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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,2,3

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Heinrich wird durch Papst Gregor VII. empfangen und nach weiteren Bußbezeugungen vom Bann losgesprochen, empfängt in einer vom Papst zelebrierten Messe zusammen mit weiteren Absolvierten die Eucharistie und läßt durch Eideshelfer beschwören, bezüglich der Zwietracht innerhalb des Reiches während eines von Papst Gregor VII. gesetzten Zeitraums nach dessen Richterspruch Gerechtigkeit walten zu lassen oder nach dessen Ratschlag Einigkeit herzustellen, wobei vorherige Verhandlungen zum Ausräumen möglicher beiderseitiger Hindernisse vereinbart werden; überdies verspricht er Gregor und dessen Gefolge, Boten oder Besuchern Bewegungsfreiheit und Unverletzlichkeit innerhalb seines Einflußgebiets und erklärt, keiner Tat gegen den päpstlichen honor zuzustimmen und diesen bestmöglich gegen Angriffe verteidigen zu wollen (Ego Heinricus rex de murmuratione et dissensione ... infra terminum, quem dominus papa Gregorius constituerit, aut iustitiam secundum iudicium eius aut concordiam secundum consilium eius faciam, nisi certum impedimentum mihi vel sibi obstiterit; quo transacto, ad peragendum idem paratus ero. ... papa Gregorius ... securus erit ex mei parte et eorum, quos constringere potero, ab omni lęsione vitę et membrorum eius seu captione, tam ipse quam qui in eius conductu vel comitatu fuerint seu qui ab illo mittuntur vel ad eum ... venerint, in eundo et ibi morando seu inde redeundo. Neque aliud aliquod impedimentum habebit ex meo consensu, quod contra honorem suum sit, et, si quis ei fecerit, cum bona fide secundum posse meum illum adiuvabo), woraufhin er nach gemeinsamem Mahl und Ermahnungen von Gregor in Frieden entlassen wird.

Originaldatierung:
V. Kalendas Februarii, Canusię

Überlieferung/Literatur

Wortlaut des Eides Heinrichs: Reg. IV, 12a (MGH Epp. sel. 2, 314 f.) = MGH Const 1, 115 n° 66. ‒ Brief Gregors VII. an die deutschen Fürsten von (Ende Januar 1077) (Reg. IV, 12 [MGH Epp. sel. 2, 313 f.]); Lampert 1077 (SS rer. Germ. [1894] 292-298); Berthold 1077 (SS 5, 289 f. = SS n. s. 14, 259-262); Brief Gregors VII. an seine Getreuen in Deutschland von (Februar/März 1077) (EC 20 [Jaffé, Bibl. 2, 545 f.] = EV 19 [Cowdrey 52]); Brief an den Erzbischof Udo von Trier und dessen Suffragane vom 30. September (1077) (Reg. V, 7 [MGH Epp. sel. 2, 357]); Exkommunikationssentenz vom 7. März 1080 (Reg. VII, 14a [MGH Epp. sel. 2, 484]); Bruno, Bell. Saxon. c. 90 (MGH Dt. MA 2, 84); Brief der Sachsen an Gregor VII. von (Frühjahr 1078) (Bruno, Bell. Saxon. c. 108 [MGH Dt. MA 2, 97]); Königsberger Fragment (Fragment eines Manifestes, NA 31 [1906] 189); V. Heinrici IV. c. 3 (SS rer. Germ. [1899] 16 f.); Bernold Const. 1077 (SS 5, 433 = SS n. s. 14, 410); Frutolf zu 1076; Marian. Scott. zu 1100 [1078] (SS 5, 561); V. Anselmi Luc. c. 16 (SS 12, 18); Sigeb. Gembl. 1077 (SS 6, 363); Ann. August. 1077 (SS 3, 129); Arnulf. Mediol. V, 8 (SS 8, 31 = SS rer. Germ. [1994] 229); Bonizo, Ad amic. VIII und IX (Ldl 1, 610 und 616); Lib. de unit. eccl. I, 6 (Ldl 2, 191 f.); Beno, Gesta Rom. eccl. II, 1 (Ldl 2, 374); Petrus Crassus, Defensio Heinrici IV c. 6 (Ldl 1, 446); Paul. Bernr., V. Gregorii VII. c. 84 f. (Watterich 1, 524 f.); Donizo, V. Mathild. II, 1 v. 107-116 (RIS2 5,2 60); Rangerius, V. metrica Anselmi Luc. v. 3168-3214 (SS 30/2, 1223 f.); Chron. Casin. III, 49 (SS 34, 428); jeweils kurz: Deusdedit, Libellus contra invasores II, 11 (Ldl 2, 329); St. Galler Fortsetzungen Hermanns von Reichenau zu 1076, f. 18r (a papa communionem ante sibi apud Ophinheim statutum tempus recepit); Benzo, Ad Heinr. I, 24 (SS 11, 608 = SS rer. Germ. 1996 166); Ann. Yburg. 1077 (SS 16, 436) = Ann. Patherbr. 1077 (Scheffer-Boichorst 97); Ann. Einsidl. [1076] (SS rer. Germ. [2007] 284); Chron. Iohannis Wigornensis zu 1100 [1078] (McGurk 30); Wilh. Malm., Gest. reg. Angl. III, 266 (SS rer. Brit. 90,2 325).

Kommentar

Die Datierung der Vorgänge ist nicht mit letzter Sicherheit zu klären. Der Eid Heinrichs ist auf den 28. Januar datiert (Reg. IV, 12a [MGH Epp. sel. 2, 315: Actum Canusię V. Kalendas Februarii). Es ist jedoch keinesfalls zwingend, daß die Lossprechung erst an diesem Tag erfolgte. Als einziger nennt Donizo, Vita Mathildis II, 1 v. 107 (RIS2 5,2 60) ein Datum für den Empfang Heinrichs durch Gregor VII., nämlich den 25. Januar (Ante dies septem quam finem Ianus haberet), das Fest Pauli Bekehrung. Fried erachtet diese Angabe als zuverlässig (Der Pakt von Canossa, in: Faszination der Papstgeschichte [2008] 187 mit Anm. 112; Canossa [2012] 163); ihm folgt auch R. Schieffer, Papst Gregor VII. (2010) 61 ("nach besserer Überlieferung am 25. Januar 1077, dem Fest der Bekehrung des Saulus zum Paulus"). Hierbei ist jedoch zu beachten, daß der 25. Januar den Beginn der Bekehrung des Saulus/Paulus (laut der Apostelgeschichte) bezeichnet; erst nach dreitägiger Blindheit, Hunger und Durst habe er nach der Handauflegung durch Ananias sein Augenlicht wiedergewonnen, sich taufen lassen und Speise zu sich genommen (Act. 9, 9 und 17-19), was eher für den 27. oder 28. Januar als ‚idealen‘ Tag der Absolution und des erneuten Eucharistieempfangs sprechen würde. Hierfür müßte nicht einmal ein Irrtum des Donizo angenommen werden, da die entsprechenden Verse (108 f.: Ante suam faciem concessit papa venire / Regem, cum plantis nudis a frigore captis) auch im Sinne einer Erlaubnis zum Bußbeginn mit Zusicherung des anschließenden Empfangs durch den Papst gelesen werden können. Es spricht für das vom überwiegenden Teil der Forschung präferierte Datum der Lossprechung, den 28. Januar (Samstag), daß der Vortag ebenso ein Buß- und Fastentag war (Freitag) wie der 25. Januar (Mittwoch als Tag des Judasverrats). Vgl. u.a. Cowdrey, Pope Gregory VII (1998) 156 mit Anm. 354; zum Mittwoch und Freitag als Bußtage seit der Alten Kirche vgl. Theologische Realenzyklopädie 7, 493 [L. Schmidt]. ‒ Nach Lampert von Hersfeld 1077 (SS rer. Germ. [1894] 292-295) wurde Heinrich am vierten Tag nach Beginn der Buße zu Gregor VII. vorgelassen. Die Lossprechung sei nach mehreren Wortwechseln (post multas hinc inde dictas sententias) unter folgenden spezifischen Bedingungen erfolgt: Heinrich solle an einem vom Papst zu bestimmenden Termin und Ort auf einer allgemeinen Versammlung (generale concilium) in Anwesenheit der deutschen Fürsten sich den gegen ihn vorgebrachten Anklagen stellen (accusationibus, quae intenderentur, responderet), wobei sich der Papst selbst, soweit es ihm nützlich erscheint, den Urteilsspruch vorbehalten werde (ipso papa, si ita expedire videretur, cognitore causarum assidente). Nach dessen Urteilsspruch solle Heinrich, sofern seine Schuld widerlegt oder erwiesen worden sei, entweder die Krone behalten oder auf Dauer verlieren – in keinem Fall jedoch Vergeltung an irgendjemand üben. Falls er weiter König sein könne, solle er dem Papst untertan und gehorsam sein und ihn bei der Abstellung von Mißständen in seinem Königreich nach Kräften unterstützen (Quodsi, purgatis quae obicerentur, potens confortatusque in regno perstitisset, subditus