Regestendatenbank - 174.566 Regesten im Volltext

RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,2

Sie sehen den Datensatz 86 von insgesamt 653.

Wido wird auf einem mit der Abhaltung einer Synode verbundenen Treffen (colloquium) der Großen des Regnum Italiae zum König gewählt. (I) Synodaldekret (capitula): Die in der Pfalz zu Pavia (in aula Ticinensi) aus verschiedenen Teilen (des Regnum Italiae) zusammengekommenen Bischöfe (nos humiles episcopos ex diversis partibus Papiae convenientibus) beschließen, da sie Wido zum König wählen wollen (disponente iura regni huius cum tranquillitate sopitis hostibus suis insigni rege et seniore nostro Widone), zur Abstellung vielerlei Bedrückungen, unter denen die Kirche zu leiden hat, folgende acht Capitula, deren Einhaltung Wido verspricht (Wido dignatus est nobis promittere conservaturus se prescripta capitula): [Cap. 1:] Die Römische Kirche soll die ihr von den Kaisern und Königen verliehenen Privilegien und Rechte ungeschmälert besitzen dürfen. [Cap. 2:] Auch die Bischofskirchen sollen die ihnen von den Kaisern und Königen verliehenen Privilegien und Besitzungen ohne Einschränkung besitzen. [Cap. 3:] Die Bistümer, Abteien, Xenodochien und alle Gott geweihten Orte sollen in ihrem althergebrachten Rechtszustand ungestört verbleiben. [Cap. 4:] Die Unterordnung aller Geistlichen unter die bischöfliche Jurisdiktionsgewalt wird eingeschärft (... sub potestate proprii episcopi ... salva ecclesiastica disciplina). [Cap. 5:] Die gewöhnlichen Laien (plebei homines et universi ecclesiae filii) werden vor der Willkür der Grafen, denen widrigenfalls Amtsverlust und Exkommunikation droht, in Schutz genommen. [Cap. 6:] Die königlichen Gefolgsleute (palatini, qui in regio morantur obsequio), haben sich aller Übergriffe zu enthalten. [Cap. 7:] Wer von ihnen zum Placitum anreist, soll sich unterwegs alles Notwendige kaufen, keinesfalls aber gewaltsam zusammenrauben. [Cap. 8:] Für die Übergriffe, die die aus auswärtigen Provinzen nach Italien kommenden Leute begehen, sind deren Gastgeber (hi, cum quibus morantur) - widrigenfalls bei Strafe der Exkommunikation - verantwortlich. (II) Wahldekret (electionis decretum): Da Wido seine Widersacher, die mit List und Gewalt das Regnum (Italiae) in Besitz genommen hatten, mit Gottes Hilfe besiegt hat, sie geflohen sind und das Volk schutzlos zurückgelassen haben, beschließen die Bischöfe, Wido zum König und Gefolgsherrn zu wählen (decrevimus uno animo eademque sententia praefatum magnanimum principem Widonem ad protegendum et regaliter gubernandum nos in regem et seniorem nobis eligere et in regni fastigium Deo miserante prefigere), da er die Römische Kirche erhöhen, das Recht aller Kirchen und Bewohner achten und dem Reich den Frieden wiedergeben wird. (III) Königswahl: Wido wird von einer Synode italischer Bischöfe, nachdem er insbesondere den Schutz der Kirche und des Kirchenguts in schriftlich von der Synode abgefaßten Capitula versprochen hat (oben Teilregest I), zum König, Gefolgsherrn und Beschützer gewählt (nobis omnibus complacuit eligere illum in regem et seniorem atque defensorem).

