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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,2

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Papst Leo IX. lässt seinen Sarg in die Peterskirche bringen und verbringt dort den Tag in Anwesenheit einer großen Zahl von Bischöfen, Klerikern und Gläubigen mit langen Gebeten, hält eine Predigt, welche die wesentlichen Linien seines Pontifikats rekapituliert, beichtet den anwesenden Bischöfen, absolviert die Anwesenden und betet für die Kirche und die Gläubigen, die Häretiker und Ungläubigen, teilt mit den Anwesenden Brot und Wein, betet für seine Widersacher, die Familienangehörigen der Tuskulaner, segnet seinen Sarg mit einem Gebet über die Vergänglichkeit und verabschiedet alle für den nächsten Tag.

Überlieferung/Literatur

Erw.: Hermann von Reichenau, Chr. 1054 (MG SS V 133); Vita Leonis IX (Wibert-Vita) II 26 (14) (Krause, MG SS rer. Germ. 70/2007 238); Vita Leonis IX II 3, 4, 5 (Poncelet 290ff.); Libuin, De obitu s. Leonis IX 3-6 (Watterich, Vitae I 172ff.); De obitu s. Leonis papae IX 3 (Migne, PL 143, 505-510, 506f.); Historia mortis s. Leonis I 3-6 (Migne, PL 143, 525-542, 527); Bruno von Segni, Libellus de simoniacis (Sackur, MG Ldl II 551); Vita Leonis IX (Borgia II 326ff.). Reg.: . Lit.: Höfler, Deutsche Päpste II 205ff.; Hunkler, Leo IX. 38ff., 269f.; Spach, Saint Léon IX 25f.; Delarc, Pape alsacien 507ff.; Steindorff, Heinrich II 266ff., 271; Brucker, L'Alsace I 265, II 368ff.; Martin, Saint Léon 186ff.; Drehmann, Simonie 25; Borino, Elezione 206, 221f., 387f.; Prochnow, Spolienrecht 57, 115ff.; Paulus, Geschichte des Ablasses 51, 74; Stein, Deutsche Heilige 33f.; Mann, Popes VI 176f.; Mann, Tombs of the Popes 27; Graf, Widerstände 97; Stintzi, Leo IX. der Papst 41ff.; Méras, Saint Léon 92; Giovanelli, Cronologia di s. Bartolomeo 71; Brezzi, Aspetti della vita politica 125; Giovanelli, S. Bartolomeo Iuniore 212ff.; Garreau, Saint Léon IX 158ff.; Zimmermann, Papstabsetzungen 134; Herrmann, Tuskulanerpapsttum 164; Luccicchenti, Benedetto IX 48f.; Krause, Über den Verfasser 62f.; Elze, Sic transit gloria mundi 3, 6, 11f. und passim; Whitton, Papal Policy 86; Herklotz, Sepulcra e monumenta 95f.; Cowdrey, Deathbed Testaments 705f.; Borgolte, Petrusnachfolge 143; Paravicini Bagliani, Leib des Papstes 105f., 108, 110f., 124; D'Acunto, Laici nella chiesa 228f.; Goullet, Vie de Léon IX 199; Herklotz, Eredi di Costantino 20; Corbet, Burchard de Worms 260; Parenti, Grottaferrata 120; Taviani-Carozzi, Léon IX et les Normands 303f., 326; Corbet, In multis 345f.; Verkerk, Life after Death 91; Bojcov, Plünderung der Herrscher 56f.; Rollo-Koster, Raiding St-Peter 133; Jasper, Konzilien (MG Concilia VIII) 323.

