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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,4,3

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Papst Johannes (VIII.) erinnert König Ludwig (den Jüngeren) (Ludouuico regi glorioso, gloriosi quondam regis Ludouuici filio) an seine frühere schriftliche Ermahnung (n. 127), den Töchtern des ehemaligen Grafen Boso und dessen Gemahlin Ingiltrud ihre Güter zurückzugeben, unter Verweis auf die ihm vorgetragene Klage dieser Töchter (n. 126), daß Ludwig den von Ingiltrud eigenmächtig übertragenen Besitz in seiner Gewalt oder derjenigen seiner Leute hält, betont, daß Frauen nichts ohne Zustimmung ihres Mannes tun können, insbesondere die von Papst Nikolaus (I.) gerichtete Ehebrecherin Ingiltrud (Böhmer-Herbers n. 670), hebt unter Berufung auf Papst Johannes (II.) (JK 884) und Kaiser Justinian (I.) hervor, daß der Allodialbesitz an diese ehelichen Töchter, nicht dagegen an den Herrscher oder an die etwaigen nach dem Verbrechen geborenen unehelichen Kinder fallen soll; er ermahnt ([iterum] iterumque rogamus et hortantes monemus) den König, die betreffenden Güter (ipsas proprietates, quas vos alodum dicitis) zurückzugeben.

Originaldatierung:
Data ut supra.
Incipit:
Iam enim magnitudinem vestram, fili ...

Überlieferung/Literatur

Orig.: –.

Kop.: 11. Jh., Rom Arch. Vat.: Reg. Vat. I fol. 53r; 16. Jh., Rom Arch. Vat.: Arm. XXXI, t. 1 fol. 95v.

Drucke: Carafa, Epist. III 391; Conc. coll. reg. XXIV 152; Labbe-Cossart, Conc. IX 94; Mansi, Coll. XVII 98; Migne, PL CXXVI 811; Bouquet-Delisle, Recueil IX 175; MG Epist. VII 102f. n. 111.

Reg.: J 2423; JE 3211.

Lit.: Ewald, Brit. Sammlung 296; Dümmler, Ostfränk. Reich III2 79; Parisot, Lorraine 418f. Anm. 5, 501; Caspar, Register Johanns 135-137; Engelmann, Legaten 84; Hlawitschka, Franken 162; Hlawitschka, Anfänge des Hauses Habsburg-Lothringen 159; Gorla, L'arcivescovo Ansperto 57f.; Staab, Gesellschaft am Mittelrhein 442f.; Heidecker, Kerk 150 Anm. 112; Staab, Jugement 368f.; Bougard, Divorce 47; Esmyol, Geliebte oder Ehefrau 180; Scholz, Politik 232f.

Kommentar

Der Brief ist nur in den erwähnten Registerabschriften überliefert, vgl. zu diesen Caspar 85-99 und Lohrmann, Register Johannes 5-156. Der frühere Mahnbrief an Ludwig den Jüngeren, auf den sich Johannes VIII. bezieht, ist nicht überliefert (vgl. n. 127); auch die Klage der (beiden) Töchter des Boso und der Ingiltrud ist nicht erhalten (unklar ist, ob sie überhaupt in schriftlicher Form vorgebracht wurde), aber auch in n. 413 erwähnt, vgl. n. 126. Der oberitalische Graf Boso ist nicht mit dem gleichnamigen Grafen von Vienne zu verwechseln, der an dem Konzil von Troyes teilnahm. Wahrscheinlich war der Ehemann Ingiltruds der Sohn des Grafen Boso des Älteren und Bruder der Theutberga. Zu Boso und seiner Gemahlin Ingiltrud vgl. Dümmler, Ostfränk. Reich III2 16-21, Poupardin, Provence 297-306, Hlawitschka, Franken 158-162 sowie Bougard 35-51, zu dem Ehebruch der Ingiltrud den zwischen 856 und 858 verfaßten Brief Benedikts III. (Böhmer-Herbers n. 407). Boso und Ingiltrud hatten laut Bougard 51 zwei Töchter (daß eine der beiden schon 872 gestorben sein soll, ist allerdings aufgrund der Papstbriefe von Mitte August 878 – neben dem vorliegenden Stück n. 413 und n. 414 –, die von den Töchtern im Plural sprechen, nicht plausibel). Zur Lage der fraglichen Erbgüter vgl. Hlawitschka, Franken 162; zur Übertragung von Allodialbesitz Ingiltruds an ihren Sohn Gottfried aus der Verbindung mit dem Vasallen Wangar vgl. n. 414. Johannes verweist darauf, daß Ingiltrud nach einem Beschluß Papst Nikolaus' (I.) durch das göttliche Schwert zugrunde ging und durch das menschliche Schwert bestraft werden mußte. Mit der Bestrafung durch das göttliche Schwert ist wohl das Anathem gemeint, mit dem Nikolaus die Frau des Grafen Boso wegen ihres anhaltenden Ehebruchs zweimal belegte; die zweite Sentenz vom 30. Oktober 863 (Konzil von Rom) ist erhalten (vgl. Böhmer-Herbers n. 670), nicht so die erste (vgl. Böhmer-Herbers n. 537). Zum Bann, mit dem Ingiltrud belegt wurde, vgl. auch weitere Briefe Johannes' VIII. (n. 72 und n. 652). Im vorliegenden Schreiben führt Johannes VIII. in Bezug auf das Erbrecht der ehelichen, nicht aber der unehelichen Kinder die Lex Romana sowohl auf Justinian als auch auf Johannes II. zurück, vgl. hierzu ausführlich Caspar, Register 135f. Duby, Ritter, Frau und Priester 60 überinterpretiert diese Stelle sowie n. 414 im Sinne eines neuen Rigorismus: Kinder aus dem Konkubinat seien nunmehr genauso ihrer Rechte beraubt worden wie die "wahren Bastarden", die aus einer flüchtigen Beziehung stammten. Vgl. van Hove, Gebruik en receptie 26. Zur Interpretation von proprietas (ipsas proprietates, quas vos alodum dicitis) vgl. Lohrmann, Kirchengut 43 Anm. 37 (mit weiterer Literatur), Willoweit, Dominium und Proprietas bes. 137-139. Zur mutmaßlichen Abfassung während des Konzils von Troyes vgl. Caspar, welcher die zeitliche Nähe dieser Urkunde zu n. 413 und n. 414 hervorhebt (dagegen datierte Ewald noch allgemein in das Jahr 878, vgl. JE 3211), in denen sich auch die Aufforderung findet, die Güter an die Töchter Bosos und seiner Gemahlin Ingiltrud zurückzugeben bzw. die Restitution voranzutreiben, mit teilweise wörtlichen Übereinstimmungen. Zudem hebt Caspar einen weiteren wohl zeitgleichen Brief an Liutbert von Mainz (n. 415) hervor, in dem eine Aufforderung an Ludwig den Jüngeren ausgesprochen wird, zur schon tagenden Synode von Troyes zu kommen. Eine solche Forderung erscheint aber nur am Beginn der Synode noch sinnvoll, weshalb man alle vier erhaltenen Schreiben (sowie die in n. 415 genannten drei A-pari-Briefe an Willibert von Köln, Witgar von Augsburg und Bertulf von Trier) auf Mitte August datieren kann. Zur mit dem Data ut supra verbundenen Problematik vgl. Caspar, Register Johanns 127-132 und Lohrmann, Register Johannes 178f.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,4,3 n. 412, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/e27696ea-3917-4e8c-a0c0-5c066fcbda09
(Abgerufen am 20.07.2018).