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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,4,3

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Papst Johannes (VIII.) teilt dem Patriarchen Photios von Konstantinopel (Photio patriarche Constantinopolitano) seine Freude über den Empfang von dessen Brief (n. 479) und über die darin ersichtliche Liebe mit und betont gleichzeitig die Selbstverständlichkeit von dessen Ergebenheit, führt die Tatsache, daß die päpstlichen Legaten (Eugenius von Ostia und Paulus von Ancona) (vgl. n. 331) nach Photios' Einsetzung nicht mit ihm die Kommunion in Empfang genommen hätten auf die anfängliche Ungewißheit zurück, beklagt die Haltung der Abweichler, tadelt, nicht über die Amtsübernahme informiert worden zu sein, beteuert seine Freude beim Empfang der Nachricht, ruft unter Anführung eines Zitats Papst Leos (I.) (JK 425) zu Einigungsversuchen auf, läßt ihn auf Wunsch Kaiser Basileios' (I.) (n. 478) wieder zur Kommunion zu und stimmt seiner Würde zu (n. 550), vorausgesetzt, er bessere sich, rufe die Verbannten aus dem Exil zurück, gebe ihnen Kirchen und Ämter wieder und bitte vor einer Synode um Vergebung; der Papst fordert zudem, daß künftig kein Laie geweiht wird gemäß einer Bestimmung des unter Hadrian (II.) stattgefundenen Konzils von Konstantinopel (869/70), besteht auf der Rückgabe der Diözese der Bulgaren, welche Nikolaus (I.) (vgl. Böhmer-Herbers n. 804) erlangt und Hadrian (II.) besessen habe, verbittet sich von Konstantinopel ausgehende Bischofsweihen, ermahnt Photios, die bereits geweihten Bischöfe und Priester des Sprengels zu verweisen, droht mit der Exkommunikation, falls er den Oberhirten das Pallium übergibt, eine Weihe durchführt oder ihnen die Kommunion erteilt, bevor sie die päpstliche Autorität anerkennen, und verweist auf weitere Anweisungen in Beantwortung von Photios' Schreiben (n. 479), die er dem Kardinalpresbyter Petrus (von S. Grisogono) (n. 560) und den Legaten (Eugenius von Ostia und Paulus von Ancona) sowohl schriftlich in einem Mahnschreiben (commonitorium) (n. 555) als auch mündlich mitgegeben hätte.

Incipit:
Experientia tuę prudentię litteris pontificio ...

Überlieferung/Literatur

Orig.: –.

Kop.: 11. Jh., Rom Arch. Vat.: Reg. Vat. I fol. 83v; 16. Jh., Rom Arch. Vat.: Arm. XXXI, t. 1 fol. 155r.

Insert: Akten der Photianischen Synode 879 (Mansi, Coll. XVII 412) (verfälschte griechische Fassung); Ivo von Chartres, Decretum IV 76 (Migne, PL CLXI 285) (fragm.); Coll. der Bibl. de l'Arsenal 713 (12. Jh., Paris Bibl. de l'Arsenal: Ms. 713 fol. 136r) (fragm.); Coll. Caesaraugustana (12. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 3875 fol. 9r; 12. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 3876 fol. 6v; 12. Jh., Barcelona Arch. Cor. Aragón: S. Cugat 63 fol. 9r-9v) (fragm.).

Erw.: n. 555; n. 642.

Drucke: Carafa, Epist. III 438 (lat. Fassung); Baronius, Ann. eccl. a. 879 c. 33 (lat. Fassung) und c. 38 (lat. Übers. der griech. Fassung); Conc. coll. reg. XXIII 737 und XXIV 233 (lat. Fassung), XXIV 235 (lat. Übers. der griech. Fassung); Labbe-Cossart, Conc. VIII 1477 und IX 142 (lat. Fassung), IX 144 (lat. Übers. der griech. Fassung); Hardouin, Acta conc. V 1186 (lat. Fassung mit griech. Übers.), V 1188 (griech. Fassung mit lat. Übers.), VI 75 (lat. Übers. der griech. Fassung), VI 245 (griech. Fassung mit lat. Übers.); Mansi, Coll. XVI 502 (lat. Fassung mit griech. Übers.), XVI 505 (griech. Fassung mit lat. Übers.), XVII 148 (lat. Fassung), XVII 150 (lat. Übers. der griech. Fassung); Migne, PL CXXVI 870 (lat. Fassung) und 872 (lat. Übers. der griech. Fassung); MG Epist. VII 181–186 n. 209 (lat. und griech. Fassung); Acta Romanorum Pontificum 727 n. 350 (lat. Fassung); Fontes historiae Bulgaricae VII 172f. (fragm., lat. Fassung).

Reg.: J 2496; JE 3273; MMFH III 195 n. 87.

