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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,4

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Ludwig (der Blinde?) überträgt (concederemus) Abt Gipperius zu dessen Lebzeiten (diebus vitḝ sue tantummodo) auf Bitten des ihm verwandtschaftlich verbundenen Grafen Hugo (illustrissimus comes nobisque viscerabiliter dilectus Hugo) (wohl Hugo von Vienne) die Abtei Saint-Oyand(-de-Joux) (abbatiam s. Augendi) mit all ihren Dörfern (villulas unde fratres in predicto cenobio s. Augendi vivere debent), Zellen, Salinen und sonstigen Pertinentien mit der Maßgabe, das Kloster gemäß der Benediktsregel zu leiten (gubernet, teneat atque possideat secundum regulam s. Benedicti), und verpflichtet die geistlichen und weltlichen Großen (nullus archiepiscopus, nullus comes, nullus vicecomes neque ulla iuditiaria potestas) bei Androhung einer Strafzahlung von 20 Pfund Gold zur Einhaltung dieser Verfügung. – Arnulfus [...]. – M.

Originaldatierung:
– a. inc. [...], a. r. [...].
Incipit:
Si necessitatibus
Empfänger:
Abt Gipperius

Überlieferung/Literatur

Or. Lons-Le-Saunier, Arch. dép. du Jura, 2 H 16 (A).

Faksimile: Lot/Lauer, Diplomata Karolinorum, Taf. 3 (Rois de Provence Nr. 3), mit Regest. – Kleinere Abb.: Benoît, a.a.O., Taf. VI (nach S. 386) = Brune, a.a.O., Taf. VI.

Drucke: Dunod, Histoire des Sequanois, I/2, Preuves, S. LXVIII; Benôit, Histoire de Saint-Claude, I, Append. H, S. 640 – 641, aus A; ebd., S. 385 – 386, frz. Übersetzung; Brune, Diplômes de Saint-Claude, Nr. 7 S. 29, aus A; Prou-Poupardin, Recueil, Nr. 38 S. 70 – 72, 128; ARTEM 4924.

Vgl. Böhmer-Zielinski III, Nr. 1439.

Kommentar

Die Datierung des durch Feuchtigkeit unterhalb der Signumzeile stark geschädigten Originals ist nicht mehr lesbar. Auch für die Actumangabe in conventu Torinensi wollte sich schon Poupardin, Vorbemerkung, nicht mehr verbürgen. – Ausführlich besprochen ist D 38 erstmals von Christin, Dissertation, § 3 S. 41 – 43, der mit unzutreffenden Argumenten seine Echtheit überhaupt bestreitet. Andere ältere Autoren haben als Aussteller unseres D 38 Ludwig IV. den Überseeischen erwogen; vgl. ausführlich Poupardin, Vorbemerkung. Indes überwiegen fraglos die Gründe, die für Ludwig den Blinden sprechen, darunter nicht zuletzt die Nennung des Arnulf in der Rekognitionsformel, kommt doch ein gleichnamiger Notar in den Urkunden Ludwigs IV. nicht vor (vgl. Lauer, Introduction, S. XVIII – XIX, der unser D 38 überhaupt nicht berücksichtigt). Bei diesem Arnulf wird es sich um den führenden Kanzlisten Ludwigs des Blinden handeln, von dem auch alle in Italien ausgestellten Urkunden Ludwigs rekognosziert wurden (Böhmer-Zielinski II, Nr. 11121115 u. passim). Arnulf hat die italischen Urkunden zumeist von einem Gehilfen anfertigen lassen, der schon in den in der Provence ausgestellten Urkunden begegnet ist (D Prov. 36/Reg. 2901), vgl. Schiaparelli, I diplomi italiani di Lodovico III, Prefazione, S. VIII – X, 3 u. passim; Ders., Ricerche III, S. 107, 109; Ders., Archivio paleografico IX, Tav. 3, Regest; Ders., Descrizioni e trascrizioni, S. 103f.; Böhmer-Zielinski II, Nr. 1112; Zielinski, Urkundenwesen, bes. S. 176. Die Hand, die unser D 38 (einschließlich der Signumzeile) mundiert hat, ist allerdings nicht weiter nachweisbar, wenngleich vom Schrifttyp her als provenzalisch erkennbar. Die markante Form des Eingangschrismon verbindet unser D 38 mit Arnulfs D Prov. 41 u. 44 (Regg. 2917 u. 2921), die in Vienne ausgestellt wurden. Auch die übrigen äußeren Merkmale des D 38 (Elongata in erster Zeile und in Signum- und Rekognitionszeile, Monogramm [wie in D 36] etc.) sind charakteristisch für die Urkunden Ludwigs des Blinden. Nicht zuletzt spricht für den provenzalischen König auch das Formular, das mit dem in den übrigen von Arnulf rekognoszierten Stücken teilweise wörtlich übereinstimmt (Protokoll, Arenga, Corroboratio), vgl. bes. DD 32, 36 u. 37 (Regg. 2893, 2901 u. 2905). Die Arenga unseres D 38 (vgl. DD 32/Reg. 2893 u. 36/Reg. 2901) begegnet noch in den italischen Urkunden Ludwigs (Böhmer-Zielinski II, Nr. 1114 u. passim). Italischem Diktateinfluß ist wohl die Pönformel zu verdanken; vgl. ebd., Nr. 1112 – 1115. – Ist Ludwig der Blinde tatsächlich der Aussteller, muß unser Stück vor 901 Februar, dem Datum der Kaiserkrönung (Böhmer-Zielinski II, Nr. 1125), ergangen sein. Turin als Ausstellort führt dann aber zwingend in den September des voraufgehenden Jahres, als Ludwig auf dem Weg nach Pavia war (vgl. ebd., Nr. 1110/1111) und es möglicherweise in Turin tatsächlich zu einem ersten Treffen (conventus) mit italischen Großen gekommen ist. Schiaparelli, der Herausgeber der in Italien ausgestellten Urkunden Ludwigs des Blinden, hat D 38 nicht berücksichtigt; vgl. Böhmer-Zielinski III, Nr. 1439. – Bei dem intervenierenden Grafen Hugo wird es sich um Graf Hugo von Vienne handeln, der seinen König über die Alpen anfänglich begleitet zu haben scheint, in der Folgezeit aber nicht mehr in seiner Umgebung nachweisbar ist und wohl vorzeitig zurückgekehrt ist; vgl. Böhmer-Zielinski III, Nr. 1439. – Zu der dürftigen und zudem durch mehrere Fälschungen auf den Namen Karls d. Gr. verunklarten Urkundenüberlieferung des alten Juraklosters Saint-Oyand-de-Joux (das spätere Saint-Claude) vgl. Schieffer, Vorbemerkung zu D Lo.I.135; siehe auch Locatelli-Moyse, Saint-Claude, S. 257, zu Gipperius ebd., S. 265 Nr. *3. Die Besitzliste unseres Stückes wird durch die NU König Hugos von Vienne (D Hu.17 = Böhmer-Zielinski III, Nr. 1555, vgl. Reg. 3004) gestützt, die gleichfalls im Original erhalten ist. Zur Nennung der Salinen vgl. bes. Prinet, L’industrie du sel, S. 34 – 37.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,4 n. 2907, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/bf53f781-e7b1-4618-8db1-9c7a2ec657f3
(Abgerufen am 17.01.2017).