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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,4,3

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Papst Johannes (VIII.) informiert Graf Sventopluk (von Mähren) (dilecto filio Sfentopulcho glorioso comiti), Erzbischof Method von Mähren (Marabensis) habe ihn zusammen mit Sventopluks Gefolgsmann Semisisnus aufgesucht (n. 624) und den heiligen Petrus gemeinsam mit den Getreuen Sventopluks und allen Leuten seines Landes (cum nobilibus viris fidelibus tuis et cum omni populo terrę tuę) als Schutzpatron gewählt; er empfängt Sventopluk im Schoß der Kirche und empfiehlt ihn Gott in seinen Gebeten an; der Papst berichtet, er habe Method gefragt, ob er das rechtgläubige Glaubensbekenntnis anerkenne und die Messe singe, wie es die Römische Kirche zu tun pflegt und es die sechs ökumenischen Konzilien bestimmen, was Method bejaht habe, und kündigt an, er schicke ihm den Erzbischof, da er ihn für rechtgläubig befunden und das von Method vorgelegte Präzept in einem Privileg (n. 625) bestätigt habe (nostrę apostolicę auctoritatis precepto eius archiepiscopatus privilegium confirmavimus); er befiehlt (iubemus) Sventopluk, Method mit Ehrerbietung zu empfangen, bestätigt seine Erzbischofswürde und ordnet an, er solle sein Leben lang das Amt innehaben; Johannes teilt ihm mit, er habe den ihm von Sventopluk übersandten Priester Wiching zum Bischof von Neutra (ecclesiae Nitrensis) unter der Auflage (iubemus et volumus) geweiht, er möge Erzbischof (Method) gehorchen (n. 626), bittet den König, ihm zur gegebenen Zeit einen anderen Priester oder Diakon zu entsenden, um dort einen Bischofssitz zu errichten, wo es entsprechenden Bedarf gebe, und befiehlt den slawischen und nicht-slawischen Klerikern, sich dem Erzbischof zu unterwerfen; sollten diese Unruhe stiften oder sich von der Kirche abtrennen wollen, seien sie laut den Capitula, die er ihnen schicke, nach einer doppelten Ermahnung aus der Kirche zu verbannen; der Papst rühmt die in slawischer Sprache verfaßten Schriften Konstantin (Kyrills) (a Constantino quondam philosopho), befiehlt ihre Verwendung zum Lobpreis des Herrn und ermahnt, diesen nicht nur in den drei Sprachen (Latein, Griechisch und Hebräisch), sondern in allen Sprachen zu rühmen, denn Glaube und Lehren würden nicht verhindern, die Messe zu singen, gut übersetzte Lesungen aus den Heiligen Schriften zu lesen oder das Stundengebet zu rezitieren; er ordnet an, daß in allen Kirchen des Landes Sventopluks das Evangelium auf Lateinisch verlesen und danach in slawischer Sprache denjenigen verkündet werde, die das Lateinische nicht verstehen, so wie es in einigen Kirchen offenbar schon getan werde; sollte ihm und seinen iudices das Lateinische besser gefallen, so ordnet er an (precipimus), die Messe in dieser Sprache zu feiern.

Originaldatierung:
Data mense iunio, indictione XIII.
Incipit:
Industrię tuę notum esse volumus ...

Überlieferung/Literatur

Orig.: –.

Kop.: 11. Jh., Rom Arch. Vat.: Reg. Vat. I fol. 99v; 16. Jh., Rom Arch. Vat.: Arm. XXXI, t. 1 fol. 186v.

Erw.: n. 673.

Drucke: Carafa, Epist. III 469; Conc. coll. reg. XXIV 285; Labbe-Cossart, Conc. IX 175; Hardouin, Acta conc. VI 85; Pessina, Mars Moravicus 213; Balbinus, Miscellanea I,6 2; Stredowsky, Sacra Moraviae hist. 320; Goldast, Commentarii 245; Dobner, Annales III 190; Salagius, De statu ecclesiae Pannonicae IV 424; Mansi, Coll. XVII 181; Fejér, Cod. dipl. Hungariae I 213; Boczek, Cod. dipl. Moraviae I 42; Ginzel, Slawenapostel 59; Jireček, Cod. Iuris Bohemici I 11 n. 4; Migne, PL CXXVI 904; Bil'basov, Kirill' i Mefodij I 131; Kukuljević, Cod. dipl. Croatiae I 64f.; Pastrnek, Dějiny 255; Kos, Gradivo II 195-197; Teodorov-Balan, Kiril i Metodi II 220; Friedrich, Cod. dipl. Bohemiae I 18; MG Epist. VII 222–224 n. 255; Acta Romanorum Pontificum 730 n. 352; Fontes historiae Bulgaricae VII 173-176; Grivec-Tomšic, Fontes 72f.; Herrmann, Slawisch-germanische Beziehungen 153f.; Ratkoš, Pramene 431; MMFH III 197 n. 90; Marsina, Cod. Dipl. Slovaciae I 23f. n. 30; Lacko, Great Moravia 118f. n. 14.

Reg.: Georgisch, Reg. 152 n. 11; J 2540; Erben, Reg. Bohemiae et Moraviae I 17 n. 43; Bil'basov, Kirill' i Mefodij 20 n. 12; JE 3319; Kos, Gradivo II 195 n. 260; Bohemia-Moravia Pont. 23f. n. 30.

