Regestendatenbank - 174.566 Regesten im Volltext

RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,2

Sie sehen den Datensatz 968 von insgesamt 1068.

Papst Viktor (II.) schickt (Kardinal) Bischof Humbert (von Silva Candida) nach Montecassino mit dem Auftrag, die strittige Abtwahl (nn. 1239, 1240, 1287, 1288, 1290) zu untersuchen, nötigenfalls den gewählten Abt (Petrus) abzusetzen und bei Widerspruch diesen und dessen Begünstiger zu exkommunizieren.

Überlieferung/Literatur

Erw.: Amatus von Monte Cassino, Hist. Normannorum III 49 (De Bartholomaeis, FSI 76/1935, 165); Leo Marsicanus, Chr. Casinensis II 91 (MG SS XXXIV 347). Reg.: IP VIII 138 n. *76. Lit.: Di Meo, Annali VII 378f.; Höfler, Deutsche Päpste II 249ff.; Tosti Storia di Montecassino I 209ff.; Gfrörer, Gregor VII. VI 793f.; Hirsch, Desiderius 16; Hirsch, Amatus 290; Robert, Étienne X 59; Baist, Amatus 311; Halfmann, Cardinal Humbert 16f.; Wattendorff, Stephan IX. 21; Robert, Pape belge: Étienne X 21; Davidsohn, Florenz I 206ff.; Hauck, Kirchengeschichte III 668; Kehr, Humbert 105f. (ND Ders., PUU in Italien II 593f.); Gay, L'Italie II 509f.; Polzin, Abtswahlen 40ff.; Riese, Besetzung der Reichsabteien 65f.; Guggenberger, Deutsche Päpste 76; Fliche, Réforme I 171, 280f.; Mann, Popes VI 199, 210f.; Kölmel, Rom 117; Michel, Papstwahl 49; Tellenbach, Libertas 224; Santifaller, Elenco 152f., 170; Wühr, Wiedergeburt Montecassinos 444; Krämer, Papstnamensänderungen 170; Morghen, Programma della riforma gregoriana 159; Hoffmann, Abtslisten 317ff.; Grégoire, Mont-Cassin dans la réforme 28ff., 33; Gilchrist, Cardinal Humbert 38; Hüls, Kardinäle 132; Graham A. Loud, Abbot Desiderius and the Gregorian Papacy (JEH 30/ 1979, 305-326) 310; Fabiani, Terra di S. Benedetto I 79f.; Goez, Gebhard I. als Papst Viktor II. 13f.; Cowdrey, Age of Abbot Desiderius 57f.; Schmidt, Alexander II. 57; D'Alessandro, Storiographia 38; Dormeier, Montecassino 1; Goez, Gebhard I. als Papst Viktor II. 13f.; Kelly, Montecassino 81; Bloch, Monte Cassino I 38; Gemmiti, Ideologia nello scisma 53f.; Houben, Normanni e Montecassino 352; Tabacco, Montecassino e l'impero 46f.; Kelly, Abbot Desiderius and the Liturgical Chants 402; Poull, Maison de Bar 40; Dischner, Humbert 11; Taviani-Carozzi, Terreur du monde 200, 227; Howe, Church Reform 132f.; Bergmann, Löwe von Calw 36; Benericetti, L'eremo 79; Hägermann, Papsttum am Vorabend des Investiturstreits 23f.

