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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,4,2

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(Papst) Nikolaus (I.) bestätigt Erzbischof Hinkmar von Reims (reverentissimo et sanctissimo confratri nostro Hincmaro archiepiscopo Remensi), dessen zusammen mit dem Synodalschreiben von Soissons (n. 808) durch (Bischof) Egilo (von Sens) überbrachten (n. 821) Brief (n. 820) erhalten zu haben, und nimmt seine grundsätzliche Kooperationsbereitschaft zur Behandlung des Falles von Wulfad und dessen amtsenthobenen Mitklerikern zur Kenntnis; er tadelt (weitgehend wortgleich wie in n. 837) heftig die aus den von Hinkmar übersandten (n. 609) und in Rom archivierten Akten der Synode von Soissons (853) (MG Conc. III 253-293) ersichtliche Verurteilung der Betroffenen ohne ordentliches Verfahren sowie die augenfälligen Verfälschungen von Konzilsbeschlüssen und päpstlichen Bestätigungen (n. 626) durch Hinkmar, den er nochmals in besonderer Weise auf die Schwere des üblicherweise mit dem Anathem geahndeten Vergehens der Privilegienfälschung hinweist, ihm jedoch Gnade gewährt, kritisiert mit Bezug auf Hinkmars Schreiben (n. 820) dessen Beteuerungen, eine für die Betroffenen positive Lösung des Falls erreichen zu wollen, angesichts seines tatsächlichen Verhaltens als Augenwischerei und weist Fehler in der auf Hinkmar zurückgehenden Argumentation im Schreiben der Konzilsversammlung von Soissons (n. 808) nach, wonach die Amtsenthebung der betroffenen Kleriker aufgrund ihrer unkanonischen Weihe durch den nach einem Schuldeingeständnis angeblich auf Veranlassung (König Karls des Kahlen) abgesetzten (Erzbischof) Ebo (von Reims) rechtens gewesen sei; er kritisiert an Hinkmars Brief das Fehlen eines Siegels oder anderer Beglaubigungsmittel, erklärt (wortgleich mit n. 837) die betroffenen Kleriker für rehabilitiert und setzt Hinkmar vor dem endgültigen Abschluß des Falls eine Jahresfrist, um die Rechtmäßigkeit der Absetzungen nachträglich zu beweisen; er tadelt Hinkmar für dessen ihm zu Ohren gekommenen Gebrauch des Palliums über die schriftlich vom Apostolischen Stuhl zugestandenen Anlässe hinaus und ermahnt ihn unter Berufung auf ein Schreiben von Papst Simplicius (JK 583) zur Bescheidenheit im Umgang mit diesem Ehrenzeichen.

Originaldatierung:
Data VIII. idus Decembris indictione XV.
Incipit:
Epistolam beatitudinis tuae cum epistola ...
Empfänger:
Erzbischof Hinkmar von Reims

Überlieferung/Literatur

Orig.: –.

Kop.: 9. Jh., Laon Bibl. mun.: Ms. 407 fol. 105r-117v; 9. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 1458 fol. 192r-193v (fragm.); Ende 9. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 1557 fol. 62r-66r; 16. Jh., Rom Bibl. Vallicelliana: C 15 fol. 217r-225r; 17. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 3859A fol. 145v-155r.

Insert: Ivo von Chartres (?), Coll. tripartita III 7, 4 (Ende 12. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 3858B fol. 148rb; Anf. 13. Jh., Berlin StBibl. Preuß. Kulturbesitz: Ms. Lat. Fol. 197 fol. 142vb) (fragm.); Ivo von Chartres, Decretum IV 203 (Migne, PL CLXI 309) (fragm.); Ivo von Chartres (?), Panormia II 164 (Migne, PL CLXI 1120) (fragm.); Coll. Brugensis (Ende 11. Jh., London Brit. Lib.: Ms. Cotton Cleopatra C. VIII fol. 176v) (fragm.); Coll. der Bibl. de l’Arsenal (12. Jh., Paris Bibl. de l’Arsenal: Ms. 713 fol. 144r) (fragm.); Coll. Caesaraugustana (12. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 3875 fol. 4r; 12. Jh., Paris Bibl. nat.: Ms. lat. 3876 fol. 2r; 12. Jh., Barcelona Arch. Cor. Aragón: S. Cugat 63, fol. 2v) (fragm.); Coll. X partium (12. Jh., Florenz Bibl. naz. Centr. Conv. Soppr.: Ms. D. II. 1476 fol. 54r) (fragm.) Coll. Catalaunensis I (12. Jh., Châlons-en-Champagne Bibl. mun.: Ms. 47 fol. 32v) (fragm.); Coll. Catalaunensis II (12. Jh., Châlons-en-Champagne Bibl. mun.: Ms. 75 fol. 170r) (fragm.); Coll. XIII librorum (12. Jh., Rom Bibl. Vat.: Cod. Vat. lat. 1361 fol. 247va-247vb) (fragm.); Gratian, Decretum D. VIII c. 3 (Friedberg I 14) (fragm.).