Lit.: Ginzel, Slawenapostel 6, 8-11, 71-84 und 111; Dümmler, Ostfränk. Reich III2 194f.; Lapôtre, Jean VIII 123 (ND 189) und 125f. (ND 191f.); Engelmann, Legaten 79f.; Dvorník, Huitième concile 466; Grivec, Lehrer der Slaven 76, 90, 108-121, 140, 148; Lacko, Cyril and Methodius 184-191; Havlík, Relationship 101 und 108f.; Bosl, Großmährisches Reich 28f.; Graus, Grande-Moravie 169 Anm. 70; Vaněček, Mährischer Staat 294; Vavřínek, Christianisierung Großmährens 225; Boba, Episcopacy of Methodius 89-91; Bulín, Formations étatiques 195 Anm. 238; Lohrmann, Register Johannes 110; Dvorník, Légendes 275-277, 280f., 308 Anm. 5, 311f.; Dvorník, Byzantine Missions 165-167; Marsina, Štúdie 30; Lacko, Great Moravia 63f.; Picchio, Lingua d'apostolato 273; Havlík, Roman Privilege 23-37; Vavřínek, Hist. Bedeutung 256f. und 271; Waldmüller, Synoden 33; Peri, Mandato missionario 39f.; Althoff, Bündnisse Svatopluks 13; Peri, Ecumenicità 235f.; Havlík, King Sventopluk 170f.; Peri, Chiesa di Roma 626 und 637; Wolfram, Salzburg, Bayern, Österreich 99; Eggers, "Großmährisches Reich" 161, 200f. und 235; Eggers, Erzbistum des Method 60; Bührer-Thierry, Royaume de Germanie 184; Avenarius, Byzantinische Kultur 99; Dopsch, Arnolf 170 Anm. 87; Döpmann, Kyrillos und Methodios 322.

Kommentar

Der Brief, der in seiner Echtheit früher teils umstritten war (vgl. Könighaus in Bohemia-Moravia Pont.), ist lediglich in den beiden angegebenen Registerabschriften überliefert, vgl. zu diesen Caspar, Register Johanns 85-99 und Lohrmann 5-156. Havlík und Eggers, "Großmährisches Reich" 201 zufolge wird in ihm die geplante Erhöhung der Position Sventopluks deutlich. Gleichwohl spricht erst Stephan V. in einem Ende 885 (JE 3407) verfaßten Schreiben den Herrscher als König an (vgl. jedoch unten zum Fälschungscharakter dieses Stücks). Im Unterschied zu früheren Briefen, wonach Method der Erzdiözese Pannonien vorstand (vgl. etwa den Titel Pannonicus archiepiscopus in n. 70), nennt Johannes VIII. Method hier archiepiscopus sanctę ecclesię Marabensis, vgl. Eggers, Erzbistum des Method 60. Strittig ist, wie Marabensis zu deuten ist. Neben der These, damit werde das "Großmährische Reich" apostrophiert, ist die Meinung vertreten worden, Marabensis sei von einer Stadt namens Morava herzuleiten. Boba identifiziert diese Stadt mit dem pannonischen Sirmium, Eggers, "Großmährisches Reich" 152-157 und ders., Erzbistum des Method 60 hingegen mit dem ebenfalls in Pannonien gelegenen Marosvár/Csanád. Zu Methods Aufenthalt in Rom vgl. n. 624, zum erwähnten Privileg für Method, das nicht erhalten ist, vgl. n. 625. Indem Johannes VIII. Wiching zum Bischof von Neutra weihte, kam er Sventopluk entgegen, der ihm Wiching nach Rom gesandt hatte, vgl. n. 626. Johannes VIII. wandte sich im vorliegenden Schreiben ausdrücklich gegen die Lehre, wonach ausschließlich Latein, Griechisch und Hebräisch als geeignete Sprachen für die christliche Liturgie zu gelten hätten, und widersprach damit seinen eigenen früheren Anweisungen in n. 73, n. 539 und n. 540. Seine Erlaubnis, die slawische Sprache im Anschluß an die lateinische zu verwenden, erstreckte sich nicht nur auf die Predigt, sondern auch auf die Meßfeier, auf Lesungen und das Stundengebet. JE 2924 ist zu entnehmen, daß bereits Johannes' Vorgänger Hadrian II. die slawische Liturgie zuließ. Allerdings ist dieses Stück nur auf altkirchenslawisch überliefert und ebenfalls in seiner Echtheit umstritten, vgl. hierzu Dvornik, Byzantine missions 147f. sowie Bohemia-Moravia Pont. 13f n. † ?8. Möglicherweise ist der Sinneswandel Johannes' VIII. auf die Ausführungen Methods in Rom zurückzuführen, wo dieser offenbar einen äußerst positiven Eindruck auf den Papst machte. Auch in der Fälschung eines Papstbriefs durch Wiching von Neutra (n. †628) dürfte die Frage der Liturgiesprache eine nicht unerhebliche Rolle gespielt haben, da der fränkischstämmige Wiching wohl eher ein Verfechter der lateinischen Liturgie war. Ein Brief Stephans V., in dem der Papst die slawische Liturgie verurteilte (JE 3407), könnte ebenfalls ein Spurium oder zumindest von der Fälschung Wichings beeinflußt worden sein vgl. n. †628 sowie Bohemia-Moravia Pont. 25f. n. 35. Im vorliegenden Schreiben bezieht sich Johannes VIII. nur auf sechs ökumenische Konzilien und berücksichtigt weder das zweite Konzil von Nizäa noch das Konzil von 869-870 in Konstantinopel, die heute im Westen als ökumenisch gelten, vgl. Dvornik, Huitième concile 466 sowie Peri, Ecumenicità 235f. Zur Erläuterung des im Brief angesprochenen Kanons vgl. Bischoff, Einritzungen 90f. mit Anm. 14.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,4,3 n. 630, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/f4fe372e-f80c-4b80-a646-597e4f3f0ea1
(Abgerufen am 23.07.2018).