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RIplus | SFG: Bischöfe und Domkapitel von Augsburg - Bd. 1: Wikterp - Walther I. von Dillingen (769-1152)

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Bischof H[ermann] von Augsburg (Augustensis ecclesiae dei gratia minister humilis) bittet Bischof O[tto] von Bamberg um Rat und Hilfe nach der Zerstörung der Stadt Augsburg während des Aufenthaltes König Lothars; er schildert die Ereignisse: Der Bischof empfängt mit Klerus und Volk den König [August 26], erhebt vor ihm und den anwesenden Fürsten (principes, qui aderant) Klage gegen Bürger (cives), die den unter dem Geleit des Bischofs stehenden päpstlichen Legaten, den Bischof [Azzo] von Acqui, der auf der Reise zum königlichen Hof war, wenige Tage vor der Ankunft des Königs (ante adventum regis paucis diebus) beraubt hatten. Während der Beratung dieser Sache entsteht unter Leuten, die Handelsgeschäfte treiben (inter vendentes et ementes), in der Vorstadt (in suburbio) Streit (sedicio) durch Bewaffnete des Königs (per scutarios regis). Der König vermutet beim Anblick der vor dem Dom aufgezogenen bischöflichen Bewaffneten (milites et ministeriales ecclesiae coram matrice ecclesiae stantes armatos) einen gegen ihn gerichteten Aufruhr der nach Anschlägen der Marktglocken versammelten Bürger (forenses campanae pulsantur, concurrunt cives). Am Sonntag [August 28] (in die dominica 5. kal. septembris) wird zwischen dem königlichen und dem bischöflichen Gefolge heftig vor und in dem Dom gekämpft (prope ianuas matricis ecclesiae intus et extra ab hora diei sexta usque ad vesperam); der Bischof versucht erfolglos ungeachtet seines hohen Alters (oblitus annorum meorum et senectutis) unbewaffnet die Kämpfenden zu trennen. Innerhalb und außerhalb (extra portam civitatis) der Stadt entstehen große Verluste durch Mord und Totschlag, Raub und Brand, wobei auch Kirchen und Klöster in Mitleidenschaft gezogen werden; dabei tun sich auf seiten des Königs vor allem die Böhmen (homines inhumanos et paganos, Boemos videlicet ac Flavos, qui vulgari nomine Valwen dicuntur) besonders hervor. In der folgenden Nacht begibt sich der Bischof unter den Schutz des Erzbischofs N[orbert] von Magdeburg, da er aus seinem Haus vertrieben ist (de meo expulsus hospicio). Am nächsten Tag (mane autem facto) [August 29] bezieht der König unter Mitnahme der im Dom Eingeschlossenen ein Lager vor der Stadt (eadem vero die castra metatus est in campo iuxta civitatem). Am dritten Tag (tercia die) [August 30] werden auf Befehl des Königs alle Befestigungen (munitiones urbis omnes) zerstört; am sechsten Tag nach seiner Ankunft, dem vierten Tag der Kämpfe [August 31], zieht der König ab, der durch die Bitten der anwesenden Erzbischöfe, Bischöfe und Äbte nicht abgehalten werden konnte, die Stadt von Grund aus zu zerstören (omnis civitas nostra funditus destructa et inrecuperabiliter adnichilata est).

Überlieferung/Literatur

Codex Udalrici; Nationalbibliothek Wien, Cod. 398 fol. 146’f (Abschrift 12. Jh.); StiftsA Zwettl, Cod. 283 pag. 325ff (Abschrift 12. Jh.). — Drucke: Eccardus, Corpus hist, medii aevi 2, 364f Nr. 359; Jaffe, Bibl. rer. Germ. 5, 444-447 Nr. 260; Braun, Geschichte 2, 76ff (Auszug, deutsch). - Regest: Gebele 123 f Nr. 83; 700 Jahre Augsburger Stadtrecht 25 f Nr. 5 (mit Abb. 5).

