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RI III Salisches Haus (1024-1125) - RI III,2,3

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Heinrich zieht auf die Nachricht von der Besetzung des Hasunger Berges durch Otto von Northeim sächsische, thüringische und hessische Truppen zusammen, nimmt aber angesichts der Überlegenheit und der Kampfeswut des gegnerischen Heeres von einem Angriff Abstand und willigt in den von seinem Ratgeber, Graf Eberhard, vermittelten, bis Ostern befristeten Waffenstillstand ein.

Überlieferung/Literatur

Lampert 1071 (SS rer. Germ. [1894] 119 f.).

Kommentar

Hauptbedingung für eine Waffenruhe war auf königlicher Seite die Räumung des Hasunger Berges (vgl. Meyer von Knonau, Jbb. 2, 43 f. Anm. 6). Alle weiteren Zusicherungen, die Graf Eberhard Lampert zufolge Otto von Northeim bezüglich Wiedereinsetzung in die ihm aberkannten Rechtstitel gegeben haben soll, bleiben Spekulation, denn als rechtskräftig Verurteilter hatte er lediglich Gnade von Heinrich IV. zu erwarten. Das gilt auch für den Fürstentag in Köln, auf dem sich Otto von Northeim einfinden sollte. – Auf dem w. Kassel gelegenen, durch seine natürliche Beschaffenheit begünstigten und durch Schanzen zusätzlich befestigten Hasunger Berg befand sich die Einsiedelei des 1019 verstorbenen Wanderpredigers Haimerad. Erzbischof Aribo von Mainz hatte hier eine Wallfahrtskirche errichtet. Siegfried von Mainz gründete hier 1074 ein Kanonikerstift, das er 1081 in ein Kloster unter Leitung Lamperts von Hersfeld als erstem Abt umgewandelt hat. Vgl. Struve, Hess. Jb. f. LG 19 (1969) 84 ff. Zu Haimerad vgl. Keller, "Adelsheiliger" und Pauper Christi in Ekkeberts Vita sancti Haimeradi (Festschr. G. Tellenbach 1968) 307 ff.; Struve, Hersfeld, Hasungen und die Vita Haimeradi, AKG 51 (1969) 210 ff. – Der hier erwähnte königliche Ratgeber Eberhard (vgl. Reg. 625) ist nicht mit dem gleichnamigen Grafen von Nellenburg identisch. Vgl. Hils, Die Grafen von Nellenburg im 11. Jh. (1967) 75 ff. und 112. – Vgl. Meyer von Knonau, Jbb. 2, 42 ff.; Riezler, Geschichte Baierns21,2 119; Lange, Grafen von Northeim, Niedersächs Jb. f. LG 33 (1961) 42; Leidinger, Westfalen im Investiturstreit, Westfälische Zeitschrift 119 (1969) 275; Borchert, Herzog Otto von Northeim (2005) 99 ff.; Becher, Auseinandersetzung, in: Vom Umbruch zur Erneuerung (2006) 372.

Nachträge (1)

Nachtrag von Dr. Klaus Sippel, eingereicht am 09.05.2016.

Über den obigen Vorgang Anfang 1071 habe ich mich vor einiger Zeit in meinem kleinen Beitrag
Klaus Sippel, Hasenburg, Boyneburg, Dörnberg – drei vergleichbare Burgen des 11. Jahrhunderts in Thüringen und Hessen. Neues zur Boyneburg bei Sontra-Wichmannshausen (Werra-Meißner-Kreis) und zum Dörnberg bei Zierenberg (Lkr. Kassel). Hessen-Archäologie 2013, 152-158
geäußert, und zwar ausgehend von der auf archäologischem Weg vorgenommenen Schlussfolgerung, dass auf dem Dörnberg, der dem Hasunger Berg gegenüberliegt, eine Burg Heinrichs IV. gelegen habe. Dazu und zu den Ereignissen Anfang 1071 habe ich geschrieben:

"Der etwa 45 Jahre alte Sachse Otto von Northeim, ein oft siegreich gewesener militärischer Führer des Reiches und deswegen 1061 als Herzog von Bayern eingesetzt, war am 2. August 1070 des Hochverrats schuldig gesprochen und friedlos erklärt worden, auch hatte er die Herzogswürde verloren. [...] Inzwischen, spätestens wohl Weihnachten 1070, hatte Otto von Northeim beschlossen, eine Entscheidungsschlacht gegen den König zu suchen, die er auch durchaus hätte gewinnen können. Daher habe er seine Truppen auf dem Hasunger Berg zusammengezogen und diesen befestigt, um im Fall einer militärischen Konfrontation als Rückzugsort dienen zu können, so Lampert von Hersfeld. [...]
In der Tat zog König Heinrich auf die Nachricht von Ottos Absicht zum Kampf sofort mit Truppen, die er in Sachsen, Thüringen und Hessen aufgeboten hatte, dem auf dem Hasunger Berg verschanzten Otto entgegen. Das muss, wie gesagt, nach dem 6. Januar 1071 gewesen sein, also entweder im Laufe des Januar oder in der ersten Hälfte des Februar, was noch zu präzisieren sein wird. Es kam aber nicht zum Kampf, vielmehr wurde nach Verhandlungen in einem Friedensvertrag ein Waffenstillstand bis Ostern vereinbart, worauf Otto den Hasunger Berg räumte, seine Truppen entließ und der König, wie geplant, nach Bayern zog. Dort ist er am 6. März in Augsburg nachweisbar, später feierte er am 24. April 1071 das Osterfest in Köln.

