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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,5,1

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Der Archipresbyter (Johannes) Gratian von S. Giovanni a Porta Latina wird an Stelle Benedikts IX. und Silvesters III. von den Römern als Gregor VI. zum Papst gewählt.

Überlieferung/Literatur

Erw.: De ordinando (Dümmler, MG Ldl I 11; Anton 79; Frauenknecht 85); Rodulf Glaber, Hist. V 26 (Prou 134f.; France 252; Arnoux 310); Hermann von Reichenau, Chr. 1046 (MG SS V 126); Sigebert von Gembloux, Chr. 1045 (MG SS VI 358); Otto von Freising, Chr. (Hofmeister, MG SS rer. Germ. 45/1912, 299); Radulf von Diceto, De prelatis (Stubbs, SS rer. Brit. 68/2, 194); Radulf von Diceto, Abbrev. Chr. 1045 (Stubbs, SS rer. Brit. 68/1, 187); Gottfried von Viterbo, Pantheon (MG SS XXII 247); Anon. Zwettlensis, Hist. Rom. pont. (Migne, PL 213, 1030f.); Catal. pont. Rom. Viterbiensis (MG SS XXII 349); Chr. regia Coloniensis 1032 (Waitz, MG SS rer. Germ. 18/1880, 35); Jacobus de Voragine, Chr. (MG SS XXIV 170); Chr. breve fratris ordinis Teutonicorum (MG SS XXIV 151); Alberich von Troisfontaines, Chr. 1044 (MG SS XXIII 787); Chr. Garstense 1044 (Rauch, SS rer. Austr. I 11); Chr. universalis Mettensis (MG SS XXIV 512); Ann. Waverleienses (Luard, SS rer. Brit. 36/2, 179); Sifridus de Balnhusin, Compendium (Pistorius/Struve, SS rer. Germ. I 1037); Ricobald von Ferrara, Compendium Rom. Hist. (Hankey, FSI 108/1984, 713); Ricobald von Ferrara, Hist. Imp. (Muratori, SS rer. Ital. IX 121); Tholemäus von Lucca, Hist. eccl. XVIII 20, 23, 24 (Muratori, SS rer. Ital. XI 1056, 1058); Johann von Viktring, Liber Hist. (Schneider, MG SS rer. Germ. 36/1, 1909, 55, 69, 113).  Reg.: – . Lit.: (3) Steindorff, Heinrich I 484ff.; Mathis, Benedetto 289; Borino, Elezione 152ff., 220f., 225; Mann, Popes V 253f. Santifaller, Reichskirchensystem 97f.; Krämer, Papstnamensänderungen 162; Herrmann, Päpstlicher Amtsverzicht 106f.; Ghirardini, Benedetto IX 12f.; Benericetti, Cronologia dei papi 65f.

