Regestendatenbank - 184.913 Regesten im Volltext

RIplus | SFG: Bischöfe und Domkapitel von Augsburg - Bd. 1: Wikterp - Walther I. von Dillingen (769-1152)

Sie sehen den Datensatz 124 von insgesamt 535.

Die in Baiern (Noricorum regionem a Danubio flumine usque ad nigram silvam, quae pertinet ad montana [= Gebiet südlich des Tegernsees]) eingefallenen Ungarn überschreiten den Lech, verwüsten das Land bis zur Iller, brennen die Kirche St. Afra nieder und schließen am 8. August Augsburg (Augusta) ein. Die Stadt verteidigt sich unter Bischof Udalrich, bis am 9. August auf die Nachricht des Perehtold von Risinesburg [Reisensburg, Lkr. Günzburg], Sohn des Pfalzgrafen Arnulf, vom Anmarsch des deutschen Heeres unter König Otto I. [von Westen her] die Ungarn die Belagerung abbrechen. Am folgenden Tag kommt es [auf dem Lechfeld, südl. Augsburg, wohl in der Gegend des heutigen Dorfes Königsbrunn] zur Schlacht, nachdem die Besatzung von Augsburg unter Graf Dietpald, dem Bruder Udalrichs, in der Nacht zu Otto I. gestoßen war. Das ungarische Heer wird geschlagen, ein bedeutender Teil flieht an der Stadt vorbei zum Lechübergang; dabei und auf der Flucht durch Baiern werden in den nächsten Tagen die meisten Ungarn getötet. Otto I. kommt am Abend des 10. August zu Bischof Udalrich nach Augsburg, tröstet den über den Tod des Grafen Dietpald und anderer Verwandter sehr bedrückten Bischof und verleiht Riwin, dem Sohn Dietpalds, die Grafschaften des Vaters. Am folgenden Tag begibt sich Udalrich auf das Schlachtfeld, sucht die Leichen seines Bruders Dietpald und seines Neffen Reginbald (filius sororis suae), bringt sie in die Stadt und setzt sie im Dom vor dem Altar der hl. Walburga bei (in aecclesia sanctae Mariae ante altare s. Walburgae). - „In festivitate Christi martyris Laurentii“ [Aug. 10] fand nach Thietmari Mersebg. episcopi chronicon II, 10 die Schlacht statt; Ruotgeri vita Brunonis sagt, „in vigilia s. Laurentii martyris“ habe sich das Heer auf die Schlacht vorbereitet. Vita Udalrici und Widukind haben keine Tagesangabe.

