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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,4

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Boso bestätigt (statuimus ergo confirmantes et confirmando decernimus) auf Bitten des Bischofs Adalgar von Autun der dortigen (Bischofs-) Kirche Saint-Nazaire (S. Nazarii) den gesamten, von seinen königlichen und kaiserlichen Vorgängern (ab antecessoribus nostris regibus videlicet et imperatoribus) urkundlich übertragenen Besitzstand, darunter die Urkunden, durch die Saint-Nazaire die Abtei Flaviniaco (Flavigny-sur-Ozerain) sowie die Villae Beliniaco (Bligny-sur-Ouche), Lucennaco (Lucenay-le-Duc) und Tiliniaco (Tillenay) erhalten hat, und fügt aus Königsgut (de nostro iure) den mons qui vocatur Senmurus (Semur) mit der dortigen Kirche und zwei Mühlen hinzu. – Elibertus cancellarius ad vicem Aureliani archiep. – M.

Originaldatierung:
.VI. Id. Nov., Lugduno civitate – a. r. 1, Ind. 12.
Incipit:
Si piis
Empfänger:
(Bischofs-) Kirche Saint-Nazaire

Überlieferung/Literatur

Kopien: Paris, BnF, Coll. Baluze 71, fol. 54r-v, Abschrift Baluze 17. Jh., aus dem verlorenen Chartular 12. Jh. der Kirche von Autun, mit getreuer Nachzeichnung des M (E); ebd., Ms. lat. 11 897, fol. 146r, 17. Jh., wie E; ebd., Ms. lat. 17 674, fol. 107r, Abschrift für Charles Le Cointe, 17. Jh., wie E; ebd., Coll. de Bourgogne vol. 1, fol. 147 (vormals 155), 17. Jh., wie E; Dijon, Bibl. Municipale, Ms. 1328 (vormals Juigné 17), fol. 30v, Abschrift Ende 17. Jh., wie E; Autun, Ms. der Sammlung Fontenay-Changarnier, fol. 21, Abschrift 17. Jh., wie E, jetzt verschollen.

Drucke: Baluze, Capitularia, II,1 1677, Nr. 112 Sp. 1505 – 1506 = 3 1780, Nr. 112 Sp. 1505 – 1506 (ND Mansi, Collectio nova,2 XVIII B), aus einem Chartular der Kirche von Autun = Mansi, Collectio nova,1 XVIII, Nr. 112 Sp. 995 = Gallia christiana, IV, Instrumenta, Nr. 21 Sp. 61 – 62 = Plancher, Histoire de Bourgogne, I, Preuves, Nr. 14 S. XII – XIII = Bouquet, Recueil 9, Nr. 2 S. 670 = Charmasse, Cartulaire Autun, I, Nr. 17 S. 27; Prou-Poupardin, Recueil, S. 32 – 33 Nr. 17.

Regg.: B 1444; Bréquigny, Diplomata, I, S. 323; Chevalier, Regeste Dauphinois, Nr. 825.

Vgl.Mermet, Histoire de Vienne, S. 238; Terrebasse, Boson, S. 97.

