Regestendatenbank - 176.134 Regesten im Volltext

RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,2

Sie sehen den Datensatz 454 von insgesamt 1068.

Papst Leo (IX.) (Leo s. Romanae eccl. episcopus, servus servorum Dei) verleiht dem Konvent seiner Abtei (St-Barnard) in Romans an der Isère in der Erzdiözese Vienne (filiis in abbatia nostra, nomine Romana, super fluvium Isaram sita, in archiepiscopatu Viennensi) die in einem durch Erzbischof (Halinard) von Lyon und einen Kleriker aus Romans überbrachten Brief (n. 760) erbetene römische Freiheit (vidimus litteras vestras quas transmisistis ... per archiepiscopum Lugdunensem et ... vestrum clericum ... libertatem Romanam quam postulastis, concedimus); er beauftragt die (Erz) Bischöfe Halinard von Lyon und Leodegar von Vienne, Bischof Pontius von Valence und Graf Guigo (von Graisivaudan) (Alinardo ... Lugdunensium episcopo, et Viennensium Leudegario et Valentino episcopo Poncio et comiti Guigoni), dem Kloster bei der Rekuperation verlorener Besitzungen behilflich zu sein; legt als Rekognitionszins die jährliche Abgabe eines Sextarius Mandeln fest (censum nostrum qui est sextarius amygdalarum precepimus nobis per singulos annos persolvere); bestätigt den Kanonikern ihre Besitzungen und das Kloster entsprechend den Bestimmungen Erzbischof Leodegars (von Vienne), welchem er das Stift überlassen habe (quod vobis Leudegarius archiepiscopus concessit, cui eccl. illam fidelitate s. Petri et nostra commisimus) (n. 761.12), über die Privathäuser der Kanoniker und die freie Wahl des vom Papst zu weihenden Propstes (quemcumque ... elegeritis, ad nos transmittatis et auctoritate nostra habeatis) unter Wahrung der Rechte der Vienner Kirche (salva in omnibus digna subiectione eccl. Viennensis), bestätigt das Asylrecht sowie den Schutz der im Umkreis des Stifts lebenden Leute (qui ad illum locum ... confugerint et ibi habitantes ... munimus) und erlässt ein Perturbationsverbot.

Originaldatierung:
Actum Rome pm. Petri sacri palatii canc., in eccl. Savatoris que appellatur Constantiniania, in publica synodo LXXII pontificum, V non. Madii Valete.
Incipit:
Vidimus literas vestras, quas nobis ...

Überlieferung/Literatur

Orig.: – . Kop.: 1) und 2) 12. Jh., Valence, Arch. dép., 3 G 520 (Cart. de Romans) fol. 9 und fol. 16; 3) 1790, Château des Clermonts (Drôme), Coll. Giraud-Jordan (Kopie von 1; nicht eingesehen; zitiert nach Gall. Pont.); 4) 1728, Grenoble, Bibl. mun., R. 9102 fol. 25 (nicht eingesehen; zitiert nach Gall. Pont.); 5) Sitten, Arch. cantonales, Coll. de Rivaz 34 II n. 89 (nicht eingesehen; zitiert nach Gall. Pont.). Erw.: Vereinbarung zwischen Kloster Romans und dem Kanoniker Arnald von 1055 Jan. 28 (Chevalier, Cartulaire 124); n. †1194; Übereinkunft zwischen Erzbischof Winiman von Embrun und Leodegar von Vienne (1060 Aug. 16) (Giraud, Essai historique pr. 86; Sauret, Embrun 479; Chevalier, Cartulaire 134). Drucke: Giraud, Essai historique pr. 2; Chevalier, Cartulaire 109; Jasper, Konzilien (MG Concilia VIII) 275 (fragm.). Reg.: Rivaz, Diplomatique de Bourgogne II 39 n. 89; Chevalier, Régeste dauphinois I 1879, 1881, 1883; Boye, Quellenkatalog 86; Santifaller, Elenco 360; Schilling, Guido 626, vgl. 651 n. 37; Gall. Pont. III/1 267 n. †9; vgl. Pfaff, Liber censuum 235 n. 495; JL 4221. Lit.: Gall. chr. XVI 167; Giraud, Essai historique 45f.; Perrossier, Recherches sur les évêques (14/1880) 381ff., (15/1881) 242; Gundlach, Arles und Vienne 174f.; Fabre, Liber censuum 66f., 76; Bloch, Klosterpolitik 210ff., 221f.; Jordan, Päpstliche Finanzgeschichte 72 (ND 96); Pfaff, Liber censuum 235 n. 495; Boshof, Traditio Romana 23ff.; Szabó-Bechstein, Libertas 91, 184; Anton, Frühe Stufen der Kirchenreform 265; Dahlhaus, Rota 43; Schieffer, Freiheit 56f.; Seibert, Abtserhebungen 408; Fürstenberg, "Ordinaria loci" 66; Schilling, Guido 170ff., 174ff., 181, 185, 187ff., 196f., 200ff., 205, 208ff., 213, 215ff., 229f., 234f., 622f.; Munier, Léon IX 184, 186ff.; Stroll, Calixtus II 24; Schilling, Gregor VII. und Romfreiheit 16ff. und passim; Vrégille, Léon IX et Bourgogne 333f.; Oberste, Leo IX. und das Reformmönchtum 416, 427f.

