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RI IV Lothar III. und ältere Staufer (1125-1197) - RI IV,1,1

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Lothar wird von Bischof Hermann von Augsburg, von Klerus und Volk gebührend (debito honore) empfangen (26. August) und hört die gerichtliche Klage des Ordinarius (in auribus domni regis et principum ... conquesti sumus) darüber, daß einige cives wenige Tage vor der Ankunft des Königs den päpstlichen Legaten Bischof (Azo) von Acqui überfallen haben, der unter dem Geleit des Augsburger Bischofs stand und sich auf dem Weg zum königlichen Hof befand (in conductu nostro ac fere in presentia nostra ... per nos ad curiam regis transeuntem). Während Lothar und die Fürsten die Klage noch beraten, entbrennt in der Marktsiedlung zwischen Verkäufern und Käufern durch Bewaffnete des Königs aus nichtigem Anlaß ein zunächst kleiner Streit (Brief Hermanns: inter vendentes et ementes quedam pro vili causa parva primum sedicio per scutarios regis in suburbio; Ann. Hild., Ann. Palid., Ann. Patherb., Ann. Saxo, Chron. Regia Coloniens. Rez. I: ... quorundam civium factione seditio contra regis homines exorta est). Die Marktglocken werden angeschlagen (forenses campane pulsantur), cives und Krieger des Königs eilen kampfbereit herbei, ohne die Ursache des Streits zu kennen; Lothar selbst rüstet sich, da er einen Anschlag auf sein Leben argwöhnt. Als er Ritter und Ministerialen des Bischofs (milites et ministeriales ecclesie) vor dem Dom stehen sieht, vermutet er einen gegen sich gerichteten Aufruhr und läßt seine Leute angreifen. Vergebens versucht Bischof Hermann unbewaffnet und ohne Rücksicht auf sein hohes Alter das gegenseitige Morden zu beenden. Im Gegenteil zieht er sogleich die Angriffe des Königs und der Seinen auf sich. Von Mittag bis Abend (ab hora diei sexta usque ad vesperam) wird am Sonntag, dem 28. August (in die dominica V. kal. septembris), an den Eingängen des Doms drinnen und draußen gekämpft, und auch außerhalb der Bischofsburg (extra portam civitatis) kommt es zwischen den Marktbewohnern (forenses) und den königlichen Kriegern zu schwersten Kämpfen und zu Mord, Raub und Brand. Klöster und Kirchen werden profaniert, angezündet und geplündert, Inklusen, Männer und Frauen schimpflich behandelt, Kinder getötet oder gefangen; denn Lothar führt in seinem Heer Böhmen und Flavi mit sich, die volkssprachlich Falben genannt werden (Boemos videlicet ac Flavos, qui vulgari nomine Valwen dicuntur). Nach Einbruch der Nacht flauen die Kämpfe ab, aber das königliche Heer belagert weiterhin die Domkirche. Bischof Hermann, der aus seinem Hause vertrieben ist (de meo expulsus hospicio), findet im Quartier (hospicium) Erzbischof Norberts von Magdeburg Aufnahme. Am nächsten Tag (29. August) führt Lothar die im Dom Eingeschlossenen, darunter auch Verwundete, gefangen weg und schlägt sein Lager vor der Stadt auf (in campo iuxta civitatem). Am dritten Tage (30. August) kehrt er mit Truppen in die (bischöfliche) Burg zurück (regressusque tercia die cum armatis in urbem), zerstört ihre Befestigungen und gibt alles der Plünderung und dem Feuer preis. Am vierten Tag der Zerstörung und am sechsten Tag der Anwesenheit (31. August) (quarto destructionis nostre et sexto adventus sui), zieht er wohlgemut (lete) ab. Die Fürsprache keines der anwesenden Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte konnte hindern, daß durch den Zornesausbruch des Königs die ganze Stadt ohne Urteil und ohne Recht von Grund auf und unwiederbringlich zerstört worden ist (omnis civitas nostra sine iudicio, sine iusticia funditus destructa et inrecuperabiliter adnichilata est).