Überlieferung/Literatur

Quellen, 10. Jh.: Vita Udalrici cap. 12 und 13 MG SS 4, 401 ff; Widukindi rer. gest. Sax. libri III cap. 44, 46-49 MG SS Schulausgabe 123-129 (über das in den Schlachtbericht eingeschobene cap. 45 vgl. H. Beumann, Widukind v. Corvey 83 f) ; Ruotgeri vita Brunonis archiepiscopi Coloniensis cap. 35 MG SS rer. Germ. n. S. 10, 35 f; Flodoardi annales, Collection de Textes 39, 140 f; Continuator Reginonis MG SS Schulausg. 168 ; Annales Sangallenses maiores St. Galler Mitt. 19, 288 f; Annales Einsidlenses MG SS 3, 142; Annales s. Nazarii MG SS 17, 33. - 11. Jh.: Thietmari Merseburgensis episcopi chronicon II, 10 MG SS rer. Germ. n. s. 9, 48 f; Modus Ottinc MG Carmina Cantabrigiensia 33 ff; Annales Laubienses MG SS 4, 16 ; Annales Stabulenses MG SS 13, 43 ; Annales Weißemburgenses MG SS 3, 59; Annales s. Bonifacii MG SS 3, 118 ; Annales Virdunenses MG SS 4, 8 ; Arnoldus de s. Emmeramo, De miraculis s. Emmerami MG SS 4, 554; Herimanni Aug. chronicon MG SS 5, 114 ; Chronicon Suevicum universale MG SS 13, 68; Annales Lobienses zu 956 MG SS 13, 234; Brunwilarensis monasterii fundatorum actus MG SS 14, 127; Chronicon Eberspergense MG SS 20, 12; Lamperti monachi Hersfeldenses annales MG SS Schulausg. 36; Annales Hildesheimenses MG SS Schulausg. 21 ; Annales Altahenses maiores MG SS Schulausg. 9; Bernoldi chronicon MG SS 5, 422. - 12. Jh.: Ottonis Frisingensis chronica VI, 20 MG SS Schulausg. 281 ff; Annales Wirziburgenses MG SS 2, 242 ; Annales s. Vincentii Mettensis MG SS 3, 157; Adalberti vita Heinrici II. imp. cap. 3 MG SS 4, 792 ; Annales Ottenburani MG SS 5, 4 ; Lupus Protospatarius zu 945 MG SS 5, 54 ; Ekkehardi chronicon universale MG SS 6, 188, 190 ; Annalista Saxo MG SS 6, 612 ; Annales Mellicenses MG SS 9, 497 (in einer Hs. des 14. Jh. folgt eine fabelhafte Legende, die Udalrich mit Attila in Verbindung bringt, vgl. NA 7, 139) ; Auctarium Garstense MG SS 9, 566 ; Annales Admuntenses MG SS 9, 574 ; Annales s. Rudberti Salisburg. MG SS 9, 771 ; Annales Zwifaltenses minores MG SS 10, 53 ; Chronica episcoporum Merseburgensium MG SS 10, 164 f; Annales Nivernenses zu 954 MG SS 13, 89; Gesta archiepiscoporum Magdeburgensium MG SS 14, 379; Annales Palidenses zu [924] MG SS 16, 60 f, 64 (vgl. Nr. 105) ; Annales Reicherspergenses MG SS 17, 443 f; Annales Ratisbonenses MG SS 17, 583 ; Casus monasterii Petrishusensis MG SS 20, 629 ; Gotifredi Viterbiensis pantheon MG SS 22, 234. - 13. Jh.: Chronica regia Coloniensis MG SS Schulausg. 28; Annales Marbacenses MG SS Schulausg. 22 ; Annales s. Pauli Virdun. zu 908 MG SS 16, 500 ; Chuonradi chronicon Schirense cap. 17 MG SS 17, 621; Gesta Halberstatensia MG SS 23, 83; Notae de episcopis Pataviensibus MG SS 25, 626 ; Chronicon Eberspergense posterius zu 937 MG SS 25, 869; Simonis de Keza gesta Hungarorum MG SS 29, 634 f; Cronica ecclesie Wimpinensis auct. Burcardo MG SS 30 I, 663 f; Annales ex annalibus Juvavensibus antiquis excerpti MG SS 30 II, 743 ; Pontificale Gundekars, Nachtrag des Konrad von Kastel MG SS 7, 244 (vgl. dazu Heidingsfelder 46 Nr. 123) ; Andreas von Regensburg, Chronica de principibus terrae Bavarorum, QE NF 1, 528. - 14. Jh.: Johannis Victoriensis liber certarum historiarum MG SS Schulausg. 50, 111; Chronik von Scheyern hgg. von J. v. Hefner, OA 2, 191; Leo Taych, Chronica, cgm 393 fol. 36’, Reindel, Luitpoldinger 217 f. - 15. Jh.: Hans Ebran von Wildenberg, Chronik von den Fürsten aus Bayern, QE NF 2 I, 79 ; Ulrich Füetrer, Bayerische Chronik, QE NF 2 II, 132 f; Veit Arnpeck, Chronica Baioariorum IV, 3, QE NF 3, 125-129 ; Chronik von der Gründung der Stadt Augsburg bis 1479, Städtechroniken 4, 297.- 16. Jh.: Chronik von 1503, cgm 1216, Reindel, Luitpoldinger 218 f. ; Veit von Ebersberg, Cronica Bavarorum, A. F. Oefele, Rer. Boic. SS 2, 709 ; Aventinus, Annales ducum Baioariae V, 1, Sämtliche Werke 2, 15 ; Cl. Sender, Chronik, Städtechroniken 23, 11; Cl. Jäger, Weberchronik, Städtechroniken 34, 41-65. - Den Tod Dietpalds melden Necr. Augiense (10. Jh.) MG Necr. 1, 278 ; Necr. s. Galli (10. Jh.) ebd. 478; Necr. Merseburgense (10./11. Jh.) Neue Mitt. des Sächs.-Thüring. Geschichtsvereins 11, 239 ; Diptychon (Necrologium) Trevirense (11. Jh.) Brower und Masen, Annal. Trev. 1, 461; St. Galler Todtenbuch und Verbrüderungen, St. Galler Mitt. 11, 49. - RI 2 Nr. 240e-i; Reindel, Luitpoldinger 216 bis 220 Nr. 106 (die Tagesangabe wohl nicht richtig) ; Köpke-Dümmler, Jb. Ottos d. Gr. 252-262 ; vgl. auch Steichele, BA 2, 491 f.

