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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,5

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Papst Leo VIII. gibt allen Gläubigen (omnibus sancte Dei ecclesie fidelibus) den Bericht des Bischofs Konrad von Konstanz über die im Jahre 948 erfolgte Engelweihe in Einsiedeln (locum ... Cella Meginradi vocatum) (D. Konstanz) (n. 374) bekannt; bestätigt auf Rat genannter Bischöfe dieses Wunder und verbietet unter Androhung des Anathems die Vornahme einer nochmaligen Weihe der Einsiedelner Kapelle; bedroht auf Intervention des Kaisers Otto (I.) und der Kaiserin Adelheid sowie auf Rat der Bischöfe Verletzung der klösterlichen Privilegien, Störung der klösterlichen Besitzrechte, Bedrückung des Klosters und seiner Angehörigen sowie Übertragung der Abtei in fremde Gewalt mit dem Anathem und verkündet den bußfertigen Besuchern des Klosters vollkommenen Ablaß. ‒ Convenit apostolico moderamini ... Scr. autem pm. Petri not. et scrin. SRSA. in men. Nov., IV. id. Nov., lectum III. id. Nov. assidente dom. Leone pp. in sede sua iuxta altare s. Petri ... et confirmatum pm. dom. Leonis pp. huius nominis VIII., in ordine autem CXXXVI., a. ab incarn. Dom. DCCCCLXIII., ind. VII.

Überlieferung/Literatur

Org.: Kop.: 1) 14. Jh., Bern Bürgerbibl.: Ms. Hist. Helv. I 37 p. 6. 2) 1378, Einsiedeln, Stiftsarch.: Ms. A/DB 3 fol. 5v. 3‒4) 1382 XII. 25, Einsiedeln Stiftsarch.: A/A 1 u. A 2 (Transsumpte d. B. Heinrich III. v. Konstanz). 5) Ende 14. Jh., Marienberg im Vintschgau, Goswin, Chr. p. 202. 6) 15. Jh., Rom Bibl. Vat.: Cod. Pal. lat. 701 fol. 348v. 7) 15. Jh., Einsiedeln Stiftsarch.: Ms. A/JJ 2 fol. 1. 8‒9) 15. Jh., München StBibl.: Cod. lat. 19820 fol. 284 u. Cod. lat. 1805 fol. 38. 10) 1451, Einsiedeln Stiftsarch.: A/C 2v (Transsumpt). Drucke: Chr. Hartmann, Ann. Heremi Deiparae matris monasterii in Helvetia (Freiburg 1612) 71; (v. Pflaumeren), Libertas Einsidlensis (Einsiedeln 1640) Doc. 1; Scheidt, Origines Guelficae II 249; B. Schwitzer, Chronik des Stiftes Marienberg, verfaßt von P. Goswin (1880) 228; G. v. Wyss, Über die Antiquitates monasterii Einsidlensis und den Liber Heremi (Jb. f. Schweiz. Gesch. 10/1885, 339); 0. Ringholz, Wallfahrtsgeschichte U. L. Fr. von Einsiedeln (1896) 312; 0. Ringholz, Geschichte des fürstlichen Benediktinerstiftes U. L. Fr. von Einsiedeln, I (1904) 656; Zimmermann, PUU. 329 n. † 169. Reg.: J. CCCLXVII; Hidber, Urk.Register I 245 n. 1076; JL. † 3708; Ladewig, Reg. 146 n. 366; GP. II/2, 70 n. † 1 u. IV/4, 77 n. † 70; Schieß, Quellenwerk I/l, 39; Santifaller, LD. 315; Santifaller, Elenco 293. Lit.: Ringholz, Wallfahrtsgeschichte 311 ff.; Ringholz, Gesch. v. Einsiedeln 37 u. 45; Hirsch, Urkunden für Einsiedeln und Schuttern 397 ff.; R. Bauerreiß, Zur Entstehung der Einsiedler Wallfahrt (Stud. u. Mitt. 52/1934, 118‒129); G. Morin, La légende de l'Engelweihe à Einsiedeln (Zs. f. Schweiz. Kirchengesch. 37/1943, 1‒7); R. Henggeler, Die Einsiedler Engelweihe (Zs. f. Schweiz. Kirchengesch. 40/1946, 1 ff.); R. Henggeler, Die mittelalterlichen Papsturkunden im Stiftsarchiv Einsiedeln (Misc. archivistica A. Mercati 1952, 202 ff.); K. Bugmann, Die Einsiedler Engelweihbulle und die Reichenauer Renaissance im 12. Jh. (Freiburger Diözesanarchiv 95/1975, 135‒148).

