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RIplus | SFG: Bischöfe und Domkapitel von Augsburg - Bd. 1: Wikterp - Walther I. von Dillingen (769-1152)

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Vor der Gerichtsversammlung, an der unter dem Vorsitz des Königsboten Hatto der Bischof Baturich [von Regensburg] und der publicus iudex [Graf] Kisalhard mit vielen anderen Genannten teilnehmen, beansprucht Reginpert, Vogt des Bischofs Hitto [von Freising], von Bischof Nidker [von Augsburg] und dessen Vogt [defensor] Anthugi Ort und Kirche Chenperc [Unter- oder Oberkienberg, Lkr. Freising] mit allem Zubehör als Pertinenz der Bischofskirche in Freising, die ihm zugesprochen wird (iuxta legem Baiouuariorum), worauf sie Anthugi in Reginperts Hand übergibt. Die Einrede Anthugis, die strittigen Objekte seien von Adalhard an Bischof Hanto übertragen worden (Nr. 25), wird durch die von namentlich angeführten Zeugen eidlich erhärtete Behauptung Reginperts entkräftet, daß diese Übertragung unrechtmäßig gewesen sei, weil Adalhard die Kirche [811] dem Bischof Hitto als beneficium aufgetragen und diese wieder zurückbekommen habe. - Actum est hoc sub die consule quod est in II. kal. sept. anno gloriossisimi Hludouuici imperatoris VIIII., ind. I.

Überlieferung/Literatur

QE NF 4, 406 f Nr. 475. - R. Hübner, ZRG 12, Anh. 41 Nr. 238.

Kommentar

Zur Datierung: Das 9. Regierungsjahr Ludwigs d. Fr. reichte von 822 Januar 28 (29) bis 823 Januar 27 (28) (RI 21, XC), das 1. Jahr der in Bayern üblichen griechischen Indiktion von 822 September 1 bis 823 August 31 (Breßlau, Hdb. 2, 411; QE NF 4, LVII). Wahrscheinlich ist vom Schreiber der Aufzeichnung in den Freisinger Traditionen übersehen worden, daß die Tagesangabe „II. kal. sept.“ noch den letzten Tag des 15. Indiktionjahres bezeichnete. So ist an der Einreihung bei 822 nicht zu zweifeln. (Der missus dominicus Hatto erscheint sonst noch 823 April 15; Krause, MIÖG 11, 266 Nr. 82 f; über Baturich als missus dom. vgl. Janner 1, 170, 173). Die gerichtliche Entscheidung über den Anspruch Freisings in Kienberg mit der Zurückweisung des Bischofs von Augsburg scheint ein Glied in der Kette des planmäßigen Vorgehens der Freisinger Bischöfe im Westen ihrer Diözese zu sein. Wenig später (822 September 16) ließ sich Bischof Hitto die Tradition der beiden Kirchen an der Ecknach durch den Priester Minigo erneuern (QE NF 4, 409 f Nr. 477), die Bischof Atto von Freising mit Zustimmung Sintperts zwischen 788 und 807 geweiht hatte (Nr. 13); am Tag der Weihe hatten die beiden Erbauer Oadalpald und Minigo die Kirchen dem Freisinger Dom übertragen (vgl. E. Klebel, ZRG 59 KA 28, 175 f; hier ist irrtümlich bei der Tradition Nr. 477 Atto von Fr. als Empfänger angegeben, der schon 811 starb).

Als Streitobjekte werden in der Einleitung der Niederschrift die Kirche in Kienberg (ecclesia ad Chenperc cum omnibus ibidem pertinentibus), bei der Herausgabe durch Anthugi dazu auch noch der Ort genannt (Chenperc cum ecclesia necnon domibus vel aliis aedificiis, mancipiis seu cum universis ad praememoratum locum Chenperc accendentibus vel pertinentibus). - Der hier und in Nr. 25 genannte Adalhard besaß die strittigen Güter im Rechtsverhältnis der Landleihe (precaria) von der Freisinger bzw. Augsburger Kirche; für precaria war schon im frühen 9. Jh. die Bezeichnung beneficium gebräuchlich (vgl. dazu H. Brunner, Deutsche Rechtsgesch. 22 [1928] 337 ff; Schröder-von Künßberg 7313 f). - In dem Prozeß wird der Tatbestand durch einen Inquisitionsbeweis geklärt; dieser unterscheidet sich von dem früher allein üblichen formalen Zeugenbeweis mittels Eides durch die sachliche Klarlegung der Rechtsverhältnisse des Streitgegenstandes und durch die Unanfechtbarkeit. Er trat in erster Linie bei Streitigkeiten um Grundstücke ein (vgl. Brunner, a. a. O. 22, 689 f, ders., Forschungen zur Gesch. des deutschen und französischen Rechts [II. Zur Geschichte des Prozeßrechts, 1894] 206, 243 ff. - Die Eigentumsklage um Grundbesitz in der Lex Baiuvariorum (Titel XVII Kap. 2; Ausgabe von K. Beyerle 164 f) kennt als Beweismittel Zeugeneid und Zweikampf. Titel II Kap. 18 (Beyerle 68) sieht die Aufhebung eines richterlichen Fehlspruches infolge Irrtums vor; damit könnte das Urteil von 815 (Nr. 25) rückgängig gemacht worden sein. Wegen der Durchführung des Inquisitionsbeweises erscheint es jedoch fraglich, ob mit der Wendung „iuxta legem Baiouuariorum“ das geschriebene Volksrecht aus dem 8. Jh. gemeint ist. Sie könnte sich auch allgemein auf die in Baiern geltenden Rechtsgewohnheiten beziehen. - Von den beiden obenangeführten Formen Adalhareshusun und -husir bezeichnet die erste den gewöhnlichen Dativ Plural der Neutra in der a-Deklination, die zweite die daneben ursprünglich als Ausnahmefall übliche Pluralbildung der Neutra auf -ir, der dazugehörige Dativ müßte -husirun lauten (vgl. W. Braune, Abriß der ahd. Grammatik 428).

 

Nachtrag:

 

Zu den Personen s. auch HAB Augsburg Land 39.

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Empfohlene Zitierweise

RIplus Regg. B Augsburg 1 n. 28, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/ad7e0690-fd67-4f37-b8b9-97be0902342a
(Abgerufen am 18.06.2018).

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