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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,1

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Papst Gregor VI. verteidigt sich auf dem Sterbebett gegen das Ansinnen der Kardinäle, er dürfe sich nicht bei den anderen Päpsten in der Peterskirche bestatten lassen, da er für den Tod so vieler Menschen verantwortlich sei (n. †302), indem er den Zustand der Kirche bei seinem Amtsantritt (n. †283) schildert, sein Vorgehen durch biblische und historische Hinweise rechtfertigt sowie aus seiner Amtspflicht zum Schutz der Kirche und Prälaten; er weist hin auf seinen Versuch, den römischen König (Heinrich III.) (illum cuius interest rem agere gladio) um Hilfe zu bitten (n. †300), und dessen Aufforderung zu eigenem Vorgehen (n. †301) und beklagt die Undankbarkeit der Kardinäle. Schließlich überlässt er die Beurteilung seiner Handlungen göttlichem Gericht und weist die Kardinäle an, seinen Leichnam vor den verschlossenen Türen der (Peters-)Kirche aufzubahren und das göttliche Urteil abzuwarten.

Überlieferung/Literatur

Erw.: Wilhelm von Malmesbury, Gesta reg. Angl. II § 202. 203 (Stubbs, SS rer. Brit. 90/1, 249ff., 253); Norse Version of a Pamphlet on the Papacy of Gregory VI (Widding 56ff.); Petrus Bechini, Chr. (Salmon 53); Radulf von Diceto, Abbrev. Chr. (Stubbs, SS rer. Brit. 68/1, 180, 261f.); Radulf von Diceto, Epistola ad Willelmum de Longocampo (Stubbs, SS rer. Brit. 68/2, 179); Helinand von Froidmont, Chr. 1045 (Migne, PL 212, 937ff.); Vinzenz von Beauvais, Speculum historiale XXV 23ff. (Douai 1624, 1010f.); Martin von Troppau, Chr. (MG SS XXII 433); Balduin von Ninove, Chr. (De Smet, Recueil des Chr. de Flandre II 684); Flores temp. - pont. (MG SS XXIV 245); Ricobald von Ferrara, Hist. pont. Rom. (Muratori, SS rer. Ital. IX 174); Ricobald von Ferrara, Compilatio chr. (Muratori,SS rer. Ital. IX 242; Hankey156); Tholemäus von Lucca, Hist. eccl. XVIII 27 (Muratori, SS rer. Ital. XI 1059f.); Paulinus Minorita, Speculum (Muratori, Antiquitates IV 964); Johannes Colonna, Mare historiarum (MG SS XXIV 272); Giovanni Villani, Hist. Fiorentine (Muratori, SS rer. Ital. XIII 107f. = Nuova Cronica V 15, Porta 185f.); Anon. Leobiensis (Pez, SS rer. Austr. I 767); Ranulf Higden, Polychr. (Lumby,SS rer. Brit. 41/7, 152ff.); Amalricus Augerius, Chr. pont. (Muratori, SS rer. Ital. III/2, 343); Eulogium Historiarum (Haydon, SS rer. Brit. 9/1, 261); Chr. Angl. Petribrugense 1045 (Giles, SS monastici VIII 47); Martin von Fulda, Chr. 1046 (Eckhart, Corp. Hist. I 1681); Henry Knighton, Chr. IV (Lumby, SS rer. Brit. 82/1, 32ff.); Österreichische Chr. (MG DChr. VI 88); Chr. belgicum (Pistorius/Struve, SS rer. Germ. III 120); Jean des Preis (dit Outremeuse), Myreur II (Brognet IV 250); Jakob Twinger von Königshofen, Chr. (Hegel, Chr. der deutschen Städte IX 555); Hermann Corner, Chr. novella (Eckhart, Corp. Hist. II 584); Dietrich Engelshus, Chr. (Leibniz, SS rer. Brunswic. II 1083, 1086); John Capgrave, Chr. (Hingeston, SS rer. Brit. I 124); Platina, Liber de vita Christi (Gaida, SS rer. Ital. III/1, 1932, 182); Werner Rolevinck, Fasciculus temporum 1034 (Pistorius/Struve, SS rer. Germ. II 539). Reg.: – .  Lit.: Steindorff, Heinrich I 493f.; Borino, Elezione 296ff.; Messina, Benedetto 42ff.; Montini, Tombe dei papi 177; Oldoni, Gerberto e la sua storia II 582ff., 591f.; Rodney Thomson, William of Malmesbury (Woodbridge 1987) 144.