Kommentar

Zum Codex Udalrici vgl. die bei Nr. 318 genannte Literatur, besonders Pivec, in: MIÖG 48, 379, 389. Die Datierung zu 1132 ergibt sich aus der im folgenden genannten, historiographischen Überlieferung des Zuges König Lothars nach Italien, zu dem er von Würzburg 1132 August 15 aufbrach (Bernhardi, Jb. Lothars v. Supplinburg 436f); Annales Hildesheimenses (12. Jh.) MG SS Schulausg. 67; Annalista Saxo (12. Jh.) MG SS 6, 768; Annales Pegavienses (12. Jh.) MG SS 16, 256; Additamenta fratrum Cappenbergensium ad vitam Norberti posteriorem (12. Jh.) MG SS 12, 705f; Honorii Augustodunensis summa totius et imago mundi (12. Jh.) MG SS 10, 131; Chronogra- phia Heimonis (12. Jh.) MG SS 10, 3; Annales Erphesfurdenses Lothariani (12. Jh.) MG SS Schulausg. Monumenta Erphesfurtensia 38f; Annales Stadenses (13. Jh.) MG SS 16, 322; Burchardi praepositi Urspergensis chronicon (13. Jh.) MG SS Schulausg. 17; Canonici Wissegradensis continuatio Cosmae chronicae Boemorum (13. Jh.) MG SS 9, 138; Cronica sancti Petri Erfordensis moderna (14. Jh.) MG SS Schulausg. Monumenta Erphesfurtensia 168f. - Über den Legaten Azzo von Acqui und seine Reise nach Deutschland 1132 s. Bachmann, Legaten 32f. Bei den am Ende des Briefes genannten Erzbischöfen, Bischöfen und Äbten handelt es sich wohl um Norbert von Magdeburg und Adalbert von Bremen, Diethard von Osnabrück, Bernhard von Paderborn, Anselm von Havelberg und Otto von Halberstadt, Heinrich von Fulda, Albero von Nienburg und Anno von Lüneburg; als Begleiter Lothars werden sie in der Achterklärung des Papstes Anaklet II. von 1133 Juni genannt (MG Const. 1, 166f Nr. 114; s. dazu jedoch Bernhardi, a.a.O. 847-850); die Anwesenheit Ottos von Halberstadt dürfte sich aus Codex Udalrici Nr. 334 ergeben. Das böhmische Aufgebot ist durch die Fortsetzung der Chronik Cosmas’ bezeugt; über die Bezeichnung Valwen (oder Rumänen) vgl. Bernhardi, a.a.O. 441 Anm. 13 und Gebele 101. Zum Verhältnis der böhmischen Herzöge zu Lothar III. vgl. HB d. Geschichte d. böhmischen Länder 1 (1967) 231. - Zu den gesamten Vorgängen vgl. Bernhardi, a.a.O. 438-442; Gebele 100-105; Zoepfl, Bischöfe 125f; Ders., Investiturstreit 332f; Zorn, Augsburg 281 ff. Zum Aufenthalt König Lothars in Augsburg vgl. Kreuzer, Hoftage 107; über seine Beziehung zu Bischof Hermann vgl. E. Wadle, Reichsgut und Königsherrschaft unter Lothar III. 1125 - 1137 (Schriften zur Verfassungsgeschichte 12, 1969) 95; Crone 170 f; Metz, in: Archiv für Diplomatik, Schriftgeschichte, Siegel- und Wappenkunde 24, 250 f, 284. Zur Würdigung der Persönlichkeit Lothars s. Bernhardi, a. a. O. 797 Anm. 22; F.-J. Schmale, Lothar III. und Friedrich I. als Könige und Kaiser, in: Vorträge und Forschungen 12 (1968) 38 ff. Über Norbert von Xanten, seit 1126 Erzbischof von Magdeburg, s. Gebhardt-Grundmann 91, 366, 368; LThK 27, 1030f. - Zum geschichtlichen Hintergrund dieser Vorfälle, der im staufisch-welfischen Gegensatz begründet sein dürfte, vgl. auch HB d. bayer. Geschichte 3, 848f. Über die Zerstörung Augsburgs s. auch Schröder, in: AHAug 6,688f. Mit den nach den Zerstörungen anzunehmenden Wiederherstellungsarbeiten am Dom wurde der Einbau der Prophetenfenster an der Südwand des Langhausobergadens in Zusammenhang gebracht (s. Nr. 290). Neuerdings nimmt die kunstgeschichtliche Forschung die Entstehung der Fenster noch im 11. Jahrhundert an (vgl. Nr. 372). Die eingehende Untersuchung der Baugeschichte des Domes ist ein dringendes Desiderat.

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Empfohlene Zitierweise

RIplus Regg. B Augsburg 1 n. 475, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/ba43d56e-1b28-4204-ba50-d9a47383b988
(Abgerufen am 24.09.2018).

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