Regestendatenbank - 176.134 Regesten im Volltext

RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,2

Sie sehen den Datensatz 1022 von insgesamt 1068.

Papst Stephan (IX.) wird von dem Patariner Ariald aufgesucht, der sich gegen die Vorwürfe des Mailänder Klerus verteidigt und seinerseits diesen als nikolaitisch und simonistisch denunziert.

Überlieferung/Literatur

Erw.: Arnulf von Mailand, Liber gestorum III 11 (Zey, MG SS rer. Germ. 67/1994, 181); Landulf sen., Hist. Mediolanensis III 11ff. (Cutolo, SS rer. Ital. IV/2 94ff.); Bonizo von Sutri, Liber ad amicum VI (Dümmler MG Ldl I 592); Andreas von Strumi, Vita s. Arialdi 7 (MG SS XXX/2 1054). Reg.: IP VI/1 46 n. *91, IP VI/1 110 n. *9. Lit.: Höfler, Deutsche Päpste II 277ff.; Will, Restauration II 125f.; Robert, Étienne X 63ff.; Wattendorff, Stephan IX. 45ff.; Meyer von Knonau, Heinrich IV. I 71f.; Robert, Pape belge: Étienne X 31ff.; Savio, Vescovi d'Italia II 417; Guggenberger, Deutsche Päpste 80f.; Bulst-Thiele, Agnes 66; Violante, Pataria 196ff.; Cinzio Violante, I Laici nel movimento patarino (I Laici nella "società christiana" dei secoli XI e XII [Miscellanea del Centro di Studi Medievali V, Mailand 1965] 597-687) 644f., 647; Miccoli, Ordinazioni simoniache 58, 60ff.; Lucchesi, Vita di S. Pier Damiani I 140; Schmidt, Alexander II 61f.; Gritsch, Pataria 14; Golinelli, Pataria 14f.; Werner, Hildebrand-Gregor und die Mailänder Pataria 21; Violante, Pataria e militia 107, 112; Blumenthal, Pope Gregory and the prohibition 245ff.; Benericetti, L'eremo 106.

Kommentar

Am knappsten berichtet Bonizo von der patarinischen Gesandtschaft nach Rom: genus Paterinorum ... destinarent mittere honestos viros Romam, qui b. Stephanum papam rogarent, ut secum mitteret religiosos episcopos; als Hintergrund schildert er die simonistischen und nikolaitischen Verfehlungen des Mailänder Klerus. Darin liegt die Ursache für die Bitte Arialds um geeignete Bischöfe beim Papst. Ebenfalls prägnant schildert Andreas von Strumi die Reise des Pataria-Anführers Landulf nach Rom, welche wegen der Maßnahmen seiner Gegner aber bereits in Piacenza geendet habe, wogegen es Ariald gelungen sei, bis zum (hier nicht namentlich genannten) Papst zu gelangen. Diesem habe Ariald die Mailänder Verhältnisse sowie seine eigenen Intentionen dargelegt und daraufhin vom Papst den Befehl erhalten, ad opus ceptum regredi et ... in eo vehementer insistere. Ausführlicher legt Arnulf das Geschehen dar; ihm zufolge steht die Gesandtschaft Arialds im Zusammenhang mit seiner zuvor vollzogenen Exkommunikation (vgl. n. 1347). Als Reaktion auf die Strafmaßnahmen der Mailänder Kirche gegen sich und seine Anhänger habe er nicht nur apologeticas ... litteras mit sich geführt, sondern Ambrosianum accusaret clerum affirmans omnes nicolaitas et symoniacos ac prorsus inobedientes Romanae eccl.; eine wichtige Position nehmen in dieser Darstellung die ambrosianischen Freiheiten der Mailänder Kirche ein, welche nach Arnulfs Erzählungen der Patarener verraten hat; dies v. a. habe ihm die Billigung durch den Papst eingetragen (vgl. n. †1354). Der Bezug zu Stephan IX. ergibt sich hier aus der Rahmenhandlung. Ebenfalls zu Stephan IX. kommt der patarinische Mailänder Gesandte in der Erzählung Landulfs sen., jedoch occulte und nicht nach vorangegangener Exkommunikation. Dem Papst gegenüber schildert Ariald nach dieser Quelle vor einer Versammlung von Prälaten die Vergehen des Mailänder Klerus. Dies habe zunächst Verwunderung und Missfallen bei den Anwesenden hervorgerufen, doch habe dann ein aus Mailand stammender Kardinal namens Dionysius (card. nomine Dionysius, qui in pueritia in eccl. Ambrosianam fuerit nutritus) die Patarener in einer langen, wiedergegebenen Rede scharf angegriffen und den Mailänder Klerus sowie dessen ambrosianische Freiheiten verteidigt. Nach einer Vertagung habe der Papst im Abstand von mehreren Tagen Ariald mit einer Gesandtschaft (vgl. n. 1352) nach Mailand zurückgeschickt. Ist Landulfs sen. Darstellung der Ereignisse insgesamt tendenziös und aufgebauscht (so ist von einem Kardinal Dionysius sonst nichts bekannt; vgl. aber Giorgio Giulini, Memorie spettanti alla storia, al governo ed alla descrizione della città e della campagna di Milano II [Mailand 1760-1775] 387) und demnach unglaubwürdig, so kommt ihr gegenüber Arnulf doch der Vorteil zu, dass die Abfolge des Geschehens eher möglich wird. Falls Ariald unabhängig von der Synode von Fontaneto (vgl. n. 1347) den Papst aufsuchte, kann er bereits vor November 1057 in Rom sein. Da die päpstliche Gesandtschaft noch im Dezember des Jahres in Mailand (vgl. n. 1352) war und deren Leiter Hildebrand schon zu Weihnachten am deutschen Königshof (vgl. n. 1352), ist die Abreise aus Rom erst Ende November auszuschließen. Dieses würde aber Arnulfs Erzählung nahelegen. Die von diesem genannten apologeticae litterae machen nur dann einen Sinn, wenn Ariald erst nach seiner Exkommunikation durch die frühestens zu Beginn des Novembers durchgeführte Synode von Fontaneto die Reise nach Rom antrat; in Rom könnte er dann frühestens Mitte des Monats gewesen sein, die päpstlichen Gesandten frühestens Anfang Dezember in Mailand. Ihre Anwesenheit am Rhein zu Weihnachten würde dann bedeuten, dass sie Mailand bestenfalls gestreift haben könnten. Zu umgehen ist das Dilemma durch einen Verzicht auf das Junktim zwischen dieser Reise Arialds nach Rom und dem Urteil der Synode von Fontaneto; in diesem Fall kann Ariald etwa gleichzeitig mit der Gesandtschaft des Mailänder Klerus (n. 1346) in Rom gewesen sein. Auch die andere Behauptung Arnulfs, geteilt von Andreas in der Vita Arialds, aber von Landulf sen. ebenfalls angedeutet, dass Stephan IX. die Sache der Patarener gebilligt und im Streit mit dem Mailänder Erzbischof für sie Partei genommen habe, ist eher abzulehnen. Vielmehr scheint die aus diesem Anlass nach Mailand entsandte päpstliche Legation die Aufgabe gehabt zu haben, sich ein Bild zu machen. Andererseits bot die patarinische Bewegung dem Papsttum die Möglichkeit, die Reform auch im lombardischen Episkopat voranzutreiben, woran bereits Leo IX. mehrfach gescheitert war (vgl. nn. 1035, 1037).

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI III,5,2 n. 1350, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1057-09-00_6_0_3_5_2_1022_1350
(Abgerufen am 24.04.2017).