Kommentar

Die Quellen behaupten, der Papst habe, gezeichnet von seiner Todeskrankheit, den Kardinälen auf ihre Vorwürfe geantwortet, indem er sein Vorgehen (n. †283, n. †295, n. †299, n. †300, n. †301, n. †302) rekapitulierte und als durchaus positiv darstellte und die von ihm bzw. auf seinen Befehl Getöteten als Opfer ihrer eigenen Untaten beurteilte. Den Höhepunkt der päpstlichen Ausführungen stellt die Ankündigung eines Wunders nach seinem Tod dar. Im Zusammenhang derselben Erzählung berichten Wilhelm von Malmesbury, Gesta reg. Angl. II § 203 (Stubbs, SS rer. Brit. 90/1, 253), Norse Version of a Pamphlet on the Papacy of Gregory VI (Widding 62), Radulf von Diceto, Abbrev. Chr. (Stubbs, SS rer. Brit. 68/1, 180, 262) und Ricobald von Ferrara, Hist. pont. Rom. 1032 (Muratori, SS rer. Ital. IX 174) über den anschließend angeblich in Rom erfolgten Tod Gregors VI. Diesen Quellen zufolge soll der Papst in Rom, genauer in St. Peter, verstorben sein. Der Tod des Papstes erfolgte jedoch nicht in Rom, sondern in Köln (1047 Dezember 19). – Die Quellen, welche die Legende zum Pontifikat Gregors VI. überliefern, wissen davon aber nichts, sondern berichten im Anschluss an den angeblichen Tod von der Aufbahrung der Leiche Gregors VI. vor den verschlossenen und verriegelten Toren der (Peters-)Kirche, welche auf wunderbare Weise durch einen heftigen Windstoß geöffnet worden seien, worin das römische Volk wiederum einen Beweis für die moralische Unschuld des Papstes gesehen haben soll (n. †283, n. †295, n. †299, n. †300, n. †301, n. †302) und der Bestattung bei den päpstlichen Vorgängern Gregors VI. zustimmte. Daraufhin sei Papst Gregor VI., durch das Wunder an der Leiche gerechtfertigt, in der Peterskirche bestattet worden. – Die gesamte Erzählung von den Zuständen in Rom und Italien (n. †283, n. †295, n. †299, n. †300, n. †301, n. †302), den angeblichen Maßnahmen Gregors VI. bis zum Krieg und mehrfachen Mord, den Vorhaltungen durch die Kardinäle und die Verteidigungsrede des Papstes findet ihren Höhepunkt in der Schilderung des Wunders, durch welches die Unschuld und moralische Qualität Papst Gregors VI. göttlich bestätigt worden sein soll. Die ganze Geschichte trägt stark hagiographischlegendarische Züge und ist für die Ereignisgeschichte ohne Wert. Während die Schilderung der Notlage der Kirche (n. †283) für die Zeit nach den Tuskulanerpäpsten evtl. treffend dargestellt ist (vgl. den Beginn des Pontifikates Leos IX.), sind größer angelegte militärische Maßnahmen Gregors VI. auszuschließen. Ebenso verstarb der Papst nicht in Rom und wurde nicht auf dem Vatikanhügel bestattet. Die ganze Erzählung mit ihrem apologetischen Charakter für kriegerische Maßnahmen eines Papstes passt ganz und gar nicht zum Pontifikat Gregors VI. (zu dessen völlig anderer Würdigung vgl.: De ordinando [Dümmler, MG Ldl I 11; Anton 79, Frauenknecht 86]). Vielmehr dürfte bei der Entstehung der Legende die Geschichte Papst Leos IX. Pate gestanden haben, auf dessen Pontifikat die allgemeine Lageschilderung eher passt, u. a. weil dieser die kirchlichen Einkünfte gesichert sowie mehrfach Kriege geführt hat, darunter auch einen zur Pazifizierung der römischen Umgebung. Gegen Leo IX. wurde wegen seiner militärischen Eskapaden Kritik laut und