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RI II Sächsisches Haus (919-1024) - RI II,3

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Otto nimmt auf Fürsprache seiner Großmutter Adelheid die von den Gesandten, dem Diakon Marinus und Johannes Orseolo überbrachte Bitte des Dogen von Venedig Petrus Orseolo entgegen und erneuert aus Zuneigung zu seiner Großmutter und in Anbetracht der von dem Dogen und seinem Volke erwiesenen Treue den von seinem Vater Kaiser Otto II. geschlossenen Vertrag und gewährt den Venetianern besondere Vorteile (quod Petrus dux Ueneticorum per suos nuntios Marinum diaconum et Johanem Ursiolum interventu et petitione nostre dilectissime domine avie Adheleide imperatricis auguste nostram adiit celsitudinem, efflagitans quatinus pactum quod pater noster bone memorie Otto imperator tempore Tribuni ducis eis concessit Verone, idem pactum nostre confirmationis precepto corroborare ... dignaremur. Cuius petitionem iustam ducentes amore nostre dilectissime avie et considerata fidelitate predicti ducis sueque gentis idem superius pactum a nostro genitore eis concessum nostre confirmationis precepto confirmavimus ... ea ratione ut nullus mortalium sub nostra potestate habitantium corrumpere ledere aut falsum vocare audeat, sed, si in nostro regno quiete vivere desiderat, ammirari et observare studeat in omnibus: Es folgen die weiteren Bestimmungen s. u.). ‒ Petrus chancelarius advicem Petri Cumani episcopi et archecancelarii; verfaßt von It. L, dem DD. O. I., 350 und O. II. 300 zur Verfügung standen. M. „Omnibus sancte dei ecclesie fidelibus ... ”

Überlieferung/Literatur

fehlt.

Liber Blancus aus der Mitte des 14. Jh. f. 28, no. 14, Archivio di Stato, Venedig (C); zwei Abschriften bei Tomaso Diplovataccio, Biblioteca Marciana, Venedig, Cl. XIV, Cod. 74 f. 81, 75 f. 11.

MG. Legg. Sectio IV. Const. I. (1893), 45 f., Nr. 20; DD. O. III. 511 f., Nr. 100; Andreae Danduli chron. Rer. Ital. SS. XIIII, 194; vgl. dazu M. Sanudo, Le vite dei dogi. ebd. XXII/4, S. 139; Cessi, Pacta veneta II. Arch. Veneto, V. Serie, V. Bd., App. III., 76 f.

Böhmer 694; Kandler, Cod. dipl. istr. I.; Stumpf 970; Dobenecker 549.

