Regestendatenbank - 176.134 Regesten im Volltext

RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,3

Sie sehen den Datensatz 1201 von insgesamt 1375.

Otto schenkt der Kirche des heiligen Petrus in Rom aus Zuneigung zu seinem Lehrer, dem Papst Silvester II. die acht Grafschaften Pesaro, Fano, Senigallia, Ancona, Fossombrone, Cagli, Jesi und Osimo. Jeder Zuwiderhandelnde wird mit dem Verlust seines gesamten Vermögens bestraft (Otto igitur comitatus pro amore magistri nostri domni Siluestri pape sancto Petro offerimus et donamus, ut ad honorem dei et sancti Petri cum sua et nostra salute habeat teneat et ad incrementa sui apostolatus nostrique imperii ordinet. Hos autem sibi ad ordinandum, concedimus: Pisaurium, Fanum, Senogalliam, Anconam, Fossabrum, Gallim, Hesi et Ausimum, ut nullus unquam ei et sancto Petro audeat aliquam inquietationem facere aut eum aliquo ingenio fatigare. Quicumque vero presumserit, omnia que habet amittat et sanctus Petrus que sunt sua, recipiat). ‒ Die Urkunde ist außerhalb der Kanzlei und, wie der Diktatvergleich ergeben hat, von Leo von Vercelli verfaßt worden. Rekognition und Datum fehlen. M. B. 4. „Romam caput mundi profitemur.”

Überlieferung/Literatur

fehlt.

Abschrift aus d. J. 1339, die auf Befehl des Papstes Benedikt XII. von dem Beamten der päpstlichen Kammer Johannes de Amelio angefertigt wurde (B). Vatikanisches Archiv zu Rom, Arm. I. caps. X. Nr. 15; auf sie gehen alle vorhandenen Abschriften zurück, so Cod. lat. 5181, f. 6 u. Cod. lat. 5989, p. 13 der Nationalbibl. zu Paris.

Baronius, Ann. eccles. ed. I. (1588‒1593) SS. 55 f., zum J. 1191; MG. LL. II/b, 162; LL. Sectio IV. Const. I. 54‒56, Nr. 26; DD. O. III. 818 f., Nr. 389; Voigt, Brun v. Querfurt 239 ff., Anm. 247: Schramm, Renovatio II. Text III. 65‒67.

Stumpf 1256 zu 1001 April 20.

