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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,2

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Papst Leo (IX.) beklagt gegenüber den (afrikanischen) Bischöfen Petrus und Johannes (fratribus Petro et Joanni episcopis) den Verfall der afrikanischen Kirche und deren Reduzierung von 205, ehedem bei Synoden anwesenden, auf fünf gegenwärtig amtierende Bischöfe, bedankt sich für eine Anfrage (scripsistis nobis) (n. 1121) und ein in seinem Auftrag abgehaltenes Konzil (iussi a nobis concilium de rebus ecclesiasticis habuistis) (n. 1120), welches er zur jährlichen Wiederholung empfiehlt, lobt die Empfänger für die Verteidigung der Rechte der Kirche von Karthago gegenüber dem Bischof von Gummi, da diese der nach Rom für Afrika wichtigste Bischofssitz sei, wie bereits die Konzilien (der Bischöfe) Cyprian und Aurelius (von Karthago) sowie die unaufhebbaren Privilegien der Päpste betont hätten (recte contra Gummitanum episcopum dignitatem Carthaginensis eccl. defendistis; quia ... post Romanum pontificem primus archiepiscopus et totius Africae maximus metropolitanus est Carthaginensis episcopus, nec ... potest perdere privilegium semel susceptum a Romana ... sede ... ex concilio ... Cypriani ... Aurelii ... Romanorum praesulum decretis aperte monstratur), lehnt jegliche Vollmacht des Bischofs von Gummi zur Weihe und Absetzung von Bischöfen oder zur Berufung von Provinzialsynoden ohne Zustimmung des Erzbischofs von Karthago ab, der als einziger Bischof in Afrika das Pallium verliehen erhalte (nec ... Gummitanus episcopus, aliquam licentiam consecrandi episcopos vel deponendi, seu provinciale concilium convocandi habet sine consensu Carthaginensis archiepiscopi ..., qui solus in Africa pallium ab apostolica sede habere solet), weist im Blick auf die Primatialstellung des römischen Bischofs darauf hin, dass nur der Papst Generalkonzilien veranstalten und Bischöfe absetzen dürfe und trotz des konziliaren Rechtes, Bischöfe zu prüfen, die endgültige Entscheidung beim Papst liege (non debere praeter sententiam Romani pontificis universale concilium celebrari, aut episcopos damnari, vel deponi, quia ... licet vobis ... episcopos examinare, diffinitivam ... sententiam absque consultu Romani pontificis ... non licet dare) sowie alle maiores ... causae von diesem zu entscheiden seien; der Papst führt in Beantwortung einer Anfrage über die (kirchenrechtliche) Stellung von Erzbischof und Metropolit (de archiepiscopis et metropolitanis sententiam nostram requiritis) (n. 1121) gemäß den Verlautbarungen der Päpste Clemens (I.), Anaklet (I.) und Anicet (Clementis, Anacleti, Aniceti) aus, es gebe nur einen Weihegrad der Bischöfe (episcoporum ... ordo unus est), allerdings mit unterschiedlicher, durch die natürliche Zentralität der Stadt ihres Bischofssitzes und päpstliche Privilegien bedingten Unterschieden in Bedeutung und Würde; so stünden Patriarchen und Primaten mehreren Provinzen vor, Erzbischöfe einer einzigen Provinz, Metropoliten seien die Bischöfe größerer Städte (mater ciuitas) und würden bisweilen auch als Erzbischöfe bezeichnet, während Bischöfe ihren Sitz in gewöhnlichen Städten hätten; über allen aber stehe der Papst (omnibus divino et humano privilegio praelatus est pontifex Romanus); bezüglich der Kirchenstruktur in Afrika sei allerdings zu beachten, dass hier die Würde der Bischöfe durch ihre Anciennität bestimmt werde, so dass der jeweils Amtsälteste als Primas seiner Provinz fungiere, doch sei der erste von allen der Erzbischof von Karthago (de Africae primatibus ... in singulis eius provinciis ... primates instituebantur ... sed secundum tempus suae ordinationis; quibus ... omnibus praeerat ... archiepiesopus, qui etiam non incongrue dici potest metropolitanus propter Carthaginem metropolim totius Africae).

Incipit:
Decus ecclesiarum Africanarum ita conculcatum ...