Romano pontifici semper dictoque obtemperans foret et ad corrigenda, quaecumque in regno eius contra ecclesiasticas leges prava consuetudine inolevissent, consentiens ei et pro virili portione cooperator existeret). Bis zur Entscheidung über seine Sache aber dürfe Heinrich weder Abzeichen königlicher Würde tragen noch königliche Amtshandlungen vornehmen. Des weiteren dürfe er fortan keinerlei Umgang mehr mit Bischof Rupert von Bamberg, Udalrich von Godesheim (Goßam ?) sowie anderen schlechten Ratgebern pflegen (caeteros, quorum consiliis se remque publicam prodidisset, a sua in perpetuum familiaritate amoveret). Sollte er diesen Forderungen zuwiderhandeln – so Lamperts Wiedergabe der päpstlichen Bedingungen –, würde die Lösung vom Bann ungültig; die Fürsten wären dann ohne weitere Untersuchung von ihrem Eid (gegenüber Heinrich) befreit und berechtigt, einen anderen König zu wählen (principesque regni omni deinceps questione, cuncta iurisiurandi religione liberatos regem alium, in quem communis electio consensisset, creaturos esse). Heinrich habe zwar heftig beteuert, all dies einhalten zu wollen (Gratanter rex accepit condiciones et servaturum se omnia quam sanctissimis poterat assertionibus promittebat), doch hätten seine Versprechungen keinen Glauben gefunden. Daraufhin hätten sich Hugo von Cluny mit seinem Wort, die Bischöfe Eppo (Eberhard) von (Naumburg-)Zeitz und (Gregor) von Vercelli, Markgraf (Albert-)Azzo (von Este) und andere Fürsten, die diese Vereinbarung vermittelt hatten (alii conventionis eius principes), durch Eid dafür verbürgt, daß Heinrich sein Versprechen halten werde. Nach der Bannlösung habe Gregor in Anwesenheit Heinrichs die Messe gefeiert. Hierbei habe der Papst zum Nachweis seiner Unschuld die Hostie genossen und Heinrich aufgefordert, es ihm gleichzutun (vgl. Nottarp, Gottesurteilstudien [1956] 340; zur Abendmahlsprobe allgemein ebd. 33 und 231; sowie Browe, Die Abendmahlsprobe im Mittelalter, HJb 48 [1928] 193 ff.). Der König habe jedoch aus Furcht abgelehnt und den Papst um Aufschub der Prüfung bis zum generale concilium gebeten. Nach dem Gottesdienst habe Gregor VII. den König zum gemeinsamen Mahl geladen und ihn dann nach zahlreichen Mahnungen in Frieden zu den Seinen entlassen (omnibus quae eum observare oporteret diligenter instructum cum pace ad suos, qui longius extra castellum remanserant, dimisit). Struve, Lampert von Hersfeld, Hess. Jb. f. LG 20 (1970) 89 f. äußert sich skeptisch zur Zuverlässigkeit Lamperts hinsichtlich des Canossa-Berichts; diesem "mußte … die Lage des Königs weit unglücklicher erschienen, als sie in Wirklichkeit war." Lampert habe "von den wirklichen Zusammenhängen keine Vorstellung" gehabt. Insbesondere lehnt Struve (mit dem ganz überwiegenden Teil der Forschung) die Historizität der angeblich auf Canossa erfolgten bzw. gewünschten Abendmahlsprobe ab; zu den Hintergründen dieser Episode eingehend ebd. 118 ff. ‒ Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) kommt zu dem Ergebnis (179 ff.), daß Lampert der Inhalt des päpstlichen Schreibens aus Canossa (Reg. IV, 12) in etwa bekannt war, dieses ihm aber nicht oder nicht mehr zur Abfassungszeit seiner Annalen vorlag. Sonstige Gewährsmänner Lamperts sind nicht erschließbar. Zum Gesamturteil vgl. ebd. 196 f., wonach Lampert ein "Bild des Königs als eines gedemütigten Betrügers" zeichne; unter den deutschen Geschichtsschreibern zu Canossa fänden sich nur bei ihm "ausschmückende Anekdoten, und die machen oft den Eindruck, als seien sie Produkte seiner eigenen Phantasie." Die Einschätzung von Schubert, Königsabsetzung im deutschen Mittelalter (Abh. Göttingen 3. Folge 267, 2005) 119, wonach Lampert als Mitglied "einer kontrollierenden königsnahen Gemeinschaft" nicht allzuviel habe verfälschen können, wird von ihr zurückgewiesen (176 f. Anm. 69). Für einen Augenzeugen als Gewährsmann spricht, daß Lamperts Schilderung auf guten Ortskenntnissen beruht. Vgl. hierzu bereits Tondelli, Scavi archeologici a Canossa (Studi Gregoriani 4, 1952) 369 und 371, wieder in (dt. Übers.): Canossa als Wende (1963) 55 f. und 60. ‒ Berthold von Reichenau 1077 (SS 5, 289 f. = SS n. s. 14, 259-262) verlegt die Ableistung des Eides vor den Empfang des Königs in der Burg: Entgegen der urprünglichen Forderung, daß der König selbst einen Treueid (fidem huius sacramenti) zu schwören habe (vgl. Reg. 856), sei ausgehandelt worden, daß an seiner Stelle die Bischöfe (Eberhard/Eppo) von Naumburg und (Gregor) von Vercelli sowie seine anderen familiares schwören sollten. Hierauf gibt Berthold wesentliche Inhalte des überlieferten Eides wieder und berichtet danach vom Zutritt des ‚flehenden und tränenüberströmten‘ Königs, gemeinsam mit den übrigen Exkommunizierten. Sie alle hätten sich auf den Boden geworfen und ihre hartnäckige Anmaßung bekannt (presumptionis sue pertinaciam confessis). Nach mahnenden Worten habe der Papst sie alle, nunmehr ‚versöhnt durch die apostolische Lossprechung und den apostolischen Segen und der christlichen Gemeinschaft zurückgegeben‘ (apostolica indulgentia et benedictione reconciliatos et christianae communioni redditos), in die Kirche geführt, wo er den König, die Bischöfe (Werner) von Straßburg, (Liemar) von Bremen, (Burchard) von Lausanne, (Burchard) von Basel und (Eberhard/Eppo) von Naumburg und die übrigen Großen mit dem Friedenskuß bedacht und die Messe gefeiert habe. Ob die genannten Bischöfe identisch sind mit den gemeinsam mit Heinrich Vorgelassenen, bleibt bei Berthold unklar. Wie Lampert behauptet auch Berthold, der König habe den Kommunionempfang abgelehnt. Zwar wird dieser hier nicht als Gottesurteil interpretiert, doch habe Gregor VII. dennoch die Weigerung als Beweis für Heinrichs Unaufrichtigkeit verstanden (indicium impuritatis et quasi testimonium latentis in eo cuiuslibet ypocrisis). Nach einem gemeinsamen Mahl, bei dem Mahn- und Dankesworte ausgetauscht worden seien, habe der König den apostolischen Segen erhalten und sich mit Gregors Erlaubnis mit den Seinen entfernt. Schließlich erwähnt Berthold einen von den Gefolgsleuten des Königs zu leistenden Eid, dem diese sich jedoch durch Flucht entzogen hätten. Ausdrücklich nennt er den Bischof (Embricho) von Augsburg, der, ohne losgesprochen worden sein, nachts geflüchtet sei (absque licentia noctu inde clandestina fuga non reconciliatus evaserat). Zu diesem fragwürdigen Abschnitt vgl. Meyer von Knonau, Jbb. 2, 773 f. Anm. 46; eingehender Volkert-Zoepfl, Regesten d. Bischöfe von Augsburg 335. Insgesamt beurteilt Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 187 Bertholds Glaubwürgigkeit ambivalent: "es ist offensichtlich, dass Berthold Informationen über das Canossa-Geschehen hatte, dass ihm aber der Brief Gregors VII. [Reg. IV, 12] nicht zur Hand war, als er seinen eigenen Text schrieb." Allerdings habe ihm wahrscheinlich der Wortlaut des Eides vorgelegen (ebd. 188). ‒ Papst Gregor VII. erklärt in seinem Schreiben an die deutschen Fürsten von (Ende Januar 1077) (Reg. IV, 12 [MGH Epp. sel. 2, 313 f.]), er habe Heinrich vom Bann gelöst, nachdem er von ihm (selbigem Schreiben angehängte) Sicherheiten erhalten hatte (tandem eum relaxato anathematis vinculo in communionis