Kommentar

Nach Darstellung der Quellen ist die Absetzung des erwählten Abts das vorrangige Ziel der Mission, denn der missus ... ex parte pape Humbertus episcopus hat den Auftrag, si ... occasionem reperire veleret, ... abbatem ... deponeret (Leo Marsicanus). Nach der ersten Version der Chronik war auch Friedrich, der dann zum Abt gewählt wurde, einer der päpstlichen Legaten, doch wurde dessen Name wieder ausradiert. Gründe waren nach Darstellung der Chronik für die päpstliche Wahlprüfung nicht nötig, sondern nur ein Anlass, wie alles, was gegen den Elekten vorgebracht wurde (nn. 1239, 1240, 1287, 1288, 1290), nach ihrer Unterstellung nur Vorwände waren. Damit stimmt Amatus von Montecassino überein, der den Elekten Petrus für einen religiuos moinne hält. Abgesetzt werden sollte er aber weil er non fu trop expert de chozes seculeres. Diese Beobachtung trifft sicher die politischen Lage, denn angesichts des von Leo IX. heraufbeschworenen Normannenkrieges brauchte der Papst einen politisch erfahrenen Mann als Abt von Montecassino. Ein anderes Problem im Zusammenhang mit der Wahl ergab sich für den Papst aus dem Umstand, dass der Elekt offenbar in bestem Einvernehmen mit dem Fürsten stand (Leo Marsicanus, Chr. Casinensis II 90, MG SS XXXIV 342) und damit die Möglichkeit gegeben war, dass Montecassino zu sehr in die fürstliche Lokalpolitik involviert würde. Zeitlich einzuordnen ist die Legation kurze Zeit nach der Abreise des Petrus aus Rom (n. 1291), die wiederum nach Abschluss der Synode von 1057 (n. 1290) anzusetzen ist. Die von Viktor II. veranlasste Absetzung des Cassinenser Abtes führte jedenfalls dazu, dass er als einziger Reformpapst nicht in den Kalender des Klosters inskribiert wurde. – Seinem Auftrag entsprechend kam der Kardinallegat am 18. Mai (die s. Pentecostes) in Montecassino an, übermittelte den Mönchen den apostolischen Segen und feierte die Pfingstmesse. Erst am folgenden Tag, dem 19. Mai (secunda feria), begann Humbert mit der Untersuchung der vom Papst angefochteten (n. 1239) Abtswahl. Dabei erklärten sich die Mönche nach der Darstellung der Chronik einmütig für Abt Petrus und verwiesen auf die ihnen aufgrund ihrer Regel und päpstlicher Privilegierung (vgl. nn. 552, 553, 1064) zustehende freie Wahl. Die Quelle führt aus, Humbert habe dazu geschwiegen, was angesichts der von den Mönchen nun gezeigten Einmütigkeit verständlich ist; nur eine strittige Abtwahl bot der Kurie die Möglichkeit, den politisch nicht erwünschten Abt Petrus zu ersetzen. In dieser Situation führten am 20. Mai vier Mönche, Anhänger des Petrus, die Wende herbei, indem sie die bewaffnete Bevölkerung zur Unterstützung ihres Abts gegen die römischen Gesandten ins Kloster riefen; nur der Abt selbst konnte den Tumult beenden. Die von Humbert im Kapitel durchgeführte Untersuchung brachte zwar die Schuldigen hervor, belastete aber dennoch Abt Petrus, der daraufhin am 22. Mai (tertia post hec die) in der Klosterkirche durch Niederlegung seines Stabes auf den Altar zurücktrat. Tags darauf (altera vero die, idest VI. feria post pentecosten) fand presidente ... Humberto apostolice sedis legato die Abtswahl statt, welche uno ... consensu et unanimi voluntate zur Wahl Friedrichs von Lothringen führte. In der Urkunde bezieht der Papst sich auf die einmütige Wahl Friedrichs, die durchgeführt wurde in praesentia responsalis nostri. Der neue Abt war nach seiner Karriere an der Kurie 1055 Mönch in Montecassino geworden, nachdem er auf kaiserlichen Druck sein Amt als päpstlicher Kanzler verloren hatte und sich aus der Politik zurückziehen musste (n. 1213). Friedrich stellt das Gegenstück zu dem unpolitischen Abt Petrus dar, war nach 1050 eine der Stützen der päpstlichen Süditalienpolitik und trat insbesondere als Gegner der Normannen hervor. Da Friedrich noch am 27. April (n. 1293) und 13. Mai (n. 1295) in Rom weilte, sein Abt Petrus jedoch nach der Synode vom 18. April, wohl schon kurz danach, nach Montecassino zurückgeschickt worden war (n. 1291), liegt es nahe, dass der künftige Abt mit dem Kardinallegaten aus Rom in sein Kloster zurückkehrte. Das Jahr von Friedrichs Amtsantritt war a. D. MLVII. Laut Amatus (p. 165) trat Abt Petrus zurück, weil er für den Papst nicht annehmbar war. Der neu gewählte Abt Friedrich spielt später, als Stephan IX., in seinem Privileg für Montecassino auf seine Wahl zum Abt des Klosters an (n. 1376). Amatus weiß nur, dass im Zuge von Humberts Gesandtschaft der (ehemalige) Cancellier Friedrich Abt wurde. Absetzung und Wahl sind auch im Chronicon Vulturnense vermerkt: Petrus ... post annos duos expulso, quia nimis erat simplicissimus, Fridericius fit abbas. Petrus Diaconus erwähnt nur die durch den Papst vorgenommene Absetzung des Petrus; vgl. auch Ann. Casinenses 1057 (MG SS XIX 306). Ein Argument für die Wahl Friedrichs neben seiner Papstnähe ist möglicherweise darin zu suchen, dass er einer der Gesandten Leos IX. nach Konstantinopel war (n. 1133), die auf ihrer Rückreise von Griechenland dem Benediktskloster enorme Geschenke des byzantinischen Kaisers mitbrachten, z. B. eine jährliche Pension von zwei Pfund Gold (Leo Marsicanus, Chr. Casinensis II 85 [MG SS XXXIV 334]; Bloch, Monte Cassino I 37f.; Schreiner, Diplomatische Geschenke 276).

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI III,5,2 n. 1296, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1057-05-00_3_0_3_5_2_968_1296
(Abgerufen am 08.12.2016).