Kommentar

Die Frage nach der Örtlichkeit der Schlacht - darüber schweigen Vita Udalrici cap. 12 und 13 und Widukind III, 44, 46-49 - hat eine umfangreiche Literatur hervorgerufen. Sie ist verzeichnet und kritisch besprochen von Schröder, Die Ungarnschlacht von 955, in: AHAug 1, 453-492; ders., BA 8, 618; Gebhardt-Holtzmann, Hdb. der deutschen Gesch. 7l, 231 f; Gebhardt-Grundmann 81, 182 f; Hirsch-Lohmann, Die Sachsengesch. des Widukind von Korvey, MG SS Schulausg. (1935) 123 f Anm. 2, 168; O. Meyer, Die Ungarnschlacht 955, in: v. Cochenhausen, Schicksalsschlachten der Völker (1937) 61; Gebele, Schwäb. Bl. 6, 18 ff. Mit den beiden ausführlichsten Quellen (Vita Udalrici und Widukind) stimmt am besten die Anschauung von Schröder überein, besonders da die Nennung des Lechfelds als Kampfplatz in Vita Udalrici cap. 3 (MG SS 4, 388 f) nicht außer acht gelassen werden darf. Den Mitteilungen des offensichtlich nicht ortskundigen Widukind kann bei der Frage der Lokalisierung kein zu großes Gewicht eingeräumt werden. Eine neue Interpretation der maßgeblichen Quellen für den Ablauf und die Örtlichkeit der Schlacht bringt B. Eberl, Die Ungarnschlacht auf dem Lechfeld (Gunzenle) im Jahr 955 (1955). Danach habe die Vernichtungsschlacht mehrere Tage gedauert; am 10. August sei es westlich Augsburg lediglich zu einem Gefecht gekommen, das sich aus dem Überfall der Ungarn auf die Marschkolonne des deutschen Heeres entwickelte. Die entscheidende Niederlage hätten die Ungarn an den folgenden Tagen auf dem baierischen Ufer des Lechs in der Gegend des Gunzenles erlitten (bes. S. 68 ff, 104 f). Dort habe sich auch das Lager der Ungarn befunden, das schon nach dem Treffen am 10. August in die Hand der Deutschen gefallen sei. Die Schutzburgen (vicinae urbes; Widukind III, 46) auf dem östlichen Lechufer seien schon vor der Schlacht von einer böhmischen und baierischen Abteilung besetzt worden, wodurch eine „Einkreisung und Einkesselung“ der Ungarn gelungen sei. Die Beweisführung für diese Aktionen ist m. E. nicht ganz stichhaltig, der Nachweis der Schutzburgen im Gelände (S. 52 ff) nicht sehr überzeugend. Die Nennung des Lechfelds als Schlachtort in Vita Udalrici cap. 3 deutet Eberl ausschließlich auf das baierische Lechfeld zwischen Hochzoll und Mering mit dem Mittelpunkt Gunzenle. Dort hätten auch die Reichsversammlung von 952 (s. Nr. 118) und alle anderen historischen Ereignisse stattgefunden, die in den Quellen seit dem 8. Jh. mit Bezug auf die Umgegend von Augsburg am Lech genannt werden (S. 97-118). Eberl leitet dies aus der Nennung der Kirche St. Afra [im Feld] (nicht zu verwechseln mit der St.-Afra-Kirche links des Lechs = heute St. Ulrich und Afra) in Vita Udalrici cap. 28 (MG SS 4, 417) ab. Diese die legendäre Stelle des Aframartyriums bezeichnende Kirche habe also schon im 10. Jh. bestanden, dorthin allein hätte Afra den Bischof in der Vision (Vita Udalr. cap. 3) führen können. Da jedoch Gerhard in der Vision das Lechfeld, an der späteren Stelle die St.-Afra-Kirche nennt, dürfte er damit wohl zwei verschiedene Örtlichkeiten gemeint haben. Die Ansicht, daß die Hauptkampfhandlungen am westlichen Lechfeld stattfanden, ist durch die umfangreichen Untersuchungen von Eberl nicht ganz entkräftet worden. - Die Nachricht Thietmars von Merseburg, daß Udalrich vor Beginn des Kampfes eine Feldmesse gelesen und dem König die Kommunion gereicht habe, ist unrichtig. Nach den älteren Quellen nahm Udalrich nicht am Kampf teil. Über den Kriegszug der Ungarn von 955 unter den Heerführern Bulcsu und Lel vgl. auch Homan 1, 129 ff. - Das Chronicon Schirense des Konrad (13 Jh.) spricht von den persönlichen Beziehungen des Berthold von Reisensburg zu Udalrich; der Bischof habe ihn aus der Taufe gehoben und ihn darum nach der Schlacht in Schutz genommen, als sich gleichermaßen der Zorn der Ungarn wie der Deutschen gegen ihn richtete. Alle älteren Quellen dafür fehlen. Berthold ist sehr wahrscheinlich nicht in der Schlacht oder auf der Flucht umgekommen; noch 976 erscheint er in einer Urkunde Ottos II. (Reindel, Luitpold. 236 f Nr. 119). Allerdings schreibt der gleiche Chronist cap. 23 (MG SS 17, 622), über die „principes Schyrenses“ sei von den Bischöfen Udalrich und Wolfgang (972-994 Bischof von Regensburg) die Exkommunikation ausgesprochen worden. Es ist nicht ersichtlich, wann und aus welchem Grund dieser Bannspruch ergangen wäre. - Zur Lokalisierung von „nigra silva“ vgl. D. Schäfer, Die Ungarnschlacht von 955, 552 ff und V. Ernst, NA 31, 249 f; zu Berthold von Reisensburg vgl. P. Auer, Die Reisensburg und ihre Geschichte (Günzburger Heimatblätter 2, 1954) 5 f.

