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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,5

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Ein englischer Adeliger beschwert sich durch Boten beim Papst (Johannes XII.) über Erzbischof Dunstan von Canterbury, weil dieser ihn wegen einer Verwandtschaftsehe exkommuniziert und ihm das Betreten der Kirche verboten habe. Der Papst gewährt dem Edelmann Satisfaktion und ermahnt den Erzbischof brieflich und durch einen Legaten, dem Exkommunizierten Absolution zu erteilen und ihn wieder in die Kirchengemeinschaft aufzunehmen.

Überlieferung/Literatur

Erw.: Adelard v. Gent, Vita Dunstani 12 (Stubbs, SS. rer. Brit. 63, 67); Osbern v. Canterbury, Vita Dunstani 31 (Stubbs, SS. rer. Brit. 63, 106); Eadmer v. Canterbury, Vita Dunstani 26 (Stubbs, SS. rer. Brit. 63, 201); Wilhelm v. Malmesbury, Vita Dunstani 9 (Stubbs, SS. rer. Brit. 63, 301); Helinand v. Froidmont, Chr. (Migne, PL. 212, 903); Johannes Capgrave, Vita Dunstani 32 (Stubbs, SS. rer. Brit. 63, 342)., Reg.:Lit.: Hook, Lives I 408; Robinson, Times of Saint Dunstan 89; Duckett, Samt Dunstan 99; Vollrath, Synoden 262 ff.

Kommentar

Weder der Papst noch der sich beschwerende Adelige wird in den zitierten Quellen mit Namen genannt. Laut Adelard war der Beschwerdeführer ein illuster, laut Eadmer und Capgrave gar ein comes. Daß ein illicitum matrimonium der Anlaß zum Streit war, liest man bei Adelard und Osbern, von einer Verwandtschaftsehe noch deutlicher bei Eadmer: Comes quidam praepotens cognatam suam illicito sibi matrimonio copulaverat. Eadmer berichtet auch, daß sich der Edelmann zunächst an den englischen König wandte und daß dieser Dunstan aufforderte, ihn in pace zu lassen. Statt zu gehorchen, habe jedoch Dunstan dem Exkommunizierten den Eintritt in die Kirche verwehrt, worauf dieser Boten nach Rom sandte und den Papst für sich gewann. Daß dem Edelmann seitens des Papstes Satisfaktion gewährt wurde, sagt ausdrücklich schon Adelard, und man möchte an die Erteilung eines päpstlichen Dispenses von Ehehindernissen denken. Von der Entsendung eines Papstlegaten nach England berichtet ebenfalls bereits Adelard. Der Erzbischof habe auch diesem gegenüber seinen Standpunkt gewahrt, und laut Eadmer sei der Edelmann endlich durch sein eigenes Gewissen zur Kirchenbuße veranlaßt und durch ein von Dunstan veranstaltetes Konzil wieder in die Kirchengemeinschaft aufgenommen worden. Bei Adelard wird die ganze Episode als Beispiel für den Märtyrermut Dunstans erzählt. Dieser habe nämlich dem päpstlichen Legaten bedeutet, daß ihn auch die Todesstrafe durch Köpfen nicht vom Gehorsam Gottes abbringen könne, was den Biographen zu einem Vergleich seines Helden mit Johannes dem Täufer veranlaßt. Das in den älteren Viten Dunstans nicht erwähnte Ereignis ist chronologisch schwer einzuordnen, wenn den Berichten überhaupt ein wahrer Kern innewohnen sollte. Laut Adelard könnte nämlich der Streit in die ganze Zeit des bischöflichen und erzbischöflichen Wirkens von Dunstan fallen. Das läßt sich aber wohl auf die Zeit König Edgars (958‒975) einschränken, der von Dunstan selbst wegen eines Ehedeliktes zurechtgewiesen wurde (vgl. Stubbs, SS. rer. Brit. 63, 111 u. 209 f.) und mit dessen Beinamen pacificus jene königliche Mahnung an Dunstan, den Edelmann in pace zu lassen, in merkwürdigem Zusammenhang steht. Vgl. zu dieser Datierung in die Regierungszeit Edgars auch Stubbs in SS. rer. Brit. 63, 200, Eine genauere Datierung ergibt sich wohl aus der Erwägung, daß Dunstan jenes von Eadmer erwähnte Konzil wohl nur in seiner Eigenschaft als Erzbischof hatte einberufen können, Während Osbern den Streit kurz nach dem Bericht über die Erhebung Dunstans zum Bischof von London erwähnt, ordnet ihn Wilhelm v. Malmesbury richtiger in die Zeit kurz nach dem Palliumempfang (n. 284) ein. Der Papst, an den sich der Edelmann wandte, wäre demnach der 963 abgesetzte Johannes XII. und der Widerstand Dunstans gegen ihn vielleicht ein Akt „against the corrupt papacy” (Stubbs p. CVIII). Vollrath 264 ff. verweist hingegen auf die eherechtlichen Beschlüsse des Ravennater Konzils von April 967 (n. 413) als terminus post quem und auf die durch n. 409 für 967 bezeugten Beziehungen zwischen Rom und England. Demnach wäre auf ca. Juli 967‒Ende 969 (n. 431 a) umzudatieren.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,5 n. 285, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0961-00-00_1_0_2_5_0_308_285
(Abgerufen am 23.06.2018).