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RI IV Lothar III. und ältere Staufer (1125-1197) - RI IV,1,1

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Lothar macht bekannt, daß er aus der von seinen Vorfahren gestifteten Kirche Königslutter (ecclesiae nostrae in Luttere a proavis nostris fundatae) die dort von Anbeginn angesiedelten Sanktimonialen (sanctimoniales licet ab initio ibi positae) entfernt und anderswohin übergeführt und nach seinem Beschluß, an deren Stelle Mönche zu setzen, den Abt Eberhard berufen habe, stellt diesen und seine Nachfolger von jeglichem Dienst an weltliche Gewalten frei (quem et eius successores tenore praesentium nos ab omni servitute secularium ... eximimus) und begabt mit derselben Freiheit gegenüber ihm und seinen Erben jene Güter, welche die Kirche von der Gründung an zur Zeit der Kanonissen bis jetzt besessen hat sowie jene, welche er danach bei Ansiedlung der Mönche zu deren Unterhalt übertragen hat (praefatae ecclesiae bona, quae a prima fundatione sua possederat sanctimonialibus existentibus adhuc in ipsa et quae nos postmodum ad sustentationem monachorum in ipsorum institutione iam dictae contulimus ecclesiae), 〈und zwar auf der Lüneburger Saline anderthalb Chor Salz, das väterliche Erbe Königslutter mit allem Zubehör nebst den benachbarten Wäldern, die gemeinhin Elm und Brock heißen, mit allem Zubehör, in Schickelsen 24 Hufen, den Hagenhof mit 12 Hufen, dem Zehnten und allem Zubehör, in (Groß)-Santersleben 21 Hufen, in Flöthe 17 Hufen, in †Mehrdorf 12 Hufen, in Barnstorf 12 Hufen, in †(Hohen-) Neinstedt 16 1/2 Hufen, in Ingeleben 12 Hufen, in Börßum 8 Hufen, in Kneitlingen 8 Hufen, die halbe Wolfsburg, die Siedlungen Kästorf, Bergfeld, Bornum, in Watenstedt 5 und in Achim 2 Hufen (in Luneburg super salinam unum chorum salis cum medio, hereditatem nostram paternam Luttere cum omnibus attinentiis nihil exceptis, insuper silvas adiacentes vulgariter dictas Elm et Brock cum omnibus attinentiis consimiliter earundem, in Schickelsem XXIIII mansos, curiam dictam Hagen cum XII mansis decima pascuis viis et inviis et omnibus attinentiis nihil exceptis, in Santersleve XXI mansos, in Vlote XVII mansos, in Merdorp XII mansos, in Bernestorp XII mansos, in Nienstede XVI mansos et dimidium, in Iggeleve XII mansos, in Borsne VIII mansos, in Knetlinge VIII mansos, [dimidiam] Wuluesborg, villam Kestorp, villam Bergfelde, villam Bornum, Watenstede V mansos, Achem II mansos)〉. Die familia des Klosters soll nur dem Abt und den Brüdern dienen. Die Klostervogtei, die Lothar sich und dem jeweiligen Senior seiner Erben vorbehält, soll durch einen lotharischen Ministerialen ohne erbrechtliche Ansprüche (per unum ministerialem nostrum absque hereditario iure) auf Bitte des Abtes (abbate petente) verwaltet werden, wobei der Ministeriale auf Aufforderung des Abtes Gericht halten und weder ein Servitium fordern noch die familia beschweren soll. Dem Abt büßt ein Straffälliger mit sechs und dem Vogt mit drei Schillingen. Bei Körperverletzungen an Angehörigen der klösterlichen familia erhalten der Geschädigte zwei und der Abt ein Drittel der Buße. Wenn ein Klosterhöriger (servus ecclesie) von einem Fremden getötet wird, empfängt der Vogt vom Wergeld ein Viertel (de wergeldo quartam partem recipiat), während dem Abt drei Viertel verbleiben. Kommt es zwischen Angehörigen der familia Lothars und jener des Klosters ohne vorherige Klage zu einem Totschlag, dann wird der Totschläger geschoren, mit Ruten gezüchtigt und demjenigen übergeben, dessen Hörigen er getötet hat. Hat er jedoch aus gerechten Gründen getötet, fällt er ohne die vorgenannte Bestrafung dem Herrn anheim, dessen Hörigen er getötet hat. Wenn eine Angehörige der klösterlichen familia einen von Lothars Hörigen oder Ministerialen heiratet, tritt sie nach Zahlung der Bumede mit ihren Kindern unter die Herrschaft Lothars. Dasselbe gilt umgekehrt bei der Heirat einer Angehörigen der lotharischen familia mit einem Klosterhörigen; ihr Erbe jedoch fällt nach dem Tod an die rechtmäßigen Erben (Volumus ut si qua mulier de familia ecclesiae servo nostro vel ministerialium nostrorum nupserit data iustitia, quae bumeda dicitur, in perpetuum cum marito iuri nostro remaneat. Et e converso idem fiat, si qua de familia nostra ecclesiae servo nupserit; quicquid tamen hereditarii iuris habuerit, ad legitimos heredes eis defunctis transeat). Wer diese den Mönchen verliehenen Rechte verletzt, büßt mit einhundert Pfund Goldes (libris auri), die je zur Hälfte an die Kammer und an die Brüder fallen sollen. Z.: die Bischöfe Thietmar von Verden, Anselm von [Havelberg, Sigward von] Minden (episcopum Thetmarum Verdensem, Anshelmum Mindensem), die Äbte Arnold von Nienburg, Anno von Lüneburg, die Pröpste Hartmann, Snelhard, Ekkehard, Berno; die Laien Ludolf, Bernhard, Dietrich; seine Ministerialen ( ministeriales etiam nostros) Ludolf, Gerhard, Giselbert, Wasmod, Siegfried. - Conradus vice Adelberti archicancellarii recognovi; verfaßt und geschrieben von Ekkehard A = Bertolf. Sicut pro augmentando.

