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RI IV Lothar III. und ältere Staufer (1125-1197) - RI IV,1,1

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Lothar bestätigt auf Bitten Richenzas, Erzbischof Konrads von Salzburg und Bischof Hildebolds dem Bistum Gurk <genannte Besitzungen, welche die domina Hemma als Erbin genannter Vorfahren bei der ersten Gründung an Gurk gegeben hat>, bestätigt die unter Heinrich IV. und Erzbischof Gebhard von Salzburg vollzogene Errichtung des Bistums, ferner den von Hildebold nach einer Rebellion der Marktbewohner (forensium) aus Friesach unter die Burg Friesach verlegten Markt (forum ... sub castrum Friesach locatum) mit der Maßgabe, daß auf diesem Markt, weil zur Hälfte auf Salzburger und zur Hälfte auf Gurker Boden gelegen, im nördlichen Teil die Salzburger und im südlichen Teil die Gurker Kirche Richter und Zöllner einsetzen soll, <und gestattet, daß bei Übergriffen Salzburgs der Gurker Bischof seinen Markt mit allen Markteinrichtungen (foralibus institutis) nebst Zoll und Münze verlegen darf; ferner verleiht er dem Bistum die auf dessen Besitzungen sich findenden Erz- und Salzgänge>, gewährt das Recht der freien Vogtwahl, nachdem Graf Wergand (Wergandus) auf Grund eines Urteils der Reichsfürsten (regni principum iuditio) auf die Vogtei verzichtet hat, <gesteht bei Streit um die Fundationsgüter alleinigen Gerichtsstand vor dem Kaiser (imperialis maiestas) zu und nimmt es in kaiserlichen Schutz>. - Ego Thietmarus notarius vicem Adelberti archicancellarii recognovi; verfaßt und geschrieben von Thietmar A = Thietmar. SI. 〈1〉. Notum esse volumus.

Originaldatierung:
(XV. kal. novemb., Wirzeburch)

Überlieferung/Literatur

Verfälschung; angebliches Or.: Kärntner Landesarchiv Klagenfurt, Urk. C 1278 1130 Oktober 18 (A). Drucke: A.v. Jaksch, Monumenta historica ducatus Carinthiae 1, Klagenfurt 1896 S. 93 Nr. 58. DLo.III. 29. Reg.: Meiller, Regesten Salzburg S. 21 Nr. 120. Stumpf 3253.

