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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,1

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Karl erneuert auf Bitten des Dogen Ursus (sugerente ac suplicante Urso Veneticorum duce) das Pactum zwischen den Venezianern und ihren Nachbarn (inter Veneticos ac vicinos eorum) auf fünf Jahre. Namentlich aufgezählt werden als Nachbarn der Venezianer die Istrienses (Istrien), Foroiulienses (Friaul), Cenetenses (Ceneda), Tarvisianenses (Treviso), Vincentinenses (Vicenza), Montesilicenses (Monselice), Patavienses (Padua), Ferrarienses (Ferrara), Cavallenses (Gavello), Comaclenses (Comacchio), Ravennatenses (Ravenna), Cesenetenses (Cesena), Ariminienses (Rimini), Pisaurenses (Pesaro), Fanenses (Fano), Senegallienses (Sinigaglia), Anconenses (Ancona), Humanenses (Numana), Firmenses (Fermo) und Pinenses (Penne), von den Venezianern die Einwohner von Rivoalti (Rialto), Castri Olivoli (Olivolo), Amoriane (Murano), Methamaucensis (Malamocco), Albiole (Pellestrina), Clugie (Chioggia), Brunduli (Brondolo), Fossiones (Porto Fossone), Laureti (Loreo), Torcelli (Torcello), Armani (Amiano), Buriane (Burano), Civitatis nove (Cittanova), Finis (Fine), Equili (Equilio), Caprularum (Caorle), Gradus (Grado) und Caput Argeris (Cavarzere). Im einzelnen wird festgelegt: (1) Bei Übergriffen auf venezianisches Gebiet Auslieferung der Rädelsführer innerhalb von 60 Tagen und doppelter Ersatz des Schadens; widrigenfalls Zahlung von 500 Goldsolidi durch jeden Schuldigen. (2) Auslieferung der nach Abschluß des früheren Vertrages von Pavia ( M2 1067) entflohenen Personen an Venedig, sofern man ihrer habhaft wird. (3) Verpflichtung der Venezianer, mit freien Christen (homines christiani, qui liberi sint) keinen (Sklaven-) Handel zu treiben. (4) Auslieferung der Händler und ihres Vermögens sowie der Gefangenen; widrigenfalls Reinigungseid des örtlichen iudex mit 50 Helfern. (5) Verpflichtung der Venezianer, die nach Abschluß des Vertrages nach Venedig Fliehenden mit ihrer Habe auszuliefern. (6) Benachrichtigung über einen durch Dritte drohenden Angriff. (7) Verpflichtung der Venezianer, auf Verlangen Kaiser (!) Karls (mandatum domini imperatoris Caroli clarissimi augusti) eine Flotte gegen die feindlichen Slawenstämme bereitzustellen (cum navali exercitu contra generationes Slavorum). (8) Keine Unterstützung der Feinde Karls. (9) Im Falle von Diebstahl beiderseits vierfacher Ersatz. (10) Rückgabe entlaufener Höriger mitsamt ihrer Habe; widrigenfalls Zahlung von 72 Goldsolidi für jeden Entflohenen. (11) u. (12) Regelung des Gerichtsverfahrens in zweifelhaften Fällen; Pfändungsrecht des Geschädigten. (13) Rückgabe geraubten oder verirrten Viehs; widrigenfalls Pfändungsrecht. (14) u. (15) Beschränkung des Pfändungsrechts auf die genannten beiden Fälle; im Falle der Rückgabe Verbot weiterer Maßnahmen. (16) Wechselseitige Handelsfreiheit. (17) Erhebung der alten Ufergelder (ripaticum) und Flußzölle (transitura fluminum); freier Verkehr zu Wasser und zu Land. (18) Im Fehdefall Sicherheit der Gesandten (legatarii) und Briefboten (epistolarii); widrigenfalls Geldbußen (300 Solidi bei Gefangenen, 1000 Solidi bei Getöteten). (19) Im gerichtlichen Streitfall bei Rechtsverweigerung Pfändungsrecht im Haus des zuständigen Richters. (20) Auslieferung der in einen Mord Verwickelten; widrigenfalls pro Person 300 Goldsolidi Buße. Buße für Tötung und Verletzung von Freien und Hörigen. (21) u. (22) Keine Pfändung von Frauen, Pferde- und Schweineherden sowie von Kirchengut; widrigenfalls Bußleistungen. (23) Gerichtsverfahren secundum legem et iustitiam bei Nichteinhaltung von Verbindlichkeiten im Geschäftsverkehr. (24) Holzungsrecht der Venezianer im Gebiet von Treviso wie seit 30 Jahren. (25) Holzungs- und Weiderecht der Bewohner von Equilio in den näher umschriebenen Gebieten mit gewissen Auflagen. (26) Bestätigung der Grenzen des Gebiets von Cittanova gemäß dem Übereinkommen zwischen König Liutprand und dem Dogen Paulutius sowie dem magister militum Marcellus, das von König Aistulf erneuert worden ist (vgl. Brühl, CD Longob. III/1, S. 312). (27) Übereinkunft über die Tätigkeit der Königsboten (missi domini imperatoris Karoli). (28) Weiderecht der Einwohner von Cittanova an der Piave gemäß dem genannten Pactum bis zu dem zwischen dem Dogen Paulutius und den Einwohnern vereinbarten Punkt. (29) u. (30) Holzungsrecht der Einwohner von Caorle und Grado in Friaul gegen die übliche Abgabe. (31) Rechtssicherheit von Kirchengut. (32) Rückkehrerlaubnis für die Bewohner von Chioggia. (33) Maßnahmen gegen die Unsitte der Kastrierung. (34) Stellung von Eidhelfern im Gerichtsverfahren nach dem Wert des Streitobjekts (je Pfund ein Eidhelfer, höchstens zwölf). (35) Eidvorrecht des Pfandinhabers im Prozeßfall. - Ohne Eschatokoll. - "Hoc pactum".