gratiam et sinum sanctę matris ecclesię recepimus acceptis ab eo securitatibus, quę inferius scriptę sunt). Diese seien durch den Abt (Hugo) von Cluny, Mathilde (von Tuszien-Canossa), die Gräfin Adelheid (von Turin) sowie andere Fürsten, Bischöfe und Laien, die ihm geeignet schienen, bestätigt worden (Quarum etiam confirmationem per manus abbatis Cluniacensis et filiarum nostrarum Mathildis et comitissę Adelaię et aliorum principum, episcoporum et laicorum, qui nobis ad hoc utiles visi sunt, recepimus). Im selben Schreiben kündigt Gregor den Fürsten an, mit Hinblick auf den Frieden der Kirche und die Eintracht des Reiches so bald als möglich zu ihnen reisen zu wollen, und weist darauf hin, daß das ‚Verfahren in dieser ganzen Angelegenheit‘ noch in der Schwebe sei, weswegen er deren einmütigen Rat erbitte (His … peractis, ut ad pacem ecclesię et concordiam regni … omnia plenius … coaptare possimus, ad partes vestras data primum oportunitate transire cupimus. … adhuc totius negotii causa suspensa est, ut et adventus noster et consiliorum vestrorum unanimitas permaxime necessaria esse videantur). Abschließend betont er, dem König gegenüber keine endgültigen Verpflichtungen eingegangen zu sein. In der Forschung wird der Brief, welcher wahrscheinlich den Fürsten in Forchheim (vgl. Reg. Rudolfs) vorgelesen wurde, zumeist als zuverlässigste Schilderung des Geschehens eingestuft, wobei "seine Darstellung gleichwohl nicht als einfacher Tatsachenbericht zu lesen ist, weil der Papst nicht nur Augenzeuge des Geschehens, sondern auch durch Interessen geleitete Partei war. Der Brief sollte die Lösung König Heinrichs vom Bann gegenüber den Fürsten rechtfertigen, denn er konterkarierte deren Absicht, mit der Legitimierung durch den Papst die Wahl eines anderen Königs vorzunehmen" (Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter [2012] 172). ‒ In einem etwas späteren Schreiben an seine Getreuen in Deutschland (EC 20 [Jaffé, Bibl. 2, 545] = EV 19 [Cowdrey 52]) betont Gregor ebenfalls, zwar den Bann aufgehoben und den König wieder zur Kommunion zugelassen zu haben, doch keinerlei Vereinbarungen mit dem König getroffen zu haben außer solchen, die zur Sicherheit und Ehre der Adressaten dienten (ab anathematis uinculo absolutum in gratiam communionis eum recepimus, de cetero nichil secum statuentes nisi quod ad cautelam et honorem omnium uestrum fore putauimus), und kündigt erneut sein Kommen an. ‒ In seinem Brief an Erzbischof Udo von Trier vom 30. September (1077) (Reg. V, 7 [MGH Epp. sel. 2, 357]) berichtet Gregor VII., der Eid (welchen er dem Erzbischof mitgesandt habe) sei durch einige Getreue Heinrichs geleistet worden, nachdem dieser seine Hand in die Hand des Abtes (Hugo) von Cluny gelegt hatte, und betont, daß sich König Heinrich ihm, dem Papst, gegenüber richtig und ehrenhaft verhalten habe (Misimus etiam vobis sacramentum, quod rex Heinricus nobis per fideles suos quosdam fecit data quidem propria manu sua in manum abbatis Cluniacensis, ut perlecto eo cognoscatis, quam recte quamque honeste pro suo nomine se erga nos habuerit). ‒ In seiner zweiten Exkommunikationssentenz vom 7. März 1080 (Reg. VII, 14a [MGH Epp. sel. 2, 484]) behauptet Gregor VII. rückblickend, er habe nach den zahlreichen Versprechungen, sein Leben zu bessern, Heinrich zwar wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen, ihn jedoch keinesfalls wieder in das Königtum eingesetzt, dessen er ihn (auf der Fastensynode 1076; vgl. Reg. 794) entsetzt hatte; auch habe er keinesfalls die Lösung vom Treueid aufgehoben (Quem ego videns humiliatum multis ab eo promissionibus acceptis de suę vitę emendatione solam ei communionem reddidi, non tamen in regno, a quo eum in Romana synodo deposueram, instauravi nec fidelitatem omnium, qui sibi iuraverant vel erant iuraturi, a qua omnes absolvi in eadem synodo, ut sibi servaretur, precepi. Vgl. zur Problematik den Kommentar zu Reg. 996). Er begründet dies damit, daß er zwischen Heinrich und den deutschen Bischöfen und Fürsten, welche ihm auf Befehl der Kirche Widerstand geleistet hätten, Recht und Frieden habe schaffen wollen (ut inter eum et episcopos vel principes ultramontanos, qui ei causa iussionis … ecclesię restiterant, iustitiam facerem vel pacem componerem), so wie es ihm Heinrich eidlich durch zwei Bischöfe beschworen habe. ‒ Bruno, Bell. Saxon. c. 90 (MGH Dt. MA 2, 84) behauptet ähnlich wie Lampert, der Papst habe Heinrich befohlen, so lange keinen königlichen Schmuck (regalem ornatum) anzulegen, bis er es ihm wieder erlaube, sondern stattdessen durch äußerlich schlichte Kleidung seine Reue zu demonstrieren. Ferner habe er fortan nicht mit Exkommunizierten verkehren sollen. Mit dem weitaus größten Teil der Forschung äußert sich Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 181 f. überaus skeptisch hinsichtlich des Informationsgehalts des Werkes; es sei nicht nur "unverhohlen parteiisch", sondern "seine ganze Darstellung des Canossa-Geschehens sehr unpräzise und insgesamt dürftig". Vgl. auch ebd. 197 ("unpräzise, kenntnisarm und falsch"). Allerdings dürfte das Kontaktverbot mit Exkommunizierten insofern der Wahrheit enstprechen, als es sich um eine kirchenrechtliche Selbstverständlichkeit handelte. ‒ Zu dem bei Bruno inserierten Brief der Sachsen an Gregor VII. von (Frühjahr 1078), welcher die Ereignisse von Canossa anspricht (Bell. Saxon. c. 108 [MGH Dt. MA 2, 97]), vgl. den Kommentar zu Reg. 933. ‒ Die Vita Heinrici IV. c. 3 (SS rer. Germ. [1899] 16 f.) erwähnt lediglich knapp die Lösung vom Bann, ohne die vorangegangene Buße mitzuteilen. Hierdurch habe der König die Zusammenkunft des Papstes mit seinen Widersachern verhindert. Ferner behauptet der Verfasser der Vita, Heinrich sei auf die gegen ihn erhobenen Anschuldigungen kaum eingegangen; vielmehr habe er betont, auf Vorwürfe seiner Gegner selbst dann nicht antworten zu müssen, wenn sie der Wahrheit entsprächen. Schließlich betont die Vita die Vergeblichkeit des Handelns der Feinde Heinrichs, da dieser nach der Bannlösung die Macht vollständig ausgeübt habe (de banno solutus potentia sua potenter utatur). ‒ Nach Bernold von Konstanz 1077 (SS 5, 433 = SS n. s. 14, 410) habe Heinrich dem Papst ‚mit Mühe nicht das Zugeständnis des Königtums, sondern nur der Kommunion abgerungen‘ (non regni sed communionis tantum concessionem vix demum extorsit), nachdem er eidlich versichert habe, sich dem Urteil des Papstes hinsichtlich der Anschuldigungen gegen ihn zu unterwerfen (dato tamen prius sacramento, ut de obiectis criminibus ad iudicium papae satisfaceret) und bei jeglicher ihrer Reisen weder den Papst noch dessen Getreue zu behindern (nec papae vel alicui eius fideli usquam eunti vel redeunti aliquam molestiam inferri consentiret). Laut Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 188 f. habe Bernold Kenntnis gehabt sowohl vom Eid Heinrichs als auch von der zweiten Exkommunikationssentenz von 1080 (Reg. VII, 14a), aufgrund derer er "sich die spätere Deutung Gregors zu eigen machte, der wohl im Rückblick glaubte, schon in Canossa getäuscht worden zu sein." Vgl. auch ebd. 195 f. ‒ Die Vita Anselmi Luc. c. 16 (SS 12, 18) berichtet gleichfalls vom