 

Nachtrag:

 

Zur allgemeinen Bedeutung der Lechfeldschlacht vgl. Gebhardt-Grundmann 91, 247-251; F. Heer, Deutsche und europäische Perspektiven der Lechfeldschlacht (Tausend Jahre Abendland, 1955) 9-49; H. Büttner, Die Ungarn,das Reich und Europa bis zur Lechfeldschlacht des Jahres 955, in: ZBLG 19 (1956) 433-458; H. Aubin, Rückblick auf das Jubiläum der Lechfeldschlacht 955-1955, in: FS für Heinrich Benedikt (1957) 9-25; K. Leyser, The Battle at the Lech 955, in: History 50 (1965) 1-25. Zu den Quellen für die bereits von den Zeitgenossen als außerordentlich wichtiges Ereignis betrachtete Schlacht vgl. L. Weinrich, Tradition und Individualität in den Quellen zur Lechfeldschlacht, in: DA 27 (1971) 291-313. Über den Bericht Thietmars von Merseburg (auch über die Mitwirkung Bischof Udalrichs) s. H. Beumann, Laurentius und Mauritius. Zu den missionspolitischen Folgen des Ungarnsieges Ottos des Großen, in: FS für Walter Schlesinger 2 (1974) 239 ff. Weitere Literaturnachweise zur Wirkungsgeschichte s. Kreuzer, Hoftage 91 Anm. 27. Zu der von B. Eberl (1955) entwickelten Rekonstruktion des Ablaufes der Schlacht s. K. Reindel, in: ZBLG 19 (1956) 173 f; hier wird die Bedeutung der Überlieferung des Widukind von Korvey betont, zugleich aber festgestellt, daß die Quellenlage eine minutiöse Ermittlung von Ort und Zeit der Lechfeldschlacht nicht erlaubt. Zu Berthold von Reisensburg s. Tyroller, Genealogische Tafeln 104 Nr. 1. Zum Chronicon Schirense des Konrad cap. 16, 17 und 23 (13. Jh.) s. P. Fried (Hg.), Die Chronik des Abtes Konrad von Scheyern (1206-1225) über die Gründung des Klosters Scheyern und die Anfänge des Hauses Wittelsbach (1980) 30 f, 33. - Zur Lokalisierung des Gunzenle (nördlich von Kissing am Lech) s. HAB Aichach 3 und HAB Friedberg-Mering 3. - Zur Beschädigung von St. Afra durch die Ungarn s. Volkert, UuA 100 Nr. 9; zur Topographie der Afra-Kirche s. W. Groos, Augsburg zur Zeit Bischof Udalrichs, in: ZhV Schwaben 67 (1973) 39 ff; vgl. auch HAB Augsburg 49 f, 133 f. - Zur Bildüberlieferung der Lechfeldschlacht s. K. Kosel, Die nachmittelalterlichen Darstellungen der Ungarnschlacht bis zum Ende der Türkenkriege, in: JbAugBtmG 7 (1973) 312-338; Ders., Die Darstellungen der Ungarnschlacht im 18. Jahrhundert, in: Ebd. 8 (1974) 121-161.

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RIplus Regg. B Augsburg 1 n. 124, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/e814d4c6-27da-4f6a-ad7f-2c84ff95188f
(Abgerufen am 25.09.2018).

Bestandsinformationen