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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,4

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Karl, der jüngste Sohn (Carolus minor: Ado; qui iunior natu erat: Regino) Kaiser Lothars (I.), der sich zusammen mit seinem Bruder Lothar (II.) am Hof seines auf den Tod erkrankten Vaters aufhält (morbo correptus vitamque desperans ... dispositoque inter filios qui secum morabantur regno: Ann. Bertin.), erhält in Gegenwart der zusammengerufenen Großen des Reiches (convocatis primoribus regni: Regino), als sein Vater das Reich unter seine drei Söhne aufteilt (disposito inter filios ... regno: Ann. Bertin.; imperium filiis suis divisit: Regino), die Provence (Provincia: Ann. Bertin.; Provintiae regnum: Regino) mit einem Teil Burgunds (partem Burgundiae: Ado).

Überlieferung/Literatur

Ann. Bertin. a. 855, ed. Grat, Annales Bertiani, S. 71; Regino v. Prüm a. 855, ed. Kurze, S. 77; Ado v. Vienne, Chron., ed. Pertz, MGH SS 2, S. 324. Vgl. Erchanberti Breviarium cont., ed. Pertz, MGH SS 2, S. 329; Andreas v. Bergamo, c. 7, ed. Waitz, S. 226; Erchempert, Hist. Lang. c. 19, ed. Waitz, S. 241; Regino v. Prüm a. 855, ed. Kurze, S. 46; Translatio s. Ianuarii, ed. Holder-Egger, MGH SS 15, S. 473.

Vgl. Adrevald v. Fleury, Miracula s. Benedicti, I, c. 33, ed. Certain, S. 70: Carolus autem iunior Burgundiam cum Aquitania possedit; Schreiben Hinkmars von Reims an König Ludwig den Stammler, ed. Migne, PL 125, Sp. 986 (vgl. Poupardin, Provence, S. 19 Anm. 1).

Regg.: BM2, Nr. 1177a. (vgl. ebd., S. 557, nach 1325e); Chevalier, Regeste Dauphinois, Nr. 698; Böhmer-Zielinski I, Nr. 139.

