Regestendatenbank - 176.134 Regesten im Volltext

RI IV Lothar III. und ältere Staufer (1125-1197) - RI IV,1,2

Sie sehen den Datensatz 449 von insgesamt 793.

Konrad hält einen von Großen aus dem ganzen Reich und auch von Bernhard von Clairvaux besuchten Hoftag (generalem curiam) ab. Nach dem Abschluß eines allgemeinen Landfriedens erreicht Konrad die einhellige Wahl seines Sohnes Heinrich (VI.) zum König und Nachfolger (in regem et sceptri nostri successorem). – Herzog Heinrich von Sachsen erhebt Erbansprüche auf das seinem Vater angeblich unrechtmäßig entzogene Herzogtum Bayern, wird von Konrad aber zum Stillhalten bis zu seiner Rückkehr vom Kreuzzug überredet. – Im Zusammenhang mit der Übertragung der Nonnenklöster Kemnade und Fischbeck an das Kloster Corvey beraten die Fürsten über die Zulässigkeit der Übertragung kleinerer königlicher Kirchen, von denen das Reich keinen Nutzen hat, an größere, die zum Reichsdienst verpflichtet sind. Gemäß einem Urteil Bischof Burchards von Straßburg und dem Rat Bernhards von Clairvaux stimmen die Fürsten (mit Ausnahme Adolfs von Schaumburg, des Vogtes von Fischbeck) solchen Übertragungen zu, worauf Konrad und Heinrich (VI.) als Könige die Schenkung zum zweiten Mal bestätigen und beurkunden. – Auf dem Reichstag anwesende Sachsen lehnen es ab, in den Orient zu ziehen, da in ihrer Nachbarschaft heidnische Völker leben, und beschließen, gegen diese ins Feld zu ziehen. Nach dem Ratschluß Konrads und der anwesenden Fürsten ruft Bernhard von Clairvaux – damit der Zug nach Palästina nicht durch diese Völker behindert werde – dazu auf, das Kreuz zu nehmen und sich gegen diese zu rüsten, um sie völlig zu vernichten oder unwiderruflich zu bekehren (ad delendas penitus, aut certe convertendas nationes illas), wofür er den Teilnehmern dieses Kreuzzuges die gleiche Vergebung der Sünden verheißt wie den nach Jerusalem ziehenden. Für die (neuen) Kreuzfahrer sollen laut Bernhards Aufruf, der auf Beschluß der anwesenden Großen überall schriftlich verbreitet werden soll, die gleichen Vorschriften hinsichtlich Kleidung, Waffen usw. gelten. Unter allen Bedingungen untersagt er, mit den Heiden einen Vertrag gegen Geld oder Tribut einzugehen, bevor nicht mit Gottes Hilfe entweder ihre Religion oder ihr Stamm vernichtet ist (donec, auxiliante Deo, aut ritus ipse, aut natio deleatur). Als Versammlungsort dieses Heeres wird Magdeburg, als Termin das Fest Peter und Paul (29. Juni) festgelegt.

Überlieferung/Literatur

Brief Konrads an Papst Eugen III. DKo. III. 184; Urkunde Konrads für Treviglio von 1147 März 23, DKo.III. 178 (Reg. 449); Otto von Freising, Gesta Friderici I 45, MGH SSrerGerm 46 63f. (At Conradus Romanorum rex principes convocans in oppido orientalis Franciae Franconefurde … generalem curiam celebrat. Ibique filio suo Heinrico adhuc puero per electionem principum rege constituto … Ad predictam curiam Heinricus Heinrici, … Noricorum ducis filius, qui iam adoleverat, venit, ducatum Noricum, quem patri suo non iuste abiudicatum asserebat, iure hereditario reposcens. Quem princeps multa prudentia et ingenio inductum usque ad reditum suum suspendens quiete expectare persuasit); Chron. Reinhardsbrunnensis, MGH SS 30 535; Hist. monasterii Corbeiensis 82 (… abbas … agit se in principum consistorio, quando et denuo ecclesiarum illarum iam aliquociens prelibatarum facta est huic ecclesię tradicio aut etiam confirmatio. … Utrisque igitur in hac tradicione vel confirmatione assentientibus presulibus abbatibus principalibus nec non et cunctis presentibus proceribus in his applaudentibus, rata sancitur, sic tamen ordinarie, ut investigaretur publice a domno Burghardo, presule civitatis Argentine censurę iudiciarie: si possent dari legitime cellule regales regali et maiori ecclesie, de qua et regnum sumeret non nulla obsequia, cum et de minoribus preter nominis solam gloriam nulla provenirent regno profutura. Assentientibus ergo universis assistentibus primoribus domno Burghardo episcopo id iudicante domnoque Bernhardo Clarevallensi abbate id nihilominus suadente …); Helmold von Bosau, Cron. Slavorum I c. 59, MGH SSrerGerm 32 114; Epp. Bernardi Nr. 457.

