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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,5

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Papst Benedikt VIII. macht in längerer Rede die in Anwesenheit Kaiser Heinrichs tagende Synode auf die fortschreitende personelle und materielle Verarmung der einst durch Schenkungen von Kaisern, Königen und Gläubigen reich gewordenen Kirche aufmerksam und nennt als deren Gründe die unerlaubte Freilassung von Kirchenhörigen, die Mißachtung des Zölibats durch den Klerus und die mit beidem verbundene Entfremdung von Kirchengut, besonders aber die von hörigen Klerikern bevorzugte Ehe mit freien Frauen, wodurch die Kinder die mütterliche Freiheit erlangen (rectores ... possessiones ... a iure ecclesiae alienant, servos libertant, licet non possint, filiis ... omnia congerunt; ... clerici ... ex liberis mulieribus filios procreant, ancillas ecclesiae ... fugientes, ut matrem liberam filii quasi liberi prosequantur). Er schlägt der Synode als Beratungsthema das Problem der Klerikerehe und vor allem der Rechtsstellung der aus Ehen höriger Kleriker stammenden Kinder (de filiis eorum clericorum, qui sunt de familia ecclesiae) vor, während über Kinder eines freien Klerikers am nächsten Konzil verhandelt werden solle. Der Papst beweist mit Berufung auf Bibelstellen, Konzilskanones, päpstlichen Verfügungen, kaiserlichen Gesetzen und patristischen Autoritäten die Unerlaubtheit von Klerikerehen, die Unmöglichkeit einer positiven gesetzlichen Regelung für Klerikerkinder, besonders weltlicherseits wegen der kirchlichen Exemtion, erinnert an Strafbestimmungen für verehelichte Kleriker und an den Grundsatz, daß Kinder aus standesungleichen Ehen der ärgeren Hand folgen, und fordert entsprechende Maßnahmen gegen die Gesetze falsch interpretierende und dadurch den Klerus verführende Richter, die Feststellung der Hörigkeit der Kinder höriger Kleriker, die Deposition verheirateter Kleriker, die Bestrafung ihrer Frauen wegen Sakrilegs (Est enim sacrilega, quae rerum divinarum furtum facit ... Rem ergo divinam omnis mulier furatur, quae cum clero meretricatur) durch Exilierung und die Restitution des entfremdeten Kirchengutes. Zuletzt verkündet der Papst ein aus sieben Kanones bestehendes Dekret, wodurch (1) die Eheschließung eines Klerikers und (2) das Zusammenleben eines Bischofs mit einer Frau bei Strafe der Deposition verboten, (3) die Klerikerkinder mit allen von ihnen erworbenen Gutem zum nicht befreibaren Kirchenbesitz erklärt und (4) die Freilassung mit Anathem bedroht sowie (5) der Gütererwerb durch Kirchenhörige von Freien verboten und für den Erwerber bis zur Auslieferung der Erwerbsurkunde mit Kerkerhaft samt Auspeitschung, (6) für den Freien bis zur Ersatzleistung mit Verdammung als Kirchenräuber und (7) für den Notar mit Anathem und Ehrverlust bedroht wird. Der Kaiser erklärt seinen Konsens und publiziert das Dekret durch ein kaiserliches Edikt.

Überlieferung/Literatur

Drucke: Mansi, Coll. XIX 343; MG. Const. I 70 (fragm.). Reg.: JL. I p. 512; Boye, QuKat. 75; Böhmer-Graff n. 2027 b. Lit.: Hirsch, Jahrbücher III 214 ff. u. 342 ff.; Wappler, Papst Benedikt 69 ff. u. 100 ff.; Hefele-Leclercq, Hist. des conc. IV 919 f.; Mann, Lives V 186 ff.; Tangl, Teilnehmer 121; Boye, Synoden 269 f.; Schramm, Renovatio I 128 u. 167; Kölmel, Kirchenstaat 66; Hauck, Kirchengesch. III 528 f.; Brezzi, Roma e l'impero 200 f.; Mikoletzky, Kaiser Heinrich 69 ff.; Th. Schieffer, Heinrich II. und Konrad II. (1969) 21; Holtzmann, Kaiserzeit 478 f.; M. Boelens, Die Klerikerehe in der Gesetzgebung der Kirche (1968) 81 u. 107; Wolter, Synoden 284; Hoffmann, Mönchskönig 56 ff.; E. Frauenknecht, Die Verteidigung der Priesterehe in der Reformzeit (1997) 116 f.

Kommentar

Die Konzilsakten sind von Bischof Leo von Vercelli verfaßt (vgl. Löwenfeld, Leo von Vercelli 50 und Bloch in NA. 22/1896, 102 f.) und tragen das Datum Actum Papiae kal. Aug., was früher irrig auf 1018 gedeutet wurde. Die Papstrede dürfte ebenfalls von Leo stilisiert worden sein. Als Konzilsteilnehmer sind durch Unterzeichnung des Papstdekretes Erzbischof Aribert von Mailand und die Bischöfe Rainald von Pavia, Alberich von Como, Landulf von Turin und Petrus von Tortona bezeugt. Die Papstunterschrift lautet: Ego B(enedictus) papa aeternae urbis huic constituto synodali subscripsi. Das Kaiseredikt unterschrieben außer Heinrich (vgl. Schlögel, Unterfertigung 97 ff.) der Pfalzgraf Otto von Pavia und zwei italische Markgrafen. Als Beleg für seine Rechtsüberzeugung verweist der Papst auf Kanon 3 des Konzils von Nizäa, Novel. Just. 123 (546), 14; Novel. App. II 1 (540); auf die auch aus Pseudoisidor bekannten Papstschreiben Leos I. (JK. 411 cap. 3 u. 544 cap. 3) und Siricius (JK. 255 cap. 7 u. 260), auf die Synode des Symmachus (JK. I p. 96, Hinschius, Decretales 661 cap. 4), auf Ambrosius von Mailand, De Abraham I 4 und auf einen afrikanischen Kanon, wonach Klerikerfrauen ultra mare als Sklaven verkauft werden sollen. In Abänderung dieser harten Bestimmung fordert der Papst bloß Exilierung: ... synodi etiam Africanae severitatem temperantes, liberam ideo abire volumus, ut ii quos illa lupa devoverat, per Dei gratiam liberentur. Exulet longe tamen volumus, sed trans mare nolumus ..., quia iugum importabile Deo prohibente non audemus imponere. Nicht berücksichtigt ist merkwürdigerweise ein vermutlich in der Goslaer Synode von März 1019 (vgl. Böhmer-Graff n. 1942 a u. Wolter, Synoden 276 ff.) auf Vorschlag des Bischofs Bernward von Hildesheim gefaßter Beschluß über die fortdauernde Unfreiheit von Kindern aus der Ehe eines unfreien Klerikers mit einer Freien, wovon der anno MXXV. in consistorio regali Goslare datierende Konzilsakt (ed. MG. Const. I 62 f.) behauptet, daß das Dekret nicht nur vom anwesenden Kaiser Heinrich (II.) bestätigt (sancitum), sondern auch in beneplacito universalis papae prospectum vegetet sanctae aeclesiae.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,5 n. 1249, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1022-08-01_1_0_2_5_0_1310_1249
(Abgerufen am 20.10.2017).