Überlieferung/Literatur

Brief Bischof Hermanns von Augsburg an Bischof Otto von Bamberg. Druck: Eccard, Cod. Udal. S. 364 Nr. 359. Jaffé, Cod. Udal. S. 444 Nr. 260. - Als nicht zufällig entstandenes Unheil, sondern als Aufstand gegen Lothar stellen das Ereignis dar die Ann. Hild. zu 1132, MGH SSrerGerm 8 S. 67: In quo itinere cum ad urbem Augustanam venisset, eam pacifice ingressus est; sed quorundam civium factione seditio contra regis homines exorta est; et hac de causa repentino igne, ut in tali tumultu fieri solet, civitas fere tota conflagravit, et multi tam gladiis quam flammis perierunt. Ann. S. Aegidii Brunsvic. exc. zu 1132, MGH 30, 1 S. 12. Ann. Palid. (zu 1132), MGH SS 16 S. 78. Ann. Patherb. zu 1132, hg. Scheffer-Boichorst S. 158. Ann. Saxo zu 1132, MGH SS 6 S. 768, Chron. Regia Coloniens. Rez. I zu 1132, MGH SSrerGerm 18 S. 69. Von einem geplanten Angriff der Augsburger weiß die S. Petri Erphesf. cont. Ekkehardi zu 1132, in: Mon. Erphesf., MGH SSrerGerm 42 S. 38f.: Augusta civitas a regis exercitu destruitur, igne crematur, plurimi de civibus captivi abducuntur, equidem digna satis ultione pro commisso multati scelere, quippe qui regem ad se pacifice ingressum nichilque suspicantem tale bello presumpserint lacessere. Danach die Ann. Pegav. zu 1132, MGH SS 16 S. 256. - Honorius Augustodunensis, Summa, MGH SS 10 S. 131, sieht Lothars Strafaktion gegen Augsburg als Reaktion auf angebliche Machenschaften Friedrichs von Staufen und läßt den König dabei schwere und dann in Italien schwerste Verluste erleiden: In itinere insidias, ut dicitur, Friderici ducis incurrit, unde offensus Augustam civitatem incendit, plures de civibus occidit, plurimos de suis amisit, in Italia vero maximam partem suorum amisit. - Über Norbert von Magdeburg, der nach dem Gebet in einer Augsburger Kirche das am folgenden Tage hereinbrechende Unheil prophezeite, vgl. Additamenta fratrum Cappenbergensium ad Vitam Norberti posteriorem, MGH SS 12 S. 705: Cum ergo prefate civitatis ecclesiam ingrediens orationem complesset (sc. Norbert) vocato diacono suo, ex cuius hec ore cognovimus, quid per spiritum cognovisset ei revelavit dicens: Ego, frater, huic loco pacem imprecatus sum, pacem optavi; sed tamen pacis hic repulsam inveni ... Nam proximo die multis a rege prostratis et vulneratis temeritatis sue cives poenas dedere, vixque tandem in regis gratiam post multa dispendia recepti sunt. - Nur die Marktsiedlung Augsburgs wird vom Brand zerstört nach Heimo, De decursu temporum liber zu 1131, MGH SS 10 S. 3: Lotharius rex cum expeditione Italiam intrat et Augustam totam in suburbio ferro et igne vastat. Die Beteiligung der Böhmen erwähnt auch die Can. Wissegrad. cont. Cosmae zu 1132, MGH SS 9 S. 138, welche die Kämpfe im Marktbereich stattfinden läßt: Qui de terra sua egressi, dum ad quendam locum Omberk vocatum venirent, ibi cum Theutonicis foro predicti loci pugnaverunt. - Den Brand und Lothars Aufenthalt in Augsburg erwähnen noch die Ann. Stadenses zu 1132, MGH SS 16 S. 322: Augusta civitas igne deflagrat propter seditionem civium, rege inibi commorante. Burchardi praep. Ursp. Chron. zu 1132, MGH SSrerGerm 16 S. 17: Augusta combusta est. Reg.: Mülverstedt, Regesta archiepiscopatus Magdeburgensis 1 S. 410 Nr. 1053f. G. Friedrich, Codex diplomaticus et epistolaris regni Bohemiae 1, Prag 1904-1907 S. 127 Nr. 118. Volkert, Regesten Augsburg Nr. 475.