Überlieferung/Literatur

Orig.: . Kop.: 1) 11. Jh., Bern, Burgerbibl., Cod. lat. 292 fol. 17v; 2) 15. Jh., Leipzig, UniBibl., Ms. 272 fol. 441; 3) 1550, Rom, Bibl. Vat., Cod. vat. lat. 3790 fol. 35; 4) 16. Jh., München, StBibl., Cod. lat. 111 fol. 243; 5) 16. Jh., Paris, Bibl. nat., Ms. lat. 3160A fol. 34; 6) 16. Jh., Rom, Bibl. Vat., Cod. vat. lat. 5638 fol. 19; 7) 16. Jh., Rom, Bibl. Vat., Cod. vat. lat. 5594 fol. 29; 8) 16. Jh., Rom, Bibl. Vat., Cod. Regin. lat. 413 fol. 270v (unleserlich); 9) 16./17. Jh., Rom, Bibl. Vallicelliana, Ms. C 27 fol. 187; 10) 16./17. Jh., Mailand, Bibl. Ambrosiana, Cod. D. 319 inf., nach fol. 123 (nicht eingesehen, so Kehr, PUU in Mailand 77); 11) 17. Jh., Rom, Bibl. Vallicelliana, Ms. G 99 fol. 148. Erw.: n. 1122; Sigebert von Gembloux, De viris illustribus § 150 (Witte 94, 986). Drucke: Surius, Leonis I. Opera cum Leonis IX lucubrationes 188; Surius, Conciliorum tomus III 591; Carafa, Epistolae decretales III 537; Binius, Generalia et provincialia concilia III/2 1105; Labbe/Cossart, Conc. IX 973; Hardouin, Acta conc. VI/1 950; Coleti, Conc. XI 1342; Collectio regia XXV 457; Mansi, Conc. XIX 658; Migne, PL 143, 729; Mas Latrie, Traités de paix II 3; Brucker, L'Alsace II 343 (fragm franz. Übersetzung). Reg.: Höfler, Deutsche Päpste II 377; J 3268; Streit/Dindinger, Bibliotheca missionum XV 2 n. 2; Hettinger, Beziehungen des Papsttums zu Afrika 306 n. 5; JL 4305. Lit.: Höfler, Deutsche Päpste II 191; Hunkler, Leo IX. 261, 280; Will, Restauration I 119f.; Mas Latrie, Traités de paix I 116f.; Delarc, Pape alsacien 434ff.; Brucker, L'Alsace II 344f.; Mas Latrie, L'episcopus Gummitanus 72f.; Martin, Saint Léon 172ff.; Mann, Popes VI 132f.; Seston, Derniers temps du Christianisme en Afrique 120; Michel, Aktenstücke zum griechischen Schisma 56f., 60ff.; Michel, Sentenzen des Kardinals Humbert 185ff.; Courtois, Grégoire VII et l'Afrique 108f., 116ff., 120f., 195f., 201ff.; Fuhrmann, Patriarchate II 31; III 131, 159f.; Michel, Schisma und Kaiserhof 388; Ryan, Cardinal Humbert De s. Romana ecclesia 217; Fuhrmann, Das ökumenische Konzil 681ff.; Gilchrist, Humbert of Silva Candida 20f.; Garreau, Saint Léon IX 153f.; Capitani, Immunità 194f.; Congar, Lehre von der Kirche 57f.; Fuhrmann, Pseudoisidorische Fälschungen II 343ff., 353; Hoesch, Kanonistische Quellen 13, 28, 44ff.; Robison, Humberti Cardinalis 75f.; Fois, Cardinali vescovi 91f.; Maccarrone, Teologia del primato 39ff.; Fransen, Papes, conciles 207f., 222f.; Petrucci, Ecclesiologia e politica 138ff., 168, 189; Blumenthal, Paschalis II and Primacy 69; Cuoq, L'Église d'Afrique du Nord 125ff.; Horst Fuhrmann, Ecclesia Romana Ecclesia Universalis (Rom im Hohen Mittelalter. Studien zu den Romvorstellungen und zur Rompolitik vom 10. bis zum 12. Jahrhundert, hg. von Bernhard Schimmelpfennig/Ludwig Schmugge [Sigmaringen 1992] 41-45) 43; Hettinger, Beziehungen des Papsttums zu Afrika 67ff., 74ff., 80ff., 85ff., 91ff., 96ff., 109ff., 117ff.; Congar, Église et papauté 88; May, Ego 35; Dischner, Humbert 78f.; Georg May, Der Erzbischof von Mainz als Primas (Der Mainzer Kurfürst als Reichskanzler. Funktionen, Aktivitäten, Ansprüche und Bedeutung des zweiten Mannes im alten Reich, hg. von Peter Claus Hartmann [Geschichtliche Landeskunde 45, Stuttgart 1997] 35-76) 52; Blumenthal, Conciliar Canons and Manuscripts 361ff.; Blumenthal, Papacy and Canon Law 202f.; Cowdrey, Gregory VII 491f.; Johrendt, Reisen der Reformpäpste 69f.; Munier, Léon et l'archevêque de Carthage 447ff., 452ff., 464ff. und passim; Segl, Africa Pontificia 230; Munier, Léon IX 248; Schmieder, Peripherie und Zentrum 367f.; Scholz, Politik 439ff.; Frech, Urkunden Leos IX. 166f.; Munier, Léon et le droit 391, 393ff.; Chazan, Léon IX dans l'historiographie 601; D'Agostino, Primato 77.

