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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,2

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Papst Leo IX. reist nach Ungarn, um Frieden zwischen Kaiser Heinrich (III.) und König Andreas (I.) von Ungarn zu vermitteln und die kaiserliche Belagerung der ungarischen Festung Pressburg zu beenden; auf seine Vermittlung hin bricht der Kaiser die Einschließung ab, doch erbringt der ungarische König die im päpstlichen Kompromiss versprochenen Gegenleistungen nicht, weshalb der Papst ihm die Exkommunikation androht, bevor er mit dem Kaiser die Abreise antritt (vgl. nn. 995, 1116).

Überlieferung/Literatur

Erw.: Chr. s. Benigni Divionensis 1052 (Bougaud/Garnier 191); Hermann von Reichenau, Chr. 1052 (MG SS V 131); Vita Leonis IX (Wibert-Vita) II 17 (8) (Krause, MG SS rer. Germ. 70/2007 212); Vita Leonis IX I 8 (Poncelet 284); Ann. Altahenses 1052 (Oefele, MG SS rer. Germ. 4/1891 48); Frutolf, Chr. 1052 (Schmale 66); Sigebert von Gembloux, Chr. 1052 (MG SS VI 359); Auctarium Garstense 1053 (MG SS IX 567); Chr. s. Bavonis Gandensis 1052 (De Smet, Recueil des Chr. de Flandre I 553f.); Otto von Freising, Chr. VI 33 (Hofmeister, MG SS rer. Germ. 45/1912 301); Gottfried von Viterbo, Pantheon 1050 (MG SS XXII 248); Anon. Zwettlensis, Hist. Rom. pont. (Migne, PL 213, 1031); Notae s. Emmerami (MG SS XV/2 1095); Eike von Repgow, Zeitbuch (Massmann 342); Albert von Stade, Ann. 1052 (MG SS XVI 315); Sächs. Weltchr. (MG DChr. II 172f.); Helinand von Froidmont, Chr. 1052 (Migne, PL 212, 950); Johannes von Bayon, Hist. Mediani monasterii II 54 (Belhomme 247); Jakob Twinger von Königshofen, Chr. (Hegel, Chr. der deutschen Städte VIII 431; IX 558); Chr. Admuntense (Pez, SS rer. Austr. II 1179); Chr. Salisburgense 1053 (Pez, SS rer. Austr. I 341); Thomas Ebendorfer, Chr. reg. Rom. (Zimmermann, MG SS rer. Germ. NS 18/2, 2003, 745f.); Johannes Staindel, Chr. generale 1052 (Oefele, SS rer. Boic. I 476); Johannes Trithemius, Ann. Hirsaugienses 1052 (Mabillon I 192); Aventin, Ann. ducum Boiariae V 8, 9 (Riezler III 70f., 77); Aventin, Bayerische Chr. V 29 (Lexer II 293); Martin Hoffmann, Ann. Bambergenses II 24 (Ludewig, SS rer. ep. Bambergensis I 72). Reg.: J p. 375; Zombori, Magyarország és a szentszék 295 (1050-1052); JL I p. 543. Lit.: Höfler, Deutsche Päpste II 145f.; Hunkler, Leo IX. 219f.; Will, Restauration I 95f.; Baxmann, Politik der Päpste II 231f.; Delarc, Pape alsacien 374f.; Oehlmann, Alpenpässe II 281; Steindorff, Heinrich II 179ff.; Janner, Bischöfe von Regensburg I 498; Brucker, L'Alsace II 244, 249ff.; Müller, Itinerar 94; Jaksch, Geschichte Kärntens I 188f.; Kehr, Vier Kapitel 56 (ND Ders., Ausgewählte Schriften 1250); Kölmel, Rom 104f.; Ladner, Theologie und Politik 79, 156f.; Hóman, Geschichte des ungarischen Mittelalters I 260ff.; Méras, Saint Léon 91; Burg, Rôle et place de Saint Léon 106; Choux, Évêque de Toul 43; Vogt, Vergleich Konrads II. 72; Jäger, Rechtliche Abhängigkeitsverhältnisse 107f.; Uhlirz, Handbuch der Geschichte Österreich-Ungarns I 239; Garreau, Saint Léon IX 115; Brakel, Heiligenkulte 268; Kosztolnyik, Relations 39f.; Boshof, Reich in der Krise 280f.; Csóka, Benediktinisches Mönchtum in Ungarn 75f.; Kosztolnyik, Hungarian Kings 74f.; Boshof, Reich und Ungarn in der Zeit der Salier 184; Horwege, Bruno von Egisheim 113ff.; Boshof, Reich und Ungarn 53f.; Legl, Grafen von Dagsburg-Egisheim 209; Boshof, Bischöfe und Bischofskirchen 124; Black-Veldtrup, Kaiserin Agnes 10, 293; Gerics/Ladányi, Szentszék és magyar állam 14; Tilatti, Dall'agiografia 50f.; Ferenc Makk, Ungarische Außenpolitik (896-1196) (Herne 1999) 56f.; Freund, Boten und Briefe 87; Johrendt, Reisen der Reformpäpste 92; Munier, Léon IX 137f.; Minnerath, Projet réformateur 134; Schmieder, Peripherie und Zentrum 366; Scholz, Politik 435; Legl, Herkunft Leos IX 75.