dieser Papst hat auf seinem Sterbebett in einer längeren Rede seinen Pontifikat rekapituliert und sein Vorgehen gerechtfertigt. Daher ist anzunehmen, dass die Erzählung von dem kriegerischen Papst (n. †283, n. †295, n. †299, n. †300, n. †301, n. †302, n. †328) ein historiographisches Produkt ist, welches die Amtszeit Leos IX. literarisch verarbeitet und mit Gregor VI. wenig zu tun hat. Der Name dieses Papstes gelangte vermutlich deshalb in die Geschichte, weil sein Pontifikat und Charakter in den Quellen ambivalent dargestellt waren aufgrund der Tatsache, dass er simonistisch in sein Amt gekommen und daher abgesetzt worden war, andererseits jedoch auch persönlich integer und gegenüber der Reform aufgeschlossen war. Das von Widding postulierte eigenständige "Pamphlet über Gregor VI." ist eher abzulehnen; die von ihm edierte norwegische Version der Legende bietet keine über Wilhelm von Malmesbury hinausgehenden Informationen. – Wilhelm von Malmesbury, die Norse Version, Radulf von Diceto, Balduin von Ninove, Flores temp., Chr. Angl. Petribrugense, Tholemäus von Lucca, Giovanni Villani, Ranulf Higden, das Eulogium, Martin von Fulda, Henry Knighton, die Österreichische und die Koelhoffsche Chr., Hermann Corner und John Capgrave behaupten, Gregor VI. sei wie seine Vorgänger in St. Peter auf dem Vatikan bestattet worden, das Eulogium Historiarum nennt sogar noch genauer den Platz inter duas columnas in jener Kirche. Dieser Bestattungsort soll im Rahmen der Darstellung von (n. †283, n. †295, n. †299, n. †300, n. †301, n. †302, n. †328) das eigentliche Beweismittel dafür sein, dass das (angebliche) gewalttätige Handeln des Papstes trotz der Vorgaben seines Amtes diesem entsprochen habe und von Gott gebilligt werde. Mit der ganzen Erzählung ist aber auch der Teilaspekt über die Bestattung in das Reich der Legende zu legen; Gregor starb nicht in Rom und wurde dort auch nicht bestattet (vgl. aber die Anklänge an Leo IX.). – Eine Reihe von Quellen legt den Tod Papst Gregors VI. irrtümlich vor das Eingreifen König Heinrichs III. in die Schismawirren und seinen Romzug. Es handelt sich um die Flores Historiarum 1033 (Luard, SS rer. Brit. 95/1, 555); Martin von Troppau, Chr. (MG SS XXII 433); Tholemäus von Lucca, Hist. eccl. XVIII 26 (Muratori, SS rer. Ital. XI 1059f.); Johann von Viktring, Liber Hist. (Schneider, MG SS rer. Germ. 36/1, 1909, 68); Anon. Leobiensis 1035 (Pez, SS rer. Austr. I 767); Eulogium Historiarum (Haydon, SS rer. Brit. 9/1, 260); Martin von Fulda, Chr. 1046 (Eckhart, Corp. Hist. I 1682); Johannes Rothe, Düringische Chr. 250 (Liliencron 194f.); Hermann Corner, Chr. novella (Eckhart, Corp. Hist. 584); Edmund Dynter, Chr. ducum Lotharingiae (De Ram II 35) und Johannes Dlugosz, Ann. seu Chr. Poloniae III zu 1040 (Dabrowski II) 28 (vgl. Graf, Widerstände 30 n. 60). Die dahinter stehende Absicht ist, die Rechtmäßigkeit späterer Päpste unter dem Gesichtspunkt der apostolische Sukzession zu wahren und den König vom Vorwurf des unerlaubten Eingreifens in kirchliche Angelegenheiten frei zu halten.

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Empfohlene Zitierweise

RI III,5,1 n. †328, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1046-00-00_5_0_3_5_1_328_D328
(Abgerufen am 17.10.2017).