Kommentar

Das Original wurde noch im 15. Jh. „in scrinio ferrato arcis S. Angeli” aufbewahrt. Das Monogramm ist in der Abschrift des Johannes de Amelio nachgezeichnet, entbehrt jedoch des bei Otto III. häufig neben dem Vollziehungsstrich vorkommenden eigenartigen Schnörkels; die Bulle ist von dem Kopisten so genau beschrieben, daß sie mit Sicherheit mit der letzten Bulle Ottos III. (B. 4 nach Schramm B. 2) identifiziert werden kann (vgl. Schramm, Kaiserbilder I. 90f., II./69 b; dazu auch Erben, Kaiser- und Papstbullen. Festschr. Brackmann, 151 f.). ‒ Da die Urkunde bulliert und mit Monogramm versehen war, ist die Annahme, es handle sich um einen Entwurf ohne rechtliche Wirkung, abzulehnen, ebensowenig kann die Ansicht der älteren Forschung, D 389 sei eine kühne, bedenkenlose Fälschung zu Recht bestehen. (Vgl. R. Wilmans, Jbb. O. III. Exkurs XI. Über die angebliche Schenkungsurkunde Ottos III. für Sylvester II. 233‒243, Gaudenzi (Nonantula, Bull. d. ist. stor. ital. 37, 1916, 529f., Anm. 1), ferner Ranke (Weltgesch. VII. 69f.). Vielmehr wird die Echtheit der Urkunde gegenwärtig allgemein anerkannt, auch wenn man ihren Vollzug nicht mit Sicherheit behaupten kann. ‒ Der Titel, den sich der Kaiser in dieser Urkunde vermutlich zum ersten Mal beilegt „servus apostolorum et secundum voluntatem dei salvatoris Romanorum imperator augustus” ist von besonderer Bedeutung. Er steht zweifellos im Zusammenhang einerseits mit dem Inhalt der Urkunde, andererseits bezieht er sich auf die Missionsaufgabe der Apostelfürsten, die der Kaiser in diesem Jahre durch die Eingliederung Ungarns in das Imperium zu fördern hoffte. Dieser Titel ist eine neue Abwandlung des auf der Gnesener Fahrt erscheinenden „servus Jesu Christi”. Ihr Vorläufer ist der am 18. Januar (D 388, Reg. 1398) gebrauchte Titel „imperator augustus sanctarumque ecclesiarum devotissimus et fidelissimus dilatator”; eine weitere Ausgestaltung ist die wenig später erscheinende Form „Otto tercius Romanus Saxonicus et Italicus, apostolorum servus, dono dei Romani orbis imperator augustus”. Vgl. dazu Schramm, Renovatio I. 157 ff.; Jbb. O. III. 356 u. Anm. 35. ‒ Arenga und Narratio gewähren einen Einblick in die zu Beginn des Jahres 1001 an dem Kaiserhofe herrschende Stimmung. Daß die stilistische Fassung auf Leo von Vercelli zurückgeht, hat H. (Reincke)-Bloch NA. 22, 1997, 61 ff., 92 ff. nachgewiesen und Schramm hat neuerdings den Zusammenhang mit dem „Libellus de imperatoria potestate in urbe Roma” betont (Renovatio I. 64 ff., 165). ‒ Allein die Gedankenwelt des Kaiserhofes wurde außer von Leo noch von manchen anderen Persönlichkeiten beeinflußt, besonders von Papst Silvester II. und Romuald von Camaldoli, auch werden die heftigen Anschuldigungen, die von den französischen Bischöfen, vor allem von Arnulf von Orléans gegen die Amtsführung der Päpste 991 auf der Synode von St. Basle zu Verzy erhoben worden waren, nicht ohne Wirkung geblieben sein (vgl. Reg. 1035 c). Dem Bekennntnis zu Rom als dem Haupt der Welt folgt in D 389 ein scharfer Angriff auf die Haltung der Päpste, die nicht nur die Güter der römischen Kirche außerhalb, sondern auch in der Stadt selbst verschleudert und entfremdet hätten; daran schließt sich der noch schwerere Vorwurf, daß die römische Kurie und die Päpste versucht hätten, bei dem Kaiser durch gefälschte Dokumente die Anerkennung ihrer Forderungen durchzusetzen. (2) Romam caput mundi profitemur, Romanam ecclesiam matrem omnium ecclesiarum esse testamur, sed incuria et inscientia pontificum longe sue claritatis titulos obfuscasse. (3) Nam non solum, quae extra Urbem esse videbantur, vendiderunt, et quibusdam colluviis a lare sancti Petri alienaverunt, sed quod absque dolore non dicimus, si quid in hac nostra Urbe regia habuerunt, ut maiori licentia evagarentur, omnibus iudicante pecunia in commune dederunt, et sanctum Petrum, sanctum Paulum, ipsa quoque altaria spoliaverunt et pro reparatione sempe confusionem induxerunt. Confusis vero papaticis legibus et iam abiecta ecclesia Romana, in tantum quidam pontificum irruerunt, ut maximam partem imperii nostri apostolatui suo coniungerent, iam non querentes, quae et quanta suis culpis perdiderunt, non curantes, quanta ex voluntaria vanitate effuderunt, sed sua propria, utpote ab illis ipsis dilapidata, dimittentes, quasi culpam suam in imperium nostrum retorquentes, ad aliena, id est ad nostra et nostri imperii, maxime migraverunt. (4) Hec sunt enim commenta ab illis ipsis inventa, quibus Johannes diaconus cognomento Digitorum Mutilus preceptum