Lit.: Hergenröther, Photius II 386-388, 396-416; Lapôtre, Jean VIII 63 (ND 129) Anm. 3; Caspar, Register Johanns 109; Hefele-Leclercq, Hist. IV,1 581f.; Dvorník, Second schisme 430f.; Grumel, Lettres 138-142; Dvorník, Photian Schism 175, 190, 211, 229 Anm. 1; Fürst, Cardinalis 64; Dvorník, Légendes 322; Stiernon, Konstantinopel IV 214-218; Beck, Gesch. der orthodoxen Kirche 111f.; Boojamra, Photian Synod of 879 4f.; Gemeinhardt, Filioque-Kontroverse 245 Anm. 271, 249-255; Döpmann, Kyrillos und Methodios 322; Scholz, Politik 234f.

Kommentar

Von dem Brief ist eine lateinische und eine griechische Version überliefert. Die ursprüngliche lateinische Fassung findet sich wie bei n. 551 und n. 552 in den Registerabschriften (vgl. zu diesen Caspar 85-99 und Lohrmann, Register Johannes 5-156), während die veränderte griechische Version Teil der Akten der 879 von Photios einberufenen Synode ist. Die bei Pflugk-Harttung, Iter 107 genannte Handschrift Vallicelliana C 31 stellt keine eigenständige kopiale Überlieferung dar, sondern bietet lediglich eine lateinische Übersetzung der Konzilsakten. In den Abdrucken Mansis weisen die letzen Zeilen eine andere Reihenfolge als bei Caspar in MG auf: Die Passage Praeterea sicut vestra pars suum ... excommunicatione cum eis teneberis annexus beschließt dort den Text. Das in den oben angegebenen Kanonessammlungen enthaltene Fragment entstammt der verfälschten griechischen Fassung; vgl. zur kanonistischen Überlieferung weiterer Fragmente aus den anderen verfälschten Stücken n. 551 sowie n. 555. Die Hs. Paris Bibl. de l'Arsenal: Ms. 713 stammt in diesem Teil aus dem 2. Viertel des 12. Jh., vgl. Fowler-Magerl, Clavis Canonum 192f. Zur Coll. Caesaraugustana und ihrer Entstehungszeit vgl. Kéry, Canonical Collections 260-262 und Fowler-Magerl 239-244. Drei Versionen sind bei der zuletzt genannten Sammlung zu unterscheiden, die durch die Handschriften Paris, Bibl. nat., Ms. lat. 3875, Paris, Bibl. nat., Ms. lat. 3876 und Barcelona, Archivo de la Corona de Aragón, San Cugat 63 repräsentiert werden und nach 1120 (erste Fassung), 1143-1144 (zweite Fassung) und kurz nach 1143 (dritte Fassung) datieren. Im griechischen, wohl von Photios selbst interpolierten (zu anderen Theorien bezüglich der unterschiedlichen Fassungen vgl. Grumel 142-156) Text werden die Anhänger des verstorbenen Patriarchen Ignatios, die der Promotion des Photios nicht sofort zustimmen wollten, geradezu zu Schismatikern. Photios soll vor der Synode nicht seine Fehler bekennen, sondern Gott danken, daß der Papst sich für ihn entschieden hat. Des weiteren fehlt der an Photios gerichtete Tadel darüber, daß seine Wiedereinsetzung Papst Johannes nicht angezeigt wurde. Es sollen außerdem nur diejenigen ihre Ämter zurückerhalten, die Photios auch anerkennen. Statt auf Hadrian (II.) bezieht der Papst sich auf Hadrian I. und dessen Billigung der Promotion des Tarasios (vgl. hierzu auch n. 551); er erkennt das Konzil von 869/70 nicht an, da (die Akten) angeblich nicht von Hadrian unterschrieben worden seien. Ferner fehlt die Drohung einer erneuten Exkommunikation. Vgl. zu ähnlichen Interpolationen auch n. 551 und n. 555. Das vom Papst erwähnte Schreiben des Photios ist nicht erhalten, aber in der Vita Ignatii (Mansi, Coll. XVII 287-290) wird von einer Gesandtschaft zum Papst in Photios' Auftrag berichtet, vgl. n. 479. Zur Bitte des Kaisers um Anerkennung Photios' durch den Papst vgl. n. 551. Zur Vorgeschichte vgl. n. 331, n. 554 und n. 560. Die Legaten Eugenius von Ostia und Paulus von Ancona waren bereits im April 878 über Bulgarien nach Konstantinopel gereist und hatten Photios, wie aus dem vorliegenden Brief hervorgeht, wohl zunächst die Anerkennung versagt, vgl. n. 331 und n. 555. Ihnen wurde jetzt der Kardinalpresbyter Petrus zur Seite gestellt, der n. 551, n. 552, n. 559 und wohl auch das vorliegende Schreiben, n. 554 sowie n. 555 übermittelte, vgl. n. 560. Der Brief weist weder in der lateinischen noch in der griechischen Version eine Datierung auf, ist aber zeitgleich mit n. 551 und n. 552 anzusetzen.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,4,3 n. 553, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/fe9ae30f-ae49-46cb-af97-d9879ed18e2b
(Abgerufen am 21.10.2018).