Originaldatierung:
(kal. augusti, Nuenborg)

Überlieferung/Literatur

Verfälschung; Kop.: Niedersächsisches Staatsarchiv Wolfenbüttel, VII B Hs 322, Copialbuch des Stifts Königslutter de a. 1435-1568, um 1570, f. 54r-55r (ohne Eschatokoll) (C). Ebenda, Landschaftliche Bibliothek Nr. 1721, Heinrich Meiboms Chronica des Stiffts Königslutter, um 1620-1625, f. 31r-34r (M). Niedersächsische Landesbibliothek Hannover, Ms XXIII 578, Heinrich Meiboms Chronica des Klosters Königslutter cum excerptis ex libro copiali Regiae Lothariae, um 1612-1620, f. 29v (nur Monogramm und Signum- und Rekognitionszeilen) (H).
Drucke: Iohannis Letzneri Kurtze und bißhero nicht in Druck gegebene Beschreibung Des im Wolffenbüttelschen Herzogthum gelegenen Kayserl. Stifftes Königs-Lutter. Mit noethigen Anmerckungen: Worinnen Letzneri und anderer Scribenten Fehler entdecket ... dediciret dieses Wercklein ... Johann Fabricius ..., Wolffenbüttel 1715 S. 17-23 (ohne Zeugen und Eschatokoll). Ph.J. Rehtmeier, Braunschweig-Lüneburgische Chronica, Braunschweig 1722 S. 297. Polycarpus Leyser, Observata diplomatica-historica de iure Iustinianeo a Lothario imp. in Germaniam minime introducto ..., Helmaestadii 1727 S. 5. Origines Guelficae tom. 2, Hanoverae 1751 S. 524. DLo.III. 74. Reg.: W. v. Hodenberg, Lüneburger Urkundenbuch 7. Archiv des Klosters St. Michaelis zu Lüneburg 1, 1861 S. 119 Nr. 15 a. Heinemann, Cod. dipl. Anhaltinus 1 S. 173 Nr. 225. Stumpf 3310.