Kommentar

Das Diplom ist eine die Schriftzüge und Diktateigentümlichkeiten Thietmars bewahrende Nachzeichnung, die in den Jahren 1172 bis 1176 entstanden ist. Von demselben Fälscher stammen D Arnolf †193, DH.IV. †251, das interpolierte DKo.III. †45 und das unechte DF.I. †1049, s. die jeweiligen Vorbemerkungen und JAKSCH, Monumenta historica ducatus Carinthiae 1 S. 16-23, JAKSCH, Monumenta historica ducatus Carinthiae. 1. Erg.-Heft, Klagenfurt 1915 S. 8 Nr. 627. - Die von F. v. REINÖHL, Die Siegel Lothars III., in: NA 45 (1924) S. 274, und von HIRSCH/ OTTENTHAL, DLo.III. 29, Vorbemerkung, vertretene Auffassung, daß die Siegelplatte mit einem Durchmesser von äußerstenfalls 79 mm eine echte Ausprägung von Lothars erstem Typar sei, ist wenig wahrscheinlich; die Differenz gegenüber den 85 mm Durchmesser von echten Ausprägungen ist zu groß, als daß sie sich durch Verformung erklären läßt. Auch ist die Ausprägung verhältnismäßig unscharf, vgl. POSSE, Die Siegel der deutschen Könige und Kaiser 1 Tf. 20 Abb. 1, 2. Es liegt daher wohl nur eine Abformung vom Original vor, vgl. auch POSSE, a.a.O. Bd. 5 S. 117. - Ob und gegebenenfalls welche Teile der im Regest nicht wiedergegebenen umfangreichen Besitzliste - zur Identifizierung der dort erwähnten Örtlichkeiten vgl. W. FRESACHER, Die Erschließung des Gurker Kerngebietes, in: Carinthia I 161 (1971) S. 77-93, W. WADL, Das wirtschaftliche Erbe. Von Hemmas Güterschenkungen zu den neuzeitlichen Grundherrschaften des Gurker Bistums und Domkapitels, in: HEMMA VON GURK. Katalog [der] Ausstellung auf dem Schloß Straßburg/Kärnten vom 14. Mai - 26. Oktober 1988, Klagenfurt 1988 S. 53-69 - im echten Lothardiplom gestanden haben, ist unbestimmt. Verschiedene Besitztitel finden sich in älteren Gurker Urkunden, vgl. JAKSCH, Monumenta historica ducatus Carinthiae 1 S. 94 Anm.; es sind allerdings auch solche darunter, die beispielsweise erst im gefälschten D Arnolf †193 aufgeführt werden. - Mit JAKSCH, Monumenta historica ducatus Carinthiae. 1. Erg.-Heft, S. 8 Nr. 627, vgl. JAKSCH, Monumenta historica ducatus Carinthiae 1 S. 8f., und DLo.III. 29, Vorbemerkung, sind in vorliegendem Diplom interpoliert: 1. die Erlaubnis der eventuellen Verlegung des Friesacher Marktes, 2. die Verleihung der Bergwerksgerechtigkeiten, die erst Friedrich I. 1170 übertrug, DF.I. 563 (VU.), 3. die Gewährung des Gerichtsstandes vor dem Kaiser und die Verleihung des kaiserlichen Schutzes, die sich schon wegen des Attributs imperialis als Zusätze zu erkennen geben. Echt sind die Bestätigung der Marktverlegung von Friesach und die Gewährung der freien Vogtwahl, die durch eine Urkunde von 1158, die eine diesbezügliche sententia Lothars erwähnt (JAKSCH, Monumenta historica ducatus Carinthiae 1 S. 162 Nr. 201), gesichert ist. Vgl. auch J. OBERSTEINER, Die Bischöfe von Gurk 1072-1822 (Aus Forschung und Kunst 5) Klagenfurt 1969 S. 23f. Die Bestätigung der Bistumsgründung dürfte ebenfalls echt sein. Zweck der Fälschung war die Sicherung der Gurker Besitzstellung auch gegen Salzburg und die Erhebung Gurks zum Reichsbistum, vgl. CLASSEN, Wormser Konkordat (Vorträge und Forschungen 17) 1973 S. 440. - Zu Gräfin Hemma (gest. nach 1044) und ihrem Verwandtenkreis vgl. H. DOPSCH, Die Stifterfamilie des Klosters Gurk und ihre Verwandtschaft, in: Carinthia I 161 (1971) S. 95-123; zu ihrer Herausstellung als angeblicher Gründerin des Klosters Gurk s. H. KOLLER, Zur Vorgeschichte der Gurker Bistumsgründung, H. KOLLER, S. 70f. - Zur Verlegung des Marktes Friesach unterhalb des in Salzburger Besitz befindlichen Petersbergs s. A. JAKSCH, Geschichte Kärntens bis 1335 Bd. 1, Klagenfurt 1928 S. 255f., TH. ZEDROSSER, Die Stadt Friesach in Kärnten, Klagenfurt 1953 S. 24f., 32f., J. SYDOW, Anfänge des Städtewesens in Bayern und Österreich, in: Die Städte Mitteleuropas im 12. und 13. Jahrhundert, hg. W. RAUSCH (Beiträge zur Geschichte der Städte Mitteleuropas 1) Linz 1963 S. 67.

Nachträge (1)

Nachtrag von Markus Wenninger, eingereicht am 17.07.2015.

Bei dieser Urkunde ist nicht nur der im Regest gekennzeichnete Teil gefälscht, sondern auch noch die vorausgehende Passage "mit der Maßgabe, daß auf diesem Markt, weil zur Hälfte auf Salzburger und zur Hälfte auf Gurker Boden gelegen, im nördlichen Teil die Salzburger und im südlichen Teil die Gurker Kirche Richter und Zöllner einsetzen soll".

Näheres dazu s. in meinem Aufsatz: Zu Wenninger, Markus: Friesach im Jahr 1124: Vi[ll]a Iudeorum oder Via Iudeorum? Die Neuinterpretation einer Urkunde und ihre Folgen für die frühe Geschichte der Juden im Ostalpenraum und für die Geschichte der Stadt Friesach. In: Johannes Grabmayer (Hg.): 800 Jahre Stadt Friesach. Klagenfurt 2015 (= Schriftenreihe der Akademie Friesach, N. F. 5), S. 341–366, hier S. 357-360.

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Empfohlene Zitierweise

RI IV,1,1 n. †253, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1130-10-18_1_0_4_1_1_253_F253
(Abgerufen am 25.06.2017).