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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,4

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Ludwig bestätigt (confirmaremus) der ihm besonders nahestehenden (erzbischöflichen) Kirche von Vienne (specialis mater nostra ecclesia Viennensis, immo s. Mauritius) auf Bitten des dortigen Erzbischofs Ragamfred, sacri palatii nostri nothariorum nostrorum summus, den gesamten Besitz, wie ihn seine kaiserlichen und königlichen Vorgänger sowie die Römische Kirche durch Präzepte und sacra privilegia beginnend in frühkirchlicher Zeit bis heute (praedecessores nostri gloriosi imperatores et reges necnon et sancta Romana ecclesia per praecepta et sacra privilegia a primitiva ecclesia pene ... ad usque nostra tempora) der Kirche von Vienne geschenkt und fromme Stifter aus ihrem Besitz vermehrt haben (viri religiosi de suis propriis et reditibus eamdem exornaverunt), gewährt ihr dafür Schutz und Immunität (sub tuitione atque ordinatione et immunitate seu defensione) und erstattet jedweden entfremdeten Besitz zurück. – Teudo notarius ad vicem Ragamfredi archicanc. – M.

Originaldatierung:
.II. Kal. die Nov., datum Viennae civitati – Actum Viennae urbi Ind. 4 (lies 7), a. imp. 4.
Siegel:

(SI D)

Incipit:
Si sacerdotum ecclesiarum
Empfänger:
(erzbischöflichen) Kirche von Vienne

Überlieferung/Literatur

Kopien: Carpentras, Bibl. Inguimbertine, Ms. 518 (vormals 504): Raimond Juvénis, Histoire du Dauphiné, 17. Jh., p. 1064, aus dem verlorenen Or. (E); Paris, BnF, Coll. Baluze 75, fol. 363r – 364v, Abschrift 17. Jh. (mit Korrekturen von Baluze), aus dem verlorenen Chartular (Ende 12. Jh.) des Domkapitels von Vienne fol. 75v n. 190 (F); ebd., Ms. lat. 5214, pp. 73 – 76, 17. Jh., gleichfalls aus dem verlorenen Chartular (G) = München, MGH-Archiv A 116, Kopie Ende 19. Jh. von A. Dopsch; Paris, BnF, Ms. lat. 11 897, fol. 114r-v, 17. Jh., aus dem verlorenen Chartular (H); ebd., Ms. lat. 17 191, fol. 104r-v, Abschrift Martène 17. Jh., aus gleicher Quelle (I); ebd., Ms. lat. 11 743, fol. 150v – 151v, 17. Jh., aus gleicher Quelle (J); Grenoble, Bibl. Municipale, Ms. R 8907 (Secousse 904), fol. 6v – 7r, Abschrift 17. Jh., aus gleicher Quelle.

Drucke:Baluze, Capitularia,1 1677, Nr. 82 Sp. 1469 – 1471, zu 858 (Ludwig II. von Italien) = 3 1780, Nr. 82 Sp. 1469 – 1471 (ND Mansi, Collectio nova,2 XVIII B), wohl aus F = Mansi, Collectio nova,1 XVIII, Nr. 83 (recte 82) Sp. 972 – 973 = Bouquet, Recueil 8, Nr. 1 S. 415 – 416; Prou-Poupardin, Recueil, S. 84 – 87 Nr. 46. – Frz. Übersetzung: Charvet, Histoire Vienne, S. 245 – 246; Collombet, Histoire Vienne, I, S. 337 – 338.

Regg.: B 1475; Jean-Baptiste Moulinet, Vérification et description du Cartulaire du chapitre de Saint-Maurice de Vienne, 1771, mit Hinweis auf das Siegel Ludwigs: „le seing figuré dud. empereur et celui de son chancelier“ (vgl. unten den Kommentar), ed. Chevalier, Description Saint-Maurice, S. 43 Nr. 190; Georgisch, Regesta, I, Sp. 122, a. 858 Nr. 13; Bréquigny, Diplomata, I, S. 250, zu 858 (Ludwig II. von Italien); Chevalier, Regeste Dauphinois, Nr. 981. – Auch erwähnt von Mermet, Histoire de Vienne, S. 271f.