Kommentar

Übereinstimmend berichten die Poncelet und Borgia-Vita sowie Libuin und De obitu, Leo IX. habe am Tag nach dem 17. April (1054) (zur Datierung n. 1149) seinen Sarkophag in die Peterskirche (am Vatikan) bringen lassen (Poncelet-Vita: precepit ut tumulum eius marmoreum in aeccl. ducerent; Borgia-Vita: vir ven. sarcofagum, quod sibi preparaverat ... in eccl. b. Petri deferri precepit), was Bruno von Segni in den Worten tumulum sibi parari iussit aufgreift. – Zugleich strömten nach Darstellung aller Quellen Bischöfe, Klerus und Volk im Vatikan zusammen (Poncelet-Vita: venerunt omnes cleros in aeccl. b. Petri; Borgia-Vita: convenientibus cunctis; Libuin: adveniente omni clero et cuncto populo Romano; Bruno von Segni: convenerunt iterum episcopi et sacerdotes), was den Eindruck erweckte, der Papst sei bereits verstorben. Das wiederum veranlasste die Römer zu dem Versuch, in den Lateranpalast zu dringen und gewohnheitsgemäß (vgl. nn. 892, 1356, 1357) den päpstlichen Besitz zu plündern, was allerdings wegen der Verdienste des Papstes (wunderbarer Weise) verhindert worden sei (Poncelet-Vita: Romani vero videntes tumulum eius portantes in aeccl., irruerunt omnes unanimiter Laterani pergentes, ut palatium expoliarent, sicut solebant facere. Sed tanta fuit merita et virtutem b. presulis, ut nec unus valeret introire in circuitu palatii und fast wörtlich identisch bei Libuin und De obitu. Borgia-Vita: Quod videntes Romani, estimantes illum mortuum esse, Lateranense adeunt palatium, quatinus more solito omnem illius diriperent suppellectilem. Sed tanta fuerunt s. merita, ut nulli quidem intrandi permitteretur facultas); vgl. Graf, Weltliche Widerstände 97; Prochnow, Spolienrecht 57, 115ff.; Elze, Sic transit gloria mundi 3, 6, 11f. und passim; D'Acunto, Laici nella chiesa 228f.; Bojcov, Plünderung der Herrscher 56f.; Rollo-Koster, Raiding St-Peter 133. – An die in der Peterskirche versammelte Menge richtete der im Bett sitzende Papst (Poncelet-Vita: papa in lecto sedente in aeccl. b. Petri) dann eine Ansprache, in welcher er die wesentlichen Anliegen seines Pontifikates rekapitulierte, auf die er die Hörer verpflichtete; angesprochen hat Leo IX. dabei das Verbot, Kirchenbesitz zu entfremden, das Verbot, Eide abzulegen, jenes der Verwandtenehe, er verbot außerdem, Rompilger zu belästigen und verlangte die Leistung von Zehnt und Primitien (Libuin: ut nullus ... aliquam rem pertinentem ad regimen s. eccl. per possessionem ad usum suum tenere; ... usus iurandi vestro delatur ex corde; ... contestor vos omnes, ut consanguineae vestrae non commisceamini; ... ut advenientibus ex cunctis ... partibus hominibus ad orandum Deum et eius apostolum ... nullus impedimentum exhibeat; ... ex omnibus frugibus terrae ... et de animalibus ... primitias detis). Entsprechendes berichten auch die Poncelet-Vita, welche neben Primitien auch decimas anführt, und Bruno von Segni, der zugunsten des Zehnts auf die Primitien verzichtet, wohingegen die Borgia-Vita nur eine längere Ansprache erwähnt. Hermann von Reichenau geht nur knapp auf den Segen und die Ansprache des Papstes ein. – Im Anschluss an seine Ansprache rief der Papst die Bischöfe zu sich und legte eine Beichte ab (Poncelet-Vita: vocavit omnes episcopos vel cleros et fecit veram confessionem; sinngleich auch bei Libuin). – Danach richtete Leo IX. sich erneut an die Menschenmenge und verlangte Reue (Poncelet-Vita: iussit omnes petere veniam de peccatis suis), um anschließend in Betrachtung des Kreuzes still zu beten (Poncelet-Vita: respiciens in cruce et magnas preces effudit Domino pro omnibus; Libuin: respixit s. crucem et perfusus lacrymis oravit diutissime; Borgia-Vita: intuens signum salutis, magnis antea pro omnibus precibus effusis; Bruno von Segni: conversus ad crucem magnas preces pro omnibus fudit) und dann die Anwesenden und einzelne Gruppen zu absolvieren (Poncelet-Vita: dimittens omnia peccata eorum et absolutionem fecit de omnibus peccatis quibus commiserunt; Borgia-Vita: absolutione facta omnia delicta eis dimisit). Gehen diese Quellen also davon aus, dass der Papst die Anwesenden absolviert habe, so übergehen Libuin und Bruno von Segni diese Handlung, um unmittelbar auf das auch von den anderen Quellen geschilderte Absolutionsgebet Leos IX. einzugehen. Dieses Gebet, das der Papst an Christus als den pastor bonus richtet und das unter Zitierung der Lösegewalt des hl. Petrus (Mt 16, 19) als Absolution zu verstehen ist, führen die Poncelet-Vita und Libuin in der ausführlichsten Version an. Leo IX. bittet darin Gott, die Kirche zu beschützen und zu befrieden (Poncelet-Vita: custodire et pacificare ... defendere ... ab omni ... heretica perfidia eas repellas), die (bei Civitate) im Kirchendienst Gefallenen (nn. 1078, 1091) von ihren Sünden zu befreien und in die Zahl der Martyrer aufzunehmen (Poncelet-Vita: fratribus nostris, qui ad defendendam s. catholicam aeccl. ... sanguinem