Überlieferung/Literatur

Kopien: Venedig, Arch. di Stato, Codex Trevisanus, Anf. 16. Jh., fol. 54 (E); Venedig, Bibl. Marciana, class. X, cod. 181: Codex diplomaticus Venetus, 18. Jh., fol. 41-43; ebd., class. X, cod. 310, 18. Jh. S. 70-77; Turin, Arch. di Stato, Sez. Ia, Raccolta Francesconi, Ms. W.III.9, 18. Jh., fol. 63r-69r. Erwähnt schon in der Chronik des Andreas Dandulus VIII. 5. ed. Pastorello, Rer. Ital.2 SS XII/1, S. 159. - Drucke: Fanta, Verträge, S. 123-128; Capit. II, Nr. 236 S. 138-141; D Ka.III.17. - Regg.: Mühlbacher, Die Urkunden Karls III., Nr. 20; Pellegrini, Indice I, Nr. 33 S. 24f.; Valentinelli, Regesten I, Nr. 55 S. 393 (zu 882); Cipolla, Fonti edite, Nr. 90 S. 53; Fainelli, CD Veronese I, Nr. 270 S. 403; M1 1554 = M2 1596.

Kommentar

D 17 stellt eine weitgehende Wiederholung des Pactum Lothars I. von 840 Febr. 22 dar, auf das im Kontext ausdrücklich verwiesen wird (c. 2; vgl. M2 1067 u. Capit. II, Nr. 233 S. 130-135); so erklärt sich auch der fälschlich übernommene Kaisertitel Karls in cc. 7 u. 27. Wie schon Mühlbacher näher ausgeführt hat, ist gegen Fanta, a.a.O., und Dümmler III2, S. 108 Anm. 4, davon auszugehen, daß sich Karl III. am 11. Januar tatsächlich in Ravenna aufgehalten hat; vgl. auch Kehr, Vorbemerkung. - Zur ausnahmslos schlechten Überlieferung aller Verträge zwischen dem Regnum und Venedig - im vorliegenden Fall fehlen wie schon in M2 1067 Pön, Corroboratio und das gesamte Eschatokoll - vgl. Kehr, Vorbemerkung. - Allgemein zum Handel Venedigs mit dem Regnum Italiae und zu den Pacta vgl. neben der von Kehr angeführten Literatur noch Besta, Genesi; Cessi, Il pactum Lotharii; Cessi, Pacta II, S. 252ff.; Rösch, Venedig u. das Reich; Honorantiae civ. Papiae, § 3-4, edd. Brühl/Violante, S. 18f. (mit dem Kommentar S. 38-45). Ungeachtet der Fünfjahresfrist bestand keine Notwendigkeit, den Vertrag alle fünf Jahre formell zu erneuern; die weitere Gültigkeit der Vereinbarungen konnte offensichtlich auch durch ein einfaches Präzept erreicht werden; vgl. D Lo.I.62; D Lu.II. M2 1205 (Reg. 149); D Ka.III.77 (Reg. 705); D Wi.9 und D Ru.II.12. An jüngeren Pacta sind solche Berengars I. und Ottos I. überliefert ( D Be.I.3 u. D O.I.350).

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,1 n. 606, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0880-01-11_1_0_1_3_1_4832_606
(Abgerufen am 30.03.2017).