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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,4,2

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Bischof Rothad von Soissons beschreibt gegenüber Papst Nikolaus (I.) (... reverentissimo Nicolao summo pontifici et universali papae …) (in seinem Libellus proclamationis) detailliert seine unkanonisch erfolgte Absetzung durch den Erzbischof Hinkmar von Reims auf der Bischofssynode (von Pîtres und Soissons im Juni 862) trotz seiner Appellation an den Papst (n. 577) und erklärt weiter, daß Hinkmar ihn in der Folgezeit mehrfach unter Mißachtung der päpstlichen Schreiben sowohl an seinem Appellationsrecht als auch an einer Reise nach Rom gehindert und ihn stattdessen in Klosterhaft genommen habe; Rothad verweist auf mehrere eigene Briefe an Hinkmar, an Karl, an den von ihm selbst abgesetzten Priester und an einen Mitbischof und Teilnehmer der Synode (von Pîtres und Soissons); er betont, daß er nun schon seit einem halben Jahr in Rom auf die ihn anklagenden Bischöfe warte (n. 712), damit er seinen Fall vortragen könne. Da bisher (trotz mehrfacher päpstlicher Aufforderung) keiner von diesen in Rom erschienen sei, bittet Rothad den Papst, seinen Fall nun nach dem kanonischen Recht zu beurteilen.

Überlieferung/Literatur

Druck: MG Conc. IV 182-187.

Erw.: Lib. pont. (Duchesne II) 162f.

Reg.: Bréquigny, Table I 271.

Lit.: Hefele-Leclercq, Hist. IV,1 354; Schrörs, Hinkmar 241-243, 245, 253, 257f.; Dümmler, Ostfränk. Reich II 95; Werminghoff, Synoden 635; Perels, Nikolaus 109f.; Haller, Nikolaus 100, 104.

Kommentar

Zur Vorgeschichte und zur inhaltlichen Substanz vgl. die Vorbemerkung bei Hartmann, MG Conc. IV 175 mit der dort angegebenen Literatur. Die Erwähnung der päpstlichen Schreiben an Hinkmar bleibt sehr allgemein und kann deshalb nicht auf bestimmte Briefe bezogen werden, vgl. hierzu n. 607, n. 629, n. 641, n. 662 und zuletzt n. 701, die auch die päpstliche Aufforderung an Hinkmar bzw. seine Stellvertreter enthalten, zur Neuverhandlung der Rothadangelegenheit als dessen Ankläger in Rom zu erscheinen. Unsicher ist die Datierung, die u.a. mit der Identifizierung des Libellus proclamationis (oder mehrerer Exemplare) zusammenhängt. Schrörs – und ihm folgend Dümmler und Haller – datieren das erste Vorlegen des Libellus proclamationis in Rom vor die Verkündigung der Restitution am 24. Dezember 864; am 21. Januar 865 sei der Libellus dann erneut auf der Synode zur Restitution Rothads präsentiert worden. Ähnlich argumentiert Duchesne, der die erstmalige Präsentation des Libellus ebenfalls nur vage auf das Ende des Jahres 864 datiert. Hartmann nimmt im Einleitungskommentar zu den römischen Synoden am 24. Dezember 864 und am 21./22. Januar 865 unter Hinweis auf den Quellenbericht des Lib. pont. an, erstmalig sei der Libellus proclamationis beim Papst erst am 21. oder 22. Januar 865 vorgelegt worden. In seinem Editionskommentar zum entsprechenden Textabschnitt des Lib. pont. teilt er jedoch die Einschätzung von Duchesne, der den nach Ausweis des Lib. pont. am 21. Januar vorgelegten Libellus für nicht überliefert hält. Die Erwähnungen lassen also die Zahl der Exemplare bzw. die Möglichkeit verschiedener Schriften offen. Die Quellenbasis erlaubt keine letztgültige Klärung, denn der Lib. pont. nennt an drei Stellen libelli des Rothad. Zunächst wird dort berichtet, Rothad habe Nikolaus dreimal libelli innocentiae zukommen lassen. Wie aufgrund der Reihenfolge der Darstellung im Lib. pont. zu vermuten ist, dürfte dies noch vor seinem persönlichen Erscheinen in Rom geschehen sein. Da der Libellus proclamationis explizit einen bereits sechs Monate andauernden Aufenthalt Rothads in Rom erwähnt, scheinen diese libelli innocentiae demnach nicht mit jenem identisch zu sein. Ein zweites Mal wird ein Libellus des Rothad im Rahmen der römischen Synode am 21. Januar 865 genannt. Eine Gleichsetzung dieses Libellus mit dem fraglichen Libellus proclamationis kann plausibel gemacht werden: Die Schreiben Nikolaus’ I. an die Herrscher und den Klerus von Westfranken, die Rothads Restitution bekannt geben (n. 753, n. 754, n. 755 und n. 756), erwähnen einen zum Abfassungszeitpunkt der Schreiben nunmehr acht Monate dauernden Aufenthalt Rothads in Rom und sind demnach etwa zwei Monate nach der Vorlage des Libellus proclamationis zu datieren. Nimmt man eine Datierung dieser Papstbriefe kurz vor der Abreise des päpstlichen Legaten Arsenius an, die wahrscheinlich auf Ende März oder Anfang April 865 anzusetzen ist (vgl. n. 759), so verweist die zeitliche Differenz von zwei Monaten auf Ende Januar als Datum für die Vorlage des Libellus proclamationis. Diese Datierung vertritt auch Hartmann in MG Conc. IV 175 (anders jedoch 176 Anm. 12). Folgt man hingegen Schrörs, der eine Vorlage der Rechtfertigungsschrift Rothads schon zu Weihnachten 864 annimmt, so könnte es sich bei der Erwähnung eines libellus im Rahmen der Januarsynode nur um eine Wiedervorlage des Libellus proclamationis handeln. In diesem Fall wäre jedoch auch die Datierung der Restitutionsschreiben ins Westfrankenreich (vgl. n. 753, n. 754, n. 755 und n. 756) entsprechend auf Ende Februar (oder Anfang März) 865 anzupassen. Eine eindeutige Entscheidung ist in dieser Frage letztlich nicht zu treffen. Ein drittes Mal werden libelli im Lib. pont. schließlich neben Archivdokumenten als Grundlage der Re-stitutionsentscheidung am 22. Januar 865 erwähnt. Der Lib. pont. liefert dabei jedoch keine Hinweise darauf, ob es sich bei diesen libelli um neue oder um wiedervorgelegte ältere Argumentationsschriften Rothads handelt. Auch hier ist demnach eine zweifelsfreie Identifizierung des Libellus proclamationis nicht möglich, aber insgesamt darf eine Datierung auf Januar 865 eine hohe Plausibilität beanspruchen, zumal auch die mehrfach belegte sechsmonatige Wartezeit Rothads dies unterstützt, obwohl eine Erstvorlage am 24. Dezember nach wie vor nicht völlig auszuschließen ist.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,4,2 n. 746, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/a53c0ee2-ffd6-42e6-b2ce-5a70bea74d17
(Abgerufen am 17.01.2017).