Erw.: n. 836; n. 837; n. 839; n. 848; n. 854.

Drucke: Carafa, Epist. III 182; Sirmond, Conc. Gall. III 310; Conc. coll. reg. XXII 862; Labbe-Cossart, Conc. VIII 851; Hardouin, Acta Conc. V 640; Mansi, Coll. XV 745; Migne, PL CXIX 1101; MG Epist. VI 422-431 n. 80.

Reg.: Bréquigny, Table I 275; J 2134; Anal. iur. pont. X 146 n. 123; JE 2823.

Lit.: Perels, Nikolaus 138-141; Haller, Nikolaus 117, 118 Anm. 321, 149 Anm. 397; Erdmann, Untersuchungen 192; Devisse, Hincmar II 613-618; Bishop, Nicholas 87, 291 Anm. 2, 330f., 348 Anm. 3; Hartmann, Fälschungsverdacht 118f.; Hartmann, Synoden 319f.; Goetz, Auctoritas et Dilectio 39, 42; Schieffer, Beziehungen karolingischer Synoden 160; Herbers, Leo 347; Herbers, „Textus" 123f.; Patzold, Episcopus 326, 340f.

Kommentar

Der hier einschlägige Teil der kanonistischen Sammelhandschrift Paris Ms. lat. 1458 stammt aus dem 9. Jahrhundert, vgl. dazu Perels, Briefe I 570-572, Mordek, Bibl. capitularium 412-414 und Jasper, Beginning 114. Zu den weiteren Überlieferungen vgl. Perels I 550-562 und Jasper 111-114. Zur Coll. tripartita vgl. Perels, Briefe II 97-109, Kéry, Canonical Collections 244-250, Jasper 124 und Fowler-Magerl, Clavis canonum 187-190; zur Coll. Brugensis Kéry 281f. und Fowler-Magerl 183f.; zur Coll. der Bibl. de l’Arsenal und ihrer Entstehungszeit n. 435 sowie Fowler-Magerl 192f. Zu den drei Fassungen der Coll. Caesaraugustana vgl. n. 433 sowie Perels II 114-117, Kéry 260-262, Fowler-Magerl 239-244; zur Coll. X partium in der Hs. Florenz, Bibl. naz. Centr. Conv. Soppr. Ms. D. II. 1476 und weiteren Handschriften Kéry 263f. und Fowler-Magerl 209-214; zu den beiden Fassungen der Coll. Catalaunensis Kéry 288 und Fowler-Magerl 238f. sowie zur Coll. XIII librorum der Hs. Vat. lat. 1361 Kuttner, Catalogue 130-132, Kéry 291f. und Fowler-Magerl 225f. Das Schreiben gehört in den Zusammenhang der weiteren zeitgleich ergangenen Schreiben n. 836, n. 837 und n. 839, die den Brief entsprechend erwähnen. Zum Fall der Ebo-Kleriker um Wulfad insgesamt vgl. n. 806. Die von Nikolaus zurückgewiesene Argumentation der synodica epistola aus Soissons, wonach die Absetzung Ebos 853 letztlich auf die ira principis (Karls des Kahlen) zurückginge, ist im erhaltenen Synodalschreiben von 866 (n. 808) nicht enthalten. Zu den Fälschungsvorwürfen gegen Hinkmar vgl. außerdem n. 837. In der Hs. Laon wird in einer Marginalglosse der portitor des Schreibens, also vermutlich Egilo von Sens (vgl. n. 821), der Fälschung bezichtigt, dem stimmt Haller 117f. zu, dagegen sieht Hartmann, Fälschungsverdacht 119f. Hinkmar selbst als den Fälscher an. Zum von Nikolaus verwendeten textus-Begriff vgl. Herbers, „Textus". Zu den päpstlichen Vorwürfen den Gebrauch des Palliums betreffend vgl. Herbers, Leo. Zum Tadel des Papstes bezüglich des fehlenden Siegels vgl. Erdmann, der darauf hinweist, daß es in der Karolingerzeit als unhöflich galt, Briefe nicht zu besiegeln, wenn man ein Siegel besaß, hierfür jedoch außerhalb der Korrespondenz des Papstes Nikolaus I. mit Hinkmar von Reims keine Belege anführt; vgl. hierzu und zu weiteren Aspekten auch die Rechtfertigung Hinkmars in n. 848.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,4,2 n. 838, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/bfa3df95-90b9-49e5-bf82-45e9d282bbbd
(Abgerufen am 23.10.2017).