Regestendatenbank - 182.315 Regesten im Volltext

RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,5

Sie sehen den Datensatz 988 von insgesamt 1338.

Papst Silvester (II.) berichtet dem Herzog Stephan von Ungarn (Stephano duci Vngarorum) über die Ankunft der unter Führung des Bischofs (Anastasius) Ascherik von Kalocsa (Astricus venerabilis Colocensis episcopus) stehenden ungarischen Gesandtschaft in Rom (n. 942), die ihm ebenso wie ihr Begehren schon vorher durch einen Engel angekündigt worden war, und dankt für die dem Papsttum erwiesene Ehrerbietung, besonders für die durch die Gesandten und den von ihnen überbrachten Brief vollzogene Kommendation Ungarns an den Apostel Petrus (beato Petro apostolorum principi regnum ac gentem, cuius dux es, cunctaque tua ac teipsum per eosdem legatos et litteras perpetuum obtulisti); gewährt dem Herzog wunschgemäß Krone und königlichen Rang sowie die Bestätigung der ungarischen Bistümer und der Metropole Gran (Strigoniensem metropolim); nimmt Ungarn und dessen Herrscher in den päpstlichen Schutz (sub protectionem sanctae Romanae ecclesiae) und überträgt die Regierung an Stephan und dessen legitime Nachfolger, die nach ihrer durch die ungarischen Optimaten erfolgten Wahl der römischen Kirche persönlich oder durch Gesandte als deren Untertanen ebenso Ehrerbietung erweisen und die katholische Religion bewahren und fördern sollen; verleiht für die missionarischen Verdienste Stephans diesem und seinen legitimen, von Rom approbierten Nachfolgern das Recht, sich nach der Krönung, die jeweils gemäß den den ungarischen Legaten mitgeteilten Weisungen und mit der durch sie überbrachten Krone vollzogen werden soll, ein Kreuz als apostolisches Zeichen vorantragen zu lassen; überträgt damit das in Stellvertretung des Papstes auszuübende Dispositionsrecht über die (ungarische) Kirche gemäß den Bestimmungen, die ein anderes an Stephan, den ungarischen Adel und das ungarische Volk gerichtetes Papstschreiben darlegt, das durch einen päpstlichen Nuntius überbracht werden wird; erfleht den Schutz Gottes für Stephan und teilt mit, daß die ihm gemäß göttlicher Weisung übersandte Krone eigentlich für den Polenherzog bestimmt war. ‒ Legati nobilitatis tuae ... Dat. Romae VI. kal. Apr., ind. XIII.

Überlieferung/Literatur

Org.: Kop.: Drucke: M. Inchoffer, Annales ecclesiastici regni Hungariae (Rom 1644) 256; Fejér, Cod. dipl. Hungariae I 274; Olleris, Œuvres 147; Migne, PL. 139, 274; J. Karácsonyi. Szent-István király oklevelei és a Szilveszter-bulla (Budapest 1891) 179; Zimmermann, PUU. 737 n. † 382 (zu 27. III. 1000) (vgl. n. † 903 a); Guyotjeannin-Poulle, Autour de Gerben 149. Reg.: J. 2995; JL. † 3909; Gombos, Cat. III 2129 n. 4621. Lit.: St. Heinlein, Neue ungarische Forschungen zur Silvesterbulle (Ung. Rundschau 1/1913, 912 ff.); Váczy, Stephan als Legat 30 ff.; F. Galla, Marnavics Tamko János bosniai püspök magyar vonatkozásai (Budapest 1940); L. Toth, Ki és miért hamisította a Szilveszter-bullát (Turul 55/1941, 63 ff.); Deér, Entstehung 131; Uhlirz, Jahrbücher Otto III. 572 ff.

Kommentar

Die nur aus Drucken bekannte sogenannte Silvesterbulle ist eine Fälschung. Inchoffer berichtet, daß sie angeblich im Jahre 1550 im kirchlichen Archiv von Trogir in Dalmatien durch Anton Vrančić gefunden wurde. In Wirklichkeit ist das Diplom ein Fabrikat aus dem Anfang des 17. Jh. und auf Grund der Berichte der Vita Stephani des Hartwich (vgl. n. 942) und einiger Briefe Gregors VII. hergestellt worden. Die Echtheit wurde schon im 18. Jh. durch G. Schwartz in dessen kritischen Arbeiten „Initia religionis christianae inter Hungaros” (Frankfurt-Leipzig 1746) und „Entlarvte Bulle Sylvesters II”. (Lemgo 1777) bezweifelt. Einwandfrei bewies Karácsonyi die Fälschung, der auch den bosnischen Bischof Tamko Mamavić als Fälscher bezeichnete; vgl. auch J. Karácsonyi, Ki koholta a Sylveszter-bullát (Századok 43/1909, 361 ff.). G. Lánczy, Vatikáni anyagok magyarországnak Szent István király áltál pápai hűbérűl való felajánlásához (Századok 35/1901, 905 ff.) sah dagegen in Inchoffer selbst den Fälscher. Über die zum Falsifikat führenden Beweggründe vgl. Toth, der zu beweisen sucht, daß Mamavić nicht persönlichen Zwecken dienen, sondern die Bestrebungen der ungarischen Könige auf urkundliche Fixierung ihrer kirchlichen Rechte unterstützen wollte. Echter Kern der Tradition ist höchstens, daß Silvester II. wohl dem ungarischen Gesandten Ascherik ein Schreiben an Stephan mitgegeben haben dürfte, nach dessen Erhalt dieser gekrönt wurde; vgl. n. 948. Dieses Schreiben hat vermutlich die benedictio ausgesprochen, von der die Legenda Stephani maior 9 (SS. rer. Hung. II 384) und Thietmar v. Merseburg (MGSS. N. S. IX 198) sprechen; vgl. dazu Deér 127 ff. Keinesfalls kann das vom Urkundenstil der Zeit um 1000 stark abweichende und auch inhaltlich über den Vorstellungskreis jener Zeit hinausgehende Falsifikat dem Benediktionsschreiben des Papstes auch nur ähnlich gewesen sein, das übrigens auch erst im April 1001 aus Ravenna abgegangen sein könnte (vgl. n. 942) und nicht, wie die Urkundendatierung besagt, aus Rom am 27. März 1000. Von der Entsendung eines besonderen päpstlichen Nuntius zur Königskrönung nach Ungarn erfährt man nur aus der Fälschung und muß diese daher ebenso bezweifeln wie die Existenz eines von ihm angeblich überbrachten Papstschreibens an Adel und Volk; vgl. n. 948. Über die Kommendation Ungarns an den Papst durch ein Schreiben Stephans vgl. n. 942. Ein Facs. des Erstdruckes von Inchoffer findet sich bei Guyotjeannin-Poulle, Autour de Gerbert 148.

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI II,5 n. †943, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1001-04-27_1_0_2_5_0_988_F943
(Abgerufen am 13.12.2017).