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[RI XIII] Friedrich III. (1440-1493) - [RI XIII] H. 13

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Kg.F. schließt mit Zustimmung der meisten geistlichen und weltlichen Kurfürsten und Fürsten des Reichs2pro ipsa natione Alamanica3 das sogenannte „Wiener Konkordat“ mit Papst Nikolaus V. und dem Apostolischen Stuhl, vertreten durch den dazu bevollmächtigten Kardinallegaten Johannes. Bei der Provision von Kirchen und Benefizien durch Papst Nikolaus V. sollen die Reservationen iuris scripti4 und die Konstitutionen Execrabilis5 und Ad regimen6 mit folgenden Modifikationen angewendet werden: 1)7 Der Papst reserviert sich alle Patriarchate, Erzbistümer, Bistümer, Klöster, Priorate, Dignitäten, Personate sowie Ämter, Kanonikate, Kirchen und sonstige kirchliche Benefizien mit und ohne Seelsorge für Welt- oder Ordenskleriker, die apud sedem apostolicam vakant sind oder werden, desgleichen alle jene, die durch Deposition, Privation, Translation durch den Papst bzw. kraft seiner Autorität frei werden, außerdem die Elektivpfründen, bei denen der Papst die Wahl kassiert, die Postulation ablehnt oder auf die beim Apostolischen Stuhl verzichtet wird; ferner alle Benefizien, die infolge des Todes der Kardinale und Offizialen der Kurie8 während ihrer Amtszeit vakant werden, die Benefizien aller Personen und Offizialen, die im Umkreis von nicht mehr als zwei Tagesreisen von der Kurie entfernt sterben, sowie alle Benefizien, die durch päpstliche Beförderung zum Bischof oder Abt oder durch Erlangung einer vom Papst verliehenen Pfründe frei werden, ausgenommen kraft einer Expektanz. 2) Die Besetzung aller Metropolitan- und Kathedralkirchen9 und der dem Apostolischen Stuhl unmittelbar unterstehenden Klöster erfolgt durch kanonische Wahlen, die dem Papst innerhalb der in der Konstitution Cupientes10 Papst Nikolaus' (IV.) vorgeschriebenen Frist zur Bestätigung anzuzeigen sind. Päpstliche Provision tritt ein bei nicht rechtzeitiger Anzeige, unkanonischer Wahl oder wenn ex causa rationabili et evidenti und mit Rat der Kardinale eine würdigere Person geeigneter erscheint. Bei den dem Apostolischen Stuhl nicht unmittelbar unterstehenden Klöstern sowie den übrigen Regularpfründen müssen sich die Erwählten nicht an die Kurie wenden, zudem sollen Expektanzen keine Anwendung finden. Über Frauenklöster wird der Papst nur verfügen, wenn sie exemt sind und dann per commissionem in partibus. 3) Die Besetzung aller übrigen vakanten Pfründen mit Ausnahme der höchsten postpontifikalen Dignitäten an Kathedralkirchen und der Hauptdignitäten in den Kollegiatkirchen, de quibus iure ordinario provideatur per illos inferios, ad quos alias pertinet11 erfolgt in den Monaten Februar, April, Juni, August, Oktober und Dezember durch die ordentlichen Kollatoren, in den Monaten Januar, März, Mai, Juli, September und November durch den Apostolischen Stuhl. Nur wenn in den dem Papst vorbehaltenen Monaten innerhalb von drei Monaten ab dem Tag der Vakanz am Ort der Pfründe non apparuerit, daß vom Papst jemand dort eingesetzt wurde, kann der ordentliche Kollator darüber frei verfügen. Die Regelung der Kollationier per alternos menses tritt seitens des Apostolischen Stuhls in kalendis iunii proximis (1448 Juni 1) in Kraft und soll künftig Rechtskraft besitzen, falls in futuro concilio de consensu nationis keine andere Regelung getroffen wird. 4) Bezüglich der Annaten gilt folgende Regelung: Von allen Kathedralkirchen und Männerklöstern sind pro fructibus primi anni, beginnend mit dem Tag der Vakanz, die in den Büchern der Apostolischen Kammer festgelegten und als comunia servitia bezeichneten Taxen zu zahlen, fällig je zur Hälfte in den ersten beiden Jahren ab dem Tag der Erlangung. Im Falle zu hoher Taxierung oder schwerer Belastungen wird eine Neutaxierung in Aussicht gestellt. Bei mehreren Vakanzen innerhalb eines Jahres ist nur eine einmalige Zahlung fällig, ohne Übertragung der Schuld auf den Nachfolger. Von den übrigen vom Apostolischen Stuhl zu besetzenden Dignitäten, Personaten, Ämtern und Benefizien, außer jenen durch Expektanzen oder Tausch, sind die Annaten oder medii fructus nach der üblichen Taxe innerhalb eines Jahres zu leisten; von Pfründen bis zu einem Wert von 24 Kammergulden ist nichts zu zahlen. Diese Regelung gilt vorbehaltlich einer Änderung in futuro concilio de consensu nationis. 5) Alle übrigen12 Indulte und Dekrete, die der verstorbene Papst Eugen IV. der genannten Nation gewährt hat und von Papst Nikolaus bestätigt wurden, bleiben usque ad tempus futuri generalis concilii unverändert in Geltung, sofern sie nicht dem gegenwärtigen Konkordat widersprechen. 6) Auf Wunsch des Kardinallegaten wird festgesetzt, daß die Metropoliten der genannten Nation Transsumpte super concordatis presentibus ausstellen dürfen, und diesen Transsumpten gerichtlich und außergerichtlich volles Vertrauen tanquam huic originali carte entgegengebracht werden soll. Abschließend wird darauf hingewiesen, daß propter competentiorem descriptionem eine specialis natio Alamania13 genannt wird, was jedoch nicht im Sinne von Abtrennung oder Absonderung a Germanica natione mißverstanden werden darf.

