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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,5

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Papst Sergius (IV.) berichtet allen Gläubigen (omnibus catolicis ... maioribus ac minoribus in Deum omnipotentem perpetuam spem habentibus) vom Eintreffen eines Boten aus dem Orient, der die Nachricht von der Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem nach Rom gebracht habe, weiters von der eigenen Bereitschaft, an der Spitze der Römer, Italiener, Tuszier und aller Christen gegen die Sarazenen zu ziehen und die Grabeskirche wiederherzustellen, von Flottenrüstungen der Italiener, Venezianer und Genuesen, wodurch 1000 Schiffe zur Überfahrt nach Syrien zur Verfügung stehen werden, sowie vom Erhalt eines Briefes aus einer (italischen) Küstenstadt, der ebenfalls von Rüstungen zur Befreiung des Grabes Christi berichtete. Der Papst ermahnt zum Frieden unter den Christen und mit Zitierung von Bibelstellen sowie mit dem Hinweis auf das Beispiel der römischen Kaiser Vespasian und Titus, die den Tod Christi an den Juden rächten und dafür Kaiserwürde und Sündenvergebung erlangten, sich am Kriegszug zu beteiligen oder diesen durch Mitarbeit an den Rüstungen oder durch Gaben zu unterstützen, die Bischof Johannes im Empfang nehmen werde. ‒ Cum nos precioso ...

Überlieferung/Literatur

Org.: Kop.: 1) 11. Jh., Paris Bibl. nat.: Coll. Baluze 380 n. 2. 2) 18. Jh., Montauban Arch. départ: G. 538 (Coll. Moissac). Drucke: J. Lair, Encyclique de Sergius IV relative à un projet de croisade vers 1010 (BÉCh. 18/1857, 249); C. Guarmani, Gl'Italiani in Terra Santa (Bologna 1872) 11; Lair, Études I 47; Erdmann, Aufrufe 13 (fragm.); Gieysztor in Medievalia et Humanistica 6/1949, 33, H. E. Mayer, Idee und Wirklichkeit der Kreuzzüge (1965) 11; Zimmermann, PUU. 845 n. † 445; Schaller, Kreuzzugsenzyklika 150. Reg.: P. Riant, Inventaire critique des lettres historiques des croisades (Arch. de l'Orient latin 1/1881, 40 n. 14); Desimoni, Reg. 49 n. 15; JL. † 3972; IP. VI/2, 322 n. *1; Auvray-Poupardin, Bibl. nat. 242 n. 2. Lit.: J. Harttung, Zur Vorgeschichte des ersten Kreuzzuges (Forsch. zur dt. Gesch. 17/1877, 393 ff.); Lair, Études, I: Bulle du pape Sergius IV, 1‒56; C. Erdmann, Die Aufrufe Gerberts und Sergius' IV. für das Heilige Land (QuF. 23/1931‒32, 11 ff.); Erdmann, Entstehung 102 ff.; U. Schwerin, Die Aufrufe der Päpste zur Befreiung des Heiligen Landes (1936) 68 ff.; Fliche, Les origines 765 ff.; A. Gieysztor, The Encyclical of Sergius IV. (Medievalia et Humanistica 5/1948, 3‒23 u. 6/1949, 1‒34); Waas, Gesch. der Kreuzzüge I 58 f.; H. M. Schaller, Zur Kreuzzugsenzyklika Papst Sergius' IV (FS. H. Fuhrmann 1991, 135‒153).

Kommentar

Zur Überlieferung vgl. Wiederhold, PUU. in Frankreich VII 19 und Gieysztor 5/1948, 8. Facsimilia der ältesten Kopie bringen Lair in seinen Études und A. Gieysztor, Ze studiow nad geneza wypraw krzyźowych Encyclika Sergiusza IV (Towarzystwo naukowe Warszawskie 1948). Der von Lair wiederentdeckte, undatierte Kreuzzugsaufruf Sergius' IV. ist eine Fälschung, wie bereits Harttung und Riant gegen Lair behaupten und Schwerin und Gieysztor gegen Erdmann dargelegt haben, während Schaller 135 ff. jüngst wieder diesem folgen möchte und in einer gründlichen Untersuchung alle Verdachtsmomente als wenig stichhaltig erklärt, was sich allerdings nicht auf die äußeren Merkmale der überlieferten Kopie bezieht. Davon, daß die älteste Kopie ein Original sei, kann keine Rede sein. Als Falsifikat erweisen diese paläographische, sprachliche, stilistische und formale Gründe. Gieysztor glaubt als Entstehungsort das Kloster Moissac, als Entstehungszeit etwa 1096 annehmen zu können. Auf echter Tradition beruht höchstens das Eintreffen der Nachricht von der Zerstörung der Grabeskirche in Jerusalem durch den Kalifen al-Hakim sowie die Bemühungen des Papstes Sergius' IV, italische Mächte zur Vertreibung der Sarazenen aus Sizilien zu mobilisieren (vgl. n. 1048). Die Zerstörung der Grabeskirche notieren die Ann. Beneventani (Bertolini 130) und Ademar v. Chabannes (Chavanon 169) zum Jahre 1010. Das dürfte dem Eintreffen der Nachricht in Westeuropa entsprechen, denn nach zeitgenössischen arabischen Quellen wäre die Zerstörung auf den 18. Okt. 1009 zu datieren. Wäre der Kreuzzugsaufruf echt, so könnte er nur eine unmittelbare Reaktion auf das Eintreffen der Nachricht aus dem Orient gewesen sein, denn mit dem Wiederaufbau der Grabeskirche wurde schon bald begonnen; vgl. Lair, Études 39 f. und Gieysztor 6/1949, 13. Bes. Interesse an einem Seekrieg gegen die Sarazenen hatten damals die italischen Küstenstädte und an ihrer Spitze Pisa. Erdmann, Aufrufe 13 Anm. 1 vermutet daher, daß unter den im Kreuzzugsaufruf genannten Tusziern vor allem die Pisaner zu verstehen seien und daß auch sie die Absender jenes Schreibens waren, das der Papst angeblich von einer Küstenstadt (de civitate secus litus maris) erreichte. Pisa wurde jedoch 1011 von den spanischen Mohammedanern zerstört, was eine Beteiligung an dem geplanten Kriegszug unmöglich gemacht haben dürfte; vgl. Erdmann, Aufrufe 17. Wer der als Kreuzzugslegat genannte Bischof Johannes sein soll, läßt sich nicht erweisen. Lair, Études 15 f. zählt die zeitgenössischen Bischöfe dieses Namens auf, ohne sich für einen entscheiden zu können. Vielleicht ist Johannes II. von Genua gemeint. Über den Kreuzzugsaufruf, der sich in der Briefsammlung Gerberts v. Aurillac (vgl. Weigle, MG. Briefe II 50 ff.; Riché I 58 f.) findet und möglicherweise von Gerbert im Auftrag des Papstes Johannes XIV. verfaßt wurde, vgl. n. 629 u. Mor, Silvestro e Gerusalemme 219 ff. Er stammt nicht aus der Papstzeit Gerberts, wie in JL. † 3938 noch angenommen wird.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,5 n. †1049, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1010-00-00_3_0_2_5_0_1102_F1049
(Abgerufen am 23.07.2017).