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RI IV Lothar III. und ältere Staufer (1125-1197) - RI IV,1,1

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Papst Innozenz II. verleiht Lothar, der sich von früher Jugend an als Freund der Religion und als Wahrer der Gerechtigkeit gezeigt und in jüngster Zeit im Dienste des hl. Petrus ohne Schonung seiner Person und seines Vermögens große Gefahren bestanden habe, zur Mehrung der kaiserlichen Gewalt das Allod der Gräfin Mathilde, das diese dem hl. Petrus übertragen hat (allodium bone memorie comitisse Matilde, quod utique ab ea beato Petro constat esse collatum vobis committimus), und erteilt ihm in Gegenwart von Erzbischöfen, Bischöfen, Äbten, Fürsten und Adligen die Investitur mit dem Ring (per anulum inuestiuimus) unter folgenden Bedingungen: 1. Der Kaiser zahlt dem Papst und dessen Nachfolgern alljährlich 100 Pfund Silber. 2. Nach dem Tod des Kaisers (post obitum tuum) fällt das Allod unverkürzt und unverzüglich in die Verfügungs- und Herrengewalt (ius et dominium) der römischen Kirche zurück. 3. Wenn der Papst oder Bischöfe und Kardinäle (fratres nostri) in das Land kommen, sollen Aufnahme, Versorgung und sicheres Geleit mit solchen Ehren geschehen, wie es der apostolische Stuhl bestimmt. 4. Die Befehlshaber der Burgen und der Rektor des Landes (rector terre) sollen dem Papst und seinen Nachfolgern den Treueid leisten (fidelitatem faciant). Weiterhin verleiht Innozenz aus Liebe zu Lothar (pro caritate uestra) dessen Schwiegersohn Herzog Heinrich von Bayern und dessen Gemahlin, Lothars Tochter (Gertrud), dasselbe Land zu dem erwähnten Zins und unter den genannten Bedingungen, mit der Maßgabe, daß der Herzog dem hl. Petrus, dem Papst und seinen Nachfolgern Mannschaft leistet und den Treueid schwört (hominium faciat et fidelitatem iuret); nach deren Tod (post quorum obitum) soll das Allod der Gräfin Mathilde unverkürzt in die Verfügungs- und Herrengewalt der römischen Kirche zurückkehren. In allem sollen das Recht und Eigentum (ius et proprietas) der römischen Kirche vorbehalten bleiben.

Überlieferung/Literatur

Drucke: J.M. Watterich, Pontificum Romanorum ... vitae tom. 2, Lipsiae 1862 S. 209. MGH Const. 1 S. 169 Nr. 117. P. Fabre/L. Duchesne, Le Liber censuum de l'Église Romaine tom. 1, Paris 1889 S. 379 Nr. 89. Reg.: JL 7633. Stumpf 3280.