Kommentar

Nur wenige Wochen nach seiner Königswahl in Mantaille am 15. Oktober 879 (Reg. 2752 und möglicherweise wenige Tage nach seiner Krönung und Weihe, die wohl am Ausstellort unseres Stücks unter Leitung des dortigen Erzbischofs Aurelian stattfand (das vorige Reg.), hat Boso Bischof Adalgar von Autun, der in Mantaille durch einen Archidiakon vertreten war (Reg. 2752 und offensichtlich zu seinen Anhängern zählte, eine umfassende Besitzbestätigung ausgestellt, die in ihrer Echtheit zuletzt von Bautier, Recueil des Actes d’Eudes, Introduction, bes. S. CXLIV – VI, bestritten worden ist (vgl. ebd., S. CXLIX: „certainement un faux“); vgl. auch Poupardin, Provence, S. 110 – 112; Font-Réaulx, Sur divers diplômes, S. 170 – 172; Ders., Propos, S. 428 Anm. 1. In der nach dem ersten Regierungsjahr Bosos, aber ohne Anführung eines Inkarnationsjahrs datierten Urkunde ist die Indiktion noch nicht umgestellt, so daß man davon ausgehen muß, daß wir es hier nicht mit der mehrfach bezeugten Septemberindiktion zu tun haben; vgl. Reg. 2895 (Kommentar); Prou-Poupardin, Recueil, S. XLVIIIf. Gravierender als dieser nicht weiter ins Gewicht fallende Umstand sind die von Bautier, a.a.O., notierten Auffälligkeiten insbesondere in der Besitzliste und in der Kanzleiunterfertigung. Als Kanzler wird ein nur hier vorkommender Elibert aufgeführt, der ad vicem des Erzbischofs Aurelian von Lyon rekognosziert hat. Er könnte vielleicht dem Empfänger, eventuell aber auch dem Lyonneser Erzbischof nahegestanden haben. Ein Fälschungskriterium ist seine Nennung nicht, solange wir nicht mehr über ihn wissen. Wenn Aurelian, der Koronator Bosos (s. oben), nur hier in der Funktion eines Kanzleileiters genannt wird – einen Monat später (D 18 = Reg. 2757) ist bereits ein titelloser Adalgar, offensichtlich der Petent und eigentliche Empfänger unseres Stückes, Adalgar von Autun (er ist vor seiner Bischofswahl von 870 bis 875 als Notar Karls des Kahlen bezeugt) in dieser Funktion in der Rekognition aufgeführt (vgl. Prou-Poupardin, Recueil, S. IXf.; Poupardin, Provence, S. 112f.; Font-Réaulx, a.a.O.) – so spricht auch dies für sich genommen nicht gegen die Echtheit unseres Stückes. Die singuläre Nennung des Erzbischofs Aurelian, der gerade Boso gekrönt zu haben scheint (das vorige Reg.), relativiert sich, wenn man berücksichtigt, daß er ausnahmsweise gewissermaßen ehrenhalber als Kanzleileiter aufgeführt sein könnte (auch Erzbischof Manasses von Mailand wird in zwei Urkunden Ottos des Großen, die dieser während seines ersten Italienzugs 951/952 für Sant’Ambrogio in Mailand ausgestellt hat, ausnahmsweise als Erzkanzler bzw. Erzkapellan aufgeführt: Böhmer-Zielinski III, Nr. 2198 u. 2222). Die von Bautier angeführten Diktatübereinstimmungen mit anderen Urkunden für Autun erklären sich zwanglos durch Empfängereinfluß (den im übrigen auch schon Bautier konstatiert hat). Es war wohl Adalgar selbst, der als ehemaliger Kanzlist Karls des Kahlen das Diktat der an Autun gegangenen Königsurkunden maßgeblich beeinflußt hat (vgl. Font-Réaulx, Sur divers diplômes; Bautier, a.a.O., S. CLf.; siehe bes. D KdK. 420, D Kn. II.68 und D Eudes 35). Speziell in unserem Fall diente D KdK. 420 (Compiègne, 877 Februar 23), das in Lyon entweder präsentiert wurde oder dessen Verfasser auch die Urkunde Bosos konzipiert hat, über weite Strecken als Vorlage unseres D 17 (so in der Arenga [Hausmann/Gawlik, Arengenverzeichnis, Nr. 3402, vgl. ebd., Nr. 3993 – 3403] das seltene opem ferendo consulimus; in der Petitio das charakteristische ad nostrae sublimitatis accedens mansuetudinem; im Kontext ein auffälliges eius petitionibus tanto libentius cessimus quanto nobis id profuturum perspeximus amplius), das auch im übrigen Diktat weniger lotharischen Einfluß (den wir in den Urkunden Karls von der Provence konstatiert hatten) zu erkennen gibt als sich vielmehr dem Urkundenwesen Karls des Kahlen verpflichtet weiß. Nicht gesichert ist allenfalls die Besitzliste unseres Stückes (Bautier, a.a.O., bes. S. CXLVI; zur Identifizierung der Orte auch Font-Réaulx, Sur divers diplômes, S. 170f.), doch auch diesbezüglich wird man sich fragen müssen, warum man in Autun ausgerechnet auf Boso gefälscht haben sollte, der ja dort nur für kurze Zeit als König anerkannt war (vgl. Regg. 2773 u. 2778). Überhaupt bleibt Bautier in seinem Fälschungverdikt auffallend vage, nennt weder Anlaß noch Motiv oder Zeitpunkt der Fälschung wie auch nicht ihren Urheber (Adalgar selbst?). Was Bautier über die undatierte Charta des Adalgar (Reg. 2743) anführt (a.a.O., S. CXLVf.) – die er geradezu als Auslöser der Fälschung ansieht – ließe sich auch positiv zugunsten unseres Stückes wenden: sollte Boso nicht erwogen haben, nach seiner Königserhebung nun seinerseits Autun eine weitreichende Besitzbestätigung auszustellen? Daß insbesondere der von Boso der Kirche geschenkte mons Senmurus (Semur) in jüngeren Urkunden für Autun nicht mehr erscheint (Bautier, a.a.O., S. CXLIV), spricht eher für die Echtheit unseres Stückes, ist es doch durch die nachfolgenden Ereignisse offensichtlich nicht zur Realisierung dieser Schenkung gekommen, und Adalgar selbst hat wohl keinen Versuch unternommen, sich diese zusätzliche Schenkung Bosos durch die siegreichen Karolinger bestätigen zu lassen. Selbstverständlich kann man angesichts der schlechten Überlieferung unseres Stückes nicht ausschließen, daß der eine oder andere Teil der Besitzliste interpoliert ist, doch setzt ein fundiertes Urteil darüber eine umfassende monographische Behandlung aller einschlägigen Urkunden für Autun voraus (vgl. Bautier, Vorbemerkung zu D Kn. II.68). – Allgemein zur prekären Überlieferung des Bistums vgl. zuletzt Böhmer-Fees, Nr. 366. Die zahlreichen modernen Abschriften gehen direkt oder indirekt auf das verlorene Chartular der Kirche von Autun zurück, das Charmasse, a.a.O., rekonstruiert hat; vgl. cartulR - Répertoire des cartulaires médiévaux et modernes [http://www.cn-telma.fr/cartulR/codico984/?para=619t19]. – Von den älteren Urkunden für Autun ist nur die Immunitätsurkunde Ludwigs des Frommen überliefert (BM2, Nr. 589). Auch unter den zahlreichen Urkunden Karls des Kahlen für Autun (vgl. Böhmer-Fees, Nr. 366) findet sich keine allgemeine Besitzbestätigung. In D KdK. 216 hat jener Tillenay restituiert, in D 420 die Abtei Flavigny an Autun gegeben. Die jüngeren Urkunden für Autun hat Bautier, a.a.O., S. CL, zusammengestellt; vgl. insbesondere neben dem schon genannten D Kn. II.68 noch D LuSt.29, D Kn. II.49, D Eudes 35 und D KdE. 33. – Spätestens Ende 880, nach dem ersten Feldzug der vereinigten karolingischen Könige gegen Boso, ist Adalgar von Boso abgefallen; vgl. Regg. 2771 u. 2773.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,4 n. 2755, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/d9817f13-66a8-4219-9245-d3821952d077
(Abgerufen am 23.07.2017).