Originaldatierung:
Die decima septima mensis februarii.
Kanzleivermerke:
KVr: A.m.d.r.i.c. KVv: (A) Conclusa et concorda(ta) inter s(an)ctiss(im)um d(omi)n(u)m Nicolaum p(a)pa(m) quint(um) et ap(osto)lica(m) sedem ac nationem almanica(m) (fol. 4v, Blattmitte). (B) Concordata nationis Germanicae p(er) papam Nicola(u)m et Fridericum imp(eratorem) (fol. 1r, obere Blatthälfte). L(ite)ra compactata int(er) d(omi)n(u)m ap(osto)licum ex una et d(omi)n(u)m imp(er)atorem ac nonn(u)llos d(omi)nos el(ec)tores in Vienna co(n)firmat(a) (fol. 4v , obere Blatthälfte)14 . (C) Concordata Germania cu(m) se(de) ap(ostolica) (fol. 4v , Blattmitte).

Überlieferung/Literatur

Drei Orgg. (lat. [A, B, C]) im HHStA Wien (Sign. AUR 1448 II 17)15, jeweils Perg.-Libell (B mit Wasserflecken, von C unterer Teil abgeschnitten), A und B mit rotem S 11 in wachsf. Schüssel mit rücks. eingedrücktem roten S 13 an purpur-grüner Ss. und rotem (spitzovalen) S (jeweils beschädigt) des Kardinallegaten Johannes von Carvajal an (heute) blaßroter Ss., bei C SS samt Ss. abgeschnitten und verloren. Kop.: Vidimus-Libell Eb. Friedrichs von Salzburg von 1448 Mai 20 ebd. (Sign. AUR sub dat. 1448 II 17), Perg., rundes rotes S des Ausst. in wachsf. Schüssel an (heute) blaßroter Ss.16 Faks.-Abschrift17 von A (18. Jh.) ebd. (Sign. AUR 1448 II 17), Pap. Abschrift (18. Jh.) ebd., den Orgg. A, B beiliegend. Drei Abschriften (18. Jh.) ebd. (Sign. Urkundenabschriften K 40). Abb.: Kaiserurkunden in Abb., Lief. XI, Tf. 19a. Druck: MERCATI , Raccolta di Concordati 1 n. 28/1; MIRBT/ALAND , Quellen 1 n. 777; WEINRICH , Quellen zur Verfassungsgeschichte n. 127 (mit dt. Übers.); weiters MÜLLER , Reichstags-Theatrum 1 c. 27/I S. 359-362 (zu 1447); KOCH , Reichs-Abschiede 1 n. 46d S. 179-181; KOCH , Sanctio pragmatica S. 201-235 nn. 13, 14; MÜNCH , Vollständige Sammlung 1 n. 8; WALTER , Fontes n. 19; ALTMANN/BERNHEIM , Ausgew. Urkunden n. 72 (60); ZEUMER , Quellensammlung n. 146; BRANDI , Urkunden und Akten n. 79; RAAB , Kirche und Staat, Anh. n. 5 (Auszug in dt. Übers.). Reg.: CHMEL n. 2423; LICHNOWSKY (-BIRK) 6 n. 1352; QGStW I/7 n. 15210; HOKE/REITER , Quellensammlung n. 1377. Lit.: CHMEL, Geschichte 2 S. 436ff.; WERMINGHOFF, Bestrebungen S. 86-109; MICHEL, Wiener Konkordat; RAAB, Concordata S. 40ff.; DERS., Aschaffenburg S. 463-470; FEINE, Kirchliche Rechtsgeschichte S. 482f.; TOEWS, Pope Eugenius IV. S. 178-194; STIEBER IV. S. 304ff.; SCHWARZ, Abbreviature officium, Anh. 1 S. 250f.; DOPSCH, Friedrich III. S. 48ff. u. 69ff.; MEYER, Wiener Konkordat bes. S. 108-114; THOMAS, Wiener Konkordat S. 36-39; HEINIG, Zwischen Kaiser und Konzil S. 109-133; NIEDERSTÄTTER, Jahrhundert der Mitte S. 64.