aureis litteris scripsit, sub titulo magni Constantini longa mendacii tempora finxit. (5) Hec sunt etiam commenta, quibus dicunt, quendam Karolum sancto Petro nostra publica tribuisse. Sed ad hec respondemus, ipsum Karolum nichil dare iure potuisse, utpote iam a Karolo meliore fugatum, iam imperio privatum, iam destitutum et anullatum. Ergo: quod non habuit, dedit; sic dedit, sicut nimirum dare potuit utpote qui male adquisivit et diu se possessurum non speravit. (6) Spretis ergo commenticiis preceptis et imaginariis scriptis, ex nostra liberalitate sancto Petro donamus, que nostra sunt, non sibi, que sua sunt, veluti nostra conferimus. Sicut enim pro amore sancti Petri domnum Siluestrum magistrum nostrum papam elegimus et Deo volente ipsum serenissimum ordinavimus et creavimus, ita pro amore ipsius domni Siluestri pape sancto Petro de publico nostro dona conferimus, ut habeat magister, quid principi nostro Petro a parte sui discipuli offerat. (Die Gliederung des Textes in Paragraphen nach Schramm w. o. wurde, um die Übersicht zu erleichtern, beibehalten.) Inhaltlich enthält diese so wichtige Urkunde nichts, was nicht als konsequente Fortsetzung der bisher befolgten Politik des Kaisers nachzuweisen wäre. Der Kampf gegen die verhängnisvollen Folgen der Entfremdung des Kirchengutes hat ihn von Beginn seiner selbständigen Regierung an beschäftigt und er hat im September 998 durch die Verkündigung des Paveser Gesetzes De praediis alienandis (Reg. 1291), sowie in zahlreichen urkundlichen Verfügungen die Mißstände zu bekämpfen und die Restitutio rei publicae durchzuführen gesucht. Auch der Widerstand gegen die politischen Forderungen der Kirche, die sich auf die Anerkennung der älteren Pacta, vor allem des Ottonianums v. J. 962, sowie der konstantinischen Schenkung bezogen, hat sofort mit der Kaiserkrönung im Mai 996 eingesetzt (vgl. Reg. 1171 b). Nun muß der Kaiser den Rest des Exarchates und der Pentapolis, die acht Grafschaften, um die schon seit langem gestritten worden war, herausgeben. Er vermeidet es jedoch auch jetzt, diese Grafschaften der römischen Kirche auf Grund einer Anerkennung des Ottonianums zurückzuerstatten, sondern er vollzieht die Schenkung aus freiem Willen sowie aus seinem eigenen Gut und gibt nichts gezwungen, sondern aus Liebe zu seinem Lehrer, dem Papst. Charakteristisch ist, daß er die Schenkung nicht an die römische Kirche selbst, sondern an ihren Schutzheiligen, den Apostelfürsten Petrus richtet. Dieses Hervortreten der Schutzheiligen als Repräsentanten ihrer Kirchen und als Rechtspersönlichkeiten läßt sich nicht nur bei Vercelli, der Kirche des heiligen Eusebius, sondern auch in Deutschland und zwar bei Bistümern nachweisen, denen durch ihre Lage besondere Aufgaben in der Ostmission zufielen und die gewissen Gefahren ausgesetzt waren, so vor allem Magdeburg, Meißen und Würzburg. ‒ Vgl. Beumann, Sakrale Legitimierung d. Herrschers. ZRG. Germ. Abt. 66, 22; Schramm, Renovatio I. 159 f. ‒ Vgl. zu D 389 vor allem die grundlegenden Untersuchungen von Schramm (Renovatio I. 161‒176), der mit Recht die Beibehaltung der Vogteirechte an dem Schenkungsgut durch den Kaiser betont (S. 171 ff). ‒ Vgl. auch Waas, Vogtei u. Bede, I. 144 ff. ‒ Zu der Ablehnung der konstantinischen Schenkung, die nach der am ottonischen Hof herrschenden Meinung von dem Kardinal Johannes geschrieben worden war, der von Papst Johann XII. (964) schwer verstümmelt, bei Otto I. Schutz gesucht hatte, vgl. Schramm, w.o. S. 71 ff., 163 ff. ‒ Über das Paktum Karls d. Kahlen 876, dessen Anerkennung Otto ebenfalls verweigerte, vgl. ebd. 22, 164 f. ‒ Der „Karolus melior” ist Karlmann, der Vetter Karls d. Kahlen, der in D 389 wie in dem Libellus fälschlich Karl genannt wird. ‒ Vgl. ter Braak, Otto III., 112 ff., 155 ff. Gegen ter Braack und Schramm hat sich Kölmel, Kirchenstaat, 41 ff., 54 u. Anh. II. 143‒151 gewendet; vgl. ferner Schneider, Rom u. d. Romgedanke 131; Hampe, Hochmittelalter 43; Cartellieri, Weltstellung 254 ff.; R. Holtzmann, Kaiserzeit 368 f.; Jordan, Lehenswesen 37; Brackmann, Erneuerungsgedanke, Aufsätze 19; Anfänge d. poln. Staates, ebd. 178f.; Umgestaltung Polens u. Ungarns. 243 ff.; Pivano, Stato e chiesa 24; Dvornik, Central Europe 140 f; M. Uhlirz, Kirchenpol. d. Ottonen 307 ff., Restitution des Exarchates 21 ff.; Otto III. u. d. Papsttum 266 f.; Jbb. O. III. 353 ff.

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI II,3 n. 1399, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1001-00-00_1_0_2_3_0_1201_1399
(Abgerufen am 26.03.2017).