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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,1

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Boso (von Vienne) heiratet auf Betreiben Berengars (von Friaul) (Berengarii factione) iniquo conludio die Tochter Kaiser Ludwigs (II.), Irmingard.

Überlieferung/Literatur

Ann. Bertin. a. 876, ed. Grat, S. 201. - Vgl. Ann. Fuld. a. 879, ed. Kurze, S. 91; Regino v. Prüm a. 877, ed. Kurze, S. 113.

Kommentar

Zeitpunkt und Hintergründe der überraschenden Vermählung sind strittig. Hinkmar berichtet von dieser Heirat, noch ehe er auf die Synode von Ponthion (Juni 876) ausführlich eingeht. Seiner relativen Chronologie ist gegenüber Regino v. Prüm, nach dem die Heirat erst während des zweiten Italienzugs Karls d. Kahlen auf dessen Veranlassung erfolgt wäre, schon deshalb der Vorzug zu geben, weil Boso 877 nicht mit nach Italien gezogen ist. Da er spätestens gegen Ende des Jahres 876 Italien verlassen hat (er ist schon am 6. Januar am Hof Karls in Quierzy bezeugt: D KdK.419), muß die Vermählung spätestens im Herbst 876 stattgefunden haben, wahrscheinlich aber schon bald nach dem Fortgang des Kaisers. Nicht stichhaltig ist auch das von Dümmler II2, S. 403 Anm. 4, angeführte Argument zugunsten 877. - Hinkmars unklare Angaben lassen mehrere Deutungen zu; vgl. bes. Mohr, Boso, S. 144-148. Der Fuldische Annalist behauptet, daß sich Boso seiner ersten (unbekannten) Frau zunächst durch Gift entledigt habe, ehe er Irmingard per vim rapuerat, doch als parteiisches Sprachrohr des enttäuschten ostfränkischen Hofes wird man ihm nicht ohne weiteres Glauben schenken dürfen. Immerhin scheint bei der Hochzeit nicht alles mit rechten Dingen (iniquo conludio, was Seemann, Boso, S. 35f., in concludio emendieren möchte) zugegangen zu sein, und es bleibt erstaunlich, daß Boso anscheinend auf Betreiben des mächtigen, bislang sich Karl d. Kahlen eher reserviert gegenüber verhaltenden Markgrafen Berengar von Friaul Irmingard geheiratet haben soll. - Calmette, Diplomatie, S. 178, vermutet, daß die Kaiserin Angilberga ihre Hand im Spiel hatte, um Boso Karl d. Kahlen zu entfremden und der ostfränkischen Partei doch noch zum Sieg zu verhelfen. Für eine solche Deutung könnte sprechen, daß Ludwig v. Ostfranken im Juli 876 den Besitz der Angilberga bestätigt hat (s. das folgende Reg.); vgl. auch Bourgeois, Capitulaire, S. 88. - Vgl. noch Hartmann III/2, S. 30f.; Poupardin, Provence, S. 73-78; Boehm, Rechtsformen, S. 372; Konecny, S. 126-133, bes. S. 127f.; Brühl, Karolingische Miszellen, S. 371.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,1 n. 502, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0876-03-00_2_0_1_3_1_4720_502
(Abgerufen am 23.09.2017).