Sicherheitseid, nach dem Heinrich zwar losgesprochen, jedoch nicht wieder in das Königtum eingesetzt worden sei (et facta securitate domino papae per sacramenta, prout ipse dignatus est praecipere, praesentibus episcopis et abbatibus atque comitissa Mathilda et Adeletia, aliisque pluribus, tertia demum die est absolutus, veruntamen in regnum non est restitutus). ‒ Frutolf (zu 1076) erwähnt in Anleh-nung an Gregors Schreiben Reg. IV, 12a die Bannlösung, nachdem Heinrich ‚zahlreiche Sicherheiten geleistet hatte, in Zukunft sein Leben zu bessern‘ (acceptis ab eo correctionis in futurum vitę suę securitatibus multis), und gibt in der Folge Auszüge aus zwei päpstlichen Schreiben zu den Vorgängen wieder (EC 14 = EV 14 [vgl. Reg. 821]; Reg. VII, 14a [s.o. und Reg. 996]). ‒ Die Geschehnisse seit Beginn des Jahres 1076 faßt Frutolf mit den Worten zusammen, daß diese die gesamte Welt bewegt hätten (Inter hęc quę gesta sint totus iam mundus sui commotione testatur). Vgl. zu Bonizos ähnlichem Urteil den Kommentar zu Reg. 795. ‒ Marianus Scottus (zu 1100 [1078] [SS 5, 561]) verlegt die Lösung Heinrichs vom Bann in den März und erwähnt in eigentümlicher Weise, der Papst habe vom König den apostolischen Stuhl erhalten (convenientes mense Martio in Langobardia, rex a papa solutionem banni, papa vero sedem apostolicam a rege accepit). Vgl. hierzu Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 189 f. und 197 f., die (198) einen möglichen Hintergrund der Schilderung darin sehen möchte, daß nach der zweiten Bannung Heinrichs 1080 "beide Bannsprüche bald nicht mehr klar unterschieden wurden"; möglicherweise habe Marianus Scottus die Vorgänge von 1077 mit der Designation Wiberts von Ravenna (vgl. Reg. 1002) vermengt. ‒ Der prokönigliche Chronist Sigebert von Gembloux 1077 (SS 6, 363) erwähnt knapp die Lossprechung, betont jedoch, diese sei sub falsa … pace erfolgt, woraufhin er vom Abfall der Fürsten zugunsten Rudolfs von Schwaben und der päpstlichen Unterstützung für diesen berichtet (363 f.). ‒ Die Annales Augustani 1077 (SS 3, 129) legen Wert auf die Feststellung, daß Heinrich mit allen Ehren in Canossa empfangen und losgesprochen worden sei (Rex Heinricus Italiam ingressus, cum omni honore suscipitur a papa in Canusio, primo ex consilio ducum repudiatus. Postea a banno absolvitur, honorifice tractatur). Vgl. Paulus, Von weißen Raben, Jb. d. Vereins f. Augsburger Bistumsgeschichte 44 (2010) 345. ‒ Laut Arnulf von Mailand V, 8 (SS 8, 31 = SS rer. Germ. [1994] 229) habe Heinrich durch sein Bußwerk Verzeihung erlangt (rex ... promeruit veniam) und durch seine Getreuen die vereinbarten Eide schwören lassen (suorum iuramenta fidelium pacta confirmans), unter der Voraussetzung, daß Gerechtigkeit geschehe (sub condictione iustitie faciende). So seien durch Mathildes Klugheit Friedensbündnisse befestigt worden (Sic Matilde magna prudentia consolidata sunt pacis eorum federa) – gegen den Willen der (lombardischen) Bischöfe, die in Zwietracht verharrt hätten (invitis episcopis ac in lite manentibus). ‒ Laut Bonizo, Ad amicum VIII (Ldl 1, 610) habe Heinrich durch seine Buße die weniger Verständigen getäuscht und sei von Gregor VII., obwohl dieser von seiner Verschlagenheit gewußt habe, losgesprochen worden und habe in der Messe die Kommunion erhalten (quamvis non eius ignorante versutias, absolutionem ... invenit, sacramento dominico mediatore; vgl. dagegen Lampert und Berthold). Darauf habe ein gemeinsames Mahl (convivium) stattgefunden; dem König und allen anderen Losgesprochenen sei eingeschärft worden, die Gesellschaft Exkommunizierter zu meiden. Von einem Schwur des Königs möchte Bonizo ausdrücklich nichts berichten, da er darüber nichts wisse. Vgl. hierzu Münsch, Publizistik des Investiturstreits, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 165. Im übrigen, so Bonizo (IX [616]), sei die Lossprechung keineswegs nach abgezwungenem Sündenbekenntnis erfolgt, wie manche behaupten würden. Zu den Vorwürfen Bonizos hinsichtlich Heinrichs Verhalten in den Folgewochen vgl. Reg. 861. ‒ Der Verfasser des Königsberger Fragments (Fragment eines Manifestes, NA 31 [1906] 189; vgl. auch Reg. 838) äußert starke Zweifel daran, daß die Lossprechung gerechtfertigt gewesen sei, da zuvor keine Wiedergutmachung stattgefunden habe; vielmehr sieht er entweder Drohung oder List am Werke (Nam sive terrore sive dolo perpetratum sit, nescio, unum scio et salva Romana auctoritate dico, quia, si ita actum est, sicut nobis innotuit, nequaquam ęcclesiastico more reconciliatio illa processit quippe quam nulla satisfactio precessit). Auch hier wird behauptet, daß die Aberkennung der Königsherrschaft von der Lossprechung nicht berührt worden sei (Sic recepto in communionem regi de regni sententia nihil remissum est). ‒ Paul von Bernried (Vita Gregorii VII. c. 84 f. [Watterich 1, 524 f.]) übernimmt beim Bericht über die Lossprechung abermals den Brief Gregors VII. (Reg. IV, 12) fast im Wortlaut, um sich daraufhin von diesem zu lösen und zu betonen, daß die Lossprechung die Frage des Königtums offengelassen habe (Rex postquam communione recepta, sed quaestione regni dilata, solutus ab Apostolico discessit). ‒ Donizo (Vita Mathildis II, 1 v. 107-116 [RIS2 5,2 60]) liefert eine andere Reihenfolge als die sonstigen Quellen: nach dem Empfang auf der Burg und fortgesetzten Demutsbezeugungen Heinrichs zunächst die Erwähnung der Lossprechung (miseratus ei satis est … / Nam benedixit eum, pacem tribuit), der Meßfeier samt Kommunionempfang des Königs (sibi demum / Missam cantavit corpus dedit et deitatis) und des gemeinsame Mahles (Secum convivans super arcem quin Canusinam), erst hierauf die Eidesleistung (Ipsum dimisit postquam iuravit). ‒ Rangerius, Vita metrica Anselmi Luc. v. 3168-3214 (SS 30/2, 1223 f.) gehört zu den Quellen, die ausdrücklich ausschließen, daß Heinrich wieder in das Königtum eingesetzt worden sei (v. 3179: Sed necdum sceptro redditur aut solio). Einer weitschweifigen Klage darüber, daß Heinrich der Lossprechung eigentlich nicht würdig gewesen sei, folgt eine – einzig hier wiedergegebene ‒ Episode über Heinrichs Verhalten beim gemeinsamen Mahl mit Gregor VII.: Er habe schweigend vor sich hingestarrt und mit den Fingernägeln in den Tisch gekratzt (v. 3207 f.: stet fixis occulis tacitus meditansque cibumque / Horreat in mensam pronus et ungue notans); ein Verhalten, das bei Gregor höchsten Unwillen hervorgerufen haben soll (v. 3209 f.: Gregorius cernit et iam se dampnat, at illum / Admonet, ut sese iam sapienter agat). Zur Darstellung des Rangerius vgl. eingehend Struve, Johannes Haller und das Versöhnungsmahl auf Canossa, HJb 110 (1990) 110 ff. ‒ Überaus kritisch zu den Vorgängen äußert sich ebenfalls, freilich in Gregor feindlicher Weise, Beno, Gesta Rom. eccl. II, 1 (Ldl 2, 374). Vgl. Münsch, Publizistik des Investiturstreits, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 165. ‒‒ Der gleichfalls prokönigliche Hersfelder Verfasser des Liber de unitate ecclesiae betont audrücklich und mehrfach den Kommunionempfang Heinrichs IV. (I, 6 [Ldl 2, 191]: ad comprobandum ecclesiasticae reconciliationis testimonium sacram communionem … de manu pontificis accepit [192]: rex