Kommentar

Zum Formular: Das sog. „Wiener Konkordat“ beginnt mit der Invokation (in nomine domini amen), danach folgt einleitend Datum und Nennung der Vertragspartner in der 3. Person Papst Nikolaus V. und der Apostolische Stuhl, vertreten durch den Kardinallegaten Johannes von Carvajal, und Kg.F. für die Deutsche Nation und der Verhandlungsgegenstand, die concordata. Die Urkunde ist nicht als Vertrag formuliert, sondern setzt die Anwendung der Rechte des Papstes bzw. des Apostolischen Stuhls (in der 3. Person) fest. Nur in der Corroboratio wird die Besiegelung durch Kg.F. und den Kardinallegaten jeweils in der 1. Person angekündigt. Von den im HHStA Wien verwahrten Orgg. ist A das sog. „Reichsexemplar“, das zunächst in Wien oder Wiener Neustadt und unter K. Maximilian I. in Innsbruck aufbewahrt wurde und vom Archivar Wilhelm Putsch in der ersten Hälfte des 16. Jh. bei der Inventarisierung der Archive in Wien und Innsbruck mit dem Vermerk babst (fol.4v, Blattmitte) versehen wurde. B war die Ausfertigung für den Eb. von Mainz und gelangte als Teil des Mainzer Erzkanzlerarchivs 1852 nach Wien, C war für Eb. Friedrich von Salzburg bestimmt und wurde während der Bauernkriege Anfang des 16. Jh. durch Abschneiden der Siegel schwer beschädigt.18 Am 19. März 1448 bestätigte Papst Nikolaus V.19 das „Wiener Konkordat“, das zur Grundlage der reichskirchlichen Praxis wurde und bis 1803 in Geltung blieb. In der Literatur wurde das Konkordat und insbesondere die Rolle des Königs lange Zeit sehr kontroversiell beurteilt; in jüngerer Zeit werden neben den nach wie vor unerschöpflichen verfassungs- und kirchenrechtlichen Fragestellungen auch sozialhistorische Aspekte untersucht, wie die verstärkte Regionalisierung der Kirche als Folge der alternativa mensium sowie der Delegation des päpstlichen Besetzungsrechtes an die Ortsbischöfe aufgrund der facultas nominandi, die Problematik der bisher von der Kurie getragenen Versorgung sozial schwächerer Studenten im Spannungsfeld zwischen Universitäten und ordentlichen Kollatoren oder der Wandel des Anforderungsprofils für Kleriker.20