Kommentar

Vgl. zu den Augsburger Ereignissen BERNHARDI, Lothar S. 438-442, F. ZOEPFL, Das Bistum Augsburg und seine Bischöfe im Mittelalter, 1955 S. 125f., WADLE, Reichsgut S. 95, OPLL, Stadt und Reich S. 34, G. KREUZER, Die Hoftage der Könige in Augsburg im Früh- und Hochmittelalter, in: Augsburger Beiträge zur Landesgeschichte Bayerisch-Schwabens 1 (1979) S. 107. Bischof Hermann von Augsburg unterhielt seit dem November 1125 Beziehungen zu Lothar, vgl. M.-L. CRONE, Untersuchungen zur Reichskirchenpolitik Lothars III., 1982 S. 169f., und kommt als Urheber der Spannungen kaum in Betracht. Der Überfall von Augsburgern auf den päpstlichen Gesandten war eine Provokation, welche den König in seinem Mißtrauen gegen die Augsburger Bevölkerung, das ihn bereits Würzburg an Stelle des schwäbischen Bischofssitzes als Sammelplatz des Heeres hatte wählen lassen, nur bestärken konnte. Augsburg mußte dem König stets als ein möglicher Stützpunkt der Staufer gelten. Inwieweit die antikönigliche Stimmung in der Stadt von den Staufern geschürt worden war, ist nicht bekannt. - Über Bischof Azo von Acqui (1098-1132, 1135?) vgl. GERHARD SCHWARTZ, Die Besetzung der Bistümer Reichsitaliens unter den sächsischen und salischen Kaisern mit den Listen der Bischöfe 951-1122, 1913 S. 89f.; möglicherweise war er jener päpstliche Legat, dessen Ankunft der Regensburger Elekt Heinrich von Wolfratshausen nicht abwartete, als er sich - nach dem 19. August 1132 - von Konrad von Salzburg weihen ließ, Hist. Welf. c. 19, hg. KÖNIG, S. 32-34: nuntium apostolici praevenit (sc. Bischof Heinrich), vgl. BERNHARDI, Lothar S. 439 Anm. 8, S. 447 Anm. 29, BACHMANN, Legaten S. 32f. mit Anm. 2, PETKE, Lothar S. 76. Vgl. Reg. 305, 364. Zum Geleitrecht des Augsburger Bischofs vgl. DF.I. 147 S. 248 Z. 41 (1156): Episcopus ducatum ingredientibus egredientibusque dabit. - Der Chronologie von Lothars Aufenthalt in und vor Augsburg ist Hermanns Brief mit seinen Angaben, daß die Kämpfe am 28. August ausbrachen und der König den Ort am sechsten Tag nach seiner Ankunft und am vierten Tag nach der Zerstörung verließ, zu Grunde zu legen. Damit läßt sich die Nachricht der Additamenta fratrum Cappenbergensium zur Vita Norberti vereinbaren, daß Norbert in Augsburg das einen Tag später hereinbrechende Unglück vorhersah, also wohl am 27. August, vgl. BERNHARDI, Lothar S. 439 mit Anm. 6. - Für die von Bischof Hermann erwähnten, aber namentlich nicht genannten Erzbischöfe kommen die auf dem Romzug bezeugten Adalbero von Bremen und Norbert von Magdeburg in Betracht. - Zu den böhmischen Truppen vgl. Reg. 310. Die Falben werden bei Otto v. Freising, Gesta I, 32, MGH SSrerGerm 46 S. 49, unter dem Namen Falones als nordöstliches Nachbarvolk der Ungarn erwähnt, vgl. auch BERNHARDI, Chron. VI, 10, MGH SSrerGerm 45 S. 271. Bei Arnold v. Lübeck, Chron. Slav. VI, 5, MGH SS 21 S. 216, erscheinen sie wie schon in vorliegender Quelle als Valwen im Gefolge der Böhmen. In den Texten zum Schlachtentod König Ottokars von Böhmen werden sie als Falwen (Chron. Colmariense, MGH SS 17 S. 252: Den Falwen und den heiden / was er den cristen erleiden) oder als Kumanen bezeichnet (z.B. Ann. Gotwic. cont. Vindobonensis, MGH SS 9 S. 709). Vgl. K. MÜLLENHOFF, Zur Geschichte der Nibelungensage, in: ZDtAlt 10 (1856) S. 165, BERNHARDI, Lothar S. 441 Anm. 13. Zu den Kumanen oder Polowzern, die seit der Mitte des 11. Jh. das Kiever Reich und 1091 Ungarn bedrängten und 1239 auf der Flucht vor den Mongolen von König Béla IV. in Ungarn angesiedelt wurden, vgl. H. GÖCKENJAN, Kumanen, in: LMA 5 (1991) S. 1568f. - Über die in Hermanns Brief angedeutete Organisation des Augsburger Marktes, dessen Bewohner auf Glockenschlag zusammeneilten, und über eine aus dem Text erschließbare Versorgung des königlichen Gefolges durch den Markt vgl. W. METZ, Quellenstudien zum Servitium regis (900-1250), in: AfD 24 (1978) S. 250f., 284. Über die Augsburger Topographie, insbesondere über die Domburg und die 1132 noch unbefestigte Marktsiedlung (suburbium), vgl. DETLEV SCHRÖDER, Stadt Augsburg (Historischer Atlas von Bayern. Teil Schwaben Heft 10) 1975 S. 50ff., S. 160f. mit Anm. 4, S. 232f.

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Empfohlene Zitierweise

RI IV,1,1 n. 311, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1132-08-26_1_0_4_1_1_311_311
(Abgerufen am 21.10.2017).