Kommentar

Ort, Zeitpunkt und nähere Umstände der von Lothar I. verfügten Reichsteilung – diese in deutlicher Abkehr von einer jahrelang verfolgten Politik, die die Gesamtnachfolge des ältesten Sohnes und Mitkaisers (seit 850: Böhmer-Zielinski I, Nr. 67) Ludwig II. vorsah (vgl. Kasten, Königssöhne, S. 381 – 387) – sind angesichts einer disparaten und widersprüchlichen Quellenlage nicht abschließend zu klären. Daß die Reichsteilung in der ca. 18 km nordöstlich von Prüm an der alten Römerstraße durch die Eifel gelegenen, eher unbedeutenden Pfalz Schüller erfolgte, wo Lothar I. am 19. September 855, zehn Tage vor seinem Tod, letztmalig geurkundet hat (D Lo.I.139), ist erstmals von Mühlbacher vermutet worden (BM2, Nr. 1177a). Auch das Kloster Prüm selbst, in das sich der auf den Tod erkrankte Kaiser am 22. (Fest des auch in Prüm verehrten Hl. Mauritius: Isphording, Prüm, S. 359f.) oder 23. September nach Ablegung seiner Herrscherinsignien zurückgezogen hat, ist als Ort des Geschehens ins Spiel gebracht worden (Kaschke, Dispositio, S. 92f.; vgl. Isphording, Lothar, S. 78f.). Wenn es tatsächlich zu einer allgemeinen Reichsversammlung gekommen sein sollte, die allerdings nur der ca. 50 Jahr später schreibende Regino von Prüm im Auge zu haben scheint (convocatis primoribus regni, siehe oben), könnte man auch an Aachen denken (vgl. Isphording, Lothar, S. 78), wo Lothar letztmalig am 28. Januar 855 bezeugt ist (D 137), wo er aber angesichts seines lückenhaften Itinerars (D 138 nach langer Lücke aus Kievermunt vom 9. Juli 855, vgl. BM2, Nr. 1172 auch später noch residiert haben wird. Rein spekulativ ist die Annahme von Kaschke, Dispositio, S. 93, daß es damals – in Parallele zu anderen gut bezeugten Reichsteilungen – zur Ausfertigung eines Dokumentes gekommen sein soll, das von den Großen beschworen und zumindest von Lothar I. unterzeichnet worden sei. Selbst die Tatsache als solche – eine maßgeblich von Lothar I. unter seine drei Söhne verfügte Reichsteilung – ist nach der Untersuchung von Kasten, Königssöhne, S. 381 – 387, nicht wirklich gesichert, scheint es doch eher dem Bestreben Lothars II. und seines Anhangs zuzuschreiben zu sein (vgl. Ann. Fuld., a.a.O., dazu BM2, Nr. 1275e), daß die von seinem Vater ursprünglich (und vielleicht noch im Angesicht des Todes) favorisierte Primogenitur nicht realisiert wurde (Kasten, a.a.O., bes. S. 384 – 386). Überhaupt wird man dem Einfluß der Großen, wie die weitere Entwicklung zeigt (s. bes. Regg. 24952496, größeres Gewicht zuerkennen müssen, als es die herrscherkonzentrierte Sichtweise der oben zit. Quellen vermuten läßt. – Mit dem genauen Umfang des dem jüngsten Kaisersohn Karl zugewiesenen Reichsteils hat sich ausführlich Poupardin, Provence, S. 2 – 9, 281 – 290, befaßt. Neben den oben genannten Quellenstellen sind ergänzend auch Ann. Bertin. a. 856, ed. Grat, Annales Bertiani, S. 73, heranzuziehen, wo es anläßlich des Treffens in Orbe (Reg. 2495 heißt, daß Karl iuxta paternam dispositionem... Provinciam et ducatum Lugdunensem erhalten habe. Danach umfaßte das Reich Karls, der 855 sicherlich minderjährig war (siehe unten), neben der Provence den Ducatus von Lyon, zu dem auch das Viennois gehörte, mit den Bistümern Grenoble und Saint-Jean-de-Maurienne. Rechts der Rhône zählten im Süden das Uzège (um Uzès, vgl. Reg. 2541) und das Vivarais (um Viviers, vgl. Reg. 2542), im Norden das Forez (um Feurs, vgl. Gavinet, Pagus, ; Reg. 2917) zum Reich Karls – insgesamt also ein Raum, der große Teile der Rhônelande und der südlichen Westalpen umfaßte; vgl. die Karten bei Longnon, Atlas historique de la France, Planche 63 (Textbd. S. 74); Atlas hist. (Belfram), Provence, Planche 44. Zur schillernden Terminologie von Provincia – Burgundia etc. vgl. Poupardin, Provence, S. 281 – 290; Mazel, Horizons, S. 454 – 460. – Geburtsjahr und Alter Karls im Jahre 855 werden von keiner Quelle genannt. Zum Jahre 856 wird er noch als puer bezeichnet (Reg. 2495, in D 1 = Reg. 2501(856/57) ist Graf Gerhard (von Vienne) als sein nutritor bezeugt. In der Literatur schwanken die Angaben zu seiner Geburt zwischen „nach 840“ und „um 845“; vgl. bes. Poupardin, Provence, S. 10 Anm. 3; Werner, Nachkommen, 4. Generation a12 (vgl. ebd., S. 450). Siehe auch Nelson, Annals, S. 81 Anm. 5; Brühl, Deutschland-Frankreich, S. 391 Anm. 223; Kasten, Königssöhne, S. 382. – Ob Karl schon bei seiner Königserhebung zu epileptischen Anfällen neigte (siehe Reg. 2548, läßt sich allenfalls vermuten; vgl. Hack, Alter, S. 169 – 171. – Vgl. noch Dümmler, Geschichte, S. 391; Poupardin, Provence, S. 1; Schieffer, Die Urkunden Lothars I., S. 10; Schieffer, Die Urkunden Lothars II., S. 369; Schieffer, Lothar I., S. 215; Schieffer, Lothar II., S. 216f.; Konecny, Frauen, S. 40; Nelson, Charles the Bald, S. 180f.; Brühl, Deutschland-Frankreich, S. 88f. m. Anm. 29; Schieffer, Karolinger, S. 152f.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,4 n. 2492, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/eafede33-b86c-4127-a460-159cd8c9c01e
(Abgerufen am 23.03.2017).