Anmerkungen

  1. 1In der Urk. wird kein Ausstellungsort genannt. Der Nachweis der Ausstellung in Wien und nicht, wie lange angenommen wurde, in Aschaffenburg schon bei KOCH , Sanctio pragmatica n. 14, Anm. 3; vgl. bes. RAAB , Aschaffenburg S. 466ff.
  2. 2Zur Diskussion um die Zustimmung der Fürsten vgl. zuletzt MEYER , Wiener Konkordat S. 111, Anm. 7.
  3. 3Zur Bezeichnung natio Alamani(c)a vgl. Art. 6.
  4. 4Dekretalen Licet (VI 3.4.2) und Presenti (VI 3.4.34), s. WEISS , Kurie und Ortskirche S. 40.
  5. 5Extravagantes Jo. XXII. 3.un.; Druck: FRIEDBERG , CIC Sp. 1207-1209.
  6. 6Extravagantes 3.2.13; Druck: FRIEDBERG , CIC Sp. 1266f.
  7. 7Die Numerierung der einzelnen Punkte folgt dem Druck bei WEINRICH.
  8. 8Hier folgt die Aufzählung der Kurienämter des Vizekanzlers, Kämmerers, der 7 Notare, der Auditoren der Audientia litterarum contradictarum und der Rota, der Korrektoren, der 101 Skriptoren der Kanzlei und der 24 Skriptoren der Pönitentiarie, der 25 Abbreviatoren und aktuellen päpstlichen Tischgenossen, weiterer 25 Kapläne, die in epitapho eingetragen sind, aller Legaten und Kollektoren sowie der Rektoren des Kirchenstaates und der Thesaurare; s. auch WEINRICH , Quellen zur Verfassungsgeschichte n. 127, S. 500.
  9. 9Vgl. das Konstanzer Konkordat von 1418, auf dessen Bestimmungen das Wiener Konkordat im wesentlichen zurückgreift; Druck: MERCATI , Raccolta di Concordati 1 n. 26; MIETHKE/WEINRICH , Quellen zur Kirchenreform 1 S. 516ff. Dazu grundlegend STUMP , Reforms; weiters vgl. WEISS , Kurie und Ortskirche S. 40ff.
  10. 10VI 1.6.16; Druck: FRIEDBERG , CIC Sp. 954-956. Als Frist war ein Monat für die Reisevorbereitung, die jeweilige Reisezeit und 20 Tage für die Geschäftsabwicklung vorgesehen.
  11. 11Durch einen Kopierfehler im sog. „Wiener Exemplar“ der päpstlichen Bestätigung (s. Anm. 19) nämlich die Auslassung des de quibus galten diese Dignitäten als reserviert. Vgl. dazu RAAB , Concordata S. 43; MEYER , Wiener Konkordat S. 109, Anm. 4; zum Wahlrecht der Kapitel ebd., Anm. 7.
  12. 12Zur Diskussion um die sog. in aliis autem-Klausel vgl. RAAB , Concordata S. 38ff., bes. S. 41.
  13. 13Vgl. den Beginn des Konkordats.
  14. 14Lesung des Vermerks unsicher.
  15. 15Unter dieser Sign. werden in insgesamt vier Kartons die Orgg. A, B, C, das Vidimus von 1448 Mai 20, eine Abschrift des 18. Jh., das Vidimus der päpstlichen Bestätigung von 1505 Mai 21 (s. Anm. 19) und die Faks.-Abschriften (s. Anm. 17) samt einer Kopie der zugehörigen Korrespondenz verwahrt.
  16. 16Das Vidimus enthält auf fol. 1r den Vermerk: Conpactata int(er)papam et concilium Basiliense etc. (sic!) (Blattmitte, 15. Jh.).
  17. 17Die Faks.-Abschriften des Konkordats und der päpstlichen Bestätigung (s. Anm. 19) mit Nachzeichnung der Siegel und Wiedergabe der Vermerke wurden 1781/82 von der Reichshofkanzlei nach den Orgg. angefertigt.
  18. 18Vgl. den Repertorialeintrag (Sign. Ab XIV/9, Geistliche Abt. n. VIII), desgl. das Reg. auf der Urkundenverpackung.
  19. 19Org. im HHStA Wien (Sign. AUR 1448 III 19). Kop.: Vier Vidimus Eb. Leonhards von Salzburg von 1505 Mai 21 ebd. (Sign. AUR sub dat. 1448 II 17 [1], sub dat. 1448 III 19 [3] [davon lag ein Vidimus olim sub dat. 1447 III 19]). Vidimus Eb. Dietrichs von Mainz von 1449 Juli 28, im HHStA Wien überliefert als Insert in einem Notariatsinstrument von 1535 Oktober 25 (Sign. AUR sub dat. 1448 III 19). Vidimus Eb. Ernsts von Salzburg von 1553 August 25 ebd. (Sign. AUR sub dat. 1448 III 19 [olim sub dat. 1447 III 19]). Faks.-Abschrift (18. Jh.) ebd. (Sign. AUR sub dat. 1448 II 17). Abschrift (18. Jh.) ebd., dem Org. beiliegend. Zwei Abschriften (18. Jh.) ebd. (Sign. Urkundenabschriften K 40); Druck: CHMEL , Anh. n. 76; MERCATI , Raccolta di Concordati 1 n. 28/2.
  20. 20Zur älteren Lit. s. die Zusammenstellung bei RAAB , Concordata S. 44, bes. Anm. 76. Zu den sozialhistorischen Fragestellungen vgl. bes. MEYER , Wiener Konkordat.

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Empfohlene Zitierweise

[RI XIII] H. 13 n. 60, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/1448-02-17_1_0_13_13_0_61_60
(Abgerufen am 20.07.2019).