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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,4

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Boso überträgt (concedimus) für das Seelenheil Kaiser Karls (des Kahlen), sein eigenes und das seiner Gemahlin dem wegen der Heidenüberfälle nach Tournus verlegten Kloster Saint-Philibert (s. Philiberto, qui ob infestationem paganorum castro Trinorchio delatus est) unter Abt Geilo die der Gottesmutter geweihte Zelle Talgeria (Talloires) im Comitat von Genf, die Curtes Dulcatis, Marlandis, Verilico und Tudesio sowie die Villa Ariaco und schließlich im Comitat von Tarentaise die Villa Clasia (Glaise). – Stephanus notarius ad vicem Adalgarii. – M. SI.

Originaldatierung:
.VI. Id., Lugduno civitate – a. r. 1, Ind. 12.
Incipit:
Sanctae recordationis
Empfänger:
Kloster Saint-Philibert

Überlieferung/Literatur

Angebliches Or. Mâcon, Arch. dép. de Saône-et-Loire, H 177 n. 4, 9. Jh. (A).

Kopie: Sion/Sitten, Kantonsarchiv, Pierre de De Rivaz, Diplomatique de Bourgogne, vol. I, n. 16, Kopie Ende 18. Jh.

Faksimile: Recueil de fac-similés à l’usage de l’École des chartes, nouvelle série, vol. III, Nr. 315; Lot/Lauer, Diplomata Karolinorum, Taf. 16 (Rois de Provence Nr. 16), mit Regest, zu Dez. 8 (als „prétendu original du Xe s.“).

Drucke: Dijon, Tournus, S. 232 – 234, zu Nov. 8 oder Dez. 8, aus A = Ménestrier,Lyon, S. XXXVII = Juénin, Nouvelle histoire, Preuves, S. 102 – 103, zu Nov. 8 = Bouquet, Recueil 9, Nr. 1 S. 669 – 670, zu Nov. 8 = Monfalcon, Lugdunensis historiae monumenta, ed. Ia, S. 369 = ed. IIa, S. 95 – 96 = Dessaix, La Savoie historique, I, S. 133, zu Nov. 8 = Brasier, Études, S. 69 – 71 Nr. B, zu Nov. 8 oder Dez. 8; Philippe, Notice historique, Nr. 1 S. 78 – 79; Lex, Documents originaux, Nr. 8 S. 12 – 13 (Nr. 8 S. 258 – 259), aus A; Prou-Poupardin, Recueil, Nr. 19 („Acte suspect“) S. 35 – 38, zu Dez. 8; ARTEM *607.

Regg.: B 1443, zu Nov. 8; Pierre de De Rivaz, Diplomatique de Bourgogne, vol. I n. 16, ed. Chevalier, S. 4; Bréquigny, Diplomata, I, S. 323, zu Nov. 8; Régeste Genevois, Nr. 101, zu Nov. 6; Michon [ u.a.], Inventaire des archives de Saône-et-Loire II, Série H, S. 58; Poupardin, Monuments, Nr. 21 S. 117f., zu Dez. 8; Chevalier, Regeste Dauphinois, Nr. 824, zu Nov. 8.

Vgl. noch Mermet, Histoire de Vienne, S. 238; Terrebasse, Boson, S. 96f.