Kommentar

Zur Überlieferung vgl. Wiederhold, PUU in Frankreich III 15 (ND I 259) und Font-Réaulx, Lettres pontificales 70. Als Antwort auf den Brief an den Papst n. 760 verleiht (concedimus) Leo IX. die Romfreiheit zusammen mit der Bestätigung der Anordnungen Leodegars für das Kloster und dem Recht der freien Wahl des Propstes (lt. Urkunde vom 9. Mai 1049), der ebenfalls vom Papst bestätigt wird und in dessen Namen sein Amt als Propst von Romans ausüben soll (auctoritate nostra habeatis), allerdings mit der auffälligen einschränkenden Anerkennung von Rechten des Vienner Erzbistums. Laut Szabó-Bechstein handelt es sich hier um die erste Erwähnung der libertas Romana in einer Papsturkunde. Diese Romana libertas, die auch in der ebenfalls Romans betreffenden n. †783 wiederaufgegriffen ist, wo das Kloster ebenso als abbatia nostra bezeichnet wird, steht somit in Konkurrenz zu Rechten der Vienner Kirche, die u. a. darin zum Ausdruck kommen, dass Erzbischof Leodegar zugleich Propst des Klosters ist. Es wird in der Urkunde darauf hingewiesen, dass die drei Bischöfe und der Graf aufgefordert wurden, die Rekuperationsbemühungen des Klosters zu unterstützen; ein entsprechender Brief ist am selben Tag ausgefertigt (n. †783). Ungewöhnlich ist, dass in der vorliegenden Urkunde Leodegar einmal richtig als archiepiscopus bezeichnet wird, an späterer Stelle aber – wie auch Halinard von Lyon – nur als episcopus, wie auch der Umstand, dass dem Privileg eine korrekte Intitulatio und Arenga fehlt. Ausgestellt wurde die Urkunde während des römischen Laterankonzils von 1050 (n. 761), allerdings weicht in der Datumszeile die Angabe Petrus sacri palatii canc. von dem ansonsten in Leo's IX. Pontifikat verwendeten Formular ebenso ab wie das der Datierung nachgestellte valete. Aufgrund dieser äußerlichen Auffälligkeiten sowie des fragwürdigen Umstandes, dass Leo IX. dem Viennenser Eigenkloster die römische libertas verliehen und dieses damit in den Besitz der römischen Kirche integriert haben soll, konnte Schilling nachweisen, dass es sich bei der Urkunde um eine Fälschung aufgrund einer vermutlich echten Urkunde Leos IX. handelt, welche zum genannten Datum ausgestellt worden war. Aus der Vorlage wären demnach der päpstliche Schutz, die Hilfe bei Rekuperationen und die Bestätigung der Stiftsstatuten übernommen, während "alle auf ein eigentumsrechtliches Verhältnis zur römischen Kirche weisenden Bestimmungen", d. h. die angebliche Übertragung der Abtei an Leodegar, Romfreiheit und Zins sowie evtl. die päpstliche Beteiligung an der Propstwahl interpoliert sind. Die Passage betreffend der libertas Romana wäre demnach aus einer Urkunde Gregors VII. (1075 März 9) (JL 5068; Gall. Pont. III/1 278 n. 29) (Register II 59; Caspar, MG Epistolae selectae II/1 212; Jaffé, Bibl. rer. Germ. II 179) übernommen, durch welche auch die Ausstellung zumindest einiger echter Urkunden durch Vorgänger (nn. 777, 779, †782, †784, †785, †1194, †1244) gesichert sind. Allerdings lehnte Gregor VII. zwei Jahre später (am 21. März 1077) den Kanonikern gegenüber die Verwendung dieses Ausdruckes in juristischem Zusammenhang ab (JL 5026; Gall. Pont. III/1 280 n. 34; 131 n. 169) (Register IV 16; Caspar, MG Epistolae selectae II/1 320; Jaffé, Bibl. rer. Germ. II 263) (Datierungen nach Schilling, Gregor VII. und Romfreiheit 13f.). Neuerdings nimmt Schilling, Gregor VII. und die Romfreiheit allerdings an, der Begriff libertas Romana habe sich bereits in der echten Vorlage Leos IX. gefunden, allerdings nicht als juristische Terminologie und ohne Bezug zur römischen Kirche, sondern als Wortspiel der Romanensis libertas (mit Assoziationen zur römischen Kirche) (vgl. Morerod, En guise de conclusion 279ff.). Schilling konnte weiter darlegen, dass diese Urkunde im Zuge einer großangelegten Fälschung des Romaneser Urkundenbestandes (nn. 777, †779, †783-†785, †1194, †1244) sukzessive seit der Zeit vor 1095 verunechtet wurde. Das Privileg als solches ist erwähnt in dem ebenfalls verfälschten Brief Viktors II. (n. †1194) (allerdings ist der Name Leos IX. nicht angeführt in der Nachurkunde dieses Papstes, n. †1244); in der genannten, ebenfalls überarbeiteten, Übereinkunft mit Winiman von Embrun wird die Bestätigung der Anordnungen Leodegars für das Kloster durch Leo IX. angeführt: convenientiam ... quam ... Leodegarius mihi et aliis canonicis ... concessit, et s. Leo papa confirmavit. In der Vereinbarung zwischen dem Kanoniker Arnald und dem Kloster führt Leodegar von Vienne die Besitzbestätigung Leos IX. an, da das von Arnald restituierte Gut in jener enthalten sei (vgl. nn. †778, †779). Möglicherweise handelt es sich dabei um einen Bezug auf die allgemeine Besitzbestätigung, oder hier liegt ein Hinweis auf eine aus der echten Urkunde gestrichene Besitzung vor.

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI III,5,2 n. †782, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1050-05-03_7_0_3_5_2_454_782
(Abgerufen am 30.03.2017).