Regestendatenbank - 176.134 Regesten im Volltext

RI IV Lothar III. und ältere Staufer (1125-1197) - RI IV,1,2

Sie sehen den Datensatz 559 von insgesamt 793.

(Abt) Wibald (von Stablo und Corvey) teilt König Heinrich (VI.) mit, daß er nach der Abreise aus Reims wegen allerlei Zwistigkeiten in Stablo geblieben sei und in fast allen umliegenden Orten Streitigkeiten beigelegt habe, jedoch hoffe, bald nach Corvey ziehen zu können. Er berichtet dem König folgenden Rechtsstreit zwischen Stabloer Ministerialen, bei denen der Rechtsgrundsatz gilt, daß in Ermangelung männlicher Erben auch Töchter bei Lehen des Klosters erbberechtigt sind (In beneficiis Stabulensis monasterii hereditant feminae, ubi masculi non supersunt): Nach dem Tode des Ministerialen Widrich (Widricus noster ministerialis) bemächtigte sich trotz des Vorhandenseins einer Tochter dessen Neffe Kuno des Erbes (des Gutes Neundorf [villa quae dicitur Novavilla]). Nach der Heirat der Tochter erhielt aber deren Ehemann Eberhard den ihr nach Landessitte zustehenden Besitz zu Lehen (secundum morem terrae omne beneficium, quod puellae á patre competebat, á nobis accepit). Kuno vertrieb Eberhard jedoch und behauptete im Gerichtsverfahren vor ihm, Wibald, der Besitz sei Allod und die Hälfte sei seiner Mutter als Mitgift (pro dote matris) überlassen worden, während Eberhard angab, daß der Großvater seiner Frau Neundorf dem Kloster übertragen und von diesem als erbliches Lehen empfangen habe, was er, Wibald, aufgrund von Urkunden auch als zutreffend erkannt habe (per legalia instrumenta secundum indubitati iuris rationem hoc probare parati eramus). Die unter Eid befragten Ministerialen hätten zwar Billigkeit mit Recht und Wahrheit mit einem Gerichtsurteil vermischt, indem sie Eberhard den Beweis zusprachen (Interrogati cum adiuratione debita ministeriales nostri adiudicaverunt, E[verardo] probationem incumbere, qui titulum legalis beneficii suo litigatori opposuerat, miscentes nimirum equitatem cum iure et veritatem cum iudicio). Franko, der Überbringer des Schreibens, habe dann als erster ein Urteil abgegeben (Primus indicenda iudicii sententia fuit Franco, lator presentium …), dem alle übrigen zustimmten. Daraufhin habe Kuno Franko als Lügner und zusammen mit den anderen 21 Urteilern des Falschurteils bezichtigt. Als Kuno an den König appellierte, habe Wibald die Angelegenheit ruhen lassen, er vertraue aber darauf, daß Heinrich entweder die Abweisung der Klage oder die Verurteilung billige und daß der Appellierende bei Nichterscheinen seine gerechte Strafe erhalte. Die Entscheidung bittet Wibald, außer ihm auch Bischof Heinrich von Lüttich, Graf Heinrich von Namur und dem Klostervogt Graf Heinrich von Laroche brieflich mitzuteilen (Nos, audito caesaris nomine et appellantis voce, nullam nobis reputantes factam iniuriam, procedere in actione cessavimus, bene de culmine regiae maiestatis confidentes: quod, si uterque ad vestram curiam venerit, iuxta legalium institutionum normam vel absolutionem vel condempnationem debitam accipiet. Sin autem appellator venire neglexerit, non eum vestra censura inpunitum relinquet, nec de frustratoria provocatione lucrabitur dilationem penae; ut omnes subditi vestri timeant vos, videntes, sapientiam Dei esse in vobis ad faciendum iudicium. Quicquid vero super hoc vestra curia iudicaverit, nobis et domno H[einrico] Leodiensi episcopo et H[einrico] comiti Namucensi et H[einrico] comiti de Rupe, advocato Stabulensi, per litteras vestras significare dignemini).

Überlieferung/Literatur

Archives de l´État à Liège, Abschrift aus der Mitte des 12. Jahrhunderts in Wibalds Briefbuch. Drucke: Epp. Wibaldi Nr. 104 = MGH Nr. 81; Halkin-Roland 1 Nr. 205 (eingereiht vor August 14). Regg.: UB Altluxemburg 1 Nr. 439; Diestelkamp – Rotter 1 Nr. 260.

Kommentar

Zu den rechtlichen und sozialen Verhältnissen der Ministerialen von Stablo siehe Bosl, Reichsministerialität 1 123–125; Linck, Sozialer Wandel 108ff., ferner zum konkreten Rechtsstreit Stephan-Kühn, Wibald 277–283, und Jakobi, Wibald von Stablo 211f., und Jakobi, Ministerialität 339f.

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI IV,1,2 n. 556, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1148-06-00_1_0_4_1_2_558_556
(Abgerufen am 23.03.2017).