Kommentar

Über die große, heute aber nicht mehr komplett erhaltene kopiale Überlieferung der sogenannten Engelweihbulle vgl. GP. II/2, 70 n. † 1 u. Zimmermann, PUU. 329 f., wo auch weitere ältere Drucke verzeichnet sind. Jüngst erschien eine Facsimile-Ausgabe der Chr. von Goswin unter dem Titel „Sammlung von Dokumenten und Urkunden des Klosters Marienberg” (1996) (vgl. Kop. 5). Die älteste Publikation erfolgte in deutscher Übersetzung in „Histori vom Leben und Sterben des hl. Einsidels vnd Martyrers S. Meinradts” (Freiburg 1587) 61. Die älteste Nachricht über die Engelweihe und deren Bestätigung durch den Papst findet sich als Interpolation des späten 11. und beginnenden 12. Jh. in Handschriften der Ann. Einsidlenses und bei Hermann v. Reichenau (vgl. MGSS. III 137 Anm. 6, MGSS. V 70 Anm. 66 u. Henggeler, PUU. 202), wovon Ringholz, Wallfahrtsgeschichte 318 f. Fascimilia bringt. Über eine Erwähnung bei Gobelinus Persona vgl. Finke, Westfälisches UB. V/1, 5 n. † 16, über Erwähnungen in Papsturkunden seit dem 15. Jh., die Ringholz, Wallfahrtsgeschichte 331 ff. ediert, vgl. GP. II/2, 70 n. † 1 und Henggeler, PUU. 204 u. 214 ff. Während 1382 bei der Transsumierung angeblich noch das Original der Bulle zur Verfügung stand, wird im Jahre 1433 behauptet, daß das Original längst bei einem Klosterbrand zugrunde gegangen sei. Die Urkunde weist formale Mängel auf und kann in der überlieferten Form nicht von Leo VIII. stammen. Ringholz, Wallfahrtsgeschichte 323 sucht wenigstens die Echtheit des Urkundeninhaltes durch die Annahme zu verteidigen, daß ein früher vorhandenes, dann aber verbranntes echtes Privileg Leos VIII. aus erzählenden Quellen und nach dem Gedächtnis rekonstruiert worden sei, wobei formale Irrtümer entstanden. Tatsächlich hat es aber nie eine solche Urkunde gegeben, sondern diese wurde, wie Hirsch 408 nachwies, im ersten Viertel des 12. Jh. vermutlich in der Reichenauer Fälscherwerkstätte unter Benützung des Papstwahldekretes Nikolaus' II. von 1059 und anderer Papsturkunden zusammen mit n. 375 gefälscht; vgl. dazu auch J. Lechner, Schwäbische Urkundenfälschungen des 10. u. 12. Jh. (MIÖG. 21/1900, 45 ff.) und Tomek, Studien zur Reform 322 f. Interpolationen in den zitierten historiographischen Werken sollten die Fälschungen decken. Sie stammen von einer Hand, die laut Henggeler, PUU. 202 noch 1143 nachweisbar ist, so daß man die Entstehung der Fälschung eher in die Mitte des 12. Jh. setzen möchte. Als Fälscher hat H. Jänichen, Zur Herkunft der Reichenauer Fälscher (in: Die Abtei Reichenau, hg. v. H. Maurer, 1974, 279 ff.) den Mönch Udalrich von Dapfen namhaft gemacht; vgl. auch Bugmann 135 f. Der Zweck des Falsifikates war sicherlich, Eingriffe des Bischofs von Konstanz auf Einsiedeln abzuwehren, indem man durch die Legende von der Engelweihe bzw. nach Bauerreiß 124 besser von der Christusweihe darlegen wollte, daß der Diözesanbischof zur Vornahme einer immer auch die rechtliche Abhängigkeit manifestierenden Weihe in dem von Christus selbst geweihten Einsiedeln nicht berechtigt sei. Noch vor der Herstellung der ältesten erhaltenen Kopien und Transsumpte der Engelweihbulle, deren erste laut Henggeler, PUU. 203 aus der Zeit um 1320 stammen dürfte, sind vermutlich weitere Einschübe in den Urkundentext vorgenommen worden, wie etwa der am Ende des Privilegs stehende Passus über den Ablaß, der in seiner Formulierung keinesfalls dem 10. Jh. entspricht und wohl durch die Entstehung der Einsiedelner Wallfahrt im 14. Jh. veranlaßt wurde; vgl. Paulus, Gesch. des Ablasses II 326; Bauerreiß 118 und Henggeler, PUU. 204. Durch den Nachweis des Fälschungscharakters der Engelweihbulle wird die Vermutung bei Böhmer-Ottenthal n. 310 u. n. 364 hinfällig, daß im Feb. 962 tatsächlich eine kaiserliche Intervention für Einsiedeln beim Papst erfolgt sei; vgl. darüber sowie über die in der Engelweihbulle genannten, angeblich vom Papste zu Beratungen über das Einsiedelner Wunder herangezogenen Bischöfe und über die Berichterstattung Konrads von Konstanz über die Vorgänge des Jahres 948 n. 374.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,5 n. †376, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0964-11-11_1_0_2_5_0_400_F376
(Abgerufen am 25.07.2017).