Kommentar

Der deutschungarische Konflikt schwelte bereits seit 1046 der deutschfreundliche König Peter Orseolo vertrieben und statt dessen Andreas I. als ungarischer König eingesetzt wurde, der sich dem deutschen Einfluss und der kaiserlichen Oberhoheit zu entziehen suchte; der Papst hatte in dem Streit bereits mehrere Vermittlungsversuche unternommen (nn. 492, 936). Diese Situation führte im Sommer 1052 erneut zu einem Feldzug Heinrichs III. und der Belagerung der ungarischen Grenzfestung Pressburg (Preslawaspurch: Ann. Altahenses) (heute Slowakei). Der ungarische König wandte sich um Friedensvermittlung an Leo IX. (vgl. n. 978), der daraufhin den Kaiser vor der belagerten Stadt aufsuchte. Von dem Treffen mit dem Kaiser in Ungarn berichten das Chr. s. Benigni Divionensis, Chr. s. Bavonis, Sigebert u.a., sowie andeutungsweise Hermann von Reichenau. Viele der Quellen gehen allerdings – von Frutolfs korrekter Aussage aus der Perspektive nach dem ungarischen Aufenthalt beeinflusst – zu Unrecht davon aus, der Papst sei von vornherein im Gefolge des Kaisers nach Ungarn gekommen: Otto von Freising, Chr., Gottfried von Viterbo, Anon. Zwettlensis, Hist. Romanorum Pontificum, Chr. Salisburgense, Chr. Admuntense, Eike von Repgow, Zeitbuch u. a. Zur Frage, wann der Papst nach Pressburg kam, bzw. wie lange er dort verweilte, geben die Quellen keine Auskunft. Die Belagerung der Stadt dauerte 8 Wochen im August/September (Steindorff 181 nach Chr. Budense); der Papst hat sicher noch im Juli Rom verlassen, da sein dortiger Stellvertreter Halinard von Lyon (vgl. n. 979) bereits am 29. Juli starb. Leos IX. letzte sichere Handlung in Italien liegt in der Urkunde n. 983 für Mantua vom 27. Juli vor, bzw. im Zusammenhang des Aufenthalts in Padua Anfang August (n. 984). Die Ankunft in Pressburg ist aufgrund der Entfernung von ca. 650 km von Padua wohl frühestens nach Mitte August (und einer Reisezeit von mindestens von zwei Wochen) anzunehmen. Ebenso vage muss die Bestimmung der Abreise bleiben. Am 7. Oktober handelte der Papst in Regensburg (n. 998) und die Notae s. Emmerami berichten, der Kaiser sei am 6. Oktober (II non. Oct.) nach Ungarn gegangen, was in der Umdeutung auf die Ankunft in Regensburg zu diesem Datum angesichts obiger Nachricht wahrscheinlich wird (n. 995). Da die Entfernung nach Regensburg ca. 450 km beträgt, ist eine Reisezeit von mehr als zehn Tagen zu veranschlagen und die Abreise aus Pressburg vor dem 25. September anzunehmen. Schwieriger ist die Bestimmung der päpstlichen Aktivitäten bei der Friedensfindung. Alle Quellen stimmen darin überein, dass der Papst den Frieden vermittelte, dabei aber letztendlich scheiterte, was Sigebert und Chr. s. Bavonis auf die Unbeugbarkeit beider Parteien zurückführen. Plausibel scheint die Darstellung des späten Aventin, dem zufolge beide Seiten vorübergehend übereinstimmten: sie gaben ped die sach auf, was der heilig vater der pabst spräch, dabei solt es beleiben (Bayrische Chr. V 29). Anschließend hat zwar Heinrich III. die