Kommentar

Die vermutlich ehemals in dem Cod. Trevisaneus i. Arch. di Stato, Venedig f. 163 f. befindl. Abschrift ist verschollen. ‒ Die Frage, ob der rekognoszierende Kanzler Petrus mit dem Bischof Petrus von Asti, der in Mühlhausen weilt und D 99 (Reg. 1065) empfangen hatte, identisch ist, sind Kehr (Urkk. O. III. 58f.) und Sickel (Erläut. I. 229 ff.) geneigt ‒ allerdings nur unter der Voraussetzung einer provisorischen Maßnahme ‒ zu bejahen. Nach Breßlau (UL. I2, 469 Anm. 3) muß diese Frage unentschieden bleiben. ‒ Diese Urkunde gehört in die Reihe der viel besprochenen Pacta, die von den Herrschern des italienischen Königreiches seit der Zeit der Langobarden mit den Dogen von Venedig geschlossen worden sind. Die ihr unmittelbar vorausgehenden erhaltenen Verfügungen sind außer den angeführten DD. der beiden ersten Ottonen noch das D Karls III. vom 11. Jänner 880 (DD. d. dtsch. Karol. II. 17) und Lothars vom 1. September 840 (Capit. II. Nr. 234). Vgl. dazu die Vorbemerkungen zu diesen Urkunden von Sickel und Kehr, ferner Ottenthal in den Regg. 459, 460; ferner Kretschmayr, Venedig I., Anm. 17, 431 ff.; Fanta, Verträge der Kaiser mit Venedig, MIÖG. Ergb. I. 51 ff; Cessi, Pacta Veneta I. und II. Arch. Veneto V. Ser., 3 u. 5. Bd., 1928, 1929, 118 ff., 1 ff. ‒ Der erste Teil der Urkunde spricht die vollinhaltliche Bestätigung des Paktums Ottos II. vom 7. Juni 983 (DO. II. 300; Reg. 901) aus; man hat es daher nicht für nötig gefunden, alle Einzelbestimmungen der Vorurkunde zu wiederholen, es werden im zweiten Teil nur ‒ offenbar gemäß den Wünschen des Gesandten ‒ mehrere Anordnungen wiedergegeben und einige neue wichtige Zugeständnisse gewährt. Diese Bestimmungen des zweiten Teiles betreffen 1. den Verkehr an den Küsten und Flußübergängen (videlicet in observandis riparum legibus in transituris, ut nulla nova consuetudo eis imponatur, sed secundum antiquam consuetudinem et iussionem pacti patris nostri eis pacifice liceat vivere); 2. sowohl in dieser Beziehung wie auch bei dem Schutz der Venetianer gegen Beschlagnahme, Pfändung, Züchtigung und in der Ausübung des Holzungsrechtes in den Wäldern sollten nur die alten Vereinbarungen Geltung besitzen (nec in depredando aut pignerando aliquem Veneticorum vel flagelando aut de capulo silvarum amplius tolendo quam antiqua prestat consuetudo); 3. sollten die flüchtigen Sklaven zurückgestellt werden (nec de servis fugitivis quos comprehendunt aliquod damnum eis facere aut transfugere presumat aliquis, sed ubicumque inventi fuerint, secundum legem eis reddantur); 4. sollten alle Besitzungen der Venetianer und zwar sowohl des Staates wie aller kirchlichen Stellen und aller Einwohner überhaupt, wo immer sie in dem Herrschaftsbereich des Königs gelegen waren, wenn sie schon dreißig Jahre in deren Besitz waren, auch weiterhin verbleiben und die entfremdeten Güter sollten ihnen zurückgestellt werden; ferner sollten die Venetianer in diesen Besitzungen vor kein Gericht außer in Gegenwart des Dogen gezogen werden und von dem Fodrum wie den Bannbußen befreit sein (Precipimus etiam de terris palacii Ueneciae sive patriarchivi, episopatuum quoque, cenobiorum tam virorum quam mulierum et omnium ecclesiarum inibi consistentium ac omnium habitantium hominum in antedicta Venetia, ubicumque posite sint in toto nostro regno, in civitatibus, castelis in montibus et in planitiebus ... tam que modo possidere videntur quam retro hac a triginta annis possederunt, ... iubemus ut quiete teneant et perditas recuperent; et ut nullus princeps vel pauper aliquem Veneticorum distringere aut legem facere de aliqua habita substantia, ad placitum ducere nisi in presentia illorum ducis aut fodrum tollere de illorum terris presumat aut bannum mittere ...); 5. wird bestätigt, daß die Salzgewinnung von Lauretum (Loreo zwischen dem Mündungsgebiet der Etsch und des Po) den Venetianern unterstehen sollte (Confirmamus etiam Lauretum, ut quantum salsa aqua continet, eorum subiaceat potestati); 6. wird bestätigt, daß das Bistum den gesamten Zehent in Heracliana (civitate nova) haben sollte nach der Begrenzung, wie sie einst zwischen König Liutprand, dem Dogen Paulutius und dem Magister militum Marcellus vereinbart worden war (... confirmamus ut episcopatus civitatis Eracliane habeat totam decimam in integrum a terminatione que facta est tempore Luiprandi regis inter Paulutionem ducem et Marcellum magistrum militum usque ad mare). 