Kommentar

Die in E überlieferte Indiktion 4 (zu 900/901) wird auf falscher Lesung von 7 fußen. 7 lesen durchgängig die auf das verlorene Chartular des Domkapitels von Vienne zurückgehenden Handschriften. Das 4. Kaiserjahr führt auf 904, die 7. Indiktion allerdings nur dann, wenn man nicht Septemberindiktion annimmt; vgl. Poupardin, Vorbemerkung. – Ohne Parallele ist die, vielleicht nur zufällige, Unterscheidung zwischen der urbs Vienne (im Actum) und der civitas Vienne (im Datum); vgl. aber D 40 (Reg. 2918, gleichfalls rekognosziert vom Notar Teudo: Datum Viennae civitati... Actum Viennae civitati. Zur Stadttopographie von Vienne vgl. im übrigen Brühl, Palatium I, bes. S. 229 – 233. Zu der 899 erstmals bezeugten neuen Pfalz der niederburgundischen Könige in Vienne unweit des Klosters Saint-André-le-Bas vgl. Reg. 2904. – Die von R. Juvénis († 1703) in E mitgeteilte Beschreibung des Siegels (zit. Prou-Poupardin, Recueil, S. 87 Anm. e) in dem ihm noch vorliegenden Original läßt keine Rückschlüsse auf einen der beiden Siegeltypen zu, die Prou-Poupardin, Recueil, S. LVI – LVII (mit Taf. II – III), näher beschrieben hat. Allgemein zu E und ihrem Autor vgl. Catalogue général 34/I, S. 304.; siehe auch D Prov. 65 (Reg. 2983). – Zur Überlieferung im verlorenen Chartular von Vienne (zuletzt D 42 = Reg. 2919) vgl. bes. D Prov. 3 (Reg. 2510). – Der Notar Teudo hat schon D 40 (Reg. 2918 rekognosziert, gleichfalls in Vertretung des Ragamfred. Diktatübereinstimmungen finden sich insbesondere in Eschatokoll (Datum [siehe oben], Apprecatio) und Teilen des Kontextes, darunter die auffällige Titulierung des Erzbischofs Ragamfred als sacri palatii nostri nothariorum nostrorum summus (vgl. schon D 47/Reg. 2923 des Notars Arnulf). Die Arenga (Hausmann/Gawlik, Arengenverzeichnis, Nr. 3540) variiert ein seit altersher beliebtes Motiv und findet mit nur geringen Varianten auch in jüngeren Urkunden Verwendung (vgl. ebd., bes. Nr. 3528 – 3530); siehe wieder D 47 (Reg. 2923). Zur Verbindung von Schutz und Immunität vgl. Schilling, BM2, Nr. 570, S. 85 m. Anm. 116. – Zum Empfänger vgl. zuletzt D 20 (Reg. 2779). Mit den sacra privilegia der Römischen Kirche sind die zu den Epistolae Viennenses spuriae gehörenden Fälschungen auf die frühen Päpste Pius I., Viktor I. und Cornelius gemeint, die auf Ado von Vienne zurückgehen; vgl. Schilling, Guido von Vienne, S. 313f., 630 – 633. Ihre indirekte Erwähnung hier in einer fraglos echten Urkunde Ludwigs des Blinden stellt eins der frühesten Zeugnisse für ihre Existenz schon wenige Jahrzehnte nach dem Tod Ados († 875) dar. Die im Kopfregest zitierte Passage ist zum Teil auch abhängig vom Privileg Nikolaus’ I. von 867 für Ado (J-E 2876; Böhmer-Herbers II, Nr. 846) und hat ihrerseits später auf eins der Barbarossadiplome für Vienne eingewirkt (D F.I 184): Schilling, Guido von Vienne, S. 313 Anm. 296. – Die seltsame Angabe von Moulinet, a.a.O.: „le seing figuré dud. empereur et celui de son chancelier“, wird sich wohl nur auf ein auffälliges SR Teudos beziehen. – Vgl. noch Gingins-la-Sarraz, Archiv Geschichtskunde 8, S. 57 Anm. 283; Poupardin, Provence, S. 128.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,4 n. 2924, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/f6714bc9-537e-40da-b492-3240a757ec72
(Abgerufen am 29.03.2017).