Kommentar

Zur Überlieferung vgl. Kehr, PUU in Mailand 77 (ND Ders., PUU in Italien III 251), Kehr, PUU in Rom I 9 (ND Ders., PUU in Italien IV 9), Brackmann, PUU des östlichen Deutschland 201 (ND Ders., PUU in Deutschland 9), Hoesch, Kanonistische Quellen 13, Hettinger, Beziehungen des Papsttums zu Afrika 67ff., Willjung, Konzil von Aachen 95f., 98, 103 und D'Agostino, Primato 84f., 87f. Die Urkunde stimmt inhaltlich und teilweise wörtlich mit n. 1122 überein, mit der sie auch immer zusammen überliefert ist. Aufgrund des Hinweises in n. 1122: Iam vero quia ad interrogata etiam confratrum nostrorum Petri et Ioannis episcoporum decrevimus respondere wird das ohne Eschatokoll überlieferte Dokument wie n. 1122 datiert. Die Amtssitze der Adressaten sind nicht erwähnt, doch ist aufgrund des Inhalts anzunehmen, dass es sich um Bischöfe in Nordafrika handelt. Zum Zusammenhang vgl. n. 1122. Der Brief stellt den Abschluss einer Reihe von Kontakten mit den beiden Bischöfen dar, welche wiederholt an den Papst geschrieben und in seinem Auftrag eine Synode veranstaltet hatten (nn. 1120, 1121). Bezüglich der Aussagen zum Zustand der Kirche in Nordafrika, dem Konflikt mit dem Bischof von Gummi und der Einschärfung des römischen Primats vgl. n. 1122, wobei allerdings hier der römische Primatsanspruch durch Bibelzitate und Metaphern Cyprians sowie solche aus Texten Pseudoisidors und dem Constitutum Constantini noch stärker untermauert ist. Über den parallel ausgefertigten Brief n. 1122 hinaus wird entsprechend der Anfrage n. 1121 die – vermutlich das afrikanische Problem berührende – Frage nach der (unter Zuhilfenahme des Körperbildes erklärten, dazu allgemein: Frech, Reform an Haupt und Gliedern 17ff. und passim) Kirchenstruktur beantwortet, wobei als Baumerkmal der Gesamtkirche ein mit dem Aufbau der weltlichen Mächte vom Kaiser über Könige hin zu den Grafen übereinstimmender Aufbau vom Papst über Patriarchen/Primaten, Erzbischöfe/Metropoliten zu den Bischöfen entsprechend der vorchristlichen Bedeutung ihrer jeweiligen Amtssitze ebenfalls aus Pseudoisidor vertreten wird. Abweichend von dieser allgemeinen Kirchenstruktur wird für die nordafrikanische Kirche bezüglich der Bedeutung der einzelnen Bischöfe das Prinzip der Anciennität eingeführt, was zwar spätantiken Traditionen dieser Teilkirche entspricht, aber die Veränderungen in byzantinischer Zeit nicht berücksichtigt. Diese Tendenz zeigt sich insbesondere bei der Betonung des Vorrangs der Kirche von Karthago in Afrika, deren in der Spätantike ausgeübte Position im Interesse des römischen Primats gefestigt wird. Der Hinweis, die karthagischen Bischöfe würden gewöhnlich das Pallium erhalten, brachte Hettinger zu der Ansicht, dass (Erz) Bischof Thomas bei Leo IX. in Benevent erschienen sei (vgl. n. 1122). An der Echtheit besteht kein Zweifel.

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Empfohlene Zitierweise

RI III,5,2 n. 1123, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1053-12-17_4_0_3_5_2_795_1123
(Abgerufen am 13.12.2017).