ad altare in testimonium ecclesiasticae reconciliationis communicatur … sacramentum pietatis signum quoque est unitatis et vinculum caritatis) und erwähnt das gemeinsame Mahl, wirft jedoch Gregor VII. vor, einen falschen Frieden geschlossen zu haben ([191]: ac deinde dimissus est in pace, qualem scilicet pacem Iudas simulavit, non qualem Christus reliquit). Nur hier findet sich die Nachricht, zur selben Zeit sei auch eine Gesandtschaft von Heinrichs Feinden anwesend gewesen (ein Ort wird nicht genannt), welche diesen abgeschlossenen Versöhnungspakt (reconciliationis pactum) auf vielerlei Weise zu zerstören trachteten (Aderat enim et legatio hostium suorum quaerentium omnibus modis interrumpere initum hoc reconcilaitionis pactum); diesen habe der Papst geschrieben, daß sie sich nicht zu sorgen bräuchten (rescripsit talibus verbis: Ne solliciti … sitis, quoniam culpabiliorem eum reddo vobis; zur mangelnden Glaubwürdigkeit dieser Nachricht vgl. Anm. 4 des Herausgebers Schwenkenbecher, ebd. 191 f.). Vgl. Münsch, Publizistik des Investiturstreits, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 165 f. mit Anm. 60: "Der Vorwurf scheint eine Umkehrung dessen zu sein, was man in der Chronik Bernolds von Konstanz, a. 1077, lesen kann; dort wird (ähnlich wie schon bei Berthold von Reichenau) Heinrich IV. beim Bußakt von Canossa simulatio vorgeworfen …" (s.o.). Wahrscheinlich von Lampert übernommen hat der anonyme Hersfelder Verfasser des Liber (192) die Behauptung, Heinrich sei bis zum päpstlichen Schiedsgericht (ad arbitrii sui tempus) das Tragen königlicher Insignien untersagt worden, was er im Gegensatz zu Lampert kritisiert, denn dadurch habe der Papst möglicherweise versucht, den König in seinem Reich verächtlicher zu machen (ut sic aut contemptibilior esset ipsius regis in regno persona, …). Vgl. Hoffmann, Canossa – eine Wende?, DA 66 (2010) 541 f. ‒ Im Vagen bleibt der gleichfalls prokönigliche Petrus Crassus mit seiner Defensio Heinrici IV c. 6 (Ldl 1, 446): Obwohl Heinrich sich in bewundernswert demütiger Weise zum Papst begeben habe, habe Gregor VII. zugleich ‒ Gerüchten gemäß (ut fama est) ‒ heimlich auf den Entzug seines Königtums und sein und seiner Familie Verderben hingearbeitet. Vgl. Hoffmann, Canossa – eine Wende?, DA 66 (2010) 542. ‒ In ganz knapper Form erwähnt Benzo von Alba Canossa, welches er als einen Ort deutet, an dem Heinrich IV. einen Sieg errungen hat (Ad Heinr. I, 24 [SS 11, 608 = SS rer. Germ. 1996, 166]: Ego ante te ambulabo et superbos terrę humiliabo [Isaias 45,2]. Huius rei testis est Ausonia [= Italia] nec non Canussię colonia, velit nolit, id ipsum affirmat Saxonia). ‒ Die Chronik von Montecassino III, 49 (SS 34, 428) berichtet, daß der Frieden unter der Bedingung hergestellt worden sei, daß nach beiderseitigen Schuldeingeständnissen Heinrich dem Papst einen Treueid zu schwören habe (Version Traversari: Pacis autem iste tenor erat, ut, si quid utrinque fuisset admissum, solveretur demumque caesar Romano pontifici fidelitatem iuraret; Version Lauretus: ..., ut si quid commissi ab utraque parte factum esset, solveretur mit der Ergänzung, daß Heinrich den Treueid nach dem Brauch seiner Vorgänger geschworen habe – Caesar more antecessorum suorum Romano Pontifici fidelitatem faceret; Version Patrizi lediglich: pax tandem confecta est et Imperator in Pontificis verba iuravit). ‒ Deusdedit erwähnt in seiner Streitschrift knapp den Eid von Canossa, der von Heinrich zur Wiederherstellung von Frieden und Gerechtigkeit im Königreich geleistet worden sei, welches er zuvor durch Hochmut und Boshaftigkeit in Verwirrung gebracht habe (Libellus contra invasores et symoniacos II 11 [Ldl 2, 329]: quod apud Canusiam … prebuerat … ad integrandam pacem et iustitiam in regno, quod multa superbia et malitia perturbaverat). Vgl. hierzu Münsch, Publizistik des Investiturstreits, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 165: "Seiner streng gregorianischen Position gemäß sieht Deusdedit nicht die Aufhebung der Exkommunikation, sondern die eidliche Bindung des Königs an den Papst und den in der Folgezeit begangenen Eidbruch als erwähnenswert an." ‒ Außerhalb des Reiches fand das Canossa-Geschehen so gut wie keinen historiographischen Niederschlag; in England knapp in der Chronik Johannes’ von Worcester zu 1100 [1078], der hier teilweise von dem zu diesem Jahr benutzten Marianus Scottus (s.o.) abweicht: Es sei ein Frieden geschlossen worden, der sich jedoch später als falsch herausgestellt habe (Chron. Iohannis Wigornensis [McGurk 30]: convenientes in mense Martio in Longobardia, inuicem pacificantur, sed falso ut postea claruit). Wilhelm von Malmesbury zeigt in seinen Gesta regum Anglorum (III, 266 [SS rer. Brit. 90,2 325]) so gut wie keine Kenntnisse der Zusammenhänge: Nach seinem ungewöhnlichen Erscheinen vor Gregor VII. sei Heinrich als Frevler und Blutschänder (abominatus homines sacrilegum, et sororii incesti reum) nicht vorgelassen worden, weshalb er sich in der Folge an den Anhängern des Papstes gerächt habe. ‒ In Frankreich wurde Canossa von der zeitgenössischen Historiographie überhaupt nicht zur Kenntnis genommen, sieht man von dem ‚Grenzgänger‘ Hugo von Flavigny ab. ‒ Eine Übersicht zu den außerhalb des Reiches über Canossa und dessen Vorgeschichte berichtenden Quellen liefert R. Schieffer, Worms, Rom und Canossa, HZ 292 (2011) 607 ff.; resümierend 611: "Der Bußgang Heinrichs IV. blieb in seiner Tragweite beschränkt auf die salische Reichsgeschichte beiderseits der Alpen, an der Westeuropa keinen Anteil hatte." ‒ Keinerlei Erwähnung findet Canossa in den überlieferten Briefen Heinrichs IV. ‒ Die Parallelen zwischen dem Bußritual des römischen Pontifikale und der von mehreren der genannten Quellen beschriebenen Abfolge der Ereignisse zeigt Laudage, Salier (2006) 81 auf. ‒ Der Inhalt des Eides wird eingehend analysiert u.a. von Schneider, Prophetisches Sacerdotium (1972) 204 ff.; sowie Beumann, Tribur, Rom und Canossa (VuF 17, 1973) 48 ff. ‒ Daß Heinrich den Eid nicht persönlich leistete (wie einige Quellen im Gegensatz u.a. zu Gregor VII. selbst, Lampert und Berthold behaupten), entsprach den Gepflogenheiten bis Ende des 12. Jahrunderts: "Zuvor schwor der Römische König auch dem Papst ‚corporaliter‘ keine Eide, andernfalls verhielt er sich unstandesgemäß" (W. Goez, Hochmittelalterliche Beschränkungen königlicher Eidesleistung, DA 42 [1986] 522). W. Goez, ebd. 523 f. sieht in der von Gregor VII. akzeptierten stellvertretenden Eidesleistung ein gewichtiges Indiz dafür, daß dieser Heinrich in Canossa erneut als rechmäßigen König betrachtet habe (s.u.). Zur Rolle des Abtes Hugo von Cluny, der als Mönch einen Eid verweigerte, doch als einer der Bürgen für die Einhaltung des Eides fungierte, vgl. Kohnle, Abt Hugo von Cluny (1993) 113 f. ‒ Eine komplizierte Quellenlage existiert hinsichtlich der Eideshelfer (siehe oben): Nach Lampert waren dies Hugo von Cluny (lediglich Versprechen), die Bischöfe Eberhard (Eppo) von Naumburg-Zeitz und Gregor von Vercelli, Markgraf Albert-Azzo von Este und weitere nicht namentlich genannte Fürsten. Berthold erwähnt ebenfalls Eberhard von Naumburg und Gregor von Vercelli sowie weitere, nicht genauer identifizierte familiares Heinrichs. Gregor VII. (Reg. IV, 12) nennt als diejenigen, welche die securitates bestätigt hätten, Hugo von Cluny, Mathilde von Tuszien-Canossa sowie Adelheid von Turin und spricht von weiteren, nicht namentlich Genannten. Im Jahre 1080 (Reg. VII, 14a) ist dann lediglich von zwei Bischöfen die Rede. Die Archivüberlieferung des Eides nennt als Zeugen der königlichen Seite Liemar von Bremen (von May, Regesten d. Erzbischöfe von Bremen 360 ohne Begründung unter die Vermittler gerechnet), Gregor von Vercelli, Benno von Osnabrück und Hugo von Cluny (MGH Epp. sel. 2, 315: ex parte regis interfuerunt Bremensis archiepiscopus et episcopi Vercellensis et Osnabrugensis et abbas Cluniacensis et multi nobiles viri) und bezeugt ferner die Anwesenheit der (Kardinal-)Bischöfe Hubert von Palestrina und Gerald von Ostia (vgl. Reg. 700. 