Kommentar

In der Sammlung des Albinus und nach dem ursprünglichen Text des Liber censuum des Cencius hat die Urkunde die Rubrik Innocentius papa II Lotario imperatori augusto et Rigece imperatrici, FABRE/ DUCHESNE, a.a.O. S. 379, mit Textvariante zu Zeile a 2. Im Liber censuum des Cencius hat sodann eine Hand des 13. Jh. nach dem Jahre 1228, dem terminus a quo des Florentiner Codex Riccardianus 228, die Rubrik um die Wörter de concessione allodii comitisse Matilde quod debet ad ius et proprietatem ac dominium Romane ecclesie pertinere erweitert, Vat. lat. 8486 f. 107ra, FABRE/ DUCHESNE, a.a.O. (mit Verlesung von debet zu falsch debent). Vgl. DIES., a.a.O. tom. 2, 1905 S. 8, 93 Nr. 36 und FABRE/ DUCHESNE, a.a.O. Introduction S. 18f., 29. Die Wörter de concessione allodii co stehen auf Rasur, der Rest auf dem linken Blattrand. - Da Richenzas Name im Text nicht erscheint, erblickt GIESEBRECHT, Geschichte der deutschen Kaiserzeit 4 S. 436f. (zu S. 85f.), einen Widerspruch zwischen Urkunde und Rubrik, bemerkt aber nicht, daß auch Lothars Name im Text nicht genannt ist. Den Wortlaut des Privilegs werden die Fassungen bei Albinus und Cencius, wobei diejenige des Cencius nicht von jener des Albinus abzuleiten ist (s. insbesondere die Varianten bei FABRE/ DUCHESNE, a.a.O. 1 S. 379 zu Zeile a 20 und zu den Zeilen b 12 und 16), aus einem der Register Papst Innozenz' II. geschöpft haben. Diese waren bis in die Zeit Papst Honorius' III. vorhanden, s. MGH Epist. saec. XIII, hg. K. RODENBERG 1, 1883 S. 200 Nr. 279, vgl. H. BRESSLAU, Handbuch der Urkundenlehre 1, 2=4 1969 S. 109. Den Namen Lothars konnten die Fassungen des Albinus und des Cencius entweder aus einem bereits in einem Register Innozenz' II. vorhandenen Rubrum oder aus der in das Register aufgenommenen Inscriptio gewinnen. Richenzas Name stand entweder ebenfalls in der Inscriptio - vgl. das Lothar und Richenza in der Adresse nennende Schreiben Papst Anaklets II. an Lothar (Reg. 221) oder den Brief Erzbischof Konrads von Salzburg (Reg. 493) - oder gelangte in die Rubrik der von Albinus und Cencius benutzten Vorlage, indem er aus dem in der Dispositio unseres Privilegs mehrfach verwendeten pluralis reverentiae vom Rubrikator zu Unrecht erschlossen wurde; der Wechsel vom pluralis reverentiae zum Singular ist jedoch, wie schon GIESEBRECHT, a.a.O., feststellt, auch sonst belegt, s. ECCARD, Cod. Udal. S. 270 Nr. 263. JAFFÉ, Cod. Udal. S. 272 Nr. 149. JL 6289. Auch wenn Richenza in der Inscriptio genannt worden sein sollte, ist der Empfänger des Privilegs allein Lothar. Denn mit dem bis zur Dispositio (persona tua, specialissimo ecclesie defensori) und dem in den entscheidenden Sätzen der Dispositio verwendeten Singular (exsolvas, post obitum tuum) kann nur der Kaiser angesprochen sein. Anders, aber nicht überzeugend TH. GROSS, Lothar III. und die Mathildischen Güter, 1990 S. 113, 132, dem die angebliche Mitbelehnung Richenzas als Erklärung für deren Aufenthalt zu Ende 1136 in dem in der Nachbarschaft vieler mathildischer Güter gelegenen Reggio (vgl. Reg. 533, 541) dient. - Die von GIESEBRECHT, a.a.O. S. 86, 436f., und GROSS, a.a.O. S. 113-117, aus inhaltlichen Gründen erhobenen Bedenken gegen die Einheitlichkeit des Textes, weil außer Lothar auch Heinrich der Stolze und Gertrud in den Besitz der mathildischen Güter eingewiesen werden sollten, sind nicht stichhaltig. Denn das Diktat läßt keinen stilistischen Bruch erkennen, der die Annahme stützen könnte, die vorliegende Fassung sei aus einer Urkunde für Lothar aus dem Jahre 1133 und einem Nachtrag aus demselben Jahr oder gar einer zweiten Urkunde für Heinrich den Stolzen und Gertrud aus dem Jahre 1137 zusammengesetzt. Der