sammlung Tanner S. 143 (Teil a-e), Holtzmann, Collectio Seguntina S. 448 Nr. 108 (Teile a-e), Duggan, Trinity Collection S. 508 Anm. 9 (Teil c), Vetulani, Collectio Cracoviensis S. 62 Nr. 27 (Teile a und b) und S. 68-69 Nr. 78 (Teile a-e), Duggan, Twelfth-century Decretal Collections S. 103 Anm. 1 (Teile a-d), S. 107 Anm. 3 (Teile a-d) und S. 139 Anm. 1 (Teile a-d), Cheney/Cheney, Studies S. 190 (Teile a-e), S. 191 (Teil d), S. 195 (Teile e und c), S. 216 (Teile a-c und Teil e), S. 230 (Teile a-e), S. 239 (Teile a-e), S. 263 (Teil b), S. 275 (Teile a-d), S. 280 (Teil e), S. 281 (Teil a-c), S. 285 (Teile a und b), S. 287 (Teil e und d), S. 288 (Teil c) sowie S. 295 (Teil c) und Drossbach, Collectio Cheltenhamensis S. 256-257 Nr. 19.38. – Die Dekretale ist in der Sammlung Walther Holtzmanns als WH 103 (KI 116) verzeichnet. Eine Datierung findet sich in der Collectio Remensis (Dat. Lat.), der Sammlung Tanner und der Collectio Seguntina (Dat. Lat. 8 id. aug. pont. a. 3) und abweichend in der Lincoln Collection (Dat. Lat. 8 kal. aug. pont. a. 3). Zum Verbot der in Teil (d) erwähnten transactio vgl. Murauer, Zwei Formen S. 44.

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Empfohlene Zitierweise

RI IV,4,4,5 n. 888, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/e06c44b9-0e13-4af6-9126-92750c8aa095
(Abgerufen am 26.09.2018).