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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,2

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Papst Leo (IX.) informiert Erzbischof E(adsige) (von Canterbury) (E[adsigo] Anglorum archiepiscopo) über seine dem Priester Andreas nach siebenjähriger harter Buße wegen Totschlags erteilte Absolution und dessen Restitution in sein früheres Priesteramt unter Berufung auf ein Zitat des Papstes (Ps) Calixt (Andream presb. vestrum ... remittimus vobis ... absolutum ... s. Calixtus noster antecessor in decretis).

Incipit:
Hunc Andream presbyterum vestrum in ...

Überlieferung/Literatur

Orig.: . Kop.: 1) ca. 1200, Oxford, Bibl. Bodleiana, Ms. Barlow 37 fol. 13; 2) 12./13. Jh., Durham, Dean and Chapter Library, Ms. C. III.1 fol. 63v zu D. 50 c.37. Drucke: Aronstam, Pope Leo IX 541; Aronstam, Penitental Pilgrimages 82; Duggan, St Thomas of Canterbury 94 (fragm.). Reg.: Walther-Holtzmannn. 539 (www.kuttnerinstitute.jura.unimuenchen.de). Lit.: Aronstam, Pope Leo IX 537ff.; Aronstam, Penitental Pilgrimages 73, 77; Stephan Kuttner, Decretal 'Presbiterum' 133ff.; Cheney/Cheney, Studies in Collections 117; Duggan, St Thomas of Canterbury 91, 94f.