702) und weiterer Kardinäle. Fried, Canossa (2012) 131 hält diese Zeugenliste allerdings für "ein nachträgliches Konstrukt" des Kanonisten Deusdedit, auf den diese Überlieferung zurückgeht. Die Nennung von Zeugen anstelle von Eideshelfern habe dem Zweck gedient, die securitates Heinrichs im Umfeld der Kurie nach 1080 zu einem persönlichen Eid umzudeuten. Somit entfiele auch die Notwendigkeit, eine Verwechslung des Naumburger mit dem Osnabrücker Bischof als Eideshelfer anzunehmen (so jüngst noch Weinfurter, Canossa [2006] 22), auch wenn Bennos Anwesenheit in Canossa ebenfalls möglich ist. Gleichwohl bleibt die Rolle des Naumburger Bischofs unklar. Es ist durchaus möglich, daß Eberhard der Gruppe von Bischöfen angehörte, die laut Lampert (289 f.) bereits einige Tage vor dem Eintreffen Heinrichs in Canossa losgeprochen worden sind. Vgl. Wiessner, Bistum Naumburg 2 (Germania Sacra N. F. 35, 2 1998) 746 (mit der allerdings von ihm nicht begründeten Datierung der Eidesleistung mit den übrigen Eideshelfern auf den 25. Januar; drei Tage später Absolution Heinrichs); sowie (eine spätere Rekonziliation zusammen mit dem König für wahrscheinlicher haltend) Cowdrey, Pope Gregory VII (1998) 157 Anm. 356. Hierzu würde auch die Nachricht Lamperts (294 f.) passen, wonach der Naumburger Bischof zu den conventionis eius principes gehört habe, was bei fortbestehender Exkommunikation nicht denkbar wäre. Die einzige Nachricht, die auf eine gleichzeitige Absolution Eberhards und Heinrichs IV. hindeutet, stammt von Berthold (290 = 261), was freilich schwerlich mit seinem Bericht (289 = 260) von einer vorherigen Eidesleistung – durch einen somit noch Exkommunizierten – zusammenpaßt. Fried, Canossa (2012) 127 mit Anm. 304 vertritt – um seine These vom 25. Januar als Tag der Lossprechung zu stützen – die kaum begründete Auffassung, die Lossprechung (Heinrichs und die von ihm als gleichzeitig angenommene Eberhards) und die nachfolgende Eidesleistung hätten nicht am selben Tag erfolgen können. Unter Berücksichtigung der genannten Quellen ergibt sich somit – vom Sonderfall Hugo von Cluny zunächst abgesehen – folgende bekannte Gruppe von Eideshelfern: Die Bischöfe Eberhard von Naumburg und Gregor von Vercelli, Mathilde von Tuszien-Canossa, Adelheid von Turin und Albert-Azzo von Este, wobei Gregors VII. Erwähnung von alii principes, episcopi et laici (Reg. IV, 12) darauf hindeutet, daß es neben den (soweit wir der Angabe in Reg. VII, 14a Vertrauen schenken) nur zwei Bischöfen eine größere Gruppe war. ‒ Das der eigentlichen Eidesleistung vorangegangene Prozedere wird im Brief des Papstes an Udo von Trier (Reg. V, 7) geschildert (s.o.). ‒ Als gesichert dürfte gelten, daß die Quellen, welche ausdrücklich oder implizit vom Kommunionempfang Heinrichs sprechen, denen vorzuziehen sind, welche diesen verneinen (Lampert und Berthold). Vgl. Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 195 f. ‒ Das abschließende Mahl von Canossa wird in den historischen Kontext gestellt von Althoff, Der frieden-, bündnis- und gemeinschaftstiftende Charakter des Mahles im früheren Mittelalter, in: Essen und Trinken in Mittelalter und Neuzeit (1997) 13 ff., der das Ziel der Darstellung des Rangerius (s.o.) herausstellen möchte: "Die Schilderung hat … die Funktion zu zeigen, daß er [Heinrich] Frieden und Bündnis mit dem Papst gar nicht ernsthaft gewollt habe." Vgl. ähnlich ders., Empörung, Tränen, Zerknirschung, FMASt 30 (1996) 76. Struve, Johannes Haller und das Versöhnungsmahl auf Canossa, HJb 110 (1990) 115 stellt den Widerspruch zur Darstellung Bertholds heraus; dieser "wußte nichts von einem derart auffälligen Verhalten Heinrichs IV." (SS 5, 290 = SS n. s. 14, 261 f.: sobrio se victu honeste procurabant); auch fehle die Episode in der Hausüberlieferung von Canossa (Vita Anselmi und Donizo). Struve folgert somit ähnlich Althoff: "Das Heinrich IV. unterstellte Verhalten hatte hier die Funktion, als Beweis für die ihm bereits zuvor unterstellte Unbußfertigkeit zu dienen" (116). Damit kritisiert er das Urteil von Haller, Papsttum22, 398, welcher der Schilderung des Rangerius Glauben schenken möchte (vgl. bereits Struve, Johannes Haller – ein Romancier?, HJb 109 [1989] 206 ff., wo der Verfasser allerdings aufgrund mangelnder Quellenangaben Hallers noch von einer Erfindung durch diesen ausgeht). Unter Berücksichtigung der mangelnden Historizität des Rangerius in diesem Punkt wäre somit Althoff zu folgen, wonach das abschließende Mahl von Papst und König "ihre Versöhnung unter Beweis stellen sollte. … Mit dem gemeinsamen Essen … zeigte man seine Bereitschaft zu friedlich-freundschaftlichem Verhältnis zu dem Partner" (Demonstration und Inszenierung, FMASt 27 [1993] 39). ‒ Die Frage, ob Papst Gregor VII. in Canossa Heinrich wieder in seine königlichen Rechte eingesetzt hat oder ob die Behauptung des Papstes im Jahre 1080 (Reg. VII, 14a), daß die Absolution das (ihm aberkannte) Königtum nicht berührt habe, die Verhältnisse im Januar 1077 widerspiegelt, war Gegenstand einer heftigen Forschungskontroverse (vgl. dazu auch Reg. 996). In der älteren Forschung hat insbesondere Fliche, Grégoire VII à Canossa (Studi Gregoriani 1, 1947) 373 ff., wieder in (dt. Übers.): Canossa als Wende (1963) 250 ff. den Standpunkt vertreten, daß Gregor VII. in Canossa das Königtum Heinrichs wieder vollständig anerkannt habe. Seine Argumente beruhen in erster Linie auf dem Schreiben Gregors vom 3. September 1076 (vgl. Reg. 829), weiteren, zwischen 1077 und 1079 ins Reich gesandten Papstbriefen (vgl. Reg. 864. 888. 927. 962) einschließlich der darin enthaltenen Königstitulatur sowie Schreiben der Sachsen, in welchen diese sich über die Haltung Gregors beklagen (vgl. Reg. 933. 962. 