Kommentar

Für den Text des Diploms konnten gegenüber der Edition von HIRSCH/ OTTENTHAL die oben angeführten neuen Textzeugen ermittelt werden, vgl. auch K. NASS, Die älteren Urkunden des Klosters Königslutter, in: AfD 36 (1990) S. 132ff. mit Anm. 30, S. 144 Anm. 66, 67. Die sich aus ihnen ergebenden verbesserten Lesarten, vgl. auch NASS, a.a.O. S. 144, wurden im obigen Regest stillschweigend berücksichtigt. Alle Textzeugen sind Abschriften aus einem verlorenen copiale Regiae Lothariae, das nach dem Lautstand der überlieferten Namen frühestens in der zweiten Hälfte des 14. Jh. angelegt worden ist, vgl. NASS, a.a.O. S. 146. Die dortige Textfassung unseres Diploms enthielt bereits die Auslassungen und Verschreibungen in der Zeugenliste, den falschen Namen des Rekognoszenten, an dessen Stelle die Namen des Ekkehard oder des Bertolf zu setzen sind, die Verderbnisse in der Korroboratio sowie die ungeschickt eingefügte, schon von HIRSCH/ OTTENTHAL verdächtigte Besitzliste. Wie NASS, a.a.O. S. 145-155, nachweist, ist das Diplom zweimal interpoliert worden. Das Original könnte überhaupt keine Besitzliste besessen haben. Ihre Einschaltung erfolgte wahrscheinlich um 1235/39 im Streit des Klosters Königslutter mit dem Stift St. Simon und Judas in Goslar um Güter in Barnstorf, vgl. BODE, UB Goslar 1 S. 550 Nr. 586. Die zweite Interpolation entstand 1324 bei der Verfolgung von Ansprüchen auf die Wolfsburg seitens Herzog Ottos des Milden von Braunschweig-Wolfenbüttel; dieser zweite Texteinschub umfaßt außer dem Besitztitel der halben, erst um die Wende zum 14. Jh. errichteten Wolfsburg wahrscheinlich die ville Kästorf, Bergfeld und Bornum.
- Das ursprünglich gegebene Diplom wurde von Ekkehard A = Bertolf nicht nur verfaßt, sondern auch geschrieben; denn Meiboms Abschriften überliefern das Kaisermonogramm des Bertolt. Daß im durch Meibom überlieferten Monogramm das am Fuße des Mittelschaftes liegende O von diesem geschnitten wird und damit an jene Form erinnert, die Bertolf für eine nur kurze Zeit nach der Kaiserkrönung verwendet hat (vgl. Reg. 370), ist allerdings wohl kaum original, sondern dem Kopisten des von Meibom benutzten Lutterer Kopialbuches oder Meibom selber zuzuschreiben, zumal Meiboms Zeichnung auch nicht die für Bertolfs Kaisermonogramme charakteristischen Punkt- und Strichverzierungen (vgl. KOCH, Schrift der Reichskanzlei S. 45) bietet; für das Postulat eines 1133 nach der Kaiserkrönung für Königslutter mundiertenDeperditums reicht diese unsicher überlieferte Unregelmäßigkeit nicht aus. Bertolf hat Gesamtbestätigungen formuliert, in denen, wie für vorliegendes Diplom wahrscheinlich gemacht, eine Besitzliste fehlt, vgl. Reg. 377, 384, 480, 491. - NASS, a.a.O. S. 155f., ist der Hinweis zu verdanken, daß in der späteren Überlieferung des Klosters Besitzungen namentlich in der Altmark genannt werden, die in der vorliegenden interpolierten Besitzliste nicht erscheinen; wenigstens zum Teil dürften diese später bezeugten Besitzungen zur Dotierung schon des Kanonissenstifts Lutter gehört haben. Ob die Nachricht eines von NASS, a.a.O. S. 130, ermittelten Deperditums einer Urkunde Abt Alberts von Königslutter (1225-1235) dans eis bona in Marchia, quae Lotharius dedit, auf eine von Lothar nach 1125 beurkundete Güterverleihung bezogen werden muß, ist offen.
