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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,4,3

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Anastasius (Bibliothecarius) widmet Papst Johannes (VIII.) (Domino coangelico Iohanni summo pontifici et universali papae) – nachdem er zuvor für Papst Hadrian (II.) die Akten des achten Universalkonzils (von Konstantinopel) (869-870) übertragen hatte – die lateinische Übersetzung der Akten des unter Papst Hadrian (I.) sowie den Kaisern Irene und Konstantin in Nizäa (787) abgehaltenen siebten Konzils, die eine frühere schwer verständliche Übertragung ersetzen soll; Anastasius vermerkt, er habe in den Akten die Kanones der Apostel sowie der sechsten universalen Synode (680-681) gefunden, die (in Rom) (penes nos) weder in Übersetzung vorlägen noch anerkannt würden, verweist auf die Promulgation von nur 50 aufzunehmenden Kanones (auf dem Laterankonzil 769) durch Papst Stephan (III.) (JE I p. 285; MG Conc. II,1 88) und nennt die Anerkennung aller Regeln und Vorschriften, die nicht Glauben und Sitte zuwider laufen (... quae nec rectae fidei nec probis moribus obviant) durch Johannes (VIII.) (n. 60), obwohl einige Vorschriften den Lateinern bisher unbekannt geblieben seien; Anastasius berichtet über den auch von ihm bei seinem Aufenthalt in Konstantinopel getadelten, bei den Griechen üblichen Gebrauch, daß sich der dortige Patriarch universal bzw. oecumenicon nenne, weist darauf hin, er habe das griechische hypostasis mit subsistentia im Sinne von persona und nicht von substantia übersetzt, betont, die Bestimmungen zur Bilderverehrung der (siebten) Synode würden schon von alters her vom Apostolischen Stuhl beachtet und von der Universalkirche – abgesehen von den Einwohnern der Gallia – befolgt, und fordert Johannes dazu auf, den eingeschlagenen Weg allen zu zeigen.

Überlieferung/Literatur

Druck: MG Epist. VII 415–418 n. 6.

Reg.: –.

Lit.: Laehr, Briefe und Prologe AnastasiusBriefe und Prologe Anastasius 429-432; Dvorník, Légendes 315-317; Fuhrmann, Kritischer Sinn 85 Anm. 15; Leonardi, Anastasio Bibliotecario 130; Lamberz, Ökumenisches Konzil 1076 und 1084f.; Thümmel, Konzil in Nikaia 217; Arnold, Johannes 57.

Kommentar

Das Widmungsschreiben ist in zahlreichen Abschriften überliefert, vgl. MG Epist. VII 415f., Lamberz 1080, 1082-1084 und Lohrmann, Anastasius Bibliothecarius 426. In einer westfränkischen Hs. aus dem 10. Jh. finden sich zeitgenössische, dem VII. ökumenischen Konzil gegenüber kritische Einträge, vgl. MG Epist. VII 415. Zum Epitheton coangelicus, das Anastasius in der Adresse verwendet, vgl. Du Cange, Glossarium I 255. Anastasius erwähnt eine bereits vorliegende, jedoch unverständliche Übersetzung der Akten des siebten Konzils, vgl. MG Epist. VII 416 Anm. 6 sowie Laehr 429. Eine Nachricht zu dieser ersten von Papst Hadrian I. veranlaßten Übertragung findet sich im Lib. Pont. (Duchesne I 512). Hinkmar von Reims zufolge schickte Hadrian I. sie Karl dem Großen, vgl. hierzu Hinkmar von Reims, Opusculum LV capitulorum c. 20 (MG Conc. IV Suppl. II 219f.) sowie kritisch gegenüber Hinkmars Nachricht Freeman, Carolingian Orthodoxy 96-99. Die fränkische Kirche wandte sich in der Folge – nicht nur aufgrund der fehlerhaften Übertragung – gegen das II. Nizänum und die Bilderverehrung, wie von Anastasius im vorliegenden Brief angedeutet, vgl. Hartmann, Hadrian 282-287. Zur Übertragung unter Hadrian I. vgl. ferner Wallach, Greek and Latin Versions sowie Beck, Geschichte der orthodoxen Kirche 80. Zur Übersetzung des Anastasius (Mansi, PL CXXIX 195-512) vgl. Lamberz 1076-1084 und 1088-1092. Bemerkenswert ist die von Anastasius verwendete Bezeichnung septima universalis synoda, denn in der Forschung ist umstritten, ob die Päpste das II. Nizänum von Anfang an (Leonardi 130f.) oder erst seit der Synode von 879-880 als Universalsynode betrachteten, vgl. Dvornik, Oecuménicité 466; ders., Patriarch 47, Peri, Concili 37f.; ders., Settimo concilio ecumenico 109 sowie Lamberz 1084f.; vgl. hierzu auch Peri, Ecumenicità 236-238, der in diesem Zusammenhang der Einschätztung des Anastasius jeden offiziellen Charakter abgesprochen hat. Ebenso umstritten ist die Ökumenizität des IV. Konzils von Konstantinopel 869-870, das Anastasius als sancta octava et universalis synodus bezeichnet, vgl. Dvornik, Photian Schism 309-330, Peri, Concili 70, Leonardi, Achtes ökumenisches Konzil 57, Peri, Concilio ecumenico ottavo 70f. sowie Stiernon, Konstantinopel IV 248-252. Zum umstrittenen Ursprung der Kanones von Nizäa II in den sogenannten Apostolischen Kanones, auf den auch Anastasius verweist, vgl. Dumeige, Nizäa II 194f., vgl. zu den diesbezüglichen Zitaten des Anastasius aus der Praefatio der Kanonessammlung des Dionysius Exiguus die Anmerkungen in der Edition und Wurm, Dionysius Exiguus 23-26 zu den Apostolischen Kanones bei Dionysius. Auf der von Anastasius erwähnten römischen Synode unter Stephan III. wurde sowohl eine Entscheidung bezüglich der canones Apostolorum getroffen (vgl. MG Conc. II,1 88), als auch bereits die Bilderverehrung thematisiert, vgl. Thümmel, Byzantinischer Bilderstreit 59f. Die bonae mores, von denen Anastastius spricht, stammen aus dem römischen Recht, vgl. Heumann-Seckel, Handlexikon 353. Laehr sieht in dem Widmungsschreiben ein deutliches Zeichen für die neue, versöhnlichere Haltung des Papstes Johannes' VIII. gegenüber Byzanz, die offenbar auch Anastasius Bibliothecarius bereit war mitzugehen. Diese resultierte schließlich nach dem Tod des Anastasius in der Anerkennung des Photios durch Johannes VIII. (vgl. n. 550). Vgl. dagegen aber die wenigstens gegenüber Ignatios doch eher unversöhnlich anmutende Haltung des Papstes in Brieffragmenten aus den ersten Pontifikatsjahren (n. 50, n. 51, n. 102 und n. 103). Zur Datierung vgl. Laehr 429 mit Anm. 4.

Nachträge

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Empfohlene Zitierweise

RI I,4,3 n. 62, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/ba77eb7e-b642-4c62-a725-f9696c457a60
(Abgerufen am 16.10.2019).