Belagerung beendet, Andreas von Ungarn aber seine durch den Papst auferlegten Verpflichtungen nicht eingehalten, wie die Niederaltaicher Annalen überliefern: callida machinatione regis Ungarorum, qui promiserat, quaecunque papa iussisset, se facturum, si per eius obtentum imp. cessaret ab oppugnatione suorum. Cum vero Danubium transfretasset exercitus, cuncta, quae spoponderat, est mentitus. Auch Hermann von Reichenau sieht im Taktieren des Ungarn die Ursache für das Scheitern der päpstlichen Friedensmission; ihm zufolge hat Andreas I. den Papst um Vermittlung mit dem Kaiser gebeten und der Papst letzteren kompromissbereit gefunden: eumque sibi per omnia consentaneum inveniens, sed econtra Andream consilis suis minus parentem experiens, offensus eique excommunicationem, utpote delusa sede apostolica, minitans, cum imp. discessit. Etwas abweichend stellt sich der Sachverhalt in Wiberts Leo-Vita dar. Ihr zufolge versprachen die ungarischen Fürsten die Wiederherstellung des früheren Zustandes (vor dem Aufstand von 1046), falls ihre Vergehen amnestiert würden (consenserunt, si praeteritorum commissorum eis concedetur indulgentia). Der Papst habe daher auf den Kaiser eingewirkt, sei jedoch wegen der subversiven Tätigkeit höfischer Kreise bei Heinrich III. auf taube Ohren gestoßen; das sei der Grund, dass das Reich Ungarn verloren habe (persuasoriis precibus imperiales aures expetere. Sed quia factione quorundam curialium, qui felicibus s. viri invadebant actibus, sunt Augusti aures obturatae precibus d. apostolici; ideo Romana respublica subiectionem regni Hungariae perdidit). Der schon früh schreibende und sonst gut unterrichtete Papstbiograph weist also im Unterschied zu allen anderen Quellen dem Kaiser die Schuld am Scheitern der Verhandlungen zu, doch sind beide Überlieferungen identisch in ihren Aussagen über die Fakten. In der Papstvita ist die Erzählung über Ungarn verknüpft mit dem Versuch Leos IX., für seinen Kampf gegen die Normannen ein Reichsheer zu mobilisieren, der durch den Kaiserhof vereitelt wurde (vgl. nn. 1014, 1022). Vermutlich sind diese Zusammenhänge verkürzt worden und dadurch ist die Erzählung in ihrer geschilderten Form entstanden. Eine Verstimmung zwischen Papst und Kaiser aufgrund der Verhandlungen in Pressburg ist jedenfalls auszuschließen, da beide im Anschluss daran mehr als 3 Monate gemeinsam Deutschland bereisten (vgl. nn. 995-1033). Eine vollzogene Exkommunikation des ungarischen Königs durch Leo IX. erwähnt nur der späte Martin Hoffmann: Leo ... indignatione adeo excessit, ut eum a communione ... excluserit; das geht vermutlich auf eine weniger weit gehende Passage bei Hermann von Reichenau zurück, der nur sagt, der Papst habe dem König die Exkommunikation angedroht: eique excommunicationem, utpote delusa sede apostolica, minitans.

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Empfohlene Zitierweise

RI III,5,2 n. 988, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1052-08-00_4_0_3_5_2_660_988
(Abgerufen am 28.05.2017).