973). Er kommt zu dem Ergebnis (386/264), daß Gregor VII. erst 1080 – in Übernahme der sächsischen Auffassung – sein Handeln von Canossa dahingehend interpretiert habe, daß eine Absetzung des Königs weiter Gültigkeit besaß. Arquillière, Grégoire VII à Canossa (Studi Gregoriani 4, 1952) 3 ff., wieder in (dt. Übers.): Canossa als Wende (1963) 267 ff. vertritt die Gegenthese: Er argumentiert u.a. (7/273), daß Gregor VII. die Deutschen niemals darüber in Kenntnis gesetzt habe, daß sie erneut an ihren Treueid gegenüber Heinrich IV. gebunden seien. Die Relevanz der Verwendung des Königstitels versucht er durch den Hinweis zu entkräften, daß eine solche Benennung zuweilen sogar noch nach der zweiten Verurteilung 1080 erfolgte (19/290; vgl. Reg. 1024). Die Worte Gregors VII. in seinem Schreiben aus Canossa – adhuc totius negotii causa suspensa est ‒ möchte Arquilière auch und vor allem auf das Königtum Heinrichs beziehen (25/297). Vgl. auch ders., Le sens juridique de l’absolution de Canossa, in: Actes du Congrès de Droit Canonique (1950) 159 ff., wieder in (dt. Übers.): Canossa als Wende (1963) 302 ff. ‒ Auch Ullmann, Die Machtstellung des Papsttums (1960) 441 behauptet in – hier allerdings unreflektiertem ‒ Bezug auf die zweite Exkommunikationssentenz, daß "das Absetzungsurteil von Gregor nie widerrufen [wurde]. Canossa betraf Heinrichs Wiederzulassung zur christlichen Gemeinschaft und hatte nichts mit seinem Regierungsamt zu tun." Zusammenfassend zum Stand der Kontroverse bis zum Beginn der 1970er Jahre Zimmermann, Der Canossagang von 1077 (1975) 175 ff. Seither vertritt u.a. Struve, Gregor VII. und Heinrich IV. (Studi Gregoriani 14, 1991) 40, wieder in: ders., Salierzeit im Wandel (2006) 103 mit 312 f. die Auffassung, daß Heinrich "in Verbindung mit der Exkommunikation lediglich die Ausübung der königlichen Herrschaft untersagt worden war" (vgl. Reg. 794). Somit "bedurfte die Frage der Wiedereinsetzung nach erfolgter Absolution keiner weiteren Erörterung mehr." Er verweist darauf, daß Heinrichs Königtum von Gregor VII. nach Canossa faktisch wieder anerkannt wurde: Der Sicherheitseid "setzte … voraus, daß jener auch tatsächlich die Herrschaft im Reich ausübte." Vgl. auch ders., Das Problem der Eideslösung in den Streitschriften, ZRG KA 106 (1989) 130 f., wieder in: ders., Salierzeit im Wandel (2006) 211 mit 387; sowie Münsch, Heinrich IV. in publizistischen Texten, in: Salier, Reich und Niederrhein (2008) 184 f., der, obgleich in der Frage unentschieden, darauf hinweist, daß Gregor VII. Heinrich im September des Vorjahres lediglich als dictus rex und a regia dignitate depositus bezeichnet hatte (vgl. Reg. 829), was er jedoch nach Canossa unterließ. Vgl. hierzu u.a. auch Robinson, Henry IV (1999) 162 f. ("There is no doubt that Henry IV believed himself restored to the kingship by the absolution"); Boshof, Salier (42000) 230 f.; sowie Schubert, Königsabsetzung im deutschen Mittelalter (Abh. Göttingen 3. Folge 267, 2005) 144 ff, der überdies darauf hinweist, daß im Falle einer für Gregor VII. weiterbestehenden Absetzung, "die trotz der Bußleistung weiterbestehe, … wohl kaum ein friedensstiftendes Mahl die Tage von Canossa [hätte] beschließen können" (ebd. 144). ‒ Weinfurter, Canossa (2006) 24 spricht von einem "Friedensschluß zwischen Papst und König", der jedoch einen "Separatfrieden" zwischen beiden dargestellt habe: "Die deutschen Fürsten waren ausgeschaltet." Vgl. bereits Beumann, Tribur, Rom und Canossa (VuF 17, 1973) 51 mit Verweis auf das päpstliche Schreiben Reg. IV, 12: "Die Absolution besiegelte … eine politische Vereinbarung, die man als einen Frieden, mindestens aber als einen Waffenstillstand wird bezeichnen können. … das Konzept der deutschen Fürstenopposition ist nicht nur durch die Absolution des Königs, sondern obendrein durch weitergehende Vereinbarungen durchkreuzt worden." ‒ Wesentlich weiter geht Fried, Der Pakt von Canossa, in: Faszination der Papstgeschichte (2008) 133 ff.; seine These näher ausführend und auf die Kritik bis 2011 eingehend ders., Canossa (2012) passim: In Canossa sei ein längere Zeit vorbereiteter Friedenspakt geschlossen worden. Neben dem überlieferten Sicherungseid habe es weitergehende mündliche Vereinbarungen gegeben, die u.a. Streitpunke in Italien (etwa Mailänder Frage) betrafen. Fried stützt sich vor allem auf das Königsberger Fragment (vgl. auch Reg. 838), Arnulf von Mailand (federa pacis; s.o.) und Donizo von Canossa. Vgl. auch die Zusammenfassungen bei Hasberg, Nach Canossa sollen wir gehen?, in: Canossa ‒ Aspekte einer Wende (2012) 22 (mit knapper tabellarischer Übersicht [23]: "Chronologie der traditionelle [sic!] Sichtweise" vs. "Chronologie nach J. Fried"); Grévin, Polémique de la "mémorique", Francia 42 (2015) v.a. 280 f.; knapp in der Rezension von Hartmann, HZ 298 (2014) 472. ‒ Skeptisch (in bezug auf Fried, Der Pakt von Canossa, in: Faszination der Papstgeschichte [2008]) Althoff, Kein Gang nach Canossa?, Damals 41/5 (2009) 59 ff.; Patzold, Gregors Hirn, Geschichte heute 4/2 (2011) 5 ff. (zusammenfassend 17: "Die These ruht auf einer schütteren Quellenbasis"); Weinfurter, Canossa als Chiffre, in: Canossa ‒ Aspekte einer Wende (2012) 124 ff. mit 222 ff., nach dem der Papstbrief aus Canossa "auch weiterhin als erstrangig einzustufen" sei (130). "Gregors Darstellung, er habe auch in Canossa noch versucht, sich gegen die Bannlösung zu wehren", sei "in höchstem Maße glaubwürdig" (ebd.). Eine abermalige gründliche Auseinandersetzung mit Frieds Thesen unternimmt Patzold, Frieds Canossa, Geschichte heute 6/2 (2013) 5-39, zum Eid Heinrichs und Gregors Schreiben aus Canossa v.a. 23-27 (zusammenfassend 28: "Diese These [von einem in Canossa geschlossenen Friedensvertrag] halte ich nicht nur für unbewiesen, sondern auch für unplausibel und schwer vereinbar mit unserer Überlieferung."). Ähnlich äußert sich Althoff, Das Amtsverständnis Gregors VII., FMASt 48 (2014) v.a. 270-273 (271: "Viel einfacher und schlüssiger ist dagegen die Annahme, dass er [Gregor VII. im Schreiben Reg. IV, 12] eine realistische Lageeinschätzung gab, in der es lediglich die Lösung vom Bann, aber kein politisches Bündnis gegeben hatte"). ‒ Zur Bedeutung der Begriffe iudicium und consilium im Eid Heinrichs IV. vgl. H. Krause, Consilio et iudicio (Festschr. J. Spörl 1965) v.a. 433; zur Wendung iustitiam … faciam H. Krause, Mittelalterliche Anschauungen vom Gericht (SB Bayer. Akad. d. Wiss., Philos.-Hist. Klasse 1974/11) passim (ohne Erwähnung des Eides von Canossa); Fried, Canossa (2012) 133 f.; diesem widersprechend Patzold, Frieds Canossa, Geschichte heute 6/2 (2013) 25-27; sowie Althoff, Das Amtsverständnis Gregors VII., FMASt 48 (2014) 271 f. ‒ Zur Rolle, die der Papst sich selbst im Streit mit den Fürsten zudachte, schreibt Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 174 f.: "Dabei ließ es Gregor offen, welche Form der Konfliktlösung Anwendung finden sollte, formulierte aber als nicht eigens diskutierte Bedingung, daß er selbst in jedem Fall eingebunden bleiben würde … Freilich galt die päpstliche Friedensliebe unter der Voraussetzung, dass Heinrich die Bedingungen anerkannte, die für Gregor nicht verhandelbar waren, dass nämlich dem Heiligen Petrus und seinem Stellvertreter auf Erden Gehorsam zu leisten war." ‒ Nach der Einschätzung von Schubert, Königsabsetzung im deutschen Mittelalter (Abh. Göttingen 3. Folge 267, 2005) 123 hätten die Zeitgenossen in der Herrscherbuße "keine Demütigung des Königs" gesehen, doch habe sich dies bereits in der darauffolgenden Generation (unter Heinrich V.) geändert. Er vertritt (ebd. 131) die These, "daß nicht Rom und Canossa, sondern Goslar [vgl. u.a. Reg. 637. 641. 642. 