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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,4,3

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Papst Johannes (VIII.) berichtet dem Patriarchen Photios (von Konstantinopel) (Φωϯίῳ τῷ αἰδεσίμῳ καὶ καϑολικῷ ἀδελφῷ παϯριάρχῃ Κωνσϯανϯινουπόλεως – Photio reverentissimo et catholico fratri patriarchae Constantinopolitano), einer seiner Gesandten sei zu ihm gekommen und habe ihn zum Glaubensbekenntnis befragt, versichert ihm, ihm hinsichtlich des filioque entgegenzukommen, da er die Anhänger dieses Zusatzes verurteile, die die Gläubigen entzweien, betont, alle Bischöfe stünden hinter ihm, weist darauf hin, ihm schiene es angebrachter, die Menschen sanft zu ermahnen und von der Gotteslästerung abzubringen, und fordert Photios auf, mit ihm zusammen den Glauben zu verteidigen und die Menschen, die sich im Irrglauben befinden, zur Wahrheit zurückzuführen.

Incipit:
Οὐκ ἀγνοσεῖν συμβαίνει ἡμᾶς, ῶς ... – Non ignoramus quod nonnulli eorum ...

Überlieferung/Literatur

Orig.: –.

Kop.: 14.-15. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. grec 1195 fol. 442v-443v; 15.-16. Jh., Rom Bibl. Vallicelliana: C 29 fol. 81r-82v (griech.) und fol. 83r-85r (lat. Übersetzung); 15. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. grec 1191 fol. 63r; 15. Jh., München StBibl.: Cod. graec. 256 fol. 37b-39a; 15. Jh., Rom Bibl. Vat.: Cod. Vat. graec. 717 fol. 219r-220r; 16. Jh., Rom Bibl. Vat.: Cod. Pal. graec. 403 fol. 102r-103r; 16. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. grec 817 fol. 175r-176r; 16. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. grec. 1026 fol. 138r-141v.

Drucke der griechischen Version: Conc. coll. reg. XXIV 380; Labbe-Cossart, Conc. IX 235; Hardouin, Acta conc. VI 118 und 342; Beveridge, Synodikon II 306; Mansi, Coll. XVII 524; MG Epist. VII 226–228 n. 258a.

Drucke der lateinischen Version: Baronius, Ann. eccl. a. 879 c. 55; Beveridge, Synodikon II 306; Mansi, Coll. XVII 239; Migne, PL CXXVI 944.

Reg.: J 2597; JE 3369.

Lit.: Hergenröther, Photius II 541-551; Hefele-Leclercq, Hist. IV,1 604f.; Grumel, Concile photien 257 und 262; Jugie, Origine de la controverse 376, 380, 382; Grumel, Addition du Filioque 228-230; Dvorník, Photian Schism 197f., 384, 416; Haugh, Photius 128-130; Gemeinhardt, Filioque-Kontroverse 268f.

Kommentar

Von dem angeblich von Johannes VIII. stammenden Brief sind eine griechische Fassung und spätere lateinische Übertragungen erhalten. Zur Überlieferung vgl. Hergenröther 542 (mit der Angabe weiterer Codices); die Signatur Paris Bibl. nat.: Ms. grec 1196 dort ist irrig und muß Paris Bibl. nat.: Ms. grec 1195 lauten. Der Brief gehörte ursprünglich nicht zu den Akten der Synode in Konstantinopel von 879–80 (so Grumel, Concile photien 257 und kürzlich Gemeinhardt 269), da er sich laut Hergenröther 542 nicht in den älteren Handschriften der Synode findet und demnach eine spätere Hinzufügung sein muß. Beveridge bietet parallel den griechischen Text und eine lateinische Übertragung mit leicht abweichendem Incipit (Non ignoramus nos, quod nonnulli ...). Bei Mansi findet sich eine lateinische Version mit dem obenstehenden Incipit (Mansi 239) sowie die griechische Fassung samt einer synoptisch abgedruckten lateinischen Übersetzung, die jedoch sowohl in Bezug auf das Initium (Non ignoramus esse quosdam illic ...; Mansi 523f.), als auch in weiten Teilen des Textes von der griechischen Fassung abweicht und wohl eine sehr freie Übertragung darstellt. Das Schreiben ist als Fälschung zu betrachten, vgl. hierzu v. a. Hergenröther, Hefele-Leclercq und zuletzt Gemeinhardt. In ihm finden sich keine Hinweise auf die Vorrangstellung Roms, sondern de facto eine Unterordnung unter die Autorität des Patriarchen Photios. Hergenröther 550f. zufolge wäre die Autorschaft des Photios denkbar, doch hat Gemeinhardt 269 aufgrund der ausdifferenzierten Argumentation eine spätere Entstehung des Briefes angenommen. Grumel, Addition du Filioque 229f. und Haugh gehen hingegen von der Echtheit des Briefes aus. Unter Karl dem Großen fand das filioque, ein Zusatz zum nicäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis, Eingang in die Liturgie im Karolingerreich. Dies rief den Protest der Byzantiner hervor. Daraufhin untersagte Papst Leo III. die Einfügung des filioque, ohne jedoch die Lehre zu verurteilen, die sich dahinter verbarg, vgl. hierzu Herbers, Ost und West 41-57, Hergenröther I 695-702. Unter Johannes VIII. war das filioque noch nicht in das in Rom rezitierte Glaubensbekenntnis eingegangen, blieb aber ein in der lateinischen Kirche weit verbreiteter Zusatz, vgl. Hergenröther II 547. Auf der Synode von Konstantinopel 879–880 wurde am Nicänokonstantinopolitanum ohne filioque festgehalten, ohne daß die päpstlichen Legaten Einwände vorgebracht hätten. Gemeinhardt sieht darin eine Kontinuität der päpstlichen Haltung seit Leo III. Das Datum, auf das der Brief hin gefälscht worden sein könnte, dürfte in den letzten Pontifikatsjahren Johannes' VIII. liegen, als dieser wieder verstärkt Kontakt mit Byzanz hatte und Photios sich energisch um seine Anerkennung bemühte, vgl. hierzu n. 478, n. 479, n. 550, n. 551, n. 552, n. 553, n. 620, n. 621, n. 641 und n. 642.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,4,3 n. †467, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/dee4e531-68a4-4837-99e0-ed87d8eecf94
(Abgerufen am 20.10.2018).