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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,1

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Treffen (conventus) mit den italischen Großen und Papst Johannes (VII.). Karl wird von den italischen Großen, die ihm mit Ausnahme des Papstes einen Treueid leisten, zum König erhoben (ab eis rex constituitur et omnes praeter apostolicae sedis episcopum iureiurando ad devotionem servitii sui constrinxit).

Überlieferung/Literatur

Erchanberti cont., ed. Pertz, SS II, S. 329. Vgl. auch den in Reg. 600 zit. Brief Johanns VIII. - Reg.: M1 1591a; vgl. M2 1563f.

Kommentar

Gegen das explizite Zeugnis des Cont. Erchanberti, der den Erhebungsakt nach Ravenna legt, hat Sickel, Kaiserurkunden in Abb., Textband S. 181, nach dem Herkommen an Pavia als Ort der Königswahl gedacht, ohne indes überzeugen zu können. Strittig ist auch der Zeitpunkt des Treffens; vgl. Brühl, Festkrönungen, S. 298f. Wegen D Ka.III.17 (Reg. 606) steht fest, daß sich Karl am 11. Januar in Ravenna aufgehalten hat (uneinheitliche Datierung ist in D 17, dem Pactum mit Venedig, schon wegen der besonderen Form von Actum und Datierung auszuschließen; vgl. Reg. 606). In Ravenna dürften zuvor bereits die beiden auf den 8. Januar datierten Urkunden für Wibodo von Parma und für das Bistum Reggio ausgestellt worden sein (Regg. 602-603). Ob Karl am 6. Januar in Ravenna von Johannes VIII. auch gesalbt worden ist, wie die ältere Forschung angenommen (vgl. unten), was aber Haase, Königskrönungen, S. 113-118, bestritten hat, läßt sich nicht mit letzter Sicherheit klären. Die chronologischen Bedenken Haases gegen ein Treffen in Ravenna bereits Anfang/Mitte Januar sind insofern nicht stichhaltig, als Karl III. nach dem Nichtzustandekommen des zum 1. November in Pavia geplanten Treffens sofort mit den Vorbereitungen für ein neues Treffen begonnen haben wird, d.h. er wird den Papst zu dem Treffen nach Ravenna eingeladen haben, ohne dessen Absageschreiben von Ende November (Reg. 598) abzuwarten. Dahinter stand natürlich das richtige politische Kalkül Karls, daß es nicht im Interesse des Papstes liegen konnte, dem gebannten Erzbischof Anspert II. von Mailand in der alten Kaiserstadt Ravenna, dem bevorzugten Ort für Treffen zwischen den fränkischen Herrschern und dem Papst (vgl. Regg. 106 u. 680; allgemein s. Heidrich, Ravenna, S. 29ff.), das Feld zu überlassen. - Ausdrücklich bezeugt sind in Ravenna neben dem Mailänder Erzbischof auch der Patriarch Walpert von Aquileia und, als Vertreter Ludwigs d. Jüngeren, dessen Erzkapellan, der Mainzer Erzbischof Liutpert von Mainz (cui conventui etiam Liutpertus Magonciacensis episcopus, iussu Ludovici regis, interfuit. Erchanberti cont.). Erschließen läßt sich auch die Anwesenheit des einflußreichen Bischofs Wibodo von Parma (wegen D Ka.III. 15 = Reg. 602) und von venezianischen Gesandten (wegen D 17 = Reg. 606). - Welche Rolle Liutpert von Mainz in Ravenna gespielt hat, ist unklar; daß es auf sein Wirken zurückzuführen sei, daß Karl von Ravenna noch nicht seinen geplanten und von Johannes VIII. schon lange erwarteten Romzug angetreten hat, bezweifelt Tellenbach, Thronfolge, S. 292; vgl. auch Schmid, Liutbert v. Mainz, S. 52f. - Daß in Ravenna Anspert II. von Mailand vom Papst wieder als Erzbischof anerkannt wurde, ist auch wegen J-E 3329 von November 880 zu vermuten (Epp. VII, S. 233f. Nr. 264). - Aus der von Mühlbacher, Die Urkunden Karls III., S. 374ff., herangezogenen Urkunde Karls für Fulda (D 132 von 885 Sept. 23): ut per singulos annos in annuali nostrae consecrationis die, hoc est epiphania Domini (= 6. Januar) memoriale nostrum ... recitetur (S. 211 Z. 35ff.), der ein weiteres Zeugnis in einer undatierten Urkunde (etwa 882-891) des Bischofs Chadolt von Novara an die Seite zu stellen ist (ed. Gabotto, Le carte di Novara I, Nr. 14 S. 18-20; auch ed. Fickler, Quellen und Forschungen, S. 5f. Nr. 2; vgl. Reg. 773), hat die ältere Forschung gefolgert, daß Karl in Ravenna von Papst Johannes VIII. auch geweiht wurde. Zu dieser nach wie vor strittigen Frage vgl. neben Brühl und Haase, a.a.O., noch Erdmann, Der ungesalbte König, S. 316f.; Schlesinger, Königswahlen, S. 235; s. auch noch Kehr, Vorbemerkung zu D Ka.III. 132, sowie Kehr, DD Ka.III., S. XL. Vermutlich während des Treffens hat Karl seinen Erzkapellan Liutward als Nachfolger Gosperts zum Bischof von Vercelli eingesetzt. Als Bischof interveniert Liutward erstmals in D Ka.III.18 von 880 Februar 1 (Reg. 607). Liutward, von dem die Ann. Fuld. a. 887, ed. Kurze, S. 105, behaupten, er sei ex infimo genere natum, war wohl der Kompromißkandidat, auf den sich Papst und König in Ravenna einigen konnten. Was aus Bischof Gospert von Vercelli wurde, den Johannes VIII. erst im Oktober 879 geweiht hatte und den zunächst auch Karl anerkannt hatte (Reg. 597), ist nicht bekannt. Allgemein zu Liutward vgl. Fleckenstein, Hofkapelle I, S. 190ff.; Keller, Struktur, S. 214f. - Vgl. noch Mühlbacher, Die Urkunden Karls III., S. 335; Dümmler III2, S. 107-109; Kroener, S. 22f.; Hartmann III/2, S. 70; Kehr, Kanzlei Karls III., S. 7; Hlawitschka, Franken, S. 71; Schmid, Gedenkbucheinträge, S. 53; Fried, Ludwig d. Jüngere, S. 17. Ob Karl nach dem Ende des Treffens nach Pavia zurückgekehrt ist, wie allgemein angenommen wird, ist nicht ganz gesichert. Überhaupt wissen wir nicht, wo sich Karl in der Folgezeit aufgehalten hat.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,1 n. 601, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0880-01-00_1_0_1_3_1_4827_601
(Abgerufen am 30.03.2017).