Blicken wir auf den für uns wichtigen und daher genau rekonstruierten zeitlichen Ablauf der Ereignisse, kann Ottos Besetzung des Hasunger Bergs erst nach Weihnachten 1070 begonnen haben. Demnach dürfte Otto im Laufe des Januar 1071 nach Hasungen gekommen sein. Da der dorthin geeilte König nach dem Friedensschluss mit Otto spätestens am 6. März in Augsburg war, kann Ottos Anwesenheit auf dem Hasunger Berg nur im Januar und Februar 1071, also allerhöchstens acht Wochen lang, stattgefunden haben. Die Anwesenheit des Königs und seiner Truppen vor dem Hasunger Berg war mit Sicherheit wesentlich kürzer, da diese sich zum einen erst dorthin begeben mussten, wo Otto schon längst war. Da Ottos Leute offenbar schon genügend Zeit gehabt hatten, den Hasunger Berg stark zu befestigen, was einige Zeit in Anspruch genommen haben muss, ist davon auszugehen, dass Heinrich deutlich später erschienen ist und anzunehmen, dass dies frühestens in der zweiten Hälfte des Januar oder sogar erst im Februar, spätestens dessen Mitte, der Fall war. Die Verhandlungen samt Friedensschluss vor Hasungen dürften innerhalb höchstens einer Woche erledigt gewesen sein, so dass der Aufenthalt des Königs und seiner Truppen vor Hasungen nur wenige Tage gedauert haben kann. Damit hätten wir – wohl zum ersten Mal – die zeitliche Dauer der Ereignisse geklärt, die sowohl für den Hasunger Berg als auch für den Dörnberg wichtig ist.
Wo Heinrich und seine Truppen gelagert haben, ist nicht überliefert. Von einem vom König auf dem Dörnberg aufgeschlagenen Heerlager ist in den zeitgenössischen Nachrichten jedenfalls keine Rede, sondern erst um 1560 in den sogenannten Hessischen Congeries, in denen es heißt: "Der kayser schlug sein lager uff den Dornberg und belagerte den hertzog auf Hasungen". 1605 schrieb der hessische Wilhelm Dilich dies dann auch in seiner Hessischen Chronik, nämlich: "Der Keyser aber lag auffm Törnberge / wie die schantzen noch außweisen". Das kann durchaus richtig sein, wenn auch wohl nicht das gesamte Heer auf dem Dörnberg gelegen haben wird. Aber auf dem Dörnberg war damals kein leeres Grasplateau wie heute, sondern schon etwas ganz anderes vorhanden. Ein, wie wir hörten, nur mehrtägiger Aufenthalt eines kleineren oder auch größeren Heerhaufens kann nämlich unmöglich dazu geführt haben, dass wir heute auf der Hochfläche des Dörnbergs auf etwa jedem zehnten Maulwurfshaufen eine Keramikscherbe des 11. Jahrhunderts finden können. Dazu bedurfte es vielmehr einer langen, und zwar jahrelangen dauerhaften Anwesenheit von vielen Menschen. Das kann aber nur bedeuten, dass die Hochfläche des Dörnbergs, so wie die genauso beschaffenen Hochflächen der Hasenburg und der Boyneburg, in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts eine Zeit lang als große Burg ausgebaut war, und zwar als eine der großen Höhenburgen Heinrichs IV. [...]
Erst jetzt verstehen wir die Vorgänge Anfang 1071 überhaupt. Otto hat nämlich mit der Besetzung des Hasunger Berges Heinrichs gegenüber liegende Burg Dörnberg bedroht. Kein Wunder also, dass der König so schnell auf der Bildfläche erschienen ist.
Zu welchem Zweck aber sollte der König auf dem Dörnberg eine Burg angelegt haben? Diese Frage ist recht einfach zu beantworten: So wie Heinrichs Höhenburgen in Sachsen und Thüringen, wo die Chronisten ausschließlich von ihnen berichten, gegen die weitere Entfremdung von Reichsgut durch den einheimischen alten Adel und mithin gegen diesen gerichtet waren, so müssen auch andernorts solche Burgen als Zwingburgen gegen die Bestrebungen der Mächtigen im Land angelegt worden sein, sich Königshöfe und Königsrechte anzueignen, also auch im Umkreis des Dörnbergs. Und dort lag in der Tat sehr viel Reichsgut! [...] Diesen und anderen Königsbesitz dem Reich zu bewahren, konnte nur mit Hilfe einer hier angelegten Zwingburg gelingen. Wie wir sehen, ist das letztlich misslungen. [...]"

 

Mit freundlichen Grüßen

Klaus Sippel

 

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Empfohlene Zitierweise

RI III,2,3 n. 561, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1071-02-00_1_0_3_2_3_561_561
(Abgerufen am 21.09.2017).