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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,5

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Seekrieg gegen die Sarazenen. Papst Benedikt VIII. erfährt von der Eroberung und Verwüstung der Stadt Luni durch die Sarazenen (unter Führung des Emirs von Denia Mudjahid) 〈und wird auch von dem Sarden Hilarus Cao gebeten, Sardinien von den Sarazenen zu befreien〉. In einer daraufhin vom Papste einberufenen Versammlung von Klerikern und Laien (in Rom) fordert Benedikt VIII. zum Kampf gegen die Sarazenen auf. 〈Mit Konsens der Versammlung wird der Bischof (Azzo II.) von Ostia nach Pisa gesandt, um auch die Pisaner zu einem Kriegszug zu veranlassen. Der Legat überbringt die Petersfahne und ein Papstprivileg, wodurch der Stadt der Besitz Sardiniens bestätigt wird.〉 Die Flotte der Verbündeten erhält den Befehl, die Sarazenen an einer Rückkehr in die Heimat zu hindern. Den Truppen folgt der Papst. Nach der Seeschlacht (vor Sardinien) erwirbt der Papst aus der Beute eine mit Edelsteinen besetzte Goldkrone der gefangenen Frau des Emirs und sendet dem Kaiser (Heinrich) einen Beuteanteil von etwa tausend Pfund.

Überlieferung/Literatur

Erw.: Thietmar v. Merseburg, Chr. VII 45 (MGSS. N. S. IX 452); Breviarium Pisanae hist. (Muratori, SS. VI 167); Chr. Pisanum breve (Ughelli, Italia 1III 884 u. 2X/2, 117); Ranieri Sardo, Hist. di Pisa (Banti, FSI. 99/1963, 14 f.); Chr. Pisanum ano. (Baluze, Miscellanea I App. 449); Epitaph d. Hilarus Cao (Vanni in Nozze C. Brunst 1895, 40). Reg.: J.*3070; Desimoni, Reg. 49 n. 53; JL. I p. 509; JL. *4022; IP. III 357 n.† * 16 u. X/1, 379 n.† *28. Lit.: Hirsch, Jahrbücher III 130 ff.; A. Guglielmotti, Storia della marina pontificia, I (Rom 1886) 194 ff.; G. Sforza, Mugahid e le sue imprese contro la Sardegna e Luni (Giornale linguistico di archeologia, storia e letteratura 1893, III‒IV 134‒156); J. Jung, Stadt Luna und ihr Gebiet (MIÖG. 22/1901, 217 f.); A. Gottlob. Kreuzablaß und Almosenablaß (1906) 37 ff.; E. Besta, La Sardegna medioevale, I (Palermo 1908) 59 ff.; F. Codera, Mochéhid, conquistador de Cerdeña (Centenario della nascita di M. Amari 2/1910, 123 f.); Erdmann, Aufrufe 19; Erdmann, Entstehung 102; B. Nelli, I papi e le imprese di Pisa contro i Saraceni nei secoli XI e XII (Bollet. stor. Pisano, N. S. 6/1937, 293 ff.); Waas, Kreuzzüge I 58; Setton, Crusades I 52 f.; Eickhoff, Seekrieg 378 f.; G. Scalia, Contributi Pisani alla lotta anti-islamica nel mediterraneo centro-occidentale durante il secolo XI (Anuario de estudios medievales 10/1980, 139 f.).

Kommentar

Die Datierung ergibt sich aus arabischen Quellen, laut denen Mudjahid Ende des Jahres 406 der Hedschra, d. h. vor dem 8. Juni 1016, aus dem von den Sarazenen im Aug. oder Sep. 1015 neuerlich besetzten Sardinien vertrieben wurde. Von hier aus dürfte die Plünderung Lunis Anfang 1016 erfolgt sein. Die zitierten Pisaner Quellen verzeichnen die Legation des Bischofs von Ostia zum Jahre 1017, was gemäß dem in Pisa geltenden Annuntiationsstil nach dem 25. März 1016 gewesen sein müßte. Die eigentliche Seeschlacht mag in den ersten Junitagen 1016 stattgefunden haben, allerdings nicht ‒ wie Thietmar glauben läßt ‒ bei dem wohl nur kurz von den Sarazenen besetzten Luni, sondern wohl vor einem sardinischen Hafen. Die Teilnahme des Papstes am Kriegszug bezeugt Thietmar, doch ist mit Hirsch 131 anzunehmen, daß sich Benedikt VIII. lediglich aus Rom in die bedrohten Küstengebiete begeben hat. Von der römischen Versammlung, welche den Kriegsbeschluß faßte, berichten sowohl Thietmar als auch die Pisaner Chroniken. Laut dem Chr. breve (Ughelli X/2, 117) wurde der Papstlegat una cum universo clericatu et senatu von Benedikt abgefertigt. Laut Sardo und dem Ano. ist an eine römische Klerikerversammlung zu denken, laut Thietmar hat der Papst omnes sanctae matris ecclesiae tam rectores quam defensores versammelt, was Erdmann, Entstehung 102 auf Bischöfe und Barone des römischen Gebietes deutet. Fast sämtliche Quellen über den Sarazenenkrieg enthalten fabulöse Züge. Dazu muß auch der Bericht Thietmars zählen, daß nach der Schlacht Gesandte des Emirs dem Papst in Rom einen Sack voll Kastanien mit der Botschaft überbrachten, der Emir werde im nächsten Sommer mit ebensoviel Kriegern wiederkommen. Der Papst habe darauf den Sack mit Hirsekörnern gefüllt den Gesandten mit den Worten zurückgeben lassen: Si non sufficiat sibi apostolicam sedem laesisse dotem, secundo veniat et tot loricatores vel plus se hic inventurum pro certo sciat. Vgl. dazu auch Schneider in Arch. f. Kulturgesch. 44/1962, 47. Arabische Quellen erwähnen weder diese Gesandtschaft nach Rom noch überhaupt etwas von der Aktivität des Papstes; vgl. M. Amari, Prime imprese degl'Italiani nel mediterraneo (Nuova antologia di scienze, lettere ed arti 2/1866, 60 ff.) sowie Sforza 140 ff., wo die arabischen Quellen besprochen werden. Wahrscheinlich hat die Übersendung des Beuteanteiles an Kaiser Heinrich in Deutschland nicht nur die Kunde vom Sieg verbreitet, sondern auch manches Gerücht in Umlauf gesetzt. Die Übersendung der Petersfahne nach Pisa und das Papstprivileg über Sardinien, wovon nur die Pisaner Quellen berichten, muß als Fälschung verworfen werden; vgl. IP. III 357 n. † *16. Eine ähnliche Meldung findet sich in Pisaner Quellen auch zum Jahre 1050 und in n. 1158. Wie Vanni bewiesen hat, ist auch das angeblich aus dem Jahre 1068 stammende und erstmals 1677 auftauchende Epitaph des Hilarus Cao, das von diesem rühmt, Hilari precibus Sardiniam a Saracenis papa liberari curavit, ein genealogisches Falsifikat. Laut G. Leoncini, Illustrazione sulla cattedrale di Volterra (Siena 1869) 245 f., der sich auf ältere Werke beruft, soll Benedikt VIII. im Zuge der Vorbereitungen zum Sarazenenkrieg 1016 nach Volterra gekommen und hier von Bischof Gunfred in seinem Palast empfangen worden sein, was aber in IP. III 282 n. 10 als Erfindung abgelehnt wird.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,5 n. 1166, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1016-00-00_1_0_2_5_0_1222_1166
(Abgerufen am 13.12.2017).