Überlieferung/Literatur

(I) Widonis Capitulatio electionis, MGH Capit. II, Nr. 222 S. 104-106, bes. S. 104 Z. 25 - S. 105 Z. 40; Auszüge Cipolla, CD di Bobbio I, Nr. 70 S. 236-238 (mit der Überlieferung). Vgl. das Teilfaksimile der etwa gleichzeitigen, schon um 1900 verschollenen Kopie Muratori, Rer. Ital. SS II/1, S. 416. - Reg.: Werminghoff, Verzeichnis, S. 660f. - Vgl. Hefele-Leclercq IV/2, S. 693f.; Hartmann, Synoden, S. 357f.; Mordek, Bibliotheca, S. 742f. (zur Überlieferung). (II) Widonis Capitulatio electionis, MGH Capit. II, Nr. 222, bes. S. 105 Z. 41 - S. 106 Z. 19. - Vgl. Hefele-Leclercq IV/2, S. 694. (III) Erwähnt in der zit. Capitulatio electionis, a.a.O., bes. S. 105 Z. 37f.; vgl. ebd. S. 106 Z. 7-10. - Vgl. Hefele-Leclercq IV/2, S. 694.

Kommentar

Der Zeitpunkt der Erhebung Widos - zwischen dem 12. und dem 20. Februar - ergibt sich aus den Urkundendatierungen; Schiaparelli, Ricerche II, S. 58f., erwägt den 16. Februar, der ein Sonntag war. - Wie bei allen karolingischen Königserhebungen werden wir auch diesmal eine Wahlversammlung der geistlichen und weltlichen Großen (vgl. Mor, Qualche problema, S. 121) und eine ihr folgende kirchliche Zeremonie zu unterstellen haben, in deren Verlauf Wido - wie sein Widersacher Berengar etwa ein Jahr zuvor (Reg. 859) - gekrönt (erwähnt wird eine Krönung in den zit. Texten allerdings nicht) und wohl auch gesalbt wird. Da keine bischöflichen Unterschriften überliefert sind und wir auch sonst nicht wissen, wer damals in Pavia anwesend ist, läßt sich wie im Falle Berengars nur vermuten, daß der Mailänder Erzbischof Anselm II. (882-896), der Ende 890 als Petent in einer Urkunde Widos bezeugt ist (Reg. 893), als Koronator fungiert. Auf eine Mitwirkung des Papstes bei der Abfassung der überlieferten Texte lassen c. 1 des Synodaldekrets sowie das Wahldekret schließen. Den fördernden Einfluß Stephans V. auf die Königserhebung Widos kehrt insbesondere Hiestand, Byzanz, S. 51, heraus; doch kann man daraus keineswegs eine "Königskrönung" durch den Papst ableiten, wie dies Karpf, Herrscherlegitimation, S. 38, tut (vgl. Hiestand, a.a.O., S. 51 Anm. 28). - Die Capitula der Bischöfe lehnen sich inhaltlich vor allem an das sogen. Capitulare Papiense Karls d. Kahlen von 876 Februar an ( B-Zi 497); zu beachten ist auch die entsprechende Kapitulariengesetzgebung Ludwigs II. ( B-Zi 73 u. 145); vgl. den Einzelnachweis MGH Capit. II, a.a.O., sowie Tabacco, I liberi del re, S. 37ff.; s. noch Tabacco, Aristocrazie, S. 244f. Zum Terminus senior vgl. Budriesi Trombetti, Vocabulario feudale, S. 352. - Vgl. noch Dümmler, Geschichte III2, S. 366; Mühlbacher, Geschichte, S. 629; Schirmeyer, Kaiser Lambert, S. 20f.; Pivano, Stato e chiesa, S. 40f.; Hartmann, Geschichte III/2, S. 110f.; Morossi, L'assemblea nazionale, S. 462 Nr. 52; Schneider, Burg u. Landgemeinde, S. 169 Anm. 1; Fasoli, I re d'Italia, S. 12-15; Mor, L'età feudale I, S. 20f.; Hiestand, Byzanz, S. 51f.; Delogu, Vescovi, S. 39; Hlawitschka, Lotharingien, S. 123; Tellenbach, Thronfolge, S. 229,276-278.

Nachtrag einreichen
Einreichen
Empfohlene Zitierweise

RI I,3,2 n. 878, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0889-02-00_1_0_1_3_2_879_878
(Abgerufen am 08.12.2016).