suum fuderunt, absolve illos ab omnibus peccatis suis et dignare eos in numeruo martyrum sociare); er betet weiterhin für die Bekehrung der Ungläubigen und Häretiker und absolviert insbesondere die von ihm selbst Exkommunizierten (Poncelet-Vita: ut omnes, quos ego anathematizavi et excommunicavi, absolve), um schließlich für die Bewohner all der Länder und Gegenden, die er persönlich aufgesucht hat und jene Menschen, mit denen er zusammengekommen ist, ein Gebet zu sprechen. Dieses in der Poncelet-Vita geschilderte allgemeine Absolutionsgebet wird in anderer Formulierung, jedoch mit dem gleichen Inhalt auch von Libuin und Bruno von Segni wiedergegeben, sowie in der Borgia-Vita unter Verzicht auf die Passage, welche die Gefallenen von Civitate betrifft. Bruno von Segni erweitert das Gebet darüber hinaus noch um eine Bitte für die Getreuen des Papstes in Benevent (fideles tuos Beneventanos, qui ... michi servierunt ... benedicere). – Ein daraufhin vom Petersaltar ausströmender und die ganze Kirche erfüllender Wohlgeruch (Poncelet-Vita: in illa hora tantus fuit odor, qui exiit de ipso altare s. Petri, qui totam aeccl. replevit) wird auch von Libuin und in der Borgia-Vita erwähnt, die alle ebenfalls übereinstimmend anführen, dass der Papst im Anschluss daran mit den anwesenden Bischöfen und den unmittelbar Umstehenden Brot gegessen und Wein getrunken habe. – Ein anschließendes Gebet Leos IX. ist allerdings nur in der Poncelet-Vita und bei Libuin erwähnt; es handelt sich um eine Fürbitte des sterbenden Papstes für seinen Vorgänger Benedikt IX. und dessen Brüder, die beiden Tuskulanergrafen Gregor und Petrus, für deren Bekehrung er Gott anruft (Libuin: magne Deus ... ad te converte Theophylactum et Gregorium et Petrum). Dieses Gebet kann als Hinweis dafür gelten, dass der abgesetzte (nn. 327, 393) Benedikt IX. seinen Nachfolger Leo IX. noch überlebt hat (vgl. n. 1225). – Anschließend begab der Papst sich zu seinem Grab, predigte über die Vergänglichkeit des Lebens und segnete unter Tränen seinen Sarg (Borgia-Vita: perrexit ad tumbam ... inquit: '... quam vilis quamque fragilis et transitoria sit humana gloria ... benedictus sis inter lapides'; entsprechend auch bei Libuin und De obitu), um die Anwesenden schließlich (lt. Libuin: mit einem Segen) bis zum nächsten Morgen zu verabschieden. – Eine kurze Passage im Rahmen der in De obitu s. Leonis papae geschilderten Grabesbetrachtung des Papstes hat zu umfangreichen Diskussionen in der Wissenschaft geführt. Nach dieser Quelle resümierte der Papst mit Blick auf seinen Sarg: cellam quam monachus incolui in spatiosissima palatia ... vidi conversam: modo ad huius sarcophagi angustias iterum est remeandum (507). Auch die Borgia-Vita und Libuin berichten von der Grabesbetrachtung, doch fehlt in beiden Quellen der Vergleich, in welchem der Papst seine frühere Mönchszelle nach einem Leben in Palästen der Enge des Sarges gegenüberstellt. Die Kernaussage, dass Leo IX. Mönch gewesen sei, findet sich daher nur in De obitu. Diese Behauptung, von den monastischen Orden und deren Historiographen in späteren Jahrhunderten gern aufgenommen, taucht quellenmäßig ansonsten nicht auf. Allgemein wird angenommen, dass der an der Kathedrale in Toul ausgebildete junge Bruno eine Karriere als Kanoniker und nicht als Mönch durchlaufen hat. Allerdings stand er dem Mönchtum außerordentlich positiv gegenüber (und hat möglicherweise zusätzlich eine monastische Ausbildung erhalten, vgl. nn. 1153, 1154). – Während die Darstellung der in sich übereinstimmenden Poncelet und Borgia-Vita sowie Libuins und Brunos von Segni einen klar gegliederten zeitlichen Ablauf der drei letzten Lebenstage des Papstes (nn. 1149, 1150, 1155-1160) erkennen lässt, sind die Hinweise der Wibert-Vita auf das Sterben des Papstes in dieses Schema nur vage einzuordnen. Ein Gebet in St. Peter am 18. April lässt jedoch auch diese Quelle erkennen. Danach aber nimmt die Wibert-Vita einen Ortswechsel in den Vatikanpalast an, wo am selben Tag die meisten der ansonsten zum 19. April berichteten Handlungen (vgl. n. 1160) stattgefunden haben sollen. Wahrscheinlich ist jedoch, dass mit dem in der Wibert-Vita geschilderten Ortswechsel von der Peterskirche in den Vatikanpalast (n. 1157) der Abend des 18. April bezeichnet ist und die darauf folgenden Hinweise auf den 19. April zu beziehen sind; dies allerdings mit der Ausnahme der Vorhersage der genauen Todeszeit. Diese Handlung müsste chronologisch richtig am 18. April eingeordnet werden: "Wibert" berichtet nämlich, die beim Papst Anwesenden hätten dessen Tod unmittelbar erwartet, worauf Leo IX. sie auf die dritte Stunde des folgenden Tages verwiesen und für diesen Zeitpunkt wieder zu sich geladen habe.

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Empfohlene Zitierweise

RI III,5,2 n. 1156, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1054-04-18_2_0_3_5_2_828_1156
(Abgerufen am 29.04.2017).