- Zur Identifizierung der Namen vgl. NASS, a.a.O. S. 146 mit Anm. 71, H. KLEINAU, Geschichtliches Ortsverzeichnis des Landes Braunschweig, 1967-1968, s. v. Zu Königslutterer Sülzberechtigungen in Lüneburg vgl. W.F. VOLGER, UB der Stadt Lüneburg, 1872 S. 45 Nr. 76, KARL BACHMANN, Die Rentner der Lüneburger Saline (1200-1370), 1983 S. 168. Als ein aus dem Jahre 1135 stammender Nachweis für eine Rentenberechtigung an der Saline, den sogenannten Prälatenchorus, ist unser Diplom zu streichen. - K.J. LEYSER, Herrschaft und Konflikt. König und Adel im ottonischen Sachsen, 1984 S. 187-194, nimmt für den Königslutterer Besitz in Santersleben eine Haldenslebener Herkunft an. - Das Kanonissenstift wird mit seinem Peterspatrozinium schon in einer auf zwischen 1042 und 1135 zu datierenden Verbrüderung mit dem Kloster St. Mauritius in Minden erwähnt, s. NASS, a.a.O. S. 126: Sororibus s(ancti) Petri Luttren. Die Angabe von G. STREICH, Burg und Kirche während des deutschen Mittelalters 2 (Vorträge und Forschungen Sonderbd. 29/2) 1984 S. 546f., daß in Königslutter ursprünglich ein Kanonikerstift bestanden hätte, wird von NASS, a.a.O., widerlegt.
- Der Ausstellungstag des Diploms ist der Tag von Petri Kettenfeier.
- Zu den Grafen von Haldensleben als Lothars Vorfahren vgl. Reg. 1.
- Über die Gründung des Benediktinerklosters und die hirsauische Oberservanz des aus dem Magdeburger Kloster Berge stammenden Abtes Eberhard vgl. Reg. 448, und JAKOBS, Hirsauer S. 48, 67, Cl. BORGOLTE, Studien zur Klosterreform in Sachsen im Hochmittelalter. Diss. phil. Braunschweig 1976 S. 123f., 291-293, CH. RÖMER, in: Germania Benedictina 6. Norddeutschland, hg. U. FAUST, 1979 S. 273ff., W. PETKE, Lothar III., Stifter der Abtei Königslutter, in: Königslutter und Oberitalien, hg. M. GOSEBRUCH/ H.-H. GROTE, 1980 S. 13f. Auffallenderweise kommt das Diplom auf die Abtswahl nicht zu sprechen.
- Die erbliche Stiftervogtei in Gestalt der Senioratsvogtei hat Lothar sich und seinen Erben vorbehalten; wie in St. Aegidien vor Braunschweig wurden die Vogteigeschäfte von einem vom Kaiser ernannten ministerialischen Vogt wahrgenommen, vgl. Reg. 410, PETKE, a.a.O. S. 15, und unten.
- Über die unter den Zeugen genannten Pröpste, unter denen anstelle des Berno ein Bruno zu lesen ist und bei denen es sich um lotharischen Kapelläne Hartmann von Hameln, Snelhard von Ölsburg, Ekkehard von Braunschweig und wahrscheinlich Bruno von Wildeshausen handelt, vgl. PETKE, Lothar S. 77ff., 81f., 86f. Über die Edelfreien Ludolf und Bernhard vgl. PETKE, S. 206f., 216, 398ff.
- Der unter den lotharischen Ministerialen erscheinende Gerhard ist, wie NASS, a.a.O. S. 142, wahrscheinlich macht, identisch mit dem 1138 und 1147 in Urkunden für Königslutter erwähnten Gerhardus loci advocatus beziehungsweise Gerhardus advocatus (JORDAN, Urkunden Heinrichs des Löwen Nr. 10, 20), womit ein tatsächlich amtierender ministerialischer Vogt des Klosters bezeugt ist. Der in vorliegendem Diplom an vorletzter Stelle genannte Wasmod begegnet 1150 als Gerhards Bruder; im Jahre 1158 als Lüneburger Vogt genannt, ist er der Stammvater des Lüneburger Burgmannengeschlechtes der Kind (Puer), vgl. H. LUBENOW, Die welfischen Ministerialen in Sachsen. Diss. phil. Kiel 1964 (Masch.) S. 31-35, TH. VOGTHERR, Wirtschaftlicher und sozialer Wandel im Lüneburger Landadel während des Spätmittelalters, 1983 S. 108ff., NASS, a.a.O.

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Empfohlene Zitierweise

RI IV,1,1 n. †450, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1135-08-01_3_0_4_1_1_450_DF450
(Abgerufen am 26.07.2017).