Kommentar

Die Erhebung Heinrichs (VI.) steht in der Tradition der Wahl eines Sohnes aus Anlaß des Aufbruchs des Herrschers in ein fernes Land. Solche Wahlen sind vor Italienzügen im 10. und 11. Jahrhundert mehrfach nachzuweisen, und Konrad erreichte die Wahl vor dem Antritt einer Kreuzfahrt, vgl. Giese, Designationen 178. Die Sigeberti Gemblacensis chron. Cont. Gemblacensis, MGH SS 6 389 (Cunradus rex Heinricum filium suum Aquisgrani in regem sublimat, ne post decessum suum regnum absque principe remaneret et aliqua rerum perturbatio moveretur) nennt die Vermeidung von Unruhen nach einem möglichen Tod Konrads auch ausdrücklich als dessen und der Großen Motiv. Hingegen lassen sich wegen der Verschiedenheit und mangelnden terminologischen Genauigkeit der Quellenaussagen weder der Verlauf von Heinrichs Erhebung noch die dabei vollzogenen Rechtsakte (Stimmabgabe oder nur Akklamation oder Huldigung) eindeutig rekonstruieren und damit auch nicht die ihr zugrundeliegenden Rechtsgrundsätze, so daß von der Forschung der Einfluß geblüts- und erbrechtlicher Anschauungen ebenso diskutiert wird wie das Vorliegen einer Designation mit „bindendem Wahlvorschlag“ des Herrschers, vgl. Reuling, Kur 183ff., sowie Schmidt, Königswahl 109–117, die beide die kontroverse ältere Literatur anführen. – Die Bestimmungen des in Frankfurt verkündeten Landfriedens, von dem in Konrads Schreiben an Papst Eugen III. die Rede ist (ordinataque et firmata communi per omnes regni nostri partes solida pace), sind nicht überliefert. – Zum Rechtsstreit um das Herzogtum Bayern siehe Jastrow, Welfenprozesse 269ff.; Jordan, Heinrich der Löwe 36ff.; Boshof, Staufer und Welfen 335ff. Engels, Restitution 321, vertritt die Auffassung, daß die Klage Heinrichs im Vorfeld der Königserhebung Heinrichs (VI.) „als eine Wahlbedingung gedacht“ war. – Feldmann, Welf VI. 22, vermutet, daß Heinrichs Auftreten mit Welf VI., mit dem er sich kurz zuvor getroffen habe, abgesprochen gewesen sei, was von Hechberger, Staufer und Welfen 25f., aber angezweifelt wird. – Zur Angelegenheit der Stifte Kemnade und Fischbeck siehe Reg. 453. – Das Zustandekommen des Entschlusses, einen Kreuzzug gegen die ostelbischen Slawen zu unternehmen, ist aus den spärlichen Quellenzeugnissen nicht eindeutig zu klären. Während Kahl, Wie kam es 286–296, die Auffassung vertritt, daß Bernhard von Clairvaux die sächsischen Großen, die die Teilnahme am Zug ins Heilige Land unter Hinweis auf die Existenz feindlicher heidnischer Völker in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft und die Notwendigkeit der Abwehrbereitschaft gegen diese verweigerten, gedrängt habe, dann eben Kreuzzugsaktivitäten dorthin zu richten, und diese sich seinem moralischen Druck nicht entziehen konnten, nimmt Gaethke, Heinrich der Löwe 72–87, eine Initiative der Sachsen an. Unter den in Frankfurt nicht sehr zahlreich anwesenden sächsischen Großen vermutet Gaethke in erster Linie den Markgrafen Albrecht den Bären als Betreiber einer von machtpolitischen Interessen inspirierten offensiven Politik im Slawenland. Im Obodriten-Feldzug Heinrichs des Löwen erblickt er hingegen wegen des ursprünglich allein vorgesehenen Ausgangspunkts Magdeburg ein erst später konzipiertes Sonderunternehmen. Darüber hinaus zieht Gaethke, Heinrich der Löwe 87, in Erwägung, daß die Weigerung Heinrichs des Löwen, am Kreuzzug in den Orient teilzunehmen, und seine in der Rückforderung Bayerns erkennbare Bereitschaft zur Konfrontation mit dem König es den anderen sächsischen Großen nicht geraten sein ließ, sich in dieser Situation außer Landes zu begeben, und diese daher den Alternativvorschlag vorbrachten, gegen die heidnischen Slawen zu ziehen. – Noch umstrittener als Bernhards Rolle beim Zustandekommen des Wendenkreuzzugs sind einige Aussagen in seinem Kreuzzugsaufruf, Epp. Bernhardi 457, nämlich die