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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,5

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Der aus Rom geflohene (n. 814) Papst Johannes XVI. wird von kaiserlichen Truppen unter Führung des (Grafen) Berthold (Birthilo) (vom Breisgau) gefangengenommen, grausam verstümmelt und im Schimpf in ein römisches Kloster gebracht.

Überlieferung/Literatur

Erw.: Johannes diac., Chr. (Monticolo, FSI. 9/1890 154 f.); Ann. Quedlinburgenses 998 (MGSS. III 74); Thietmar v. Merseburg, Chr. IV 30 (MGSS. N. S. IX 167); Vita Nili 89 (Giovanelli 126); Lib. pont. (Duchesne II 261); Rodulf Glaber, Hist. I 4 (Prou 14); Ann. Saxo 998 (MGSS. VI 642); Ann. Magdeburgenses 998 (MGSS. XVI 160); Chr. min. Erphordensis (Holder-Egger, SS. rer. G. 42/1899 623). Reg.: JL. I p. 495; Böhmer-Uhlirz n. 1259 d. Lit.: Schramm, Basileus 464; Uhlirz, Jahrbücher Otto III. 258; Luca, Giovanni Filagato 91 f.; Zimmermann, Papstabsetzungen 110; Nitschke, Der mißhandelte Papst 40 ff.; Görich, Otto 233; Althoff, Otto 101 ff.

Kommentar

Am ausführlichsten ist der Bericht des Johannes diac., der im Anschluß an n. 814 steht, woraus sich Datierung und Lokalisierung ergeben: ab eius (des Kaisers) militibus captus, proiectis oculis auribusque precisis, nares etiam et linguam amisit, et capitis deturpatus decoritate, Romam in quodam monasterio delatus est. Den Namen des Führers der kaiserlichen Schar überliefert der Cat. Augustensis (Duchesne II 261): ab Ottonis vassore Birthilone correptus; vgl. ebenso Ano. Zwetlensis (Migne, PL. 213, 1029) und über Birthilo zuletzt G. Althoff in: DIe Zähringer III (1990) 269 ff. sowie weitere Literatur bei Böhmer-Uhlirz n. 1259 d. Die Gefangennahme erfolgte anscheinend ohne Schwierigkeiten. Erst spätere Autoren, zuerst Tholomeus v. Lucca (MG. FJG. I 28 u. Muratori, SS. XI 1047) erzählen von einer Belagerung des Papstes und verlegen diese in Verwechslung mit den Ereignissen von n. 828 zur Engelsburg. Zur Verstümmelung des Papstes vgl. außer den genannten Quellen auch den Brief des byzantinischen Legaten Leon v. Synada an den byzantinischen Ostiarier Johannes (Darrouzès, Épist. 165 f.), Arnulf v. Mailand (Zey, SS. rer. G. 67/1994, 135), Ann. Hildesheimenses (Waitz, SS. rer. G. 8/1878, 27), Ann. Altahenses (Oefele, SS. rer. G. 4/1891, 16), Lambert v. Hersfeld (Holder-Egger, SS. rer. G. 38/1894, 48), Benzo v. Alba (Seyffert, SS. rer. G. 65/1996, 586), Bonizo v. Sutri (MG. Ldl. I 582), Hugo v. Flavigny (MGSS. VIII 367), Hugo v. Fleury (MGSS. IX 385), Cat. regum Langobardorum (MG. SS. rer. Lang. 516), Ann. Palidenses (MGSS. XVI 65), Vita Meinwerci (Tenckhoff, SS. rer. G. 59/1921, 12), Sächs. Weltchr. (MG. Dt. Chr. II 166), Romuald v. Salerno (SS. rer. Ital. VII/1, 173), Albert Milioli (MGSS. XXXI 425), Martin v. Troppau (MGSS. XXII 432 u. 466) und Flores temp. (MGSS. XXIV 245) sowie zahlreiche spätere Autoren. Die meisten Quellen wissen nur von einer Blendung; vgl. dagegen schon den Bericht des Johannes diac. und des Leon v. Synada. Bei letzterem wird zusätzlich die Verstümmelung an den Lippen erwähnt und das Ausreißen der Zunge auch begründet (τὴν γλῶτταν, τὴν πολλὰ ϰαὶ ἄϱϱητα λαλοῦσαν). Ebenso mit Begründung berichtet Rodulf Glaber zusätzlich von der Amputation der Hand auf Befehl des Kaisers (comprehensumque precepit eius manus quasi sacrilegas amputari, deinde vero aures abscidi atque oculos expelli). Vgl. zu den Verstümmelungsstrafen Nitschke 44 ff. Daß Birthilo eigenmächtig gehandelt haben soll, hält Heyck für ausgeschlossen. Vgl. dagegen die Ann. Quedlinburgenses (Tunc quidam non tantum imperatoris quantum Christi amici insequentes Johannem, comprehenderunt eum, et timentes, ne, si eum ad augustum destinarent, impunitus abiret, linguam et nares pariter abscinderunt oculosque illi penitus eruerunt). In den meisten späteren Quellen wird ebenso wie bei Rodulf die Verstümmelung einem Befehl Ottos III. zugeschrieben. Bonizo tadelt deshalb den Kaiser (quod factum in tantum Deo et beato Petro apostolorum principi displicuit). Die Mitschuld Gregors V. hebt Abt Nilus in seiner Rede an Kaiser und Papst (n. 818) hervor (παϱ̕ ὑμῶν τοὺϛ ὀφθαλμοὺϛ ἐξοϱωϱυγμένου); vgl. ähnlich Cat. Estensis im Lib. pont. und Albert Milioli. Die Chr. min. Erphordensis verlegt die Verstümmelung irrig in die Zeit nach dem Tode des Crescentius II. (n. 828) und aufs Kapitol (Idcirco usque adhuc nullus papa venire vult in montem Tarpeium ad arcem urbis Rome, scilicet in Capitolium, ubi iste Johannes tormenta sustinuit). Die Verstümmelung Johannes' XVI. war jedoch die Veranlassung der Romfahrt des Nilus (n. 818) und fand auch laut Leon v. Synada und Johannes diac. vor der förmlichen Deposition des Papstes (n. 836) statt. Fraglich bleibt, wie schwer die Verwundungen Johannes' XVI. waren; vgl. dazu auch n. 950 u. n. 952, wonach eine geringere Schädigung zu vermuten wäre. Zur Schimpfprozession vgl. auch n. 819 u. n. 406. In welchem Kloster Johannes XVI. inhaftiert (laut Vita Nili wurde er εἴϛ φυλαϰὴν geführt) war, ist unbekannt.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,5 n. 817, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0998-02-00_1_0_2_5_0_859_817
(Abgerufen am 24.01.2017).