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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,3

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Das Gelingen des Ausfalls übt eine starke Wirkung auf die Bevölkerung Roms aus. Die Anhänger des Kaisers wagen sich wieder hervor und gewinnen die Oberhand. Es wird verhandelt, die Auständischen legen ‒ wenn auch nur vorübergehend ‒ die Waffen nieder. Am nächsten Morgen erscheinen die Anführer vor dem Turm, in dem sich der Kaiser aufhält, bitten um Frieden und versprechen neuerdings Treue. Der Kaiser benützt die günstige Stimmung und hält von diesem Wachtturm herab eine Ansprache an die Römer, in der er sie an die Wohltaten, mit denen er sie überhäuft habe, erinnert und ihnen ihre Treulosigkeit vorhält. Der Eindruck ist ein starker. Die Römer ergreifen die Rädelsführer, darunter einen namens Benilo, und schleppen sie nach grausamer Züchtigung vor den Kaiser.

Überlieferung/Literatur

Thangmari vita Bernwardi c. 24, SS. IV. 770: ... hostes pacem exposcunt, arma proiciunt, in crastinum se ad palatium venturos promittunt. Mane Dei clementia assunt, pacem petunt, sacramenta innovant, fidem se imperatori perpetuo servaturos promittunt. ‒ c. 25: Interim piissimus ac mitissimus imperator cum paucis turrim quandam ascendens, ad illos concionabatur dicens: Auscultate verba patris vestri et attendite, et ea mente diligenter reponite. Vosne estis mei Romani? Propter vos quidem meam patriam propinquos quoque reliqui. Amore vestro meos Saxones et cunctos Theotiscos, sanguinem meum, proieci; vos in remotas partes nostri imperii adduxi, quo patres vestri, cum Orbem ditione premerent, numquam pedem posuerunt; scilicet ut nomen vestrum et gloriam ad fines usque dilatarem; vos filios adoptavi, vos cunctis praetuli. Causa vestra, dum vos omnibus proposui, universorum in me invidiam et odium commovi. Et nunc pro omnibus his patrem vestrum abiecistis, familiares meos crudeli morte interemistis, me exclusistis, cum tamen excludere non potestis; quia quos paterno animo complector, numquam ab affectu meo exulari patior. Scio equidem et nutu oculorum seditionis principes assigno; nec verentur, dum publice omnium oculis notantur; nichilominus etiam fidissimos meos, de quorum innocentia triumpho, sceleratorum admixtione commaculari, nec posse distingui, monstro simile arbitror. Hac ratione imperatoris ad fletus usque compuncti, satisfactionem promittunt, duos corripiunt, Benilonem et alium quendam, quos crudeliter caesos, nudos pedibus per gradus tractos, semivivos in praefata turri ante imperatorem proiciunt.

Kommentar

Von der nach klassischem Vorbild stilisierten Ansprache des Kaisers an die Römer berichtet nur Thangmar, der diese Szene miterlebt hat. Solche Reden mögen öfters gehalten worden sein, ohne daß in der Überlieferung ihrer gedacht wurde. Die Gewährsmänner Brunos von Querfurt, der Bischofschronik von Cambrai und der Annales Quedlinburgenses, sowie Thietmars dürften von diesem Vorgang keine genaue Kenntnis besessen haben, da sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach bei der Hauptmasse des Heeres befanden, die unter dem Befehl Hugos von Tuszien und Heinrichs von Bayern außerhalb der Stadtmauern lagerte. ‒ Die Worte des Kaisers haben verschiedene Deutungen erfahren. Sicher sind manche Wendungen in rhetorischem Sinn und als Übertreibungen aufzufassen, die in der ganz bestimmten Absicht gebraucht wurden, die Stimmung der Bevölkerung zu beeinflussen. Der Kaiser hält den Römern vor, wieviel er für sie getan habe, daß er „seine” Sachsen und alle Deutsche, „sein eigenes Blut” um ihretwillen zurückgesetzt habe. Er bekennt sich hier ausdrücklich als Sachse und zu seiner blutmäßigen deutschen Abstammung, wenn er auch wie ein Vater für die Römer und Rom selbst gesorgt habe, dessen Ruhm er weiter hinausgetragen habe als irgendeiner seiner Vorgänger. Diese Bemerkung bezieht sich auf die Fahrt nach Gnesen, wo Boleslaw von Polen zum „amicus populi Romani” gewonnen worden war. Otto hat sich nicht nur in D 388 (Reg. 1398) als einen „dilatator” des christlichen Glaubens bezeichnet, hier wird vielmehr derselbe Ausdruck (dilatarem) verwendet, um seine Verdienste um die Stadt Rom zu charakterisieren. Es ist nicht zutreffend, wenn man aus dieser Ansprache eine Mißachtung seiner deutschen Abstammung, zu der er sich doch ausdrücklich bekennt, hat herauslesen wollen. Gewiß gab es Mißstimmungen im Kreise seiner nächsten Freunde, so bei Brun von Querfurt oder bei Tammo (vgl. Jbb. O. III. 364 Anm. 62), und ihn selbst erfüllte der Undank der Römer mit tiefer Bitterkeit; als der Ausdruck dieses Empfindens sind die Worte des Kaisers zu verstehen. ‒ Vgl. dazu Naumann, Die Könige als Redner. In Volkskönigstum 156 ff., 168; Vigener, Bezeichn. f. Land u. Volk d. Deutschen (1901) 42f.; Wilmans, Jbb. O. III. 121; Giesebrecht, Kaiserzeit I5, 745; Hartmann, Gesch. Italiens IV/1, 142f.; Schramm, Renovatio I. 178; II., 6; Burdach, Briefwechsel des Cola di Rienzi 188; Gregorovius, Gesch. d. Stadt Rom III5, 470 ff.; Holtzmann, Kaiserzeit 373; Beumann, Romkaiser 175; Jbb. O. III. 363f. ‒ Wo sich der „Turm” befand, von dem aus Otto zu den Römern sprach, ist nicht festzustellen. Er muß nicht allzuweit von dem Aventin gelegen gewesen sein. Daß Otto sich in die Engelsburg geflüchtet habe, wie Schramm annimmt, ist unwahrscheinlich, wenn man die folgenden Vorgänge berücksichtigt. Die Stelle bei Brun (Vita quinque fratrum c. 7, SS. 15, 723) bezieht sich nicht auf die von Thangmar geschilderten Vorgänge, sondern auf das darauffolgende Verlassen der Stadt (vgl. Reg. 1402 b). Auch dürften die Zinnen der Engelsburg infolge ihrer Höhe keinen geeigneten Standplatz für einen Redner, der sich seinen Zuhörern verständlich machen wollte, geboten haben. ‒ Der Haupträdelsführer der Aufständischen war mit einem Ungenannten ein gewisser „Benilo”. Es ist nicht ausgeschlossen, daß es sich hier um einen Angehörigen der Crescentier, vielleicht um Benedikt, den Grafen der Sabina (vgl. Jbb. O. III. 265) gehandelt hat.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,3 n. 1400c, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1001-02-00_1_0_2_3_0_1205_1400c
(Abgerufen am 28.05.2017).