7. Die Venetianer Handelsleute sollten ohne kaiserlichen oder königlichen Befehl vor kein Gericht gezogen werden und auch der Vorgang beihren Klagen wird geregelt (Civitates etiam vel loca per que soliti sunt discurrere Venetici sive negocia agere, nemo illis contrai dicere aut bannum mittere seu distringere sine imperiali vel regali iussione presumat. Et si ipsi aliquam querimoniam fecerint comitibus ... de aliquo contrario ipsis peracto ... si vindictam aliquam acceperint, nullam molestiam inde habeant. 8. Kein flüchtiger Rebell gegen die Gewalt des Dogen sollte Unterstützung und Zuflucht in dem Herrschaftsgebiet des Königs finden. (Et si aliquis Veneticorum rebellis potestati ducis fugerit inde exiens, nullum locum aput nostrum fidelem habeat nisi in acquirendo gratiam.) ‒ Die Bannbuße wurde geringer bemessen als in DO. II. 300, sie betrug nur die Hälfte, nämlich „quingentas libras auri optimi”. Diese Verfügungen sind in etwas veränderter Form aus dem Pactum Ottos II. herübergenommen worden; einige sind entweder vollkommen neu, wie Nr. 5 über die Salzgewinnung in Lauretum oder im Sinn verändert wie Nr. 6 über den Zehent von Heracliana (vgl. Fanta, 86), da die früheren Pacta zwar den Vertrag erwähnten, der sich aber nur auf die Begrenzung der Stadt bezogen hat. Nr. 4 geht auf DO. I. 351 vom 2. Dezember 967 und ältere Karolinger Urkunden (Praezept Lothars I. 840, Capit. II, no. 234) zurück, in denen der Kaiser dem Dogen und den Bewohnern von Venedig den ungestörten Besitz ihrer Güter innerhalb des Kaiserreiches verbürgt hat; zu beachten sind ferner die Rechtsbestimmungen zugunsten der Venetianer Handelsleute, die hier zum ersten Mal auftauchen (Nr. 7) und das Versprechen, flüchtige Rebellen, die sich in Venedig gegen die Regierung, somit gegen die Herrschaft der Orseolo erheben würden, nicht zu unterstützen und ihnen den Aufenthalt im Reich zu verweigern, ein Zugeständnis, das zweifellos auf besonderen Wunsch des Dogen gewährt worden ist. Diese Zusätze, die das Paktum Ottos III. gegenüber den früheren Vereinbarungen enthält, sind von politischer wie auch wirtschaftlicher Bedeutung (vgl. dazu auch die Bemerkung in der Chronik Dandolos w. o. 193: non solum immunitates solitas habere Venetos in Regno Italico confirmaret, sed etiam augendo novas munificentias gratiose concederet). ‒ Dieses Paktum hat jedoch hauptsächlich in anderer Hinsicht besondere Beachtung gefunden. Schmeidler hatte 1904 die in ihrem Text enthaltene Bemerkung über das treue Verhalten des Dogen Petrus II. Orseolo ‒ considerata fidelitate predicti ducis ‒ zum Ausgangspunkt einer Untersuchung genommen, in der er zu dem Schluß gelangt, daß diese Worte staatsrechtlichen Sinn hätten und die Unterordnung Venedigs unter die Oberhoheit des Reiches, die nach 983 erfolgt sei, ausdrücken sollten. An dieser Ansicht hat Schmeidler trotz mehrerer, sehr entschiedenen Widerlegungen von W. Lenel, H. Breßlau und E. Mayer festgehalten und nach langer Pause 1935 den Kampf neuerdings und in scharfer Form aufgenommen; wieder hat sich dann W. Lenel gegen seine Auffassung gewendet. Daß jene Worte in bestimmter Absicht in den Text aufgenommen wurden, ist zweifellos richtig, ebenso, daß sie ein Treueverhältnis kennzeichnen sollten; als nicht zutreffend wird sich jedoch bei der Betrachtung der weiteren Beziehungen Ottos III. zu Venedig die Auffassung erweisen, daß es sich bei diesem Treueverhältnis um eine Untertänigkeit in dem Sinn, wie sie Schmeidler annimmt, gehandelt hat. ‒ Vgl. zu dieser Auseinandersetzung Schmeidler, Venedig u. d. Deutsche Reich 983 bis 1024. MIÖG. 25 (1904), 545‒575; Lenel, Zur älteren Gesch. Venedigs HZ. 99 (1907), 473‒514; Breßlau, Venez. Studien. Festgabe für G. Meyer von Knonau (1913), 69‒92; Schmeidler, Nochmals: Venedig u. d. Deutsche Reich HZ. 151 (1935), 229‒277; Lenel, Die angebl. Unterwerf. Venedigs durch Otto II. Ib. 457‒480; Cessi, Pacta Veneta II, 51 ff.; M. Uhlirz, Jbb. O. III. 158f. ‒ Zu der Einsetzung des Wortes „legalitate” statt „fidelitate”, die sich in der von Dandolo überlieferten Version findet, vgl. Schmeidler in MIÖG. 25, 552, Nr. 2; dazu in der Ausgabe Dandolos, 193, Anm. 1.

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Empfohlene Zitierweise

RI II,3 n. 1066, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0992-07-19_2_0_2_3_0_454_1066
(Abgerufen am 19.01.2017).