Verweis von GROSS, S. 114, auf die Variation der Formulierung der Heimfallbestimmung für den Fall von Heinrichs und Gertruds Tod (allodium ... integrum et absque diminutione atque difficultate aliqua reducatur) gegenüber der Fassung für den Tod Lothars (proprietas ... cum integritate absque diminutione ac molestia revertatur) reicht für die Annahme eines Zusatzes nicht aus. Verfehlt ist auch GROSS, S. 117, der die Datierung des postulierten Zusatzes ins Jahr 1137 mit dem Argument verwirft, für die Formulierung ita tamen ut idem dux nobis hominium faciat et fidelitatem ... iuret wäre 1137 "ein Indikativ zu erwarten" (!). - Mit dem in dem Privileg beurkundeten Vorgang erkannte Lothar das Obereigentum der römischen Kirche an dem mathildischen Gut an. Wenn auch nicht vollständig der Form nach, so wurde er doch faktisch für das Gut Lehensmann des Papstes. Der Ring ist als Investitursymbol für Kirchenlehen 1090 bei der Belehnung von Mathildes Gemahl Herzog Welf durch Bischof Ubald von Mantua bezeugt, s. H. KALBFUSS, Urkunden und Regesten zur Reichsgeschichte Oberitaliens 1, in: QFIAB 15 (1913) S. 56 Nr. 1. Ein 1155 von Hadrian IV. an König Heinrich II. von England übersandter Ring sollte als Investitursymbol für Irland dienen, s. F. KEMPF, Papsttum und Kaisertum bei Innozenz III., 1954 S. 14 Anm. 5. Zu anderen päpstlichen Investitursymbolen s. J. DEÉR, Papsttum und Normannen, 1972 S. 16-18. - Zu den Begriffen ius et dominium vgl. J. FRIED, Der päpstliche Schutz für Laienfürsten (AbhhAkad.Heidelberg 1980, 1) 1980 S. 84f. - Zur Geschichte des mathildischen Gutes bis 1125 vgl. P. SCHEFFER-BOICHORST, Kleinere Forschungen zur Geschichte des Mittelalters X: Zu den mathildischen Schenkungen, in: MIÖG 9 (1888) S. 177-191, A. OVERMANN, Mathilde von Tuscien, 1895 S. 42-47, GROSS, a.a.O. S. 5ff. - Mit der Besitzeinweisung und der in Aussicht gestellten Investitur Heinrichs des Stolzen und Gertruds in das mathildische Gut hat Lothar denkbare erbrechtlich begründete Ansprüche der Staufer unterlaufen. Da das Reich keine Rechte am mathildischen Gut besaß, s. OVERMANN, a.a.O. S. 45, GROSS, S. 29f., kann gegen BERNHARDI, Lothar S. 481, von einem Verzicht Lothars zu Lasten des Reichs keine Rede sein. Der Kaiser ließ sich von dynastischen Gesichtspunkten für sich und seine Erben leiten, vgl. PETKE, Lothar S. 388, GROSS, S. 111. - In der freilich nicht namentlichen, sondern durch Gemipunctus erfolgten Nennung Gertruds erblicken H. BÜTTNER, Das politische Handeln Friedrich Barbarossas im Jahre 1156, in: BllDtLdG 106 (1970) S. 56f., und O. ENGELS, Der Erzbischof von Trier, der rheinische Pfalzgraf und die gescheiterte Verbandsbildung von Springiersbach im 12. Jahrhundert, in: Festschr. N. BACKMUND, 1978 S. 94 Anm. 50, die Gewährung der weiblichen Lehenserbfolge. - Urkundlich ist von 1128 bis 1134 der Graf, "Markgraf" und "Herzog" Adalbert im Besitz des mathildischen Gutes bezeugt, s. J. FICKER, Forschungen zur Reichs- und Rechtsgeschichte Italiens 4, 1874 S. 147f. Nr. 102: Nos Albertus dei gratia dux, marchio et comes divina cooperante gratia et beati Petri et domni pape Honorii eius vicarii munere ad huius honoris provectus fastigia (1128), S. 148 Nr. 103: Albertus marchio et dux (1129), S. 148 Nr. 104: Albertus comes et marchio (1134), vgl. GROSS, a.a.O. S. 285-287. Da dessen in der - in Ronco ausgestellten - Urkunde von 1134 erwähnte Söhne Bonifaz und Garsedonius auch als Söhne eines am 15.2.1135 sein Testament aufsetzenden Markgrafen Albert erscheinen, s. MARGARINI, Bullarium Casinense vol. 2 S. 147, welcher unter anderem über Besitzungen in und bei Verona sowie über die Burg S. Bonifacio testiert, ist der Herr des mathildischen Gutes mit