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RI I Karolinger 715-918 (926/962) - RI I,3,1

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Ludwig überträgt seiner Braut Angilberga (dilectissima sponsa nostra Angilberga) nach fränkischem Recht (iuxta legem Francorum) mit Zustimmung seiner Großen (una per consensum et voluntatem nostrorum optimatum) als Dos (dotalicio nomine) aus Königsgut (iuris nostri) die Höfe Campo Miliacio und Curtis Nova in der Grafschaft Modena bzw. im Gebiet von Reggio mit allen Pertinentien zu freiem Eigen (in ius et dominationem tuam). - Bullenankündigung. - Adalbertus canc. ad vicem Remigii. - M. SR. NN. BP D. - a. Lu. imp. 2 (?), Ind. 14. - "Constat itaque".

Überlieferung/Literatur

Or. Parma, Arch. di Stato, Diplomatico, Dipl. imp., cass. 1, n. 5 (A). - Faksimile: Diplomi imp. e reali d'Italia, Nr. 9, zu 851 (mit Transkription Sp. 15-17). - Drucke: Muratori, Antiq. Ital. II, Sp. 117-120 (zu 850) = Heumann, Commentarii de re diplom. imperatricum, S. 44-45 = Tiraboschi, Mem. stor. Modenesi I, Cod. diplom., Nr. 25 S. 33-34; Benassi, CD Parmense I, Nr. 5 S. 109-111, zu 851; D Lu.II.30. - Regg.: B 626 (zu 850); M1 1148 = M2 1183 (zu 851).

Kommentar

An den Datierungsmerkmalen der Dos-Urkunde ist nachträglich manipuliert worden; das heute lesbare a. imp. .II. wurde anscheinend aus .XI., die Indiktion .XIIII. aus .VIIII. verbessert. Die dadurch suggerierte Datierung der Urkunde zu 851 ist allerdings aus mehreren Gründen unglaubwürdig. So fehlt vor allem die bis 855 übliche Angabe der Regierungsjahre Lothars I. Auch ist der Kanzler Adalbert erstmals 857 nachweisbar. Schließlich fügt sich der Ausstellort Marengo zu 860 Oktober 5 bestens ins Itinerar ein, hat doch Ludwig zwei Tage später dort auch für Bobbio geurkundet (Reg. 192; auch diese Urkunde wurde von Adalbert in Vertretung des Remigius rekognosziert) und bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal seine Gemahlin und seine Tochter in die Gebetsformel mit einschließen lassen. Allerdings sind mit der Einordnung der Urkunde zu 860 noch nicht alle Fragen beantwortet, muß doch der Kaiser schon einige Jahre vorher (etwa 851/53) eine Verbindung mit Angilberga eingegangen sein (vgl. Reg. 120), da ihre gemeinsame Tochter Gisela bereits 861 dem Kloster S. Salvatore in Brescia, dessen Leitung sie nach dem Tod ihrer gleichnamigen Tante übernehmen sollte, übergeben wurde; vgl. Reg. 198. Wahrscheinlich hat Ludwig eine ursprünglich freie Verbindung mit Angilberga erst 860 durch die förmliche Dotierung Angilbergas legalisiert, was, worauf Konecny, bes. S. 119f., hingewiesen hat, durchaus den Heiratsgewohnheiten der karolingischen Königssöhne entsprach. Hierzu paßt auch, daß Angilberga erst in den 60er Jahren am Hofe Ludwigs nachweisbar ist. Unmittelbarer Anlaß für die Dotierung Angilbergas wird der wahrscheinlich am 28. Mai 859 erfolgte Tod der Gisela, der Schwester des Kaisers, gewesen sein, die die Leiterin des Klosters S. Salvatore in Brescia gewesen war; vgl. Reg. 197. Ihre Nachfolgerin sollte im Januar 861 die gleichnamige Tochter des Kaiserpaares werden (Reg. 198). Die Dotierung Angilbergas war wohl die Voraussetzung für diesen Schritt. Das Motiv der Manipulation an den Datierungsmerkmalen könnte in der Absicht zu suchen sein, die Geburt der gemeinsamen Kinder Gisela und Irmingard nachträglich als ehelich hinzustellen. Vielleicht wollte man auch den Eindruck erwecken, daß Angilberga noch zu Lebzeiten Lothars I. dotiert worden war (vgl. Konecny, a.a.O.), ist doch in vergleichbaren Dos-Urkunden der Vater des Königssohns, sofern er noch lebt, stets Mitaussteller oder wird doch zumindest genannt. Dabei wird die Eheaffäre Lothars II. mit ihrem für den Bruder Ludwigs II. unglücklichen Ausgang den unmittelbaren Anlaß für die Manipulation abgegeben haben. Vgl. auch v. Pölnitz-Kehr, Angilberga, S. 430, 433; Odegaard, Engelberge, S. 96 Anm. 2; Delogu, Strutture, S. 150 Anm. 1. - Indem zur Gänze von Adalbert selbst mundierten Stück (vgl. M2 1222 = Reg. 200) sind die tironischen Noten im SR kaum zu entziffern; vgl. Tangl, Tironische Noten, S. 143f. Die angekündigte Bleibulle - die erste, die in den überlieferten Urkunden Ludwigs bezeugt ist - ist verloren. Sie war an einer schmalen, zweifach gefalteten Plica an einer purpurfarbenen geflochtenen Seidenschnur angehängt; die Schnur, die durch drei Löcher in der Plica hindurchgeführt wurde (vgl. M2 1273 = Reg. 402), ist noch vorhanden. Zu einer erhaltenen Bulle vgl. M2 1268 (Reg. 397). - Zu der ungewöhnlichen Arenga vgl. Fichtenau, Arenga, S. 152 Nr. 330; Hausmann/Gawlik, Nr. 259; s. auch DD HuLo.46-47 und D O.II.21 ( Hausmann/Gawlik, Nr. 247 u. 280); zum Formular der (im Regelfall nicht-königlichen) Dos-Urkunde vgl. etwa Benassi, CD Parmense I, Nr. 1 S. 1-4 (823 August 14); dazu Hlawitschka, Franken, S. 144; s. noch Form. Marculfi I, Nr. 12 ( Hausmann/Gawlik, Nr. 760). - Angilberga hat die beiden abgegangenen Höfe in ihrem Testament an S. Sisto zu Piacenza weitergegeben (ed. Falconi, Le carte cremonesi I, bes. S. 52 Z. 24f., mit ausdrücklichem Hinweis auf die Herkunft dieser Höfe); vgl. auch die Bestätigung durch Berengar I. ( D Be.I.115, bes. S. 297 Z. 15). Zur Lage der Höfe vgl. Castagnetti, L'organizazzione, S. 101 (mit einer Karte im Anhang). - Zum Ausstellort, dem Königshof (Pfalz) Marengo (Spinetta Marengo, Prov. Alessandria), vgl. Darmstädter, S. 238f.; s. noch Regg. 192 u. 410.

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Empfohlene Zitierweise

RI I,3,1 n. 191, in: Regesta Imperii Online,
URI: http://www.regesta-imperii.de/id/0860-10-05_1_0_1_3_1_4407_191
(Abgerufen am 24.03.2017).