695] und Forchheim [vgl. Reg. Rudolfs] die für das Schicksal Heinrichs IV. entscheidenden Orte waren" – sprich die sächsische Opposition. ‒ Struve, Herrscher im Konflikt, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 62 führt aus: "Der sich vor Jahresfrist noch auf göttliche Einsetzung berufende König hatte seine Herrschaft nur durch die Anerkennung des päpstlichen Richteramtes zu erhalten vermocht. Darin liegt die eigentliche Bedeutung des Gangs nach Canossa." ‒ Hinsichtlich der zeitgenössischen Rezeption der Ereignisse kommt Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 197 zum Ergebnis, daß sie unter den deutschen Geschichtsschreibern kein allzu großes Echo ausgelöst hätten. Es gebe "keine Hinweise darauf, dass Canossa die Gemüter im deutschen Reich erregt hat. … Canossa hat die ‚Welt‘ offensichtlich nicht erschüttert." Selbst in den Streitschriften werde Canossa selten erwähnt (ebd. 195; vgl. auch Münsch, Publizistik des Investiturstreits, in: Vom Umbruch zur Erneuerung [2006] 165). ‒ Hoffmann, Canossa – eine Wende?, DA 66 (2010) 544 ff. hinterfragt die verbreitete Forschungsauffassung, wonach die Begegnung von Canossa zumindest langfristig einen "Verlust des Gottesgnadentums" (544) oder einen "Verlust der Gottesunmittelbarkeit" (545) zur Folge gehabt habe (die zahlreichen Belege ebd.), und kommt nach eingehender diachroner Betrachtung zu folgendem Ergebnis (556): "Das Gottesgnadentum war prinzipiell durch die Kirche vermittelt und blieb unter ihrer Kontrolle – vor dem Investiturstreit nicht anders als danach." Vgl. auch 568. Als entscheidende Bedeutung des Canossagangs konstatiert er statt dessen (557 f.) – ähnlich Struve (s.o.) – das Ende der zumindest zeitweise aktivierbaren Herrschaft der ostfränkisch-deutschen Könige über den römischen Stuhl: "Das Ende der ottonischen Ära der Papstgeschichte war … in Canossa besiegelt worden …, auch wenn es Vor- und Nachspiele dazu gegeben hat und die Zeitgenossen sich das außerordentliche Geschehen noch nicht so recht zu deuten wußten." Vgl. zusammenfassend S. 566: "Der Bußgang nach Canossa war keine Wende. Heinrich IV. hat durch ihn seine politische Bewegungsfreiheit zurückgewonnen, aber Gregor hatte gesiegt, insofern als er mindestens implizit dem König das Eingeständnis abgerungen hatte, daß er nicht wie seine ottonischen und salischen Vorgänger über das Papsttum verfügen konnte." ‒ Überwiegend zur modernen Rezeptionsgeschichte vgl. unter der neueren Literatur Oexle, Canossa, in: Deutsche Erinnerungsorte I (2001) 56 ff.; spezieller Golinelli, Rezeption des Canossa-Ereignisses in Italien, in: Erschütterung der Welt 1. Essays (2006) 592 ff. (Mittelalter und Neuzeit); Menne, Zur Canossa-Rezeption im konfessionellen Zeitalter, in: Erschütterung der Welt 1. Essays (2006) 603 ff.; Klenke, Bismarck, "Canossa" und das deutsche Nationalbewußtsein, in: Erschütterung der Welt 1. Essays (2006) 613 ff.; H. Maier, Canossa heute, in: Erschütterung der Welt 1. Essays (2006) 625 ff. ‒ Vgl. Meyer von Knonau, Jbb. 2, 760 ff. und Exkurs VII, 894 ff.; Hefele-Leclercq, Histoire des conciles25, 191 ff.; Hauck, Kirchengeschichte Deutschlands3-43, 808 ff.; Fliche, La réforme grégorienne 2 (1925) 305 ff.; Tondelli, Matilda di Canossa (21925) 60 ff.; Arquillière, Saint Grégoire VII (1934) 170-173, 199 und 462; Bruns, Gegenkönigtum (1939) 8-16 und 22-27; Brackmann, Canossa und das Reich, in: Stufen und Wandlungen der deutschen Einheit (1943) 9 ff., wieder in (dt. Übers.): Canossa als Wende (1963) 311 ff.; Arquillière, La signification théologique du pontificat de Grégoire VII, Revue d’Université d’Ottawa 20 (1950) 151 f., wieder in (dt. Übers.): Canossa als Wende (1963) 351 f.; Haller, Papsttum22, 398 ff.; von den Steinen, Canossa (1957) 73 ff.; Heimpel, Vier Kapitel aus der deutschen Geschichte (1960) 41 f.; Ullmann, Die Machtstellung des Papsttums (1960) 441 f. und 506 f.; Ghirardini, Chi ha vinto a Canossa? (1970) passim; Schneider, Prophetisches Sacerdotium (1972) 201 ff.; Beumann, Tribur, Rom und Canossa (VuF 17, 1973) 46 ff.; Werner, Zwischen Canossa und Worms (1973) 73 f.; Zimmermann, Der Canossagang von 1077 (1975) passim (mit Konkordanz der Berichte Gregors VII., Lamperts, Donizos, Berthold und Bonizos 153 f.); De Matteis, La riconziliatione di Canossa, in: Studi Matildici (1978) 227 f.; Boshof, Heinrich IV. (1979) 77 ff.; Blumenthal, Investiturstreit (1982) 135 f.; Tellenbach, Westliche Kirche (1988) 192 f.; Struve, Gregor VII. und Heinrich IV. (Studi Gregoriani 14, 1991) 39 f., wieder in: ders., Salierzeit im Wandel (2006) 102 f. mit 312 f.; Althoff, Demonstration und Inszenierung, FMASt 27 (1993) 38 ff.; Struve, Mathilde von Tuszien-Canossa, HJb 115 (1995) 45 und 82, wieder in: ders., Salierzeit im Wandel (2006) 119 und 142 mit 323; Hartmann, Investiturstreit (21996) 25 f. und 88 f. (dort zu den Forschungskontroversen bis Ende des 20. Jh. und offenen Fragen); Suchan, Königsherrschaft im Streit (1997) 117 ff.; Cowdrey, Pope Gregory VII (1998) 156 ff.; Golinelli, Mathilde und der Gang nach Canossa (1998) 192 ff. und 195 f.; Robinson, Henry IV (1999) 161 ff.; Boshof, Salier (42000) 230 ff.; W. Goez, Canossa als deditio? (Festschr. J. Petersohn 2000) 92 ff.; Bagge, Kings, politics, and the right order (2002) 281, 326 und 337 f.; Körntgen, Ottonen und Salier (2001) 99; Kortüm, König Heinrich IV. in Canossa, in: Höhepunkte des Mittelalters (2004) 106 f.; Althoff, Heinrich IV. (2006) 155 ff.; Blumenthal, Gregor VII. und die christliche Hierarchie, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 31; Erkens, Der pia Dei ordinatione rex, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 78; Gresser, Synoden und Konzilien in der Zeit des Reformpapsttums (2006) 165; Laudage, Salier (2006) 80 ff.; Schneidmüller, Canossa, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 110 f.; Schneidmüller, Canossa – Das Ereignis, in: Canossa 1077. Erschütterung der Welt 1. Essays (2006) 42-44; Struve, Herrscher im Konflikt, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 55 und 61 f.; Weinfurter, Canossa (2006) 20 ff.; Althoff, Vom Konflikt zur Krise, in: Salisches Kaisertum (2007) 40; Münsch, Heinrich IV. in publizistischen Texten, in: Salier, Reich und Niederrhein (2008) 184 f. und 188; Struve, Der "gute" Kaiser Heinrich IV. (VuF 69, 2009) 179; R. Schieffer, Papst Gregor VII. (2010) 61 ff.; Weinfurter, Canossa, in: Erinnerungsorte des Christentums (2010) 226-228 und 236 f.; van Wijnendaele, Le pape de la haine (2010) 65 ff.; Förster, Bonizo von Sutri (2011) 225-237; R. Schieffer, Worms, Rom und Canossa, HZ 292 (2011) 602 ff.; E. Goez, Mathilde von Canossa (2012) 107; H. K. Schulze, Von der Harzburg nach Canossa (2012) 50 ff.; Vollrath, Lauter Gerüchte?, in: Päpstliche Herrschaft im Mittelalter (2012) 153 ff.; dies., Sutri 1046 – Canossa 1077, in: European Transformations (2012) 151-154; Althoff, "Selig sind, die Verfolgung ausüben" (2013) 9 und 113-115; Vollrath, Überforderte Könige, in: Heinrich V. in seiner Zeit (2013) 33 f.; Althoff, Kontrolle der Macht (2016) 176-178.

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Empfohlene Zitierweise

RI III,2,3 n. 857, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/a531852d-f2a3-41bc-8e10-49e42706453e
(Abgerufen am 14.12.2018).