Graf Adalbert von S. Bonifacio-Ronco-Verona identisch, vgl. J. FICKER, Forschungen zur Reichs- und Rechtsgeschichte Italiens 3, 1872 S. 455, L. SIMEONI, Per la genealogia dei conti di Sambonifacio e Ronco, in: Nuovo archivio veneto NS anno 13 tom. 26 (1913) S. 309-311, vgl. auch Reg. 651. - Schenkungen dieses Adalbert aus den mathildischen Gütern an S. Benedetto Polirone hat Lothar 1132 und 1133 bestätigt, s. Reg. 323, 357. Das Diplom Reg. 323 nennt dabei Adalbert entgegen der VU., die ihn als marchio bezeichnet hatte, lediglich comes (Lothars Bestätigung im Jahre 1135 des Erwerbs von Pegognaga durch S. Benedetto erwähnt die vorausgegangene Schenkung dieses Gutes durch Adalbert allerdings nicht, s. Reg. 458). Den Markgrafen- oder Herzogstitel hat Lothar Adalbert demnach nicht gewährt. Mit J. FICKER, Forschungen zur Reichs- und Rechtsgeschichte Italiens 2, 1869 S. 294, vgl. auch GROSS, a.a.O. S. 44, dürfte Adalbert den oben angeführten Titel Markgraf und Herzog nicht deshalb geführt haben, weil ihn der Papst mit einem Herzogtum oder einer Mark investiert hätte, sondern weil der Graf den Titel Mathildes zum Vorbild wählte. Sie nannte sich 1079 marchionissa et ducatrix, 1099 dux et marchionissa, 1098 ducatrix, UGHELLI, Italia sacra ed. II vol. 1, Venetiis 1717 S. 815f., vol. 3, Venetiis 1718 S. 87, 292. - Die Intitulatio Adalberts von 1128 macht gegen FICKER, a.a.O. S. 294, P. SCHEFFER-BOICHORST, Zur Geschichte des XII. und XIII. Jahrhunderts. Diplomatische Forschungen, 1897 S. 73 mit Anm. 1, OVERMANN, a.a.O. S. 48, und GROSS, S. 44, die Annahme nicht zwingend, daß der Graf sich von Honorius II. mit dem mathildischen Gut habe belehnen lassen können; nach A. CASTAGNETTI, Le due famiglie comitali veronesi: i San Bonifacio e i Gandolfingi-di Palazzo (secoli X-inizio XIII), in: Studi sul medioevo veneto, hg. v. G. CRACCO/ A. CASTAGNETTI/ S. COLLADO, Turin 1981 S. 68, sei Adalbert von Honorius zum Markgraf und Herzog kreiert worden ("creato"). Es ist auch denkbar, daß die Kurie dem Adalbert um 1128 lediglich die Verwaltung des Gutes bestätigte, wobei dieser - analog zum rector unserer Urkunde - dem Papst einen Treueid geschworen hat. Jedenfalls hat Lothar den erwähnten Diplomen von 1132 und 1133 zufolge die Maßnahmen Adalberts hinsichtlich bestimmter mathildischer Güter konfirmiert. Die daraus zu erschließende Anerkennung der Stellung des Grafen an der Spitze der mathildischen Güter durch den Herrscher steht im Einklang mit dem möglichen historischen Kern von den fiktiven Briefen der in den dreißiger Jahren des 12. Jh. entstandenen lombardischen Briefsammlung, wonach Lothar den Grafen als von der Genossenschaft der mathildischen Vasallen gewähltes Haupt des Hauses Canossa akzeptierte (Reg. 306, 307, 308, 309), vgl. FICKER, a.a.O. S. 294, und GROSS, S. 46, dieser aber mit einer wenig differenzierten Bewertung der Briefsammlung; zu dieser s. Reg. 270. - Graf Adalbert starb am 10. August 1135, Ann. Veronenses zu 1135, MGH SS 19 S. 2, C. CIPOLLA, Annales veteres, Annales breves, Necrologium S. Firmi de Leonico, in: Archivio veneto 9 (1875) S. 95, vgl. BERNHARDI, Lothar S. 833, GROSS, S. 287 Nr. 23. - Zu den Markgrafen von Tuszien von 1120 bis 1135 vgl. Reg. 443. Die von OVERMANN, a.a.O. S. 77, vertretene Ansicht, daß nach Heinrich V. alle Kaiser das mathildische Gut durch den jeweiligen Markgrafen von Tuszien hätten verwalten lassen, trifft für die Jahre 1128 bis 1134 nicht zu und ist für die Jahre von 1126 bis 1128 nicht belegt.

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Empfohlene Zitierweise

RI IV,1,1 n. 353, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1133-06-08_2_0_4_1_1_353_353
(Abgerufen am 24.07.2017).