Kommentar

Zum Amtsantritt Gregors VI. sind die Quellen außerordentlich widersprüchlich. Trotz aller Berichte über einen Kauf des Amtes (n. 273), eine Verleihung durch den Vorgänger Benedikt IX. (n. 276) etc. ist selbstverständlich auch eine Wahlhandlung in irgend einer Form anzunehmen. Während manche Quellen (Sigebert, Radulf, Ann. Waverleienses) Gregor VI. als denjenigen betrachten, der von den Römern statt seiner beiden schismatischen Vorgänger Benedikt IX. und Silvester III. erhoben worden sei, ist er laut Otto von Freising und dem Viterbeser Katalog (sowie bei Gottfried von Viterbo, Chr. breve fratris Teutonicorum, Alberich, Chr. Garstenses, Chr. Mettensis, Sigfried von Balnhausen und Johann von Viktring) der von den Römern statt dreier schismatischer Päpste eingesetzte Nachfolger und trug den Namen Gregor VII. (Gregorium septimum) (vgl. auch n. 262). –  Laut Otto von Freising wählten die cives den Johannes Gratianus, nachdem er das Schisma simonistisch beendet hatte, aus Dankbarkeit tanquam ecclesie liberatorem in summum pontificem ... eumque Gregorium VII. vocaverunt. Während das Chr. fratris Teutonicorum im Rahmen seiner Wiederholung dieser Geschichte auf diese (unzutreffende) Nummerierung verzichtet, ist die Ordnungszahl bei Alberich korrekt (sextum). Von geringfügigen Varianten abgesehen bezeichnen alle genannten Quellen die Römer als Agierende, welche den Johannes Gratianus deshalb zum Papst wählten, weil er das Schisma beseitigt habe. Aber auch schon bei Hermann von Reichenau ist Gregor VI. der von den Römern nach Vertreibung der beiden schismatischen Vorgänger eingesetzte Papst (Gratianum ... expulsis prioribus Romani papam statuerunt). Vgl. zu diesem Irrtum bei Hermann von Reichenau, Chr. 1044; 1046 (MG SS V 125f.) Steindorff, Heinrich I 482f. Der Chr. regia Coloniensis zufolge hat Benedikt IX. nach seinem erneuten Amtsantritt (n. 269) simonistisch einen namentlich nicht bekannten Papst (Gregor VI.) eingesetzt (n. 273, vgl. n. †279, n. †280); diesen hätten nun die Römer vertrieben und statt seiner den Papst Gratian gewählt (so auch die Version bei Johann von Viktring 69). Offenbar war diesen Autoren nicht bewusst, dass Gratian und Gregor VI. die selbe Person waren, Johannes Gratianus nur der Taufname Gregors VI. war. Beim Anon. Zwettlensis fließen die verschiedenen in anderen Schriften über das Schisma von 1045 vorhandenen tendenziösen Informationen zusammen. So wird einmal erklärt, dass Benedikt (IX.) Gregor als Papst eingesetzt habe (n. 273, n. 276). Dann wird behauptet, der untadelige (Johannes) Gratianus (d. h. Gregor VI.) habe seinen Reichtum verwendet, um die beiden schismatischen Päpste (Benedikt IX. und Silvester III., vgl. n. 273) aus ihrem Amt zu entfernen und somit das Schisma zu beseitigen. Aufgrund dieser Verdienste sei er dann a Romanis contra voluntatem suam ... electus ... itaque Romani in sede ponentes papam statuerunt); dabei scheint der Autor selbst eher der zuerst vorgetragenen Meinung anzuhängen, dass nämlich Gregor VI. der Einsetzung durch Benedikt IX. sein Amt zu verdanken habe (vgl. n. †265). –  Die Bemühungen des Johannes Gratianus um die Beseitigung des Schismas werden in den meisten genannten Quellen thematisiert. Bei Rodulf Glaber, dem Anon. Zwettlensis sowie allen anderen angeführten Quellen herrscht die Ansicht, Gregor VI. sei von den Römern in einer "kanonischen Wahl" oder jedenfalls unter Umständen, welche dieser nahe kamen, erhoben worden. Dahinter zeichnet sich deutlich der Versuch ab, Gregor VI. vor den gegen seine Vorgänger (und in anderen Quellen auch gegen ihn) erhobenen Vorwürfen der Simonie (n. 273, n. 324) in Schutz zu nehmen. Die apologetischen Tendenzen sind besonders deutlich bei Tholemäus, wo nicht nur behauptet wird, quod fuit (Gregorius VI.) bonus homo, der a populo et clero, also in kanonischer Wahl gewählt worden sei (XVIII 24, Sp. 1058), sondern an anderer Stelle (XX, Sp. 1056) sogar, dass cardinales, et clerus, et populus Romanus diese Wahl durchgeführt hätten. Das Interesse der Verteidigung des Papstes verstellt diesen