Kommentar

Zur Überlieferung vgl. Aronstam, Pope Leo IX 536f. und Kuttner, Decretal 'Presbiterum' 133ff. Der von Aronstam in der Oxforder Handschrift entdeckte Brief eines Leo-Papstes kann wegen seiner Verwendung eines Ps-Calixt I. Zitates aus Ps-Isidor (JK 86, Hinschius, Decretales Pseudo-Isidorianae 142) nicht vor Mitte des 9. Jahrhunderts entstanden sein. Seit dieser Zeit bis ins 11. Jahrhundert fiel nur in die Pontifikate Leos IX. und Leos V. ein englischer Metropolit, dessen Name mit E. beginnt. Da die Amtszeit Leos V. (903 Aug-Sept.) sehr kurz und politisch stürmisch war, kommt am ehesten Leo IX. als Aussteller in Frage. Adressat ist als E. Anglorum archiepiscopus sicher ein Bischof von Canterbury, der allein in England einen Primasähnlichen Rang beanspruchen konnte. Aufgrund der festgestellten Ausstellung durch Leo IX. lässt sich als Empfänger Eadsige von Canterbury (1038-1050 Okt. 29) ermitteln, womit zugleich die chronologische Einordnung gegeben ist. Auffällig ist die gegenüber den anderen Briefen derselben Quelle (vgl. n. 24) geringe Strafe; vermutlich hängt dieser Umstand mit der auch anderweitig gerühmten Milde Papst Leos IX. zusammen. So führt etwa der Anon. Haserensis, Gesta ep. Eistetensium 36 (Weinfurter 63) zur Beschreibung der clementia des Papstes an, dass er capitalium criminum reis ... tres sextas ferias interdum pro penitentia iniungeret et cetera misericorditer indulgeret (vgl. auch nn. 429, 602, Kommentare zu 402, 540.7). Weitaus größeres Gewicht als auf die Information über die Absolution legt der Papst jedoch auf die Begründung der Wiedereinsetzung des Priesters in sein priesterliches Amt, wofür zum einen ein – vermutlich über Burchards von Worms Dekret 19. 31 vermitteltes – Zitat herangezogen wird, zum anderen ein Zitat aus Ps-Calixt I., vermutlich ebenfalls über Burchard 19. 42 vermittelt. Aronstam sieht einen Zusammenhang zwischen dieser Wiedereinsetzung und den Wiedereinsetzungen von Bischöfen (vgl. nn. 623.2, 627, 761.5) bzw. den Leo IX. vorgeworfenen Reordinationen simonistisch ins Amt gelangter Prälaten (vgl. nn. 751, 803.11, 818). Über Aronstam hinausgehend konnte Kuttner zeigen, dass der von diesem gefundene und als Brief Leos IX. identifizierte Text mit geringfügigen Abweichungen (Auslassung von Intitulatio und Adresse, Auslassung des Namens des Presbyters) noch öfters überliefert ist unter dem Titel der Dekretale Presb. etiam istum in homicidii crimine lapsum (JL 13912; Walther-Holtzmann-Nr. 737). In dieser Form taucht der Brief erstmals im Appendix Concilii Lateranensis auf und wird hier als Brief Alexanders III. an den Bischof von Exeter identifiziert. Die Leipziger Handschrift dieser Sammlung bestimmt den Brief wiederum als Teil der Dekretale Tanta, die ihrerseits aus dem Brief Meminimus nos fraternitati (JL 13917) Alexanders III. an den Bischof Bartholomäus von Exeter gebildet wurde (Leipzig, UniBibl., Ms. 1242 fol. 99). In dieser Form fand der Text seinen Weg in andere kanonistische Handschriften (z. B.: London, Brit. Library, Egerton Ms. 2901 fol. 85v; Paris, Bibl. nat., Ms. lat. 3922A fol. 296v etc.). In einer früheren Version überliefern den Text drei englische Handschriften; statt Presb. etiam istum lautet das Incipit hier: Hunc Andream presbyterum wie im eigentlichen Brief Leos IX. (Coll. Cheltenhamensis 13.13: London, Brit. Library, Egerton Ms. 2819 fol. 71; Coll. Petrihusensis 4.32: Cambridge, Peterhouse, Ms. 180 fol. 54v; Coll. Cottoniana 5.28: London, Brit. Library, Cotton Ms. Vitellius E XIII. fol. 257), allerdings ohne Hinweis auf einen Leo-Papst. Zu weiteren Textversionen vgl. Kuttner. An der Echtheit des Leo IX.-Briefes wird nicht gezweifelt. Ein weiterer Bußbrief liegt vor in dem angeblich von Leo IX. als Bischof von Toul verfassten Begleitbrief der "Tänzer von Kölbigk", welcher das Vergehen und die Buße der Pönitenten beschreibt (vgl. André Wilmart, La Legende de Ste Édith en prose et vers par le moine Goscelin [AnalBoll 56/1938, 5-101, 266-307] 287ff.; Edward Schroeder, Die Tänzer von Kölbigk: ein Mirakel des 11. Jahrhunderts [ZKG 17/1897, 94-154]; Ernst Erich Metzner, Zur frühesten Geschichte der europäischen Balladendichtung: Der Tanz in Kölbigk. Legendarische Nachrichten, gesellschaftlicher Hintergrund, historische Voraussetzungen [Frankfurter Beiträge zur Germanistik 14, Frankfurt 1972] 43ff., 76ff., 94ff. und passim; Jean Schroeder, Zur Herkunft der älteren Fassung der Tanzlegende von Kölbigk [Michael Borgolte/Herrad Spilling, Litterae Medii Aevi. FS Johanne Autenrieth, Sigmaringen 1988, 183-189]; Jean Schroeder, Zur Frage frühmittelalterlicher Kulttänze am Grabe Willibrords in Echternach [Georges Kiesel/Jean Schroeder, Willibrord. Apostel der Niederlande, Gründer der Abtei Echternach, Luxemburg21990, 186-193], 190ff.; Kerstin Bartels, Musik in deutschen Texten des Mittelalters [Frankfurt 1992] 120; Karl-Heinz Borck, Der Tanz zu Kölbigk [Beiträge zur Geschichte der deutschen Sprache und Literatur 76/1954, 241-320] Edition 263ff.; zu Leo IX. vgl. insbesondere 274ff., 287ff.; Fidel Rädle, Das 'Tanzlied von Kölbigk' und die Legende vom 'Kölbigker Tanz' [Burghart Wachinger, Die deutsche Literatur des Mittelalters-Verfasserlexikon2IX, Berlin-New York 1995, 616-620]). Eine direkte Einflussnahme Papst Leos IX. in ein wie in Kölbigk abgelaufenes Tanzwunder auf den Orkney-Inseln weist das altschwedische Legendar (George Stephens, Ett fornsvenskt Legendarium innehallande Medeltids Kloster-Sagor II [Stockholm 1858] 876) auf: allerdings handelt es sich bei dieser Legende vermutlich um eine Übertragung des Kölbigker Mirakels auf den skandinavischen Raum aufgrund der in England verbreiteten Version der Kölbigk-Legende.

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Empfohlene Zitierweise

RI III,5,2 n. 510, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1049-00-00_88_0_3_5_2_182_510
(Abgerufen am 24.05.2017).