Kommentar

Die Datierung richtet sich nach dem 1. Regierungsjahr Bosos in Verbindung mit der 12. Indiktion (vgl. DD 17 – 18/Regg. 2755 u. 2757), wobei wegen der fehlenden Monatsangabe theoretisch auch der 8. Dezember denkbar wäre. Diesem Datum hat Poupardin den Vorzug gegeben, weil in D 17 vom 8. November (Lyon!) andere Kanzlisten genannt sind (vgl. aber den Kommentar zum vorigen Reg.). Wenn man unser Stück auf den 8. Dezember datierte, müßte man annehmen, daß Boso, der am 2. Dezember in Charlieu bezeugt ist (das folgende Reg.), noch einmal nach Lyon zurückgekehrt ist (Entfernung Lyon – Charlieu ca. 75 km), was ich für unwahrscheinlicher halte als die ungewöhnliche, aber nachvollziehbare Anführung des Erzbischofs von Lyon in der Corroboratio des D 17. – Das schon von Lex, a.a.O., für eine zeitgenössische Fälschung gehaltene D 19 weist zahlreiche auffällige äußere Merkmale auf – Format (ca. 60 cm breit, aber nur ca. 10 cm hoch!); kleines Gemmensiegel ohne Umschrift (vgl. Prou-Poupardin, Recueil, S. LVf. mit Tafel II, Nr. 2; Corpus des sceaux français II, S. 129 Nr. 53), das zudem mangels Platz ganz rechts oben über den Rand gequetscht wurde; Signum- und Rekognitionszeile nicht abgesetzt in der letzten Kontextzeile; Schriftcharakter etc. – die sich in dieser Form in keiner einzigen im Original überlieferten fränkischen Königsurkunde des ausgehenden 9. Jahrhunderts nachweisen lassen und die das Stück zweifellos als formale Fälschung entlarven; vgl. im einzelnen Poupardin, Vorbemerkung; Bautier, Langres, S. 155 (positiver in seinem Urteil Font-Réaulx, Propos, S. 427f.). Andererseits hinterläßt die Diktatanalyse einen besseren Eindruck. Der Formularrahmen (Protokoll, Eschatokoll) ist weitgehend stimmig. Der in der Rekognitionsformel genannte Notar Stephanus, der unser Stück in Vertretung Adalgars rekognosziert hat (Adalgar wird der Bischof von Autun sein, der Empfänger des D 17), begegnet (wieder zusammen mit Adalgar) in gleicher Funktion auch in D 18. Auch ist das Monogramm korrekt (vgl. Prou-Poupardin, Recueil, S. XLII mit Tafel I, Nr. 2). Selbst die formelhaften Teile der Dispositio (Gebetsformel, Pertinenz) zeigen Parallelen zu D 18 (vgl. dort). Man wird daher davon ausgehen müssen, daß der Fälscher eine echte Vorlage vor sich hatte, die zeitlich in die frühe Königszeit Bosos gehört und wahrscheinlich tatsächlich von Stephanus konzipert und rekognosziert war. Unbestritten ist auch, daß Talloires – am See von Annecy, also nach 888 im Rudolfingerreich gelegen – später, erstmals in D KdE. 82 (Or., 915 Oktober 10), kontinuierlich in der Besitzliste von Saint-Philibert erscheint. Rudolf III. von Hochburgund hat um 1016/1018 Talloires an das Kloster Savigny gegeben (D Burg. 113), was später mehrfach bestätigt wurde. Rudolfs Gemahlin Irmingard hat in Talloires dann ein Kloster (neu-) gegründet (D Burg. 137); vgl. Perret, Origines, S. 45; Schieffer, Vorbemerkung zu D Burg. 113. Auch der allgemein-historische Hintergrund (vgl. den Sammelband Saint-Philibert, speziell zu unserem Stück dort Cartron, Domaine, bes. S. 535 – 538; siehe auch Dies., Pérégrinations, S. 219, 232 m. Anm. 69) läßt es nicht undenkbar erscheinen, daß Boso, dem Beispiel des Papstes Johannes’ VIII. folgend (vgl. Boshof, Traditio, S. 28f.), bald nach seiner Königserhebung für Saint-Philibert geurkundet hat. Abt Geilo war offensichtlich in Mantaille anwesend (Reg. 2752, gehörte ursprünglich also wohl zu den Anhängern des neuen Königs (zu seiner späteren Haltung siehe bes. Reg. 2772). Die Hartnäckigkeit, mit der Saint-Philibert später seinen „unrealisierbaren Anspruch“ auf Talloires aufrecht erhalten hat (Schieffer, a.a.O.), macht es sogar wahrscheinlich, daß Boso, der ja ursprünglich weitergehende Herrschaftsabsichten hatte (vgl. Reg. 2752 Kommentar), dem Kloster damals tatsächlich Talloires übertragen hat. – Wenn es aber eine solche Urkunde Bosos gegeben hat, dann kann der Grund für die Anfertigung des angeblichen Originals nur in der umfangreichen Besitzliste liegen, die der Nennung von Talloires folgt und die sich schon durch ihren wenig homogenen Anschluß als nachträgliche Hinzufügung entlarvt. Zudem sind dem Fälscher bei der Neukonzipierung des Kontextes mehrere grobe Fehler und Ungereimtheiten unterlaufen (es fehlt etwa vor der mit in honore domini et salvatoris nostri einsetzenden Nennung des Empfängers das eigentliche Bezugswort wie ecclesiae dicatae), die Poupardin in seiner Vorbemerkung schon zum großen Teil aufgelistet hat. Einige Fehler lassen geradezu darauf schließen, daß der Falsarius seine Vorlage falsch verstanden oder abgeschrieben hat (comperiat notitiae in der Promulgatio statt comperiat sollertiapropria voluntate wohl verlesen aus prompta voluntate – firmitatem rigoris in der Corroboratio wohl fälschlich für firmitatis rigorem oder firmitatem vigoris). Unsicher ist, wann das Machwerk entstanden ist. Erst eine genauere Untersuchung der Besitzliste könnte hier vielleicht weiterführen (zu den uneinheitlich identifizierten Örtlichkeiten vgl. Poupardin, Monuments; Régeste Genevois, a.a.O.; Cartron, Domaine, S. 536, 543 u. passim; zur möglichen Herkunft der Güter ebd., S. 553 Anm. 24). Poupardin denkt vielleicht zu Recht an einen Zusammenhang mit dem genannten Diplom Karls des Einfältigen (D 82) und vermutet eine Entstehung zwischen 916 und 941. – Vgl. noch Poupardin, Provence, S. 113 m. Anm. 3; Bautier, Langres, S. 219.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,4 n. (F)2756, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/e71f83b9-386d-4511-8588-2e15f748fe3e
(Abgerufen am 24.05.2017).