Quellen den Blick auf die wirklichen Abläufe, wobei eine nachträgliche Anerkennung der Wahl Gregors VI. durch die römischen Wahlkörperschaften nicht auszuschließen ist. –  Die meisten Schriften geben bereits in ihrer Wortwahl zu erkennen, dass sie von einer eigentlichen Wahl ausgehen; so kommen die Wendungen vor: cives (Gracianum) elegerunt (etwa Alberich, Chr. Mettensis, Otto von Freising, Gottfried von Viterbo, Katalog von Viterbo, Johann von Viktring), (Gratianus) electus est (z. B. Tholemäus von Lucca, Anon. Zwettlensis, Sigfried von Balnhausen) oder eligitur a Romanis (Johann von Viktring), doch formulieren Hermann von Reichenau (Romani papam statuerunt) und Chr. breve fratris Teutonicorum (papam fecerunt) weniger eindeutig. Der Traktat De ordinando betrachtet eine "Wahl" insgesamt außerordentlich skeptisch und lehnt auch die einzelnen Wahlschritte ab: quis ... hunc ... elegit? A proximioribus aecclesiae, qui sunt episcopi, non requisitum est, ab ecclesia sponte receptus non est; idcirco nec legitimus est. Es ist davon auszugehen, dass die formale Erhebung Gregors VI. nach dem Handel mit Benedikt IX. sicherlich mit einem Wahlakt verbunden war, über dessen genauen Ablauf die Quellen jedoch keine Aussage erlauben. Möglicherweise bestand die Wahlhandlung in nichts anderem als der Akklamation von Klerus und Volk zu der den Übergang des Amtes von Benedikt IX. zu Gregor VI. betreffenden Abmachung. –  Datiert werden müsste der Wahlakt am Tag dieser Abmachung, dem 1. Mai 1045. Helinand von Froidmont, Chr. 1045 (Migne, PL 212, 935) und Sozomenus von Pistoia, Hist. 1044 (Tartini, SS rer. Ital. I 11) gehen in ihrem Konstrukt zur Erklärung der römischen Schismen der Jahre 1044/46 davon aus, Gregor VI. sei erhoben worden, aus Unzufriedenheit der Römer mit Benedikt IX. und seinem für Zeremonialsachen eingesetzten "Hilfspapst" Silvester III. Beide Quellen sind in der chronologischen Abfolge der Päpste bzw. Gegenpäpste korrekt, jedoch haben sie die Zusammenhänge völlig entstellt (vgl. n. 263, n. 264, n. †265, n. 266, n. 267, n. 268, n. 269, n. 270, n. 271, n. 272, n. 273). Verwirrend ist auch die Darstellung Hugos von Fleury über die Erhebung Gregors VI. (Hugo von Fleury, De regia potestate II 3 [Sackur, MG Ldl II 488]). Er betont aufgrund der Behauptung des Rodulf Glaber, die Absetzung Benedikts IX. und Einsetzung Gregors VI. sei ex praecepto imperatoris geschehen, nach dem von den Römern vertriebenen und von Kaiser Heinrich II. (!) wieder eingesetzten Papst Clemens (II.) hätten die Römer einen inutilem puerum (also Benedikt IX., vgl. n. 154) zum Papst gewählt. Diesen habe Henricus tercius, der Sohn des zuvor genannten gleichnamigen Herrschers, abgesetzt und statt seiner Gregorium sextum ... substituit. Hugo nimmt also, indem er die Aussage des Rodulf Glaber überbewertet, eine maßgebliche Beteiligung des Königs (noch nicht Kaisers) Heinrich III. an der Erhebung Gregors VI. an. Hinsichtlich der herrscherlichen Beteiligung liegt eine offensichtliche Verwechslung Gregors VI. mit Clemens II. vor. Erhebliche Unklarheit über die Beziehungen zwischen Gregor VI. und Clemens II. ist auch bei Clarius von Sens, Chr. s. Petri vivi Senonense (Bautier/Gille 119) zu erkennen. Dieser Autor gibt ebenfalls an, Gregor VI. sei der Nachfolger Clemens' II. gewesen und am 1. Juli 1039 in sein Amt gelangt. Clarius behauptet, die Erhebung Gregors VI.: a. MXXXVIIII … die kal. Julii, VI. feria, luna XXVIII sei im Zusammenhang mit einer Sonnenfinsternis geschehen: eclypsis solis … Gregorius VI, natione Romanus in sede Romana locatus est. Die Sonnenfinsternis und andere kosmische Erscheinungen werden als schlechte Omina für den Amtsantritt des Papstes verstanden. Eine Sonnenfinsternis fand aber zum gen. Zeitpunkt nicht statt; allenfalls 1079 fiel eine Finsternis auf den 1. Juli. Zu den kosmischen Omina vgl. n. †175, n. 263.

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Empfohlene Zitierweise

RI III,5,1 n. 274, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1045-05-01_5_0_3_5_1_274_274
(Abgerufen am 23.01.2017).