Passagen über das Kriegsziel der „Vernichtung oder Bekehrung der Heiden“, wobei festzuhalten ist, daß dieses zwar in der Kreuzzugsbulle Papst Eugens III. fehlt (siehe Reg. 459), sich jedoch in der Aussage der Ann. Magdeburgenses, MGH SS 16 188, wonach das Heer der Christen auszog, ut eos aut christiane religioni subderet, aut deo auxiliante omnino deleret, wiederfindet. Daß Epp. Bernhardi 457 nicht so sehr eigenes Gedankengut Bernhards enthalte, sondern einfach die am Reichstag gefaßten Beschlüsse wiedergebe, wurde nur von Grill, Bernhard von Clairvaux 182 vertreten. Bernhards Aussagen zu entschärfen hat in einer Reihe von Arbeiten auch Lotter, Konzeption 38, 69 und passim, und zuletzt Lotter, Crusading idea 291f., versucht: Die Formulierung ad delendas penitus, aut certe convertendas nationes illas interpretiert Lotter nicht als die – theologisch und kirchenrechtlich unhaltbare – Alternative „Taufe oder Tod“ für die einzelnen Individuen, sondern meint, daß mit der Vernichtung der natio nur die Zerstörung der Stammesgemeinschaft, also der politischen Organisation und der Traditionen der heidnischen Stämme gemeint sei; auch Lotters These hat kaum Zustimmung erhalten, vgl. die Auflistung von diversen Stellungnahmen bei Kahl, Bereinigung 84f. Anm. 111, und Dinzelbacher, Bernhard von Clairvaux 302. Ob Bernhard als Verfechter einer gewaltsamen Missionierung zu sehen ist, wie dies in der älteren Literatur und auch noch bei Leclercq, L´attitude 212, geschieht, wurde angesichts der im Text deutlich stärkeren Betonung der „Vernichtung“ schon von Kahl, Compellere intrare 227ff., angezweifelt. Kahl versuchte in dieser Arbeit Bernhards Forderung damit zu erklären, daß dieser die heidnischen Slawen als im 10. Jahrhundert bereits christianisierte, beim Aufstand des Jahres 983 abgefallene Bevölkerung und den Krieg gegen sie als Rachekrieg gegen Apostaten ansah, deren Tötung erlaubt war. Den meisten Zuspruch hat in der neueren Forschung die (in Abwandlung seiner früheren Auffassung nunmehr auch von Leclercq, Bernhard von Clairvaux 100, vertretene) These gefunden, daß der „Wendenkreuzzug“ in Bernhards Augen ein dem Ziel, die Behinderung des Jerusalemzugs hintanzuhalten, untergeordnetes, primär als militärische Operation konzipiertes Unternehmen war, in dem die Annahme des christlichen Glaubens nur eine – für Bernhard keineswegs im Vordergrund stehende – Alternative zur Vernichtung darstellte, siehe u.a. Gastaldelli, Anmerkungen 1219; Zerbi, Milita Christi 290ff; Miethke, Engagement 494f.; Winkler, Kreuzzugsmotivation 57; Meschini, San Bernardo 157f. Eine eigene Deutung hat Kahl Bernhards Aufruf gegeben: Bernhard, der aufgrund seiner (auf sibyllinischen Prophezeiungen beruhenden, vgl. den Kommentar zu Reg. 412) Endzeiterwartungen generell die „weltweite Bereinigung der Heidenfrage“ als Ziel des zweiten Kreuzzugs betrachtete, habe in dieser Extremsituation auch die Nichtbeachtung der bestehenden Normen (wie dem Verbot der Zwangsmission) als erlaubt angesehen, um die bei Matthäus angekündigte Predigt des Evangeliums in der gesamten Welt zu gewährleisten und dem Taufbefehl des auferstandenen Christus nachzukommen (Kahl, Kreuzzugseschatologie 298ff.). Skeptisch aufgenommen wurde Kahls These (allerdings vor dem Erscheinen von dessen letzten Arbeiten) von Miethke, Engagement 487 mit Anm. 20, und Diers, Bernhard von Clairvaux 370f., während Dinzelbacher, Bernhard von Clairvaux 304, sie als Möglichkeit akzeptiert und nur als nicht erweisbar bezeichnet. Daß Bernhards Vorstellungen über die Vorgehensweise gegen die heidnischen Slawen vom sächsischen Klerus überwiegend nicht geteilt wurde, zeigt Kahl, Slawen und Deutsche 225–235.

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI IV,1,2 n. 446